Harmonie pur: Lord und Giorgia verzaubern das Publikum bei der Lumagica im Cavalluna Park.
Giorgia Kolias ist Equestrian Artist und lebt mit ihren fünf Pferden Lord, Caruso, Sereno Akira und Mister Moose ein Leben am Limit. Ein aufregendes Leben im Caravan zwischen Glamour und Misthaufen, zwischen pompösen Roben und eiserner Rüstung, zwischen Reitplatz und Fitnessstudio. Ob zauberhafte Freiheitsdressur, anspruchsvolles Trickreiten oder waghalsige Stunts, mitreißende Tanzeinlagen oder berührende Musicalelemente – Giorgia und ihre vierbeinigen Partner begeistern mit einem faszinierenden Potpourri aus magischen Momenten und atemberaubenden Augenblicken.
Trickreiterin Giorgia Kolias: Vielseitige Kunst
Bei spannenden Ritterspielen riskiert die Dreißigjährige Kopf und Kragen, bezaubert mit märchenhafter Illusion und emotionalen Songs das Publikum in populären Schauen. Eben noch dirigiert sie ihr Schimmelquartett frei am Boden, schon schwebt sie als Aerial Dancer von der Decke.
In dieser Sekunde steht sie auf dem Pferderücken, in der nächsten hängt sie kopfüber an den Flanken; legt das Mikro zur Seite, greift zur Lanze. Sie ist eine wahre Verwandlungskünstlerin, wechselt ihre Charaktere so häufig wie die Kostüme, die Locations und die Shows, in deren Mittelpunkt sie steht.
Die gebürtige Hamburgerin mit griechischen Wurzeln komplettiert Teams von Cavalluna, Equimur in Spanien oder den Knights of Middle England, war als Fee, Göttin, Dörfler und Soldat zu bestaunen und ist tief im Herzen eines ganz bestimmt: eine wahrhaftige Tierflüsterin, der auch Kater Kazimir und Henne Martha auf Schritt und Tritt folgen.

„Meine Pferde supporten mich auf unbeschreibliche Weise“, dankt Giorgia ihren Partnern. (© Filippo Gabutti / Longines Global Champions Tour)
Vom Rampenlicht zurück in den Alltag
Wenn das Rampenlicht erlischt und der letzte Applaus verklungen ist, endet die Arbeit für Giorgia nicht. Eigentlich beginnt sie dann erst: Zwar wird in der Hauptsaison, die Giorgia nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Spanien nun seit einiger Zeit in England verbringt, nur sehr dosiert trainiert, doch alle Pferde müssen nach und vor dem nächsten Auftritt top gepflegt, in Form und vor allem bei Laune gehalten werden.
Zudem müssen die jeweiligen Choreografien präzise einstudiert werden. Hinzu kommt die ganz normale Stallpflege, und Reisen zu Veranstaltungen erfordern eine aufwendige Logistik. „Zum Glück habe ich seit einem Jahr Unterstützung durch meine Schülerin Hanna“, meint Giorgia. Gemeinsam halten die beiden den Betrieb am Laufen.

