Schlaufzügel fordern Verantwortung: Ausbildung bedeutet Partnerschaft, nicht Kontrolle.
Für die einen sind „die Schlaufis“ ein präzises Hilfsmittel, das in erfahrene Hände gehört und seine klare Berechtigung hat. Für andere sind Schlaufzügel Symbol einer Reitweise, die Kontrolle über Losgelassenheit stellt und Pferde in eine Haltung zwingt, die sie körperlich wie mental belastet. Wo liegt nun die Wahrheit?
Der Schlaufzügel: Sinnvolles Hilfsmittel oder Unterdrückungs-Werkzeug?
Wie so oft könnte man sagen: dazwischen. Denn der Schlaufzügel ist in der Ausbildung kein Dämon. Aber er ist auch kein neutraler Gegenstand. Er ist ein Verstärker extremer Hebelkräfte, und genau das macht ihn zu einem prekären Instrument. Nach wie vor dürfen Schlaufzügel in nationalen Springprüfungen ab der Klasse M** beim Abreiten verwendet werden. Was hinter Reithallentüren zu Hause geschieht, entzieht sich der öffentlichen Kontrolle.
In diesem Artikel widmen wir uns diesem Hilfszügel, fragen Experten, die ihn erklären, einordnen, nutzen oder ablehnen. Wie wirkt ein Schlaufzügel technisch? Welche Regeln gelten? Welche Herausforderungen ergeben sich auf dem Abreiteplatz? Wo beginnen aus Ausbildungs- und Tierschutzsicht die Grenzen seines Einsatzes? Es geht nicht um eine Skandalisierung, sondern um nüchternes Verständnis. Vielleicht auch, um zu entscheiden, ob ein solches Hilfsmittel noch in den modernen Pferdesport passt.
Was ist der Schlaufzügel?
Der Schlaufzügel zählt zu den sogenannten Hilfszügeln, also zu den Ausrüstungsgegenständen, mit denen zusätzlich zur regulären Zügelführung Einfluss auf Kopf- oder Halshaltung des Pferdes genommen wird. Technisch gesehen ist er ein Leder- oder Riemenstück von etwa 2,5 bis 3 Metern Länge, das am Sattelgurt befestigt, dann durch die Trensenringe geführt wird und zusätzlich zu den normalen Zügeln von Reiterinnen und Reitern in der Hand gehalten werden kann. Es gibt mindestens zwei grundlegende Varianten der Verschnallung:
- Tiefe Verschnallung: Der Riemen wird unten am Sattelgurt befestigt, verläuft dann wie ein Dreieckszügel zwischen den Vorderbeinen hindurch und anschließend durch die Trensenringe zu den Händen des Reiters.
- Hohe Verschnallung: Der Riemen wird am Sattelgurt seitlich an den Strupfen angebracht, sodass die Wirkung eher nach hinten oben statt nach unten vorne wirkt.
Wann sind Schlaufzügel auf Turnieren erlaubt?
In Deutschland regelt die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) in der Leistungsprüfungsordnung (LPO), in welchen Prüfungen und auf welchen Plätzen Hilfszügel wie der Schlaufzügel zulässig sind. Laut der LPO dürfen Schlaufzügel auf dem Abreiteplatz von Springprüfungen ab Klasse M** eingesetzt werden, jedoch nicht beim Überwinden von Hindernissen. Für Dressurprüfungen gelten strengere Regeln, hier ist der Schlaufzügel nicht erlaubt. Auch in der Vielseitigkeit darf er nicht genutzt werden.
International gilt: Hilfszügel wie der Schlaufzügel sind auf Abreiteplätzen in bestimmten Prüfungen erlaubt, solange sie nicht in der Prüfung selbst oder über Hindernissen eingesetzt werden. Mehr Fragen dazu beantwortet uns die FEI im Interview.
