Meredith Michaels-Beerbaum und Angela Merkel © Dirk Caremans

Zwei Rekordhalterinnen: Die erste Frau an der Spitze der Springreiter-Weltrangliste und die erste Bundeskanzlerin.

Das große Fragezeichen

Im Sommer 2006 war ich Anfang 20 und das Leben ein großes Fragezeichen. Studium und Job, Familie, persönliches Glück und Gesundheit – das wünscht sich jeder. Bei mir verzögerte sich allein schon das Abitur. Gut anderthalb Jahre zuvor war bei mir kurz vor den Prüfungen Diabetes Typ 1 diagnostiziert worden. Ich lag im Koma und nahm von der Intensivstation obendrein eine großflächige Brandnarbe mit. Doch hier geht es nicht um Mitleid. Warum auch? Denn so hat alles begonnen und ich freue mich, diesen Beitrag für HOOFORIA zu schreiben.

Ich hinterfragte damals meine scheinbar ‚sicheren‘ Pläne vom Germanistikstudium und einem Leben als Bibliothekarin. Stattdessen wollte ich einen neuen, eigenen Weg gehen. Ich wollte schreiben. Mein Leben lang verfasste bereits ich Kurzgeschichten. Meine Aufsätze waren stets mit den besten Noten versehen und als Achtjährige entwarf ich mit ‚Xandi‘ meine eigene Version der ‚Wendy‘. Dennoch hörte ich an allen Ecken und Enden: „Das ist doch kein Beruf!“ Wie würde ich mir das nur vorstellen?

Worte wie diese lassen Menschen zurückschrecken. Doch das konnte ich nach allem, was zuvor auf mich eingeprasselt war, nicht mehr an mich heranlassen. Kurz vor den Weltreiterspielen hatte ich endlich extern mein Abi in der Tasche.

Pferde waren für mich schon immer etwas ganz Besonderes. Allerdings gab es keine großen Sprünge. Ferien auf dem Reiterhof waren drin, der Ritt auf dem Pony von Schulkameraden und ab und zu die Fahrt nach München zu den damals großen Turnieren Pferd International und Munich Indoors. Darüber hinaus verfolgte ich mit Begeisterung seit frühester Kindheit den Sport in Fachzeitschriften und im Fernsehen.

Amadeus und das Popkonzert

Allein schon, dass Teile der Eröffnungsfeier im TV übertragen wurden, war in diesen Tagen besonders. Ich konnte – auch im tiefsten Oberbayern – live dabei sein. Und die Weltreiterspiele in Aachen 2006 waren vom ersten Moment ein Event der Superlative.

Im Sog der Fußball-Weltmeisterschaften im eigenen Land schwammen sie zunächst mit – und nahmen schließlich ihren eigenen Weg. Alle jubelten: die TV-Quotenmeter, Tagesschau, Spiegel, Bild und Co. und am Ende sogar die Politik samt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es war ein Sommermärchen – und zeigte mir jeden Tag aufs Neue, was Menschen mit Begeisterung, Willensstärke und in diesem Fall einer tiefen Freundschaft zu ihrem Partner Pferd erreichen können.

Wenn dies vor den Weltreiterspielen jemand monetär vorausgesagt hätte, dann wäre er wohl reich belohnt worden. Ich wusste in diesem Moment: Es klappt also doch, genau das möglich zu machen, was selbst das eigene Umfeld scheinbar für unmöglich hält!

Gruppe Neuss-Grimmlinghausen

Die Voltigierer aus Neuss-Grimmlinghausen mit ihren Goldmedaillen. (© Dirk Caremans)

Ein erstes Beispiel waren die Voltigierer. Kai Vorberg verfolgte mit seinem Pferd Picasso einen goldenen Traum mit seiner innovativen Kür in der Rolle des Wolfgang Amadeus Mozart. Einem Werk, das in Sachen Ausdruckstärke und Einfallsreichtum seinesgleichen suchte – und das nur funktionierte, wenn wirklich alles perfekt war. Am Ende war es das, und Vorberg weinte auf dem Podium. 2026 ist er wieder in Aachen – als Bundestrainer.

Die Gruppe des RSV Neuss-Grimmlinghausen mit ihrem Pferd Cepin begeisterte ebenfalls. 8.000 Zuschauer jubelten vor Ort und ließen die Albert-Vahle-Halle zum Popkonzert werden. Eine zweistündige TV-Übertragung des Kür-Finales lief im WDR. Die zwölfjährige Pauline Riedl wurde als unerschrockener Obermann in die Luft gewirbelt. Durch einen plötzlichen Tempowechsel von Cepin mussten einige Turner unfreiwillig zu Boden. Gold schien von einem Moment auf den anderen verloren. Doch die Neusser kämpften. Das wurde belohnt. Platz drei in der Kür schimmerte Golden. Ein Happy End, das Voltigieren über die Pferdesport-Bubble hinaus bekannt machte.