Erinnerungen an das Musical „Grease“: Auf dem Rücken von Lord spielt Giorgia die Titelheldin Roxy. (© 1stclassimages)
Trickreiten als tägliche Arbeit
„Während des Winters“, so erzählt Giorgia weiter, „konzentrieren wir uns zunächst auf Basistraining, wir stärken dabei unseren Zusammenhalt und kräftigen unsere Körper. Dann kümmern wir uns um die typischen Showlektionen, die gewissermaßen das Einmaleins des Trickreitens darstellen.“ Das Üben neuer Elemente ist dabei sehr feinteilig angelegt, wird zunächst langsam und ruhig trainiert und soll auch erst genau so funktionieren. Das ist wichtig, denn dann könne man für die Shows das Tempo ohne Probleme anziehen.
„Je mehr Stunden wir gemeinsam trainiert haben, desto besser kennt jeder seine Position, desto reibungsloser funktioniert Kommunikation, desto leichter sieht es am Ende aus. Und wie bei allen Reitdisziplinen ist Leichtigkeit letztendlich das Ziel.“ Neben dem Training mit und auf den Pferden arbeitet Giorgia tagtäglich intensiv an sich selber: „Ohne Kondition, ohne Kraft und Mobilität läuft gar nichts“, verrät sie und berichtet von ihren fleißigen Workouts.
Wie viel Risiko steckt wirklich in der Show?
Von Unfällen bleibt die durchtrainierte Athletin trotz bester Vorbereitung nicht verschont, denn das Trickreiten ist nichts für zartbesaitete Reiter. Man muss wegstecken können. Auch mental! Hämatome, Frakturen, Bänderdehnungen oder Muskelrisse gehören zur rauen Realität der rasanten Shows. Ganz schlimm traf sie 2023 ein Wirbelbruch im Rücken, und auch die schmerzhafte Nackenverletzung aus der letzten Saison wirkt nach.
„Solche Unfälle bleiben nicht ohne emotionale Konsequenzen“, verrät Giorgia und berichtet von der aufkommenden Panik, wenn man sich in einer Lasche verfängt, irgendwo hängenbleibt und den Crash nicht mehr aufhalten kann. „Wenn es einen richtig übel erwischt, sitzt die Angst bei den nächsten Stunts mit auf dem Pferd. Es ist wirklich schwierig, damit umzugehen und sich wieder zu fokussieren.“
Trickreiten: zwischen Angst, Vertrauen und Fokus
Interessanterweise sind es wie so oft in Giorgias Leben die Pferde, die ihr immer wieder auf die Beine helfen, ihr Sicherheit vermitteln und gemeinsam mit ihr die Krise meistern. „Meine Pferde supporten mich auf unbeschreibliche Weise“, dankt Giorgia ihren Partnern, hat aber auch klar erkannt: „Manchmal müssen wir alle gemeinsam ein bisschen das Tempo rausnehmen und uns dem ein oder anderen Showelement in ganz kleinen Schritten wieder nähern.“
Das Wichtigste bei allem, so die erfahrene Trickreiterin, sei der Fokus. „Man kann körperlich so fit sein wie nie, man kann den Ablauf der Show, die einzelnen Handgriffe und Bewegungsketten so präzise im Kopf haben, wie es nur geht – wenn man nicht tausendprozentig bei der Sache ist, wenn ein Gedanke abschweift, ist alles zu spät. Dann passiert was.“
Und das ist nicht nur gefährlich, sondern für eine selbstständige Künstlerin wie Giorgia existenzbedrohend. „Ich muss ja nicht nur für mich, sondern auch für meine Pferde sorgen, das ist finanziell nicht ohne“, gibt sie unumwunden zu. Das lässt sie manchmal grübeln, aber nie verzweifeln. Denn wenn nicht sie, wer wüsste es besser? The show must go on …
Im Interview: Sag mal, Giorgia …

Nichts für schwache Nerven: Unter Lords Bauch ist Giorgia dem Boden schon sehr nah. (© Eventsthroughalense)
Hooforia: Gibt es Pferde mit „Show Gen“?
Giorgia: Es gibt definitiv Pferde, die das „Show Gen“ in sich tragen, und das ist auch wichtig für diese Art von Arbeit. Ich habe aber auch schon mit Pferden gearbeitet, die die Shows nicht genossen haben. Da muss man dann ehrlich mit sich sein und diese Pferde dem Stress eines Showlebens nicht aussetzen. Glücklicherweise habe ich das vorher ganz gut im Gefühl. So unterschiedlich meine Pferde sind, eines haben sie alle gemeinsam: sie blühen auf der Bühne total auf. Je mehr Zuschauer, desto besser.
Wenn auch nicht auf großer Bühne, könnten denn alle Pferde Trickreiten lernen?
Generell ja. Besser geeignet sind diejenigen, die schon von Natur aus kräftig, ausbalanciert und eher mutig sind. Iberische Rassen sind prädestiniert dafür, da sie so arbeits- und menschenorientiert sind. Aber selbst nervöse Pferde können Trickreiten lernen, es kommt auf das Pferd an, und ich höre da auf mein Gefühl. Mein bestes Trickreitpferd Lord zum Beispiel war früher ein nervliches Wrack. Unsere gemeinsame Entwicklung mit Horsemanship und Liberty Training, aber vor allem das Trickreiten haben ihm letztlich so viel Selbstbewusstsein gegeben.