Warum „Schlaufis“ ein Problem sein können
Wir haben zu diesem Thema mit Prof. Dr. Stephanie Krämer von der Klinik für Pferde der Justus-Liebig-Universität Gießen gesprochen. Sie leitet die Abteilung für Tierschutz und ist geschäftsführende Direktorin des Gießener Tierschutzzentrums ICAR3R (Interdisciplinary Center for Animal Welfare and 3R Research). Zudem ist sie Expertin für Chirurgie und Orthopädie und hat die Debatte rund um das Video, das von Christian Kukuk auf dem Turnier in Verona gemacht wurde, natürlich auch mitbekommen. Zu sehen war, wie der Olympiareiter seine Stute Just Be Gentle auf blankem Schlaufzügel in Hyperflexion ritt.
Als Erstes schickt sie vorweg: „Man kann immer Fehler in der Ausbildung eines Pferdes machen. Mit und ohne Equipment.“ Sie sei bestürzt gewesen, als sie das Video gesehen habe, macht aber auch deutlich, dass das derzeitige „Schwarzweißdenken“ der Gesellschaft, ohne in den Dialog zu gehen, zu keiner guten Lösung führen kann. „In der Pferdeausbildung scheiden sich an vielen Punkten bekanntermaßen die Geister. Der Schlaufzügel ist dafür nur ein weiteres Beispiel“, so die Expertin.
Schönheit oder Unterwerfung?
Sie selbst besitzt sechs Pferde, ist leidenschaftliche Reiterin und liebt diese Tiere, wie sie selbst sagt. „Und das sollten wir immer wieder voranstellen. Das Ziel der alten Meister war es, die Schönheit dieser Kreaturen herauszubringen. Das geht aber verloren, wenn Pferde zusammengezogen und in eine Zwangshaltung gedrängt werden, das hat mit Anmut nichts mehr zu tun, das ist grausame Unterwerfung.“ Das Reiten auf blankem Schlaufzügel zieme sich zu keinem Zeitpunkt, das stünde schlichtweg entgegen ihrer Auffassung von Ethik.
Aber: „Rein historisch haben die sogenannten Hilfszügel mal ein positives Ansehen gehabt. Ihr Ziel, ihre Idee war gut, nämlich im Sinne einer wirklichen Hilfe zu dienen, insbesondere in der Ausbildung junger Pferde. Ein Schlaufzügel sollte, wenn überhaupt, dafür genutzt werden, Jungpferden den Weg in die Dehnungshaltung zu weisen. In meinem Verständnis ist der Schlaufzügel dann korrekt verwendet, wenn er nur die Richtung weist und den Pferden eine Idee davon gibt, dass es eine Umverlagerung von Kraft geben könnte.“
Braucht es den Schlaufzügel wirklich?
Keinesfalls dürfe der Riemen dazu genutzt werden, den Pferdekopf mechanisch nach unten zu ziehen. „Dann kann man sich natürlich fragen, ob man ihn überhaupt braucht“, gibt Stephanie Krämer zu bedenken, doch das hänge von den Tieren als Individuen und den Möglichkeiten der Reiter ab. Sie macht deutlich: „Diese Hilfszügel gehören nur in wissende und sanfte Profihände. Denn wenn Pferde in irgendeiner Form damit hinter die Senkrechte gezerrt werden, bekommen wir Störungen in den Bewegungsabläufen. Wenn wir die Tragkraft in der Hinterhand stärken wollen, dann darf es keine biomechanische Verspannung im Pferdekörper geben, ansonsten erhalten wir den gegenteiligen Effekt.“
In diesem Zusammenhang verweist Krämer auf Studien, die nahelegen, dass Pferde in Hyperflexion in der Vorhand Taktfehler und verkürzte Tritte entwickeln, außerdem oft mit der Hinterhand ausweichen und breit fußen, also das Gegenteil dessen, was eigentlich bezweckt werden soll: Losgelassenheit, positive Spannung, ehrliche Durchlässigkeit.
