„Erst wenn wir die Welt aus den Augen des Pferdes sehen, werden wir gute Ställe bauen.“
Inhaltsverzeichnis
- Fachkongress „Klimawandel und Pferdehaltung“
- Darum sollten klimarobuste Ställe gebaut werden
- Pferdehaltung im Klimawandel: Weg vom Standard
- Wasser, Schatten und Energie
- Futterproduktion im Klimawandel
- Die richtigen Alternativen – Vielfalt hilft
- Pferdehaltung im Klimawandel neu denken
- Dr. Inga Wolframms Forschung zu Pferdehaltung & Biodiversität
- Die wichtigsten Erkenntnisse aus Wolframms Forschung
Starkregen, Überschwemmung, nasse Flächen. Aber auch Dürre, Trockenheit, Ernteausfälle. Die Pferdehaltung steht vor nie dagewesenen Herausforderungen. Klimawandel, Extremwetterlagen und die zunehmende Unsicherheit bei der heimischen Raufutterproduktion machen die Planung für Stallbetreiber und -betreiberinnen zunehmend schwer.
Der Fachkongress „Klimawandel und Pferdehaltung“
Um über dieses Thema aufzuklären, fand zum ersten Mal im Rahmen der Messe Passion Pferd in Hannover der Fachkongress „Klimawandel und Pferdehaltung“ statt – organisiert von der Wissenschaftlerin Conny Röhm und ihrem Team. Drei Stunden lang zeigten Fachleute, wie tiefgreifend die Wetterveränderungen, Ressourcenkonkurrenz und veränderte Vegetationszyklen inzwischen in die Pferdehaltung hineinwirken – und welche Lösungen es dafür schon heute gibt.
„Erst wenn wir die Welt aus den Augen des Pferdes sehen, werden wir gute Ställe bauen.“ Mit diesem Satz eröffnete Georg Fink, Diplom-Agraringenieur, langjähriger Stallbauer und Reitlehrer, seinen Vortrag. Seit 45 Jahren plant er Reitanlagen weltweit – und betonte, dass dabei Tierwohl, Umwelt und Klima nicht voneinander zu trennen sind.
Pferdehaltung sei Teil eines großen Konglomerats aus Flächenverbrauch, Wasserführung, Energiebedarf, Müllaufkommen, Verkehr und Landschaftsgestaltung. „Wir bauen nicht im luftleeren Raum“, so Fink, „und wir dürfen unsere Zivilisationsprobleme nicht in die Ställe verlängern.“

Hier droht bald Hustenalarm: Sind Böden im Sommer ausgetrocknet und staubig, kann das zur gesundheitlichen Belastung werden. (© Christiane Slawik)
Darum sollten klimarobuste Ställe gebaut werden
Der Klimawandel zeige schon heute deutlich seine Folgen in der Pferdehaltung: verlängerte Vegetationsperioden, veränderte Niederschlagsmuster, zunehmende Dürre, Starkregen und Hagel. Fink zeigte Bilder aus seiner Praxis: freigespülte Reitplätze, überflutete Hallen, weggeschwemmte Fundamente und Zufahrten. Die Wetterereignisse seien für die ganze Welt, aber eben auch in der Pferdehaltung ein immer größer werdendes Problem. Fink fordert daher: „Von A wie Abfallvermeidung bis Z wie Zuhause-für-Vögel müssen wir in Zukunft jede Planung klimaangepasst denken.“
Wer nachhaltig bauen wolle, sollte weniger Fläche neu versiegeln und stattdessen mehr Vorhandenes nutzen. Finks Kritik: Viele Anlagen entstünden nach Standardschablone – ohne Rücksicht auf den individuellen Standort, die dort vorherrschende Topografie oder das Mikroklima. Dabei gäbe es enorme Potenziale.