Einfach mal hängen lassen? No way! Der Side Back Bend auf Sereno hat es ganz schön in sich… (© Mini Cook Photography)
Kann man erkennen, ob den Pferden diese Disziplin Spaß macht?
Ich habe schon vielfach die Erfahrung gemacht, dass Pferde das Trickreiten lieben. Es gibt ihnen ein Gefühl von Freiheit und Verantwortung. Und viele Pferde nehmen das mit Stolz an und wachsen enorm daran.
Wir hatten mal ein Pferd für eine Show, das seine Reiter bei normalen Einsätzen reihenweise abgebockt hat. Irgendwer kam dann auf die Idee, ihm das Trickreiten beizubringen, und der kleine Kerl hat darin seine absolute Berufung gefunden. Inzwischen ist er ein stolzes, selbstbewusstes Showpferd, auf dem die weniger routinierten Trickreiter ihre ersten Erfahrungen sammeln.
Wie intensiv müssen deine Pferde, die ja professionelle Showstars sind, arbeiten?
Die Pferde arbeiten zwischen drei bis fünf Mal pro die Woche. Ich plane das Training meiner Pferde grob auf einem Kalender, um dem Ganzen eine Struktur zu geben, aber entscheide bei Bedarf auch kurzfristig um. Das Geschehen dokumentiere ich detailliert in einzelnen Tagebüchern. Dadurch habe ich jedes Pferd mit seinen Bedürfnissen, Gefühlen und Problemen gut im Blick.
Außerdem bilde ich meine Shows und orientiere die Einsätze bei anderen Events aus den Stärken meiner jeweiligen Pferde heraus. Das heißt, das Programm ist schon auf jedes Pferd zugeschnitten und kommt ihnen zugute. Zudem bekommen meine Pferde ein Rundum-Paket wie echte Athleten: Ausgleichstraining, Physiotherapie, Osteopathie und immer wieder Phasen der Regeneration.

Wenn das Rampenlicht erlischt und der letzte Applaus verklungen ist, endet die Arbeit für Giorgia nicht. (© Hanna Lukasiewicz)
Welche Position nimmst du in eurem Team ein?
Wir haben eine liebevolle familiäre Beziehung, und jedermanns Meinungen, Gefühle und Bedürfnisse werden beachtet. Am Ende entscheide dann aber trotzdem ich, wo es langgeht, im Grunde so wie das Oberhaupt einer Familie. Wir leben ja in einer menschlichen Welt, und nur so kann sichergestellt werden, dass wir alle gut und sicher durchkommen. Ich höre meinen Pferden aber zu und nehme ihre Vorschläge oder Sorgen auch ernst und beziehe das in meine Entscheidungen mit ein. Also würde ich sagen: Leadership UND Teamwork.
Was können wir „normalen Reiter“ von dir lernen?
Die „normalen Reiter“ können von mir lernen, dass es Pferden guttut, eine gewisse Eigenverantwortung zu tragen. Micromanagement tut niemandem gut und zerstört am Ende nur Beziehungen. Wo bleiben denn da der Respekt und das Vertrauen? Das ist übrigens auch zwischen Menschen so.
Wenn du eine Show komponieren könntest, würdest du …
… würde ich, und das WERDE ich, eine Show im Style von Cirque du Soleil, aber mit den Pferden auf die Beine stellen. Ich möchte Tanz, Akrobatik und Pferdekunst noch mehr verbinden und dabei sehen, was alles möglich ist, wenn die verschiedenen Künste komplett fließende Übergänge finden.
Steckbrief von Giorgia Kolias
- Alter: 30
- Größe: 168 cm
- Schule und Ausbildung: Abitur 2015; 2015–2016: Musical Ausbildung angefangen, aber abgebrochen, weil ich die Pferde zu sehr vermisst habe; seit 2016: Lernen und arbeiten mit Pferden in Shows, Reitställen und beim Film
- Lieblingsessen: Sushi, Nudeln mit Tomatensoße oder Pommes – ich bin aber generell ein riesiger Fan von gutem Essen in jegliche Richtung
- Lieblingsgetränk: Holunderblütenschorle
- Lieblingsfilm: Wahrscheinlich „Avatar“ – oh, und natürlich „Spirit“! Aber generell mag ich alles, was Science Fiction, Fantasy oder Musical ist.
- Bucketlist: Fallschirmspringen, Show in Dubai oder irgendwo in Amerika performen, nach Afrika und Sibirien reisen, und einen Tauchschein würde ich auch gerne noch machen. Irgendwann eine Familie gründen…