Wissenschaftliche Sicht auf die Rollkur
Und was sagt die Forschung noch? „Natürlich würde ich als Hochschulprofessorin gern Ergebnisse sehen aus Langzeitstudien, die die Auswirkungen von Reiten mit dem falsch verwendeten Schlaufzügel aufzeigen: physikalisch, mental, biomechanisch. Um Reitern genau vor Augen führen zu können, welchen Schaden sie mit dieser Art der Reiterei anrichten. Aber das wäre ein grausamer Tierversuch. Wenn wir das in Deutschland beantragen würden, würde das jede Behörde ablehnen.“ Aber auch ohne eine solche Studie ist Krämer überzeugt, dass die nachteiligen Effekte durch zwanghafte Körperhaltung offensichtlich sind.
Hyperflexion sei schlichtweg schädigend. „Was wir inzwischen nachweisen können, ist, dass derart gearbeitete Pferde massiv unter Stress stehen. Auch das kann nicht unser Ziel sein.“ Sie nimmt dabei Bezug auf eine Doktorarbeit aus dem Jahr 2020. Lena Theile untersuchte dabei auf nationalen Dressurturnieren der Klassen M und S die Stressanzeichen bei Pferden, die in der Vorbereitung in Hyperflexion geritten wurden.

„Low, deep and round“: Hier kommt nicht nur der Schlaufzügel zum Einsatz, sondern auch noch eine scharfe Zäumung. Dem Pferd bleibt nichts anderes übrig, als sich eng zu machen. (© Slawik)
Mehr Wert legen auf mentale Eignung
Stephanie Krämer hat einen Vorschlag für die Zukunft:
Vielleicht müssen wir mehr technische Systeme entwickeln, künstliche Intelligenzen, um damit Abreiteplätze und Turnierplätze auszustatten.
Damit würden persönliche Wertungen rausgenommen und Stewards, Offizielle sowie Richter entlastet. Es wäre dann ein neutraler Blick. „Turnierplätze sind öffentliche Räume. Wenn der Spitzensport sein Image nicht verbessert, treibt er auch den Breitensport in den Ruin. Das hohe Kulturgut Pferdesport müssen wir in der Gesellschaft schützen. Vielleicht geht es nur so.“
Reiten als Privileg und Verantwortung
Apropos Gesellschaft: „Vielleicht müssten wir künftig außerdem weniger auf die Sachkunde eines Menschen Wert legen, sondern vielmehr auf die mentale Eignung. Die Fakten lernen können die meisten. Aber nicht alle sind dazu in der Lage, auf diesem Level weiterhin gefühlvoll und demütig zu reiten. Offenbar gibt es sehr spezielle Anforderungen an die Persönlichkeitsstrukturen der Reiter und Ausbilder auf Spitzensportniveau.“
Natürlich sei der Job durchaus von Druck geprägt, manches hänge von Turniersiegen ab. „Aber wenn das so ist, muss ich erst recht in die ethische Reflexion gehen. Es muss ein Miteinander mit dem Tier sein, ich kann niemals mein Ansehen und meinen Wunsch nach Erfolg darüberstellen.“
Es gebe genügend Beispiele, die zeigten, dass man in Harmonie ganz besonders erfolgreich sein könne. Stephanie Krämer macht es kurz: „Finanzieller Druck ist kein Grund, ein Tier zu missbrauchen.“ Die Wissenschaftlerin sieht besonderen Bedarf bei der Ausbildung des Reiternachwuchses. „Ausbilder haben auf Breitensportebene anzufangen, zu vermitteln, dass es als ein Privileg empfunden werden muss, mit der Kreatur Pferd zusammenzuarbeiten. Und wer das dann nicht leisten kann, ist nicht dafür geeignet, diesen Job zu machen.“
Wann ein Schlaufzügel helfen kann
Hanno Vreden ist ein erfahrener Pferdewirtschaftsmeister und Trainer mit einer langen Liste an Erfolgen in verschiedenen Bereichen des Reitens. Er hat bis heute mehr als 2.000 Trainerinnen und Trainer auf ihrem Weg in die Ausbildung begleitet, nimmt die Abschlussprüfungen der Berufsreiter an der Deutschen Reitschule in Warendorf ab und ist als FEI-Steward im internationalen Bereich der Vielseitigkeitsturniere im Einsatz. Wir haben ihn gefragt, was er von der Nutzung von Schlaufzügeln hält.
