Zusammen ein Team: Philine Lindhorst und Cjell Aaron Richert mit Andrea Lindhorst an der Longe von Chagall.
Vor neun Jahren wechselte Chagall für einen Euro zur Familie Lindhorst. Heute trägt der Oldenburger Wallach Philine Lindhorst und Cjell Richert bei den Weltmeisterschaften in Aachen in den Zirkel. Wie aus einem schwierigen Pferd ein Spitzensportler wurde, warum Vertrauen wichtiger ist als ständige Veränderungen und weshalb dieses Familienprojekt seit Jahren so erfolgreich funktioniert.
In einer Familie hat jedes Familienmitglied seine Rolle, in die es hineinwächst. Und genau so ist das beim Erfolgs-Pas de-Deux-Paar Philine Lindhorst (24) und Cjell Richert (25). Die beiden Voltigierer, die von Philines Mutter Andrea Lindhorst longiert werden, sind auch seit vielen Jahren abseits des Zirkels ein Paar. Ihr Pferd Chagall, ein 16jähriger Oldenburger Springpferde-Wallach, kurz nach der Nominierung für die Weltmeisterschaften in Aachen von Pferdesport Deutschland zum Pferd der Woche gekürt, musste auch erst seine Rolle finden, als es vor neun Jahren für einen Euro von Bekannten zur Familie Lindhorst wechselte. Dass aus dem damals im Umgang sehr speziellen Fuchswallach, mit dem Philine und ihre Schwester Justine um die Galoppbahn ritten, mal ein Weltmeisterschaftspferd werden würde, das hätte sich zu dieser Zeit sicherlich niemand in der Familie träumen lassen.
Und mittlerweile ist klar: dieses Hamburger Erfolgsteam funktioniert nur in genau dieser Konstellation, kein Partner ist austauschbar, auch nicht Chagall. Dieses Wissen hilft dem Team auch in schwierigen Momenten, die selbstverständlich nicht ausbleiben, wenn man sich so nah ist. „Wir haben Probleme, die andere Paare nicht haben und andere Paare haben Probleme, die wir nicht haben“, sagen Cjell und Philine. „Würden wir nicht zusammen voltigieren, würden wir uns gar nicht sehen – wir haben ja beide auch noch Vollzeitjobs. So sind wir dann zwei Wochen in Belgien – aber eben zusammen und nicht getrennt“, lacht Cjell.
Warum dieses Familienteam so erfolgreich ist
Der Spirit dieses Familienteams wird getragen vom Glauben an die Pferde, Beharrlichkeit und der steten Suche nach der Optimierung der Form. Hierfür hat Andrea Lindhorst vor einigen Jahren erfolgreich eine Ausbildung zur Pferdeosteopathin und-physiotherapeutin absolviert und kann ihre Pferde behandeln, bevor aus manch kleiner Blockade eine große Sache wird. Schon immer lag der Fokus von Andrea auf dem Wohl ihrer Pferde – der richtige Stall, der perfekte Beschlag, das richtige Bewegungsmanagement, die individuell abgestimmten Futterzusätze. Dem Zufall hat sie in ihrer Rolle als Managerin des Familienunternehmens nie etwas überlassen.
Der holprige Start ins WM-Jahr
In das Weltmeisterschaftsjahr starteten Philine und Cjell etwas zäh – und das, obwohl sie, wie sie sagen, perfekt vorbereitet in die Saison starteten. Doch dann patzten sie bei den ersten Turnieren – einmal fiel Philine, einmal Cjell und einmal sie beide. „Das belastet natürlich“, sagt Philine, „und man fragt sich, wie lange man als Sportler in Vorleistung gehen muss, bevor es sich wirklich auszahlt.“ Doch ihre starke mentale Form hat sie getragen – coming back stronger: bei ihrer ersten Teilnahme an einem World Cup im belgischen Opgglabbeek lieferten sie dann die erste cleane Runde des Jahres ab und lagen nach dem ersten Tag mit großem Vorsprung auf Platz 1! Am Ende fuhren sie sehr zufrieden und um eine weitere Erfahrung reicher mit dem zweiten Platz nach Hause. Denn an Tag zwei war Chagall sowohl irritiert darüber, dass sich in der am ersten Tag leeren „Kiss and Cry“ Zone Teilnehmer befanden und außerdem auch das Lichtkonzept vollständig verändert worden war: so lief er im wahrsten Sinne des Wortes neben der Spur und baute bei jeder Runde einen Schlenker ein. Und trotzdem absolvierten die beiden ihre Prüfung – eine artistische Höchstleistung. Das Mentaltraining hat hier sicherlich sehr geholfen, sagen sie: „Wir haben allen gezeigt, wie krass unser Wille ist“.
Die Nominierung für die WM in Aachen
In Warendorf standen sie dann auf dem obersten Treppchