Das Hamburger Galopp-Derby zählt zu den Höhepunkten des deutschen Galopprennsports (Symbolfoto, 2024).
Während bundesweit immer mehr Turniere wegen der angekündigten Hitzewelle abgesagt werden, hält das Hamburger Galopp-Derby an seiner Durchführung fest. Veranstaltungen in Medingen, Ilsfeld, Wolfsburg, Elmshorn oder Holzerode haben sich in den vergangenen Tagen gegen einen Start entschieden. Die Begründung ist fast überall dieselbe: Das Wohl der Pferde steht an erster Stelle.
Doch warum kommt Hamburg zu einer anderen Einschätzung? Genau dieser Frage ist Hooforia bei der Pressekonferenz des Hamburger Galopp-Derbys nachgegangen. Wir wollten wissen, welche Überlegungen hinter der Entscheidung stehen, die Veranstaltung trotz Temperaturen von deutlich über 30 Grad durchzuführen – und ob dies aus Sicht der Verantwortlichen und Experten mit dem Pferdewohl vereinbar ist.
Viele Veranstalter ziehen die Reißleine
Der Krefelder Rennclub hatte erst vor wenigen Tagen seinen für Samstag geplanten Renntag aufgrund der angekündigten Temperaturen abgesagt. Rennclub-Präsident Horst Wittfeld begründete die Entscheidung mit einer Hitzewarnung von bis zu 40 Grad und verwies auf die Verantwortung gegenüber Pferden, Reitern, Mitarbeitenden und Zuschauern. Selbst eine Verlegung der Rennen in die frühen Morgen- oder späten Abendstunden sei aus Sicht der Verantwortlichen keine zufriedenstellende Lösung gewesen.
Und der Klosterhof Medingen erklärte beispielsweise, dass sich eine „verantwortungsvolle und pferdegerechte Durchführung der Veranstaltung“ unter den angekündigten Wetterbedingungen nicht gewährleisten lasse. Auch andere Veranstalter kamen in den vergangenen Tagen zu ähnlichen Einschätzungen.
Das Hamburger Galopp-Derby geht hingegen einen anderen Weg. Auf der Rennbahn in Hamburg-Horn stehen insgesamt 44 Rennen mit Preisgeldern von rund 1,5 Millionen Euro auf dem Programm.
Die Renntage 2026 im Überblick
28. Juni: Familienrenntag, Sparkasse Holstein-Cup (30.000 Euro)
2. Juli: Großer Preis von LOTTO Hamburg (55.000 Euro), 4 Trabrennen
4. Juli: Wettstar.de Großer Hansa-Preis (70.000 Euro)
5. Juli: 157. IDEE Deutsches Derby (650.000 Euro)
Während andernorts Veranstaltungen abgesagt werden, setzen die Verantwortlichen in Hamburg auf umfangreiche Schutzmaßnahmen und eine individuelle Bewertung der Situation. Wegen der erwarteten Hitzewelle wird allerdings am kommenden Sonntag der erste Start um eine Stunde auf 9.45 Uhr vorverlegt. Außerdem soll das zehnte Rennen entfallen.
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„Wir haben gestern noch vier zusätzliche Wassernebel-Ventilatoren organisiert“
Volker Linde, Präsident des Hamburger Renn-Clubs, sieht die Voraussetzungen in Hamburg anders als bei vielen abgesagten Veranstaltungen. „Man kann die Situation nicht einfach mit anderen Veranstaltungen vergleichen“, sagte er im Gespräch mit Hooforia.
Der Veranstalter habe sich intensiv auf die Wetterlage vorbereitet. Bereits seit Tagen beschäftige man sich mit zusätzlichen Maßnahmen zum Schutz der Pferde.„Wir haben noch vier zusätzliche Wassernebel-Ventilatoren organisiert“, so Linde. Hinzu kommen zusätzliche Wasserstellen, Kühlmöglichkeiten sowie eine permanente tierärztliche Betreuung auf dem Gelände. Die Wetterentwicklung werde fortlaufend beobachtet.

Bei der Pressekonferenz zum Hamburger Galopp-Derby beantworteten Vertreter des Hamburger Renn-Clubs, des Galopprennsports und weiterer Partner Fragen rund um die Veranstaltung – darunter auch zum Umgang mit den angekündigten hohen Temperaturen. Foto: Isabella Sauer
Einen festen Temperaturwert, ab dem die Veranstaltung abgesagt werden müsste, sieht Linde allerdings nicht. „Das kann man nicht an einer bestimmten Gradzahl festmachen“, sagte er. Entscheidend seien auch Faktoren wie Luftfeuchtigkeit, Windverhältnisse, Sonneneinstrahlung und die konkreten Bedingungen vor Ort.
Galopprennpferde sind Hochleistungsathleten
Ein weiterer Aspekt, den die Verantwortlichen hervorheben, ist die besondere Situation im Galopprennsport. Die Pferde werden gezielt auf ihre Aufgaben vorbereitet, täglich trainiert und während einer Veranstaltung engmaschig überwacht. Anders als viele Freizeitpferde sind sie an hohe körperliche Belastungen gewöhnt.
Linde verweist darauf, dass Gesundheit und Leistungsfähigkeit unmittelbar miteinander verknüpft sind. Ein Pferd, das unter den Bedingungen leidet oder gesundheitlich beeinträchtigt ist, könne seine Leistung nicht abrufen. Gerade deshalb, so die Argumentation der Verantwortlichen, bestehe ein großes Eigeninteresse daran, Risiken möglichst frühzeitig zu erkennen und zu minimieren.