Familientraum Gold

Ein ganz Großer beendete in Aachen 2006 seine Karriere: Michael Freund, der Vierspännerfahrer. Ich hatte ihn als kleines Kind gesehen. In München, wo damals noch die Fahrer unterwegs waren.

In Aachen saß Sohnemann Marco mit auf dem Bock, wann immer es möglich war. Ebenso begeistert vom Fahrsport wie der Papa. Christoph Sandmann hatte derweil Tochter Anna ‚im Gepäck‘. Gemeinsam holten Freund und Sandmann als Mannschaft mit Rainer Duen Gold. Für Christoph Sandmann kam Bronze im Einzel hinzu.

Gold für Christoph Sandmann, Michael Freund und Rainer Duen.

Gold für Christoph Sandmann, Michael Freund und Rainer Duen. (© Dirk Caremans)

Gold ging an Felix Marie Brasseur aus Belgien vor IJsbrand Chardon aus den Niederlanden. Der ist 20 Jahre später wieder dabei in Aachen. Nebst seinem ebenso erfolgreichen Sohn Bram. Ebenso wie Christoph Sandmann, welcher an der Seite von Tochter Anna startet. Was für ein Familientraum, der damit für beide Fahrsport-Familien in Erfüllung geht! Einmal Gold (und Bronze) in Aachen haben die Sandmanns bereits, bei den Chardons sind es Silber und Bronze. Wie geht es 2026 aus?

Die Sieger der Herzen

Hand hoch, wer in Aachen 2006 nicht mit den ‚Olympiasiegern der Herzen‘ aus dem Jahr 2004 mitfieberte? Keine Hände? Kein Wunder!

Der Protest um das doppelte Überreiten der Startlinie von Bettina Hoy und ihrem Ringwood Cockatoo ist eine jener Geschichten des Sports, die man am liebsten für immer vergessen würde. Ein Fehler zweifellos, der aber keinerlei Vorteile brachte. Bei dem man den sportlichen Anstand hätte wahren können. Doch am man verhandelte lieber am Grünen Tisch, entschied gegen Deutschland, tauschte Medaillen in Blech. Es war nicht mehr zu ändern.

Die deutschen Vielseitigkeits-Weltmeister von 2006

Die Goldenen Reiter in der Vielseitigkeit von 2006: Ostholt, Klimke, Hoy, Romeike. (© Dirk Caremans)

Was aber möglich war, das taten die deutschen Vielseitigkeitsreiter. Sie kämpften. Dass sie Top-Pferde in Top-Form mitbrachten, stand außer Zweifel. Frank Ostholt und Air Jordan, Hinrich Romeike und Marius, Ingrid Klimke und Sleep Late sowie eben Bettina Hoy mit Ringwood Cockatoo. Namen, die den Sport in den Mittelpunkt des Interesses brachten. Die ihm auch in Deutschland ein Gesicht verliehen, welches er im englischsprachigen Raum längst hatte. Aber konnte das Team die Erinnerungen an Athen verblassen lassen?

Ich war sicher nicht die Einzige, die sich vor Jubel kaum noch halten konnte, als es wirklich gelang. Deutschland ritt mit Traumrunden zu Gold. Es war wohl bezeichnend, dass damals die Sonne über der Soers herausblinzelte, während die meiste Zeit Regen vorherrschte. Groß war die Freude auch bei Zara Phillips. Als Enkelin der Queen zu Gold zu reiten, genau wie die eigene Mutter, Princess Anne – und dann aus deren Hand die Medaille zu bekommen. Für Zara ein Lebenstraum.

Zara Phillips und Toy Town

Zara Phillips, die Enkelin von Queen Elizabeth II, wird Weltmeisterin mit Tot Town. (© Dirk Caremans)

Satchmos große Stunde

Isabell Werth war auch schon vor 20 Jahren eine Legende – dank Gigolo. In Aachen läutete Satchmo den Reigen seiner Nachfolger ein.

Nach einer Durststrecke gewann Isabell Werth erneut Einzelgold im Grand Prix Special – und das fast schon erwartete Gold mit der Mannschaft. Die Aachenerin Nadine Capellmann mit Elvis, Heike Kemmer mit Bonaparte und Hubertus Schmidt mit Wansuela Suerte sowie der unvergessene Holger Schmezer als Bundestrainer waren ebenfalls Teil des Erfolgs. Ein Sieg mit Ansage und doch einer, der erst nach Hause gebracht werden musste.

Die goldenen Dressurreiter von Aachen.