„Ich bin kein Freund davon, Dinge einfach zu verteufeln. Ich erkläre lieber. Ein Schlaufzügel kann, ich betone KANN, so sinnvoll sein wie jeder andere Hilfszügel auch, wenn er richtig angewendet wird.“ In seinen Augen könne es durchaus Gründe geben, um vor allem jungen Pferden kurzfristig mit Schlaufzügeln zu helfen, „aber man darf natürlich nicht einfach nur den Kopf des Pferdes runterziehen. Das ist keine Hilfe, sondern Gewalt.“
Ein sinnvoller Einsatzbereich für einen Schlaufzügel könne ein junges Pferd sein, das frisch angeritten wurde, noch keine Doppellonge oder keine Ausbinder kennengelernt, aber noch Schwierigkeiten damit hat, über den Rücken zu gehen und den Weg in die Tiefe zu finden. „Hier kann kurzzeitig ein lang gehaltener Schlaufzügel, der sanft gleitet, helfen. Das mache ich vielleicht zweimal, dann muss das Ding wieder weg“, ist Vredens Meinung. Denn: „Egal, in welcher Disziplin ich mich zu Hause fühle, die dressurmäßige Arbeit muss sitzen.“
Aufklärung beginnt an der Basis
In seiner Wahrnehmung habe sich der Einsatz der Schlaufzügel im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten stark reduziert. „Man ist mit vielen Themen schon viel weiter. Wenn sich ein Pferd widersetzt, schaut man heute viel genauer nach der Ursache, checkt den Rücken, den Sattel, lässt einen Osteopathen kommen. Und es wird nicht einfach ein Schlaufzügel draufgeschnallt.“ Denn, das betont der Ausbilder deutlich:
„Ein Schlaufzügel in der Hand eines unerfahrenen Reiters ist wie eine Rasierklinge in der Hand eines Kindes. Kompetenz, Wissen und Können haben Priorität Nummer eins, wenn ein Schlaufzügel zum Einsatz kommt. Keinesfalls darf dieser Hilfszügel dazu dienen, einfach den Kopf runterzuziehen oder sogar Rollkur zu reiten.“ Seiner Meinung nach brauche es sowieso dringend generelle Aufklärung in Bezug auf Ausrüstung: „Das fängt beim Reithalfter an, geht weiter bei den Gebissen und Sätteln, bis hin zu verschiedenen Pads und Sattelgurten. Egal, ob jemand Turnierreiter ist oder nicht, wichtig ist, dass schon an der Basis das notwendige Wissen vermittelt wird.“

Locker gleiten lassen: Dieser Schlaufzügel kommt gerade nicht zum Einsatz. Aber braucht es ihn dann überhaupt? (© Lafrentz)
Schlaufzügel aus biomechanischer Sicht Quatsch
Einen anderen Standpunkt nimmt Daniela Rahn ein. Sie zählt zu den führenden biomechanischen Reittrainerinnen im deutschsprachigen Raum. International tätig, begleitet sie jedes Jahr mehrere Hundert Reiter-Pferd-Paare. Ihr Spezialgebiet: die wissenschaftlich fundierte Analyse von Sitz, Einwirkung und der physikalisch-biomechanischen Interaktion zwischen Mensch und Pferd. Als erfolgreiche Dressurreiterin bis zur schweren Klasse bringt sie sowohl praktische Erfahrung als auch tiefes Fachwissen in ihre Arbeit ein.