Vision für die Zukunft, aber schon längst umsetzbar: Fotovoltaikanlagen auf Nebengebäuden oder sogar Agri-PV können und sollten für die Energieversorgung von Reitsportanlagen genutzt werden. (© Christiane Slawik)
Pferdehaltung im Klimawandel: Weg vom Standard
Seine Impulse:
- Bestand nutzen statt neu versiegeln: aufstocken, anbauen, Gebäude verlängern
- Doppelstocklösungen mit Heulager in der zweiten Ebene – technisch heute durch Kranlösungen machbar
- Recycling von Baumaterialien wie Türen, Ziegeln, Pflastersteinen oder Metall
- Natürliche Baustoffe wie Holz, Lehm, Kalk und Stroh nutzen
Besonders eindrücklich berichtete Fink von einem Projekt in Marrakesch, das er vor einigen Jahren begleitet hatte: Dort hält eine Gewölbebauweise mit bepflanztem Dach und einer gesondert eingeplanten Luftschicht die Temperaturen selbst an 45 Grad heißen Tagen bei unter 28 Grad – ganz ohne Klimaanlage. „Von Ländern im Süden können wir viel lernen“, sagte er.
Gleichzeitig warnte er vor ökologisch problematischen Trends: „Kunstrasen gehört nicht auf eine Reitanlage, ebenso sollten wir uns von synthetischen Zuschlagstoffen in Reitböden verabschieden. Diese setzen Mikroplastik frei und können im schlimmsten Fall über Raufutter in den Pferdedarm gelangen.“

Laut Stallbauer Georg Fink ein „No-Go“ für die Pferdehaltung: ausrangierter Kunststoffrasen. Er kann Mikroplastik freisetzen. (© Christiane Slawik)
Wasser, Schatten und Energie
Für eine klimaresiliente Anlage seien folgende Punkte unverzichtbar:
- Schattenzonen, Alleen, Hecken und trockenheitsresistente Bäume statt kahler „Industrieweiden“
- Sonnensegel oder leichte Überdachungen als flexible Hitzeschutzlösungen
- Wassermanagement über Zisternen, Versickerungsflächen und Verneblungskonzepte
- Staubarme Böden und alternative Materialien auf Paddocks, z. B. Rundkies
- Energieeffiziente Konzepte, die im Idealfall mehr Energie erzeugen als verbrauchen
Fink plädiert zudem für größer gedachte Baulösungen, sogenannte Pferdedörfer, in denen mehrere Halter gemeinsam eine optimal geplante Anlage nutzen. „Das bedeutet weniger Flächenverbrauch, geringere Kosten, bessere Infrastruktur und behördliche Sicherheit. Denn ansonsten sind Genehmigungen meist ein langer Weg“, berichtete der Experte aus der Praxis.
Futterproduktion und Pferdehaltung im Klimawandel
Im zweiten Vortrag nahm Maresa Rehling, Agrarwissenschaftlerin und Projektkoordinatorin bei Fink Reitanlagen, die Futterkrise der Zukunft in den Blick. Verschobene Vegetationsperioden, geringere Qualität und Erträge bei Heu sowie schwierige Bewirtschaftungsbedingungen würden sich weiter verschärfen. „Wir werden Futter- und Versorgungsrisiken haben“, so Rehling.

Häppchen gefällig? Pferde sind Dauer-Futtersucher und sollten ständig kleine Mengen finden, um ihr „Browsing- Verhalten“ auszuleben. Das muss nicht nur Heu sein. (© Christiane Slawik)
Ihre Lösungsansätze:
- Trockenheitsresistente Gräser pflanzen und somit klimaangepasste Weiden erzeugen
- Bessere Erntetechnik, z. B. leichtere Mähwerke mit minimalem Bodendruck, sauberem Schnitt, schneller Trocknung und deutlich weniger Insektenverlusten
- Präzisionslandwirtschaft mit KI-gestützten Wetterstationen, Blattfeuchtesensoren und standortgenauen Empfehlungen für Mähzeitpunkte
- Drohnen zur Nachsaat, besonders auf nassen Böden, sowie perspektivisch robotergestützte Unkrautentfernung (etwa von Jakobskreuzkraut)
- Heutrocknungssysteme, die Energie aus Biogasanlagen oder anderen nachhaltigen Quellen nutzen
Der Pferdesektor sei hier gegenüber der Nutztierhaltung leider einige Jahre zurück, werde aber nachziehen, so Rehling. Technologische Lösungen existierten – sie müssten jetzt angepasst und genutzt werden.