Die goldenen Dressurreiter von Aachen – nicht nur dank der Decke! (© Dirk Caremans)

Als Kind war ich nicht ‚Team Werth‘, sondern ‚Team Uphoff‘. Doch was sie in Aachen mit Satchmo zeigte, der ihr damals eigentliches Top-Pferd Warum Nicht FRH ersetzte und nach einer Augenoperation den Auftritt seines Lebens hatte, beeindruckte mich. „Jetzt findet er sein Vertrauen wieder und kann beweisen, warum er für mich immer das beste Pferd war, das ich je geritten bin“, freute sich Werth damals.

20 Jahre später gehört Isabell Werth zu jenen, die nach Aachen zurückkehren. Als achtfache Olympiagold-Gewinnerin: Was für eine Leistung!

„Fly High, Shutterfly!“

Wer erinnert sich noch an diesen Schlachtruf? Er wurde von Fans und Kommentatoren genutzt. Denn wenn Shutterfly auftrat, dann herrschte absolute Stille im Stadion. Dann passierte etwas Besonderes. Mit Meredith Michaels-Beerbaum bildete der schüchterne Wallach ein kongeniales Paar.

Ich kann es nicht anders sagen, als dass ich ein Fan der beiden war. Schon allein MMB als erste Frau in der deutschen Nationalmannschaft der Springreiter und an der Spitze der Weltrangliste, waren (nicht nur für mich) Meilensteine. Sie betonte, dass sie daran glaubt, dass ‚unmögliche Träume wahr werden können‘.

Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly

Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly auf dem Sprung zu Bronze. (© Dirk Caremans)

Doch die Konkurrenz der Springreiter war alles andere als ein Traum. Zunächst fühlte sie sich eher an wie ein Albtraum. Der Mauerfall von Marcus Ehning und Küchengirl. Fehler von Ahlmann mit Cöster und MMB, mit denen keiner gerechnet hatte. Dann die erlösende Bronzemedaille, um die man gegen die Ukraine gezittert hatte.

Die Weltmeister: Jos Lansink und Cumano.

Die Weltmeister: Jos Lansink und Cumano. (© Dirk Caremans)

Im Einzel zwei unerwartete Abwürfe von ‚Leitwolf‘ Ludger Beerbaum und L‘Espoir. MMB und Shutterfly nebst zwei anderen Damen (Beezie Madden mit Authentic sowie Edwina Tops-Alexander mit Pialotta) im Finale. Ein Pferdewechsel, der an den Nerven von Reitern, Zuschauern und vor allem Pferden zerrte (und den es glücklicherweise nicht mehr gibt!). Nullrunden, die ein Stechen erforderten. Gold für Jos Lansink und den Weißen Riesen Cumano. Ein emotionaler Wirbelsturm, der im glücklichen Lachen von MMB beim Überreichen der Bronzemedaille durch Angela Merkel endete.

Und Marcus Ehning? Der kann nach Team-Bronze vor 20 Jahren 2026 wieder Edelmetall holen.

Ein Traum wird wahr

Meine erste Veröffentlichung entstand im Rahmen der Springreit-Europameisterschaften des Jahres 2007 in Mannheim. Ich hatte ein Studium der Kulturwissenschaften begonnen. Meredith Michaels-Beerbaum gewann mit Shutterfly endlich ihre ersehnte Einzelgoldmedaille. „Ein Traum wird wahr“ – so lautete der Titel meines Artikels über MMB.

Noch nicht für ein Fachmagazin geschrieben, sondern für die Plattform ‚wissen.de‘, welche damals ein Preisgeld für den ‚Artikel des Monats’ vergab. Was folgte, war mein persönlicher Traum. Der Artikel gewann den Preis und erschien im Print-Jahresrückblick des Chronik Verlages. Die persönliche Gratulation meiner Protagonistin halte ich bis heute in Ehren.

Meredith Michaels-Beerbaum in der Chronik des Jahres 2007

Der Anfang: Alexandra Kochs Betrag über Meredith Michaels-Beerbaum in der Chronik des Jahres 2007. (© Alexandra Koch)

Das war der Anfang. Fachmagazine in Deutschland, Schweiz, Österreich folgten kurze Zeit später. Reisen durch die Welt der Pferde und irgendwann von Spitzbergen bis Neuseeland weit darüber hinaus. Es heißt, man muss willensstark genug sein, um aus einem tiefen Tal herauszuklettern, dann kann man alles schaffen. Nicht für Mitleid oder Bewunderung, sondern für das eigene Lebensglück. Ich weiß, dass die Weltreiterspiele 2006 ihren Anteil daran hatten, dass der Journalismus im allgemeinen und der Reitsport Journalismus im Besonderen nicht zu einem Beruf, sondern einer Berufung wurden.

Denn Träume dürfen in Erfüllung gehen. In Aachen wird dies auch im Jahr 2026 viele Male passieren. Ich werde zusehen. #doitride-Momente voller Freude registrieren. Mitfiebern – und Schreiben.

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