Semmieke Rothenberger und Farrington in Hagen beim Nationenpreis.
Wenn zu Beginn des Jahres Semmieke Rothenberger erzählt hätte, dass sie als Ersatzreiterin fürs deutsche Dressur-Team nach Aachen reist, hätte sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Die einstige Seriensiegerin im Nachwuchsbereich hat ihn ihrem noch jungen Leben bereits alle Höhen und Tiefen erlebt. Der katastrophale Brand auf dem Familien-Gestüt Erlenhof im Jahr 2019, bei welchem mehrere Pferde ihr Leben verloren, hat die heute 26-Jährige und ihre ganze Familie demütig werden lassen. So gibt es für die Psychologiestudentin viel Wichtigeres als Siege und Medaillen. HOOFORIA-Autorin Alexandra Koch hat kurz vor der WM in Aachen exklusiv mit ‚Semmie‘ gesprochen.
„Farrie hat mich aus einer der schwierigsten Phasen geholt“
Dein Weg mit dem jetzt 16 Jahre alten Farrington ist ja eigentlich unglaublich! Ihr seid über Jahre gemeinsam gewachsen, wart mit der Mannschaft U25-Europameister. Vielleicht beschreibst du nochmal für HOOFORIA, wie lange ihr euch schon kennt und wie sich in dieser Zeit eure Beziehung entwickelt hat. Was schätzt du ganz besonders an Farrie?
Semmieke Rothenberger: Es ist wirklich eine unglaubliche Reise, die wir gemeinsam erleben dürfen. Wir sind seit Ende 2022 gemeinsam unterwegs und richtig eng zusammengewachsen. Als Farrington in mein Leben trat, befand ich mich in einer der schwierigsten Phasen meiner Reitkarriere und meines Lebens. Genauer darauf eingehen möchte ich nicht, aber ich musste aus einem mentalen Tief heraus. Und irgendwie kam dieses unglaubliche Pferd in mein Leben und hat alles verändert. Mit seinem gütigen Herzen, seiner unendlichen Großzügigkeit und der Freude, die er mir jeden Tag schenkt, hat er mich aus dieser Situation herausgeholt und mich daran erinnert, mutig zu sein und immer das Licht am Ende des Tunnels zu sehen.
Was ich an Farrington besonders schätze, ist seine Einstellung. Er ist jeden Tag motiviert, gut gelaunt und einfach ehrlich. Ich sage immer, er ist wie ein guter Wein … Er wird mit den Jahren immer besser. Unser Vertrauen in den anderen ist durch die tägliche Arbeit stetig gewachsen. Gerade weil er so fein und sensibel zu reiten ist, mussten wir uns erst aufeinander abstimmen. Umso schöner ist es, wie eng unsere Partnerschaft heute ist und wie eingespielt und vertraut wir sind. Er wird für immer eins der größten Geschenke in meinem Leben sein. Ganz egal, was für uns beide noch kommt!
„Ich werde das Team anfeuern ohne Ende“
Ihr beide seid nun als Ersatzpaar für die Weltmeisterschaften in Aachen benannt worden. Frederic Wandres hat uns berichtet, dass seine WM-Planung bereits zu Silvester begann. Du standest tatsächlich mit Farrie Anfang des Jahres noch auf keiner Liste. Kann man da überhaupt Richtung WM planen?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben nie weit vorausgeplant, sondern haben von Turnier zu Turnier immer weitergesehen. Mein Ziel war und ist immer, im Viereck das zeigen zu können, was Farrie zu Hause kann, und dieses Gefühl mit ins Viereck zu nehmen.
In den letzten Monaten haben ich und mein Umfeld, aber auch die Richter und die Öffentlichkeit gemerkt, wie unglaublich er sich entwickelt hat … Wie viel Kraft und Selbstvertrauen er im Viereck gewonnen hat. Spätestens in der Frankfurter Festhalle im vergangenen Dezember habe ich verstanden, dass er auch in einer so besonderen Atmosphäre über sich hinauswächst und sich dieser Aufgabe gewachsen fühlt. Von da an hatte ich das Gefühl, dass wir auf diesem Niveau wirklich gut mitmischen können mit der Konstanz und der ansteigenden Linie.
Bei der Sichtung in Hagen habe ich mir immer gesagt: Wir gehen die Sichtung und den Nationenpreis genauso an wie jedes andere Turnier. Farrie weiß schließlich nicht, warum das so enorm wichtig ist … für ihn ist es dieselbe Aufgabe wie immer. Mein Ziel war es, ihm Sicherheit zu geben und ihn bestmöglich glänzen zu lassen. Hätte mir jemand gesagt, dass wir eines Tages als erste Reserve für die Weltmeisterschaften in Aachen für eine der stärksten Dressurnationen der Welt nominiert würden, hätte ich das niemals geglaubt.
Insofern bin ich auch als fünfter Mann einfach nur glücklich! Ich werde das Team anfeuern ohne Ende. Für mich war schon Hagen wie Geburtstag und Weihnachten zusammen … Die Erfahrungen, die Entwicklung und das, was wir gemeinsam bis zum heutigen Tag aufgebaut haben, nimmt uns niemand mehr.
„Mein Lebensglück hängt nicht von einer Nominierung ab“
Du hast in deinem Leben auch schon sehr schlimme Phasen erlebt, wie vor allem die Brandkatastrophe bei euch im Jahr 2019. Relativiert so eine Erfahrung die Wichtigkeit einer WM-Nominierung? Wenn man weiß, dass eigentlich viel wichtiger ist, dass alle, Pferde und Menschen, gesund sind.
Ja, ich glaube schon, dass solche Erfahrungen die Perspektive verändern. Wenn man erlebt hat, wie schnell sich das Leben von einem Moment auf den anderen komplett verändern kann, dann erinnert es einen nochmal mehr daran, dass Gesundheit und das Wohl von Menschen und Pferden am Ende immer an erster Stelle stehen. Das bedeutet aber nicht, dass eine WM-Nominierung dadurch weniger wichtig wird. Im Gegenteil … ich bin ehrgeizig und arbeite jeden Tag für meine Ziele.

Semmieke und ihre Eltern, die Olympiamedaillen-Gewinner Sven und Gonnelien Rothenberger. (© S. Lafrentz)
Aber ich weiß heute auch, dass mein Lebensglück oder mein Wert als Mensch und Reiter nicht allein von einer Nominierung abhängen. Ich bin dankbar dafür, dass wir nach allem, was passiert ist, überhaupt wieder an diesem Punkt stehen als Familie und über solch schöne Dinge wie Aachen nachdenken. Das zeigt, wie viel wir gemeinsam geschafft haben. Ich feiere die vielen Erfolge in diesem Jahr, aber verliere nicht aus den Augen, was wirklich zählt und was wir bereits überwunden haben.
Alle Infos zur WM in Aachen gibt es hier.

