Die Körpertemperatur des Pferdes ist kein fixer Punkt, sondern ein Bereich, der sich je nach Tageszeit, Wetter, Training und Stress verschieben kann. Aber was ist für das jeweilige Pferd normal?
Die Körpertemperatur gehört zu den wichtigsten Vitalparametern beim Pferd – und gleichzeitig zu den häufigsten „Verunsicherungswerten“ im Stall: Heute 38,3 °C, gestern 37,6 °C – ist das noch normal oder schon krank? Die gute Nachricht: Die Körpertemperatur des Pferdes ist kein fixer Punkt, sondern ein Bereich, der sich je nach Tageszeit, Wetter, Training und Stress verschieben kann. Entscheidend ist, was für das jeweilige Pferd normal ist – und wie die erhöhte Temperatur richtig einzuordnen ist.
Was ist „normal“? Richtwerte der Körpertemperatur bei Pferden und Fohlen
Für erwachsene Pferde wird in der Fachliteratur und in veterinärmedizinischen Referenzwerken meist ein Normalbereich um ca. 37,2–38,3 °C angegeben. Bei frisch geborenen Fohlen liegt die Normaltemperatur aber tendenziell etwas höher, häufig etwa 37,8–38,9 °C.
Wichtig dabei: Diese Zahlen sind Referenzbereiche. Sie sind hilfreich als Orientierung, ersetzen aber nicht den Blick aufs Individuum. Viele Tierärztinnen und Tierärzte raten deshalb, beim eigenen Pferd in Ruhe regelmäßig Fieber zu messen, um die persönliche Körpertemperatur des jeweiligen Pferdes zu kennen.
Ab wann hat mein Pferd Fieber?
In der Praxis kursieren verschiedene „Fiebergrenzen“. Eine häufig genutzte Definition ist: Fieber beim erwachsenen Pferd beginnt über 38,6 °C. Weil Temperaturmessung und Kontext so wichtig sind, lohnt sich eine Einordnung nach „Gesamtbild“:
Bei ausgewachsenen Pferden: Ist die Körpertemperatur des Pferdes im Vergleich zur individuellen Normaltemperatur nur leicht erhöht, kann das von Aufregung, warmem Wetter oder viel Bewegung kommen. Ist die Körpertemperatur klar erhöht spricht das eher für einen entzündlichen Prozess und kann als Fieber bezeichnet werden. Weicht die Temperatur stark ab und zeigt das Thermometer um die 40 °C an, gilt das in vielen Ratgebern als Notfall – besonders, wenn zusätzlich deutliche Krankheitszeichen dazukommen.
Bei Fohlen: Jede relevante Temperaturerhöhung sollte immer zügig abgeklärt werden, weil Fohlen schneller entgleisen können und die Ursachenbandbreite groß ist.

Komischer Wert? Zeigt das Fieberthermometer nicht nachvollziehbare Werte, empfiehlt es sich, die Körpertemperatur beim Pferd unter denselben Bedingungen erneut zu überprüfen. (© slawik.com)
Fieber oder Überhitzung? Das beeinflusst die Körpertemperatur bei Pferden
Viele „Temperatur-Schreckmomente“ sind eigentlich keine Krankheit, sondern Thermoregulation. Fieber bedeutet: Der Organismus will wärmer sein, um einen Erreger abzuwehren. Die hohe Temperatur ist also Teil einer Immunreaktion. Hyperthermie (Überhitzung) dagegen bedeutet: Das Pferd wird heißer, ohne dass der Sollwert im Gehirn hochgestellt wurde – zum Beispiel durch Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, starke Belastung oder unzureichende Wärmeabgabe.
Praktisch heißt das: Ein Pferd kann hochtemperiert sein, weil es gerade gearbeitet hat oder im Sommer in der Sonne stand – und trotzdem nicht „fieberkrank“. Umgekehrt kann ein Pferd fiebrig sein, obwohl es nicht „überhitzt“ wirkt.