Traumhaft: Wenn Pferden die Möglichkeit geboten wird, sich an natürlichen Wasserquellen zu bedienen, nutzen sie es gern. Zum Trinken, aber auch zum Abkühlen. (© Christiane Slawik)
Die richtigen Alternativen – Vielfalt hilft
Die Futterexpertin Conny Röhm ergänzte den Vortrag um mögliche Raufutteralternativen, die in schlechten Heujahren künftig eine Rolle spielen könnten:
- Cops, Häcksel, Cubes herstellen und sicher einlagern (möglicherweise aus eigener Produktion in guten Heujahren)
- Luzerne oder Esparsette – Eiweißlieferanten, trockenheitstolerant, aber mit speziellen Anforderungen
- Mais-Ballensilage, möglichst mit wenig Kolben und nur zur Ergänzung
- Hochwertiges, staubfreies Stroh als Futtermittel – nicht nur als Einstreu
- Blätter und Hölzer von gesunden Sträuchern/Bäumen sollten nicht außer Acht gelassen werden
- Leicht fermentiertes Weichgetreide als Ergänzung wie bereits in Spanien und Portugal üblich
- Forschung nötig zu fressbarem Miscanthus, fermentiertem Bambus oder Schilf und rapsbasierten Futterarten
Röhm betonte, wie wichtig eine breite Futtergrundlage für das Darmmikrobiom des Pferdes sei. Außerdem müsse man Pferden bestenfalls täglich ihr sogenanntes Browsing-Verhalten ermöglichen: „Browsing-Verhalten“ beschreibt das natürliche Fressverhalten von Pferden, bei dem sie langsam umherwandern und dabei Blätter, Zweige, Rindenstücke, Kräuter, Ranken und andere Pflanzenbestandteile in kleinen Mengen aufnehmen – nicht nur Gras. Es ginge ausdrücklich nicht darum, 24 Stunden ausschließlich Heu ad libitum zur Verfügung zu stellen.
Pferdehaltung im Klimawandel neu denken
Die Vorträge machten deutlich, wie komplex die Herausforderungen sind – und wie viele Stellschrauben Betriebe haben. Von Bauweise über Wasserführung und Energie bis hin zu Weidegestaltung und Fütterung: Nachhaltigkeit bedeutet, Pferde und Landschaft als zusammenhängendes System zu betrachten.
Oder, wie Conny Röhm es formulierte:
Wir müssen wieder dorthin kommen, natürlich und in Kreisläufen zu denken – und nicht klinisch reine Reitsportanlagen vom Reißbrett zu planen.

Sprach auf der Passion im Rahmen des Fachkongresses „Klimawandel und Pferdehaltung“ zu möglichen Raufutteralternativen für die Zukunft: Wissenschaftlerin Conny Röhm. (© Imke Perne-Harms)
Dr. Inga Wolframms Forschung zu Pferdehaltung & Biodiversität
Dr. Inga Wolframm gehört zu den einflussreichsten Stimmen in Europa, wenn es um die Verbindung von Pferdehaltung, Klimaanpassung und Biodiversität geht. Sie praktiziert, forscht und lehrt an der Van Hall Larenstein University of Applied Sciences in den Niederlanden. Ihre Forschung ist deshalb so bedeutsam, weil sie nicht nur das Pferd und sein Verhalten betrachtet, sondern die gesamte Umwelt, in der es lebt – von der Weide über Wasser- und Bodenmanagement bis hin zu Stallbau, Landschaftsstruktur und sozialer Einbettung von Reitanlagen.
Mit groß angelegten Studien, an denen teils über 500 Pferdebetriebe in den Niederlanden beteiligt waren, konnte sie zeigen, dass Reitanlagen nicht nur Orte der Tierhaltung bzw. Orte für die Ausübung eines Hobbys sind, sondern vielmehr unterschätzte ökologische Hotspots. Sie können für Artenvielfalt und Klimastabilität eine weit größere Rolle spielen als bisher angenommen.
Im Gespräch mit Hooforia macht die Wissenschaftlerin deutlich, dass in ihren Augen das Thema „Spatial license“ in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle einnehmen wird. Diesen Begriff hat die Expertin abgeleitet von dem der „Social license (to operate)“. Dieser bedeutet wörtlich die „gesellschaftliche Lizenz, tätig zu sein“. Es geht dabei aber nicht um eine offizielle Genehmigung, sondern um das stille Einverständnis der Gesellschaft, darum, dass unser Umgang mit Pferden, wie wir sie halten und wie mit ihnen Sport getrieben wird, moralisch akzeptiert und legitimiert ist.
Pferdehaltung muss auch im Klimawandel Mehrwert schaffen
Mit ihrem Begriff der „Spatial license“ geht Wolframm noch einen Schritt weiter: Pferdebetriebe müssen auch ihre räumliche Legitimation beweisen – also zeigen, dass ihre Flächennutzung ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Mehrwert schafft. Denn: „Flächen sind endlich, und es gibt viele Interessen, die um eben diese Flächen streiten.“ Wenn Platz begrenzt sei, müsse man sich als Gesellschaft entscheiden, für was man ihn aufwende.
Ihr Ansatz ist dabei ganzheitlich: Pferdewohl, Ökologie, Landschaftsdesign und Betriebspraxis werden als ein zusammenhängendes System verstanden. „Wenn Pferdestallbetreiber zeigen, dass sie sich mit ihrem Betrieb nicht nur um sich selbst, sondern auch um das Allgemeinwohl kümmern, dann haben sie bessere Argumente. Sie können beweisen, dass alle etwas davon haben, wenn sie ihren Betrieb ökologisch sinnvoll weiterentwickeln“, ist Wolframm überzeugt.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus Wolframms Forschung:
Pferdebetriebe sind Biodiversitäts-Hotspots
- Reitanlagen verfügen europaweit über rund sechs Millionen Hektar Grünland und haben damit ein riesiges ökologisches Potenzial.
- Niederländische Pferdebetriebe umfassen zusammen mehr als 230.000 Hektar und erreichen im Schnitt knapp zwölf Prozent „Green-blue veining“, also landschaftliche Strukturelemente wie Hecken, Baumreihen oder Teiche. Das übertrifft die EU-Empfehlung von zehn Prozent für landwirtschaftliche Betriebe. Diese Erkenntnisse, so sagt Wolframm selbst, sind die „wichtigsten Zahlen meiner Karriere“. Für Deutschland sind diese Werte noch nicht erhoben worden.
- Besonders sinnvoll für die Erhöhung von Biodiversität sind Hecken, Bäume, Blühstreifen, Pufferzonen, Teiche, Bäche, Gehölze und „wilde Ecken“.
- Pferdehöfe können als ökologische Trittsteine wirken und zerschnittene Landschaften wieder vernetzen. Wer diese Elemente in einen Pferdebetrieb einbaue, erziele einen doppelten Nutzen: Das Pferdewohl steigt, aber die Biodiversität auch.

