Reiterin mit Pferd auf Blumenwiese © Christiane Slawik

Wenn jemand weiß, dass er ängstlich und zögerlich ist, empfiehlt Ole Merten, das Anreiten gemeinsam mit einem erfahrenen Trainer zu entwickeln.

„Anreiten ist ein organischer Prozess“, sagt Pferdetrainer Ole Merten und legt viel Wert auf die Feststellung, dass das Anreiten von einem Pferd nicht auf das erste Aufsitzen reduziert werden darf. Es müsse im Vorfeld ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Reiter und Pferd aufgebaut worden sein, und beide müssten sich gegenseitig verstehen. Dann sei das Aufsitzen gar keine spektakuläre Angelegenheit.

„Weder meine Pferde noch ich gehen beim Aufsitzen davon aus, dass etwas Schlimmes passiert“, so der erfahrene Trainer. „Unter mir hat beim Anreiten noch nie ein Pferd gebuckelt, weil es einfach gar nicht diese aufgestaute Energie, diesen überraschten Schrecken oder auch die mögliche Abwehrhaltung gab.“

Trainer Ole Merten mit Pferd

Gemeinsam die Welt entdecken: Trainer Ole Merten geht mit seinen Jungpferden gerne viel in die Natur. Hier ist er zu sehen mit seinem jungen Nachwuchs-Abenteurer Wade. (© Christiane Slawik)

Wie bereitet man ein Pferd auf das Anreiten vor?

Die Vorbereitung auf das Aufsitzen geschehe unter anderem über Bodenarbeit und Gelassenheitstraining: „Auch im Rahmen der täglichen Pflege lernt das Pferd, Bewegung um sich herum entspannt zu registrieren und Berührung zu akzeptieren.“ Eine weitere wichtige Vorbereitung, die in der Natur des Pferdes liegt, ist das Wahrnehmen des Menschen aus der erhöhten Perspektive. Hier setzt Ole Merten auf die Aufstiegshilfe, auf der er sich neben das Pferd stellt, ihm über Hals und Rücken streicht und von wo aus er sich auch über das Pferd legt.

Zusätzlich zu dieser Vorarbeit sollte das Setting für das erste Aufsitzen mit Bedacht gewählt werden. Denn ein Pferd ist und bleibt ein Fluchttier. Selbst das coolste Jungpferd kann sich mal erschrecken. „Hier sollte man es dem Pferd also nicht unnötig schwer machen“, mahnt Merten und plädiert dafür, sich dabei immer ins Pferd hineinzufühlen.

Es kommt auf den richtigen Moment an

Das Aufsitzen selbst bezeichnet Merten übrigens als „heiligen Moment“, der aber nicht minutiös planbar ist, sondern entsteht. „Ich merke, wann der Augenblick gekommen ist, um das erste Mal auf dem Pferderücken Platz zu nehmen.“ Der Rat des Trainers lautet: „Setzt euch kein festes Datum. Wartet ab, beobachtet, geht in die Interaktion und dann spürt den rechten Moment.“

Merten reitet die Pferde inzwischen übrigens gerne im Gelände an. „Das kommt der Natur des Pferdes entgegen, es ist motiviert und mental wach. Junge Pferd tun sich draußen leichter, auch weil sie erst einmal geradeaus marschieren können“, weiß Merten.

„Bei mir sieht das häufig so aus, dass ich ausgiebig mit dem Pferd spazieren gehe und dabei eng mit ihm in Kontakt trete. Wenn wir eine wirklich gute und konzentrierte Verbindung haben und beide entspannt sind, suche ich mir einen Weg, der sicher eingerahmt ist und im besten Fall leicht bergauf führt. Hier setze ich mich dann – wenn das Pferd mir sein Okay gibt – das erste Mal auf den Pferderücken.“

Frau läuft mit Pferd Hügel herunter

Durch neue Erlebnisse ein Team werden: Wenn Pferd und Mensch Vertrauen zueinander haben, ist das Anreiten keine „wilde Sache“. (© Christiane Slawik)

Das Pferde ohne Sattel bewusst wahrnehmen

Anreiten – und das ist sehr außergewöhnlich – tut Ole Merten die Pferde in der Regel ohne Sattel. „Ich finde es wichtig, dass das Pferd den Menschen fühlt und mit allen Sinnen erfährt. Es spürt meinen Körper, meine Wärme, meinen Atem. Und natürlich bin auch ich viel näher am Pferd und kann sein Befinden besser wahrnehmen.“

Wie tief und wie schnell atmet mein Pferd? Wie stark klopft sein Herz? Verkrampft es in der Muskulatur? Das sind alles Parameter für sein Wohlbefinden. Und genau das steht bei Merten immer an erster Stelle. Herausforderungen dürften sein, denn Pferde seien ja von Natur aus an Neuem interessiert und auch äußerst lernfreudig. Überforderungen seien indes tabu!

Pferd anreiten trotz Unsicherheit – geht das?

Nicht jeder Reiter ist Profi in Sachen Anreiten, möchte diesen besonderen Schritt aber dennoch selbst gestalten. Pferd und Reiter sollten sich gemeinsam „an das Machbare herantasten“. Nach der Philosophie von Merten ist es auch kein Beinbruch, wenn der Mensch dabei Momente der Unsicherheit zeigt – wenn er authentisch bleibt. „Alles andere verwirrt das Pferd und raubt Vertrauen.“

Als Hilfestellung rät Merten zu einem Dialog. „Wenn du und ich jetzt ruhig bleiben und uns langsam vorantrauen, dann klappt das auch“ – ruhig und bewusst laut ausgesprochen. Wenn jemand weiß, dass er ängstlich und zögerlich ist, empfiehlt Ole Merten, das Anreiten gemeinsam mit einem erfahrenen Trainer zu entwickeln, der eine möglichst souveräne Attitüde mitbringt.

Zweit Reiterinnen auf Weide

Mit einem Kumpel geht es leichter. Ole Mertens Ziel ist es aber, dass sich das Jungpferd mit dem Menschen so wohlfühlt, dass es auch alleine geht. (© Christiane Slawik)

Warum der richtige Abschluss zählt

„Man darf nicht zu gierig werden. Das gilt nicht nur fürs Anreiten, sondern auch für die Ausbildung und das Reiten an sich. Aber natürlich spielt ‚das Momentum‘ gerade beim Anreiten eine besonders wichtige Rolle, und man sollte sehr darauf achten, dass man möglichst immer im Guten aufhört“, meint der Coach.

Schwierig sei das natürlich, wenn es im Prozess des Aufsitzens oder des ersten Reitens zu erheblichen Problemen kommt. Dann müsse man, so Mertens Rat, mit viel Fingerspitzengefühl versuchen, doch noch einen für beide Seiten positiven Abschluss zu finden. Anreiten als negatives Erlebnis ziehe sich sonst belastend durch die ganze weitere „Karriere“ als Reitpferd.

Ich erkläre das gerne so: Wenn ein Pferd in ein paar Jahren gefragt wird: ‚Sag mal, wie war eigentlich dein Anreiten, dein erstes Mal?‘, dann sollte es im besten Fall antworten: ‚Du, daran erinnere ich mich eigentlich gar nicht mehr.‘

Merten habe zum Glück selbst auch noch nie den Schleudersitz betätigen müssen, sondern das Aufsitzen immer mit Geschick und Gespür zu einem angenehmen Erlebnis gestalten können – einem besonderen, aber unaufgeregten …

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