Turniertierarzt Michael Köhler im Interview mit HOOFORIA. © GPM

Turniertierarzt Michael Köhler im Interview mit HOOFORIA.

Wenn über Pferdewohl im Spitzensport diskutiert wird, dann gehört Dr. Michael Köhler zu den Menschen, die beide Seiten kennen: die emotionale öffentliche Debatte – und den Alltag direkt am Abreiteplatz. Der erfahrene Turniertierarzt begleitet den internationalen Springsport seit vielen Jahren, betreut das Hamburger Derby tierärztlich und engagiert sich unter anderem in dem Forschungsprojekt Horse Watch. Im Gespräch mit HOOFORIA erklärt er, warum das Derby trotz seiner Tradition heute deutlich sicherer ist als früher, wie sehr sich die Kontrollen verändert haben – und weshalb er persönlich gut ohne Schlaufzügel leben könnte. „Das Derby ist natürlich das Turnier schlechthin. Das ist eine Prüfung, die wir seit vielen Jahrzehnten kennen“, sagt Köhler. Kurz vor dem 95. Jubiläum steht Hamburg wie kaum ein anderes Turnier für Tradition. Gleichzeitig habe sich im Hintergrund enorm viel verändert.

Hamburger Derby heute sicherer als früher

Von außen sehe vieles noch genauso aus wie früher. Der Wall, das Pulvermannsgrab oder der Buschoxer seien nach wie vor ikonische Derby-Hindernisse. Technisch allerdings habe sich der Parcours massiv weiterentwickelt. „Man hat vieles gemacht, um die Sicherheit zu erhöhen.“ Früher seien manche Elemente tatsächlich deutlich gefährlicher gewesen. Gerade der frühere Buschoxer habe Pferde teilweise dazu verleitet, zu versuchen, dort aufzufußen. Heute würden Auflagen flacher gebaut, Elemente beweglicher konstruiert und Hindernisse so angepasst, dass sie weiterhin schwer, aber fair bleiben.

Warm-Up auf dem Derby streng unter Kontrolle

Denn, davon ist Michael Köhler überzeugt: „Wir können uns schlechte Bilder im Pferdesport gar nicht mehr erlauben.“ Nicht nur Veranstalter und Tierärzte seien sensibilisiert, sondern auch Reiter, Zuschauer und Offizielle. Gerade auf einem Turnier wie dem Hamburger Derby sei die tierärztliche Präsenz deshalb enorm wichtig. Köhler beschreibt ein enges Zusammenspiel zwischen Tierärzten, Stewards und Richtern. Kleine Verletzungen, auffällige Bewegungen im Warm-Up, zu lange zu enges Reiten würden früh kontrolliert.

Bloodrule: Kontrollen auf internationalen Turnieren strenger

Gerade durch die neue FEI-Blutregelung werde von der Öffentlichkeit heute noch genauer hingeschaut, doch Köhler sagt, dass diese im tiermedizinischen Alltag eigentlich kaum einen Unterschied macht. Gleichzeitig betont Köhler, dass die Kontrollen auf internationalen Turnieren heute deutlich strenger seien als früher. „Es gibt inzwischen überall Stewards.“ Dazu kämen tierärztliche Präsenz, Ausrüstungskontrollen, auch an den Beinen und Nasenriemenkontrollen.

Michael Köhler: „Könnte gut ohne Schlaufzügel leben“

Und was denkt er zum Thema Schlaufzügel, die nach wie vor im internationalen Springsport beim Abreiten erlaubt sind? „Persönlich könnte ich gut ohne leben.“ Gerade weil Bilder von Hilfszügeln öffentlich immer stärker hinterfragt würden, müsse der Sport langfristig umdenken. „Wir müssen im besten Falle dahin kommen, dass zugelassenes Equipment im internationalen Sport künftig noch stärker überdacht wird – gemeinsam mit Reitern, Trainern, Tierärzten und Ethikern. Denn Köhler glaubt, dass der langfristige Erfolg nur mit ehrlichem Reiten zu erlangen sei.
Vor allem die Vorbildfunktion des Spitzensports spiele dabei eine große Rolle. Denn Hilfszügel könne sich jeder im Reitsportladen kaufen. Aber bedienen könne sie eben nicht jeder.

Warum Derby-Pferde besonders sind

Dass das Hamburger Derby bis heute fasziniert, liegt für Köhler vor allem an der Besonderheit der Pferde und der Aufgabe selbst. „Das ist der schwerste Parcours der Welt.“ Allerdings nicht wegen komplizierter Linienführungen, sondern wegen der besonderen Naturhindernisse, Untergründe und optischen Reize. „Da kommt plötzlich dieses glitzernde blaue Wasser, die Kulisse ist besonders, die Zuschauer sind nah dran. Ein Derby-Pferd muss deshalb nicht nur springen können, sondern vor allem konzentriert, mutig und mental stabil bleiben. Und er ist sich sicher: „Wenn das Pferd das nicht will, dann zieht es die Bremse.“ Zwingen könne man ein Pferd nicht, den Wall hinunterzugehen, wenn das Vertrauen nicht da sei. Gerades deshalb brauche es spezielle Vorbereitung, Kondition und Vertrauensarbeit zwischen Pferd und Reiter. Viele Derby-Pferde würden gezielt und über lange Zeit aufgebaut. „Ich kann nicht zu Hause 300 Meter Parcours reiten und hier 1200 Meter Derby.“ Besonders begeistert zeigt sich Köhler von Reitern, die trotz hoher Anforderungen ruhig und stilistisch fein reiten. „Da gibt es Leute, die wirklich stilistisch so gut reiten, dass es ein Genuss ist, zuzusehen.“ Auch die zahlreichen Pferde, die noch mit 17 oder 18 Jahren frisch und fit durch den Derby-Parcours galoppierten, bestätigen den Ansatz des Tierarztes: „Wenn wir die Pferde gesunderhaltend trainieren und halten, dann bleiben sie lange gesund und können sogar solche Anforderungen noch meistern. Das ist schon ein Traum, dass ich das immer wieder sehe.“

 

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