„Die Temperatur allein sagt noch nicht aus, wie belastend die Situation tatsächlich ist“
Eine wichtige fachliche Einordnung liefert Dr. Dominique Rauch. Die Veterinärmedizinerin und Pferdewissenschaftlerin arbeitet für das Gestüt Ittlingen, das beim diesjährigen Hamburger Derby mit zwei Pferden vertreten ist. Sie kennt die Situation damit sowohl aus wissenschaftlicher Sicht als auch aus der täglichen Praxis des Rennsports.
Im Interview machte Rauch deutlich, dass die aktuelle Diskussion häufig zu stark auf die reine Temperatur reduziert werde. „Die Temperatur allein sagt noch nicht aus, wie belastend die Situation tatsächlich für das Pferd ist“, erklärte sie. Vielmehr müsse eine Vielzahl weiterer Faktoren berücksichtigt werden.
Dazu zählen unter anderem:
- Luftfeuchtigkeit
- Windgeschwindigkeit
- Sonneneinstrahlung
- Bodenverhältnisse
- Dauer der Belastung
- Trainingszustand und Fitness der Pferde
„Ein gut trainiertes Pferd geht mit solchen Bedingungen anders um als ein untrainiertes Pferd“, so Rauch weiter. Aus ihrer Sicht sei es deshalb schwierig, allgemeingültige Grenzwerte festzulegen. „Es gibt keine Zahl, bei der man automatisch sagen kann: Jetzt darf kein Pferd mehr starten.“
Dass das Gestüt Ittlingen selbst mit zwei Pferden beim Derby-Meeting vertreten ist, macht die Diskussion für Rauch keineswegs theoretisch. „Natürlich beschäftigen wir uns intensiv mit der Wetterlage“, machte sie deutlich. Gerade deshalb sei es wichtig, jedes Pferd individuell zu betrachten und dessen Belastbarkeit realistisch einzuschätzen.
Die Verantwortung liegt nicht nur beim Veranstalter
Für Rauch endet die Verantwortung nicht beim Veranstalter. Vielmehr seien auch Trainer, Besitzer und Betreuer gefragt, die Verfassung ihrer Pferde realistisch einzuschätzen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen.
„Wenn ein Pferd die Bedingungen nicht verträgt oder Anzeichen zeigt, dass es mit der Belastung nicht zurechtkommt, dann muss man sich gegen einen Start entscheiden“, sagte sie. Die Veterinärmedizinerin betonte mehrfach, dass jedes Pferd individuell betrachtet werden müsse. „Man muss jedes Pferd einzeln beurteilen.“

Dr. Dominique Rauch ist Veterinärmedizinerin und Pferdewissenschaftlerin beim Gestüt Ittlingen. Das Gestüt ist beim diesjährigen Derby mit zwei Pferden vertreten. Foto: Isabella Sauer
Nicht jedes Pferd müsse zwangsläufig starten, nur weil eine Veranstaltung stattfinde. Die Verantwortung für diese Entscheidung liege letztlich bei den Menschen, die das Pferd täglich betreuen und am besten kennen.
Was sagen andere Fachleute?
Die Einschätzung deckt sich mit Aussagen von Pferdesport Deutschland. Dr. Henrike Lagershausen, Leiterin Veterinärmedizin und Tierschutz, hatte bereits darauf hingewiesen, dass hohe Temperaturen zwar eine Herausforderung darstellen, die Belastung aber von deutlich mehr Faktoren abhängt als von der Temperatur allein.
Veranstalter können die Situation unter anderem durch zusätzliche Wasserstellen, Waschplätze, Schattenbereiche, Boxen statt Anhängeraufenthalte oder Anpassungen der Zeitpläne entschärfen. Eine pauschale Temperaturgrenze für Absagen gibt es laut Lagershausen nicht.
Stattdessen wird zunehmend der sogenannte WBGT-Index (Wet Bulb Globe Temperature) genutzt. Dieser berücksichtigt neben der Temperatur auch Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Windgeschwindigkeit und liefert damit ein deutlich genaueres Bild der tatsächlichen Hitzebelastung.
Wetterdebatte wird Pferdebranche künftig begleiten
Die aktuelle Hitzewelle zeigt, wie unterschiedlich Veranstalter derzeit mit extremen Wetterlagen umgehen. Während einige Turniere vorsorglich abgesagt werden, setzen andere auf umfangreiche Schutzmaßnahmen und individuelle Risikoabwägungen. Das Hamburger Galopp-Derby in Horn gehört aktuell zur zweiten Gruppe.
Ob dieser Weg der richtige ist, darüber wird in der Pferdewelt kontrovers diskutiert. Die Verantwortlichen verweisen auf zusätzliche Schutzmaßnahmen und eine laufende Bewertung der Situation. Andere Veranstalter sind zu einer anderen Einschätzung gekommen und haben ihre Veranstaltungen abgesagt.
Fest steht: Die Debatte wird die Pferdebranche auch künftig begleiten. Denn mit zunehmenden Wetterextremen werden Veranstalter immer häufiger Entscheidungen treffen müssen, die sportliche Interessen und Pferdewohl miteinander in Einklang bringen sollen.
Genau hier setzt auch die von Hooforia initiierte Kampagne #doitride an. Die Initiative wirbt dafür, das Pferdewohl in den Mittelpunkt zu stellen und Verantwortung sichtbar zu machen.