Sie sagt deutlich: „Ein Schlaufzügel gehört überhaupt nicht ans Pferd. Das, was damit bewirkt werden soll, kann nicht erreicht werden. Ich sehe keinen einzigen guten Grund für seinen Einsatz.“ Ihre jahrelange Erfahrung habe gezeigt, dass Pferde, die sich gegen die Hand wehren, den Hals nicht fallen lassen oder den Weg in die Tiefe nicht finden, immer ein Problem haben. „Und meistens sitzt das im Sattel“, erklärt Rahn nüchtern.
Was zeigt das Pferd wirklich?
Natürlich gebe es auch andere Gründe für Abwehrverhalten: Rückenschmerzen, Magenschmerzen, unpassendes Sattelzeug, nicht korrekt bearbeitete Hufe und vieles mehr. „Aber wenn ein Pferd keine gesundheitlichen Defizite und der Reiter eine Vorstellung davon hat, wie er seinen eigenen Körper einsetzen muss, wird es nicht den Kopf hochreißen oder sich wehren.“ Schlaufzügel lösten kein Problem, sie überdeckten es nur.
„Solche Methoden erzeugen ein Bild, aber keine Muskulatur; sie geben eine Form, aber keine Tragkraft. Und sie vertuschen etwas, das viel wichtiger ist: Die eigene Körperkontrolle des Reiters und die ehrliche Losgelassenheit des Pferdes.“ Wenn man ein Pferd also wirklich begleiten wolle, so müsse man in seine Biomechanik hineinhören und sie nicht manipulieren. Sobald man den Kopf-Hals-Bereich mechanisch fixiere, greife man tief in ein System ein, das eigentlich frei beweglich sein müsste.
Schlaufzügel ersetzen keine Ausbildung
„Schlaufzügel wirken direkt auf die Vorwärts-abwärts-Bewegung der Halsbasis ein. Durch die mechanische Einschränkung wird der natürliche Bewegungsfluss des Pferdes unterbrochen“, ist die Expertin überzeugt. „Wenn ich den Hilfszügel hernehme in der Annahme, der würde dem Pferd helfen, ist das falsch. Wir zwingen das Pferd in eine Position, die es ohne diesen Lederriemen nicht einnehmen würde. Und das ist das Gegenteil von Ausbildung.“ Daniela Rahn ergänzt: „Häufig sollen Schlaufzügel die fehlende Grundausbildung von Reiter und Pferd ersetzen. Das kann nicht unser Ziel sein.“
Sie ist der Meinung, dass viel mehr Wert auf den Sitz und die Einwirkung von Reiterinnen und Reiter gelegt werden sollte. „Wenn wir im Sattel sitzen, dann sind das Kräfte, Hebel, Drehmomente und Dysbalancen, die wir nonstop in die Pferde bringen. Die Tiere haben keine andere Chance, als uns durch ihr Verhalten zu zeigen, wenn etwas für sie unangenehm ist. Geht ein Pferd gegen die Hand, ist das ein Warnsignal. Dann müssen wir uns hinterfragen und nicht die schnelle Lösung suchen und den Schlaufzügel festschnallen.“
Durchlässigkeitsprobleme bei Reitern
Durchlässigkeitsprobleme sehe sie oft, „aber sie sind ursprünglich viel mehr beim Reiter anzusiedeln“, sagt die Expertin für Biomechanik. Dann gelte es, einen Schritt zurückzugehen, wahrzunehmen, was der Ursprung des Problems sein könnte, und die eigene Einwirkung zu verfeinern.