Weicher Boden, aber mit Potenzial für Umweltbelastung: Ob solche Schnitzelreitplätze in Zukunft noch gebaut werden? (© Christiane Slawik)
Pferdewohl und Umwelt gehen Hand in Hand
Dr. Inga Wolframm betont die „vier F“ des Pferdewohls: Freedom – Forage – Friends – Fun. Diese Bedürfnisse spiegeln sich direkt in der Landschaft wider. Eine pferdegerechte Anlage benötigt deshalb:
- viele variierende Bewegungsräume
- abwechslungsreiche Vegetation und natürliche Futterquellen
- strukturreiche Weiden
- Schattenspender und Wetterschutz durch Bäume, Hecken und Gehölze
- eine sichere, naturnahe Umgebung
Fazit: „Gute Landschaftsplanung ist immer auch gute Tierwohl-Planung, denn auf diese Weise entstehen Mikro-Habitate. Je mehr davon, desto besser“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Bäume in Pferdeweiden integrieren und für die Einfriedung natürliche Hölzer verwenden: Laut Reitanlagenbauer Georg Fink sollten es bestenfalls unbehandelte Pfosten für die Zäune sein. Für noch mehr Biodiversität eignen sich „natürliche Zäune“, also für Pferde gesunde Hecken, Büsche und Sträucher. (© Christiane Slawik)
„Design with the land, not against it“
Ein zentraler Leitgedanke von Wolframms Forschung lautet: Pferdehaltung wird nur dann nachhaltig, wenn sie sich an Topografie, Boden und regionalen Gegebenheiten orientiert. Hier sind einige Beispiele aufgelistet:
- Planung folgt Boden und Gelände, nicht umgekehrt
- heimische, standortgerechte Pflanzen statt uniformer Weideflächen
- bestehende Strukturen bewahren und integrieren, das kann überall anders aussehen
- mehrstufige Vegetation (Bäume, Sträucher, Krautschicht)
- Wasser- und Landschaftselemente nicht als „Zierde“, sondern als funktionale ökologische Infrastruktur einplanen
Pferdebetriebe haben eine soziale Funktion
Dr. Inga Wolframms Forschung zeigt außerdem, dass Pferdebetriebe …
- Begegnungsorte für die lokale Bevölkerung sein können,
- kulturelle Landschaftselemente erhalten,
- Lebensräume für Wildtiere schaffen und
- wichtige Bildungsträger für Nachhaltigkeit sind.
Dr. Inga Wolframm ist überzeugt: „Pferdehaltung ist Landnutzung mit gesellschaftlichem Mehrwert.“
