Simon Heineke mit Cordillo im Derby in Hamburg 2026.
Das Hamburger Derby gilt als das schwerste Springen der Welt. Feste Naturhindernisse, der legendäre Wall, tausende Zuschauer und ein Parcours, der Pferde und Reiter mental wie körperlich fordert wie kaum ein anderer. Für Springreiter Simon Heineke ist das Derby trotzdem – oder gerade deshalb – jedes Jahr der emotionale Höhepunkt der Saison. Im Gespräch mit HOOFORIA erzählt der „Fast-Hamburger“, warum Derby-Pferde anders ticken müssen, weshalb sich die Atmosphäre in Hamburg von allen anderen Turnieren unterscheidet – und warum ein 18-jähriges Derby-Pferd für ihn das beste Argument in der Pferdewohl-Debatte ist.
„Ich glaube, es gibt keinen Parcours, der so ist wie das Hamburger Derby“, erzählt uns Simon, während er in der Box der zehnjährigen Stute Call Me Pretty steht und ihr ein paar Krauleinheiten schenkt. Seit 2012 ist Simon Bereiter auf dem Moorhof der Familie Herz in Wedel, die Comme il Faut-Tochter Call Me Pretty wurde vom Stall Moorhof gezogen und war auf dem Derby beim 1,40-Meter-Eröffnungsspringen bereits siegreich. Für Simon Heineke selbst ist das Turnier aber weit mehr als nur ein sportlicher Termin. Familie, Freunde, Arbeitgeber – in Hamburg sei immer „das ganze Umfeld“ dabei. „Es ist vor der Haustür. Deswegen ist es immer das Highlight für uns im Jahr.“
Warum das Hamburger Derby so besonders ist
Dass das Derby eine besondere Stimmung hat, bestätigt uns der Profi-Springreiter sofort. Und zwar nicht nur wegen der Tradition. „Wenn man da reinreitet und es einmal laut wird – und dann plötzlich ganz leise – das ist schon ein Gänsehautgefühl.“ Gerade der Derby-Sonntag sei etwas, das man kaum mit anderen Turnieren vergleichen könne. Volle Tribünen, enorme Spannung und Hindernisse, die selbst erfahrenen Reiterinnen und Reitern Respekt einflößen. Denn: „Hamburg hat seine eigenen Gesetze.“
Derby-Pferde brauchen Mut – und Cleverness
Im Mittelpunkt des Hamburger Derbys stehen nicht nur die Reiter, sondern vor allem die Pferde. Und genau die seien im Derby eben keine „normalen“ Springpferde, wie Simon Heineke sicher weiß. Sicherlich müssten sie unendliches Vermögen haben, aber sie brauchten auch Mut, viel Charakter, Cleverness. „Und auf jeden Fall keine Angst.“ Viele Hindernisse trainiert der Bereiter zu Hause. Auf der eigenen Anlage wurden Wall, Naturhindernisse und Derby-Elemente nachgebaut – natürlich kleiner als im Original. „Man muss das mit Vertrauen üben, das ein bisschen normaler werden lassen. Aber trotzdem: Das Derby kann man nicht wirklich simulieren. Am Sonntag können immer Dinge passieren, die man nicht vorhersehen kann.“

Erfahrenes Pferd: Cordillo ist 18 und topfit. Reiter Simon Heineke schafft mit ihm in der 2. Derby-Quali eine Nullrunde. (© Stefan Lafrentz)
„Ein Derby-Sieger muss gemacht werden“
Besonders interessant: Simon Heineke glaubt nicht daran, dass Derby-Pferde einfach „geboren“ werden. Für ihn entsteht ein Derby-Pferd über Jahre hinweg. Oder kurz gefasst: „Ein Derby-Sieger muss gemacht werden. Die Pferde wachsen mit ihren Aufgaben, entwickeln sich Schritt für Schritt weiter – oder eben auch nicht. Bei manchen spürt man auch schnell, dass sie sich für ein solches Turnier nicht eignen.“
Dass der 33-Jährige aktuell mit einem erfahrenen Derby-Pferd unterwegs ist, hilft ihm natürlich enorm. Der Wallach Cordillo gewann das Derby bereits unter Nisse Lüneburg und kennt die besonderen Anforderungen genau.
Derby-Woche bedeutet Druck – auch mental
Neben der sportlichen Herausforderung beschreibt Simon Heineke vor allem die mentale Belastung einer Derby-Woche als intensiv. „Man macht sich unbewusst selber viel Druck, auch wenn man es nicht möchte und es auch nach außen hin nicht immer so zu sehen ist.“ Gerade weil Hamburg so emotional aufgeladen sei und man vor Familie, Freunden und großem Publikum reite, entstehe eine besondere Anspannung. Deshalb weiß er auch schon jetzt: „Wenn der Sonntag vorbei ist, fällt man erstmal in ein Loch und braucht einen kurzen Moment zum Durchatmen.“ Deshalb seien Routinen extrem wichtig. Vor dem Derby-Ritt zieht sich Heinecke bewusst zurück. „Ich setze mich meistens erstmal in Ruhe auf einen Stuhl vor der Pferdebox und sammle mich.“ Oft schaut er sich vorher noch einmal die beste Runde der vergangenen Tage an, um Selbstvertrauen mitzunehmen. Und wahrscheinlich streichelt er auch einen der beiden Hunde, die das Team rund um den Springreiter immer begleiten und im Stallzelt immer mit dabei sind.
Pferdewohl im Derby: „Das geht nur im Einklang“
Natürlich nimmt der Springreiter auch die Diskussionen um Pferdewohl und öffentliche Kritik am Spitzensport wahr. Für ihn steht allerdings fest: „Eine gute Leistung im Derby ist nur möglich, wenn das Pferd mitmachen will. Das geht nur als Team.“ Und er weist auch darauf hin, dass sich bereits viel im Sport verändert hat. Sicherheitsmechanismen im Parcours seien weiterentwickelt, Kontrollen strenger geworden. Und dass Zuschauer und die Öffentlichkeit heute sensibler hinschauen, findet er richtig. Der Reitsport müsse lernen, sich nach außen besser darzustellen. „Wir müssen bewusst zeigen, wie gut es unseren Pferden geht.“
Ein 18-jähriges Derby-Pferd als Antwort auf Kritik?
Dabei zeigt er in die Nachbarbox, in der steht gerade tiefenentspannt Cordillo, wälzt sich, knabbert im Liegen noch ein paar Halme Heu. Der inzwischen 18-Jährige wird gezielt geschont, geht viel ins Gelände oder an den Strand von St. Peter-Ording – statt permanent auf dem Springplatz zu arbeiten. „Wir machen eigentlich alles möglich, damit er die Freude behält.“ Der Braune ist wach und klar, hat gute Laune und Lust aufs Derby, steht körperlich sehr gut da. Für Heineke ist genau das ein Zeichen dafür, dass Spitzensport und Pferdewohl kein Widerspruch sein müssen. „Dass wir mit 18 Jahren noch ein Pferd im Derby reiten, ist eigentlich Werbung für unseren Sport. Und wir sind nicht unbedingt ein Einzelfall, es gibt auch noch einige 17-Jährige hier. Langlebige, robuste und gesunde Pferde sind kein Zufall. Es zeigt, dass wir einen gesunderhaltenden Sport betreiben können.“