„Ich habe die Auswirkungen des Reitersitzes selbst früher nicht in dieser Tragweite erkannt, aber unser Einfluss ist immens. Ich bin davon überzeugt, dass sich sicherlich 80 bis 90 Prozent der Probleme mit unseren Pferden durch stetige Verbesserung unseres Sitzes und unserer Einwirkung verflüchtigen würden.“ Jedes Pferd reagiere anders, kompensiere anders, schicke eigene Signale. Deswegen sei es nicht immer einfach, die richtigen Rückschlüsse zu ziehen. „Aber wenn man Biomechanik versteht und unseren physikalischen Einfluss, dann ist Reiten so viel leichter und gleichzeitig so viel gesünder für Pferd und Reiter.“
Ein großes Missverständnis laut Daniela Rahn: „Pferde ,im Hals kurz machen‘, sie vermeintlich ,zusammenschieben‘ ist biomechanisch unkorrekt. Die Halswirbelsäule und das Genick geraten unter Druck, die Strukturen werden komprimiert, der Widerrist sackt ab, das Brustbein zieht runter. Das löst eine biomechanische Kettenreaktion aus, die immer mit Unwohlsein und häufig mit Schmerz verbunden ist.“ Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass die heute gezüchteten modernen Pferde immer feinfühliger und sensibler werden. „Viele Pferde haben heute zuchtbedingt einen langen Hals, sind hypermobil und weich, elastisch und fein. Nur deswegen kann man sie überhaupt in eine solche Hyperflexion bringen und genau deswegen müssen wir umso präziser reiten.“
Falsches Verständnis von Anlehnung?
Ein weiteres Problem ist in Daniela Rahns Wahrnehmung das falsche Verständnis der „stetigen Anlehnung“. Natürlich sollte ein Zügel nicht schlackern, aber die Hand sollte dynamisch vorwärts mit der Bewegung des Pferdes mitfedern können und nicht starr haltend oder sogar rückwärts einwirken. „Durch eine solche Handeinwirkungen schafft man keine ehrliche Anlehnung. Die kommt erst, wenn wir den Pferden Raum geben in ihrem Körper, wenn sie den Ganaschenwinkel öffnen und den Rücken aufwölben können.“ Viele Pferde trauten sich gar nicht mehr loszulassen und machten sich schon von sich aus eng im Genick oder drückten gegen die Hand.
„Nicht, weil ihnen das wirklich angenehm ist, sondern weil sie versuchen, sich zu schützen.“ Ihre Überzeugung ist, dass viele Pferde ihre Verspannung nicht aus eigener Initiative entwickeln, sondern als Reaktion auf die Einwirkung des Reiters. „Unser Sitz, die ausgeübte Druckeinwirkung oder eine fehlende Balance können das Pferd schnell in Kompensationen bringen. Wenn Pferde fest werden, was wir im Körper oder in der Hand spüren, ist das häufig keine Unwilligkeit, sondern eine Schutzfunktion.“
Schlaufzügel als Risiko für Pferd und Reiter
Noch ein wichtiger Punkt: „Wenn wir Pferde in eine solche mechanische Fixierung bringen, verschleißen wir sie mit jeder Reiteinheit, wir machen sie krank. Diese Art des Reitens schädigt Gelenke, Bänder, Sehnen, die Muskulatur und die Psyche. Und es schadet auch dem Reiter.“
Ihr abschließendes Statement: „Ich würde mir wünschen, dass es nicht erst einen Aufschrei gibt, wenn Pferde aus Sporenlöchern bluten oder jemand auf blankem Schlaufzügel oder in Hyperflexion reitet. Sobald wir ein Lebewesen besteigen, das dafür eigentlich nicht gemacht ist, ist unsere oberste Pflicht, korrekt, einfühlsam und verantwortungsbewusst zu reiten und uns mit unserer körperlichen Auswirkung auf das Pferd auseinanderzusetzen. Wenn wir das tun, bewegen sich die Pferde komplett anders unter uns, und es wird zu einem echten Miteinander. Die meisten Menschen möchten ihrem Pferd nicht schaden, doch vielen fehlen die biomechanischen Schlüssel.
Den Reitsport besser machen
Und daher ist mein Appell: Aufklärung, Fortbildung, Selbstreflexion und ein Verständnis für die eigenen körperlichen Auswirkungen. Pferde sind so besondere Tiere. Sie haben Güte, Empathie und schenken uns ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Genau deshalb sollten wir alles daransetzten, einen Reitsport zu gestalten, der diese Partnerschaft schützt. Nicht der Sport soll verschwinden, sondern die Missstände. Unsere Aufgabe ist es, den Reitsport besser zu machen.“