Normaltemperatur bei Fohlen
Aber warum ist die Temperatur beim Fohlen oft höher – und warum ist die Normaltemperatur bei Pferden „wärmer“ als bei Menschen. Dass Fohlen oft etwas höhere Normalwerte haben, ist in klinischen Studien gut beschrieben. Die Erklärung lautet vereinfacht: Neugeborene ticken thermisch anders. Thermoregulation ist in den ersten Lebenstagen ein sensibles Thema – in der Neonatalmedizin wird z. B. Hypothermie als häufiges Problem bei kranken Neugeborenen beschrieben und es gibt spezielle Empfehlungen zum schonenden Wiedererwärmen. Pferde liegen als Spezies generell in einem anderen Normalbereich, und Fohlen liegen innerhalb der Spezies häufig nochmals etwas höher.
Warum schwankt die Körpertemperatur auch beim gesunden Pferd?
Jedes Pferd hat zwar eine ganz individuelle Normaltemperatur, doch auch diese unterliegt Schwankungen. Diese hängen ab vom
- Tagesrhythmus: Bei Pferden ist eine Schwankung bis etwa 1 °C beschrieben: meist morgens niedriger, später am Tag höher
- Bewegung, Training und Abkühlen: Arbeit produziert Wärme. Das gilt besonders bei hoher Intensität oder wenn Hitze/Luftfeuchtigkeit das Abkühlen erschweren. Studien und Übersichtsarbeiten zur Hitzebelastung betonen, dass Körpertemperatur unter warm-feuchten Bedingungen stärker ansteigen kann und das Wärmemanagement (Schwitzen, Verdunstung, Durchblutung der Haut) sich je nach Pferd unterscheiden kann
- Wetter: Hitze, Luftfeuchtigkeit, Sommer vs. Winter: In der Forschung wird immer wieder beschrieben, dass Temperatur nicht nur tageszeitlich, sondern auch saisonal schwanken kann (Winter frühmorgens niedriger, Sommer später am Tag höher) – und dass Umweltbedingungen (Temperatur/Feuchte) die Physiologie beeinflussen.
- Stress (z. B. Transport, Tierarzt, Stallwechsel): Stress kann messbare physiologische Veränderungen auslösen. In einer großen Arbeit zu Transportbedingungen wurden Herzfrequenz und Rektaltemperatur nach dem Transport unter anderem mit Stress- und Balanceverhalten in Verbindung gebracht.
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Studie: Im Jahr 2012 gab es im Zuge einer Dissertation an der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München eine groß angelegte Untersuchung zum Thema Temperaturschwankungen an Islandpferden, Vollblut- und Warmblutpferden. Diese Dissertation hat bei einer sehr großen Pferdezahlanalyse Ruhewerte der inneren Körpertemperatur, Puls- und Atemfrequenz für unterschiedliche Rassen ermittelt und dabei auch Einflussfaktoren wie Außentemperatur, Nutzung und Haltung untersucht. Herausgefunden wurden innere Körpertemperatur-Referenzwerte von im Mittel rund 37,4 bis 37,5 °C im Ruhezustand, ohne signifikante Unterschiede zwischen Haltungsformen oder Außentemperaturen. |
Temperatur beim Pferd richtig messen
Für den Stallalltag ist die rektale Messung der Standard. Sie ist simpel und liefert in kurzer Zeit einen gut brauchbaren Wert. Gleichzeitig gilt: Nur richtig gemessen ist richtig interpretiert.
Bewährt haben sich diese Schritte:
- Digitalthermometer nutzen (schnell, zuverlässig).
- Pferd ruhig hinstellen, idealerweise mit einer zweiten Person, vor allem, wenn das Pferd es noch nicht kennt
- Thermometer sauber und mit Gleitmittel verwenden.
- Schweif sicher zur Seite halten und rektal messen, bis das Thermometer piepst.
Bei „komischen“ Werten: nach 10–15 Minuten erneut messen, möglichst unter gleichen Bedingungen. Ein zusätzlicher Tipp für den Alltag: Baseline dokumentieren. Wer an mehreren ruhigen Tagen die Körpertemperatur des Pferdes morgens und abends misst, kann den individuellen Normalbereich definieren und erkennt dann echte Abweichungen schneller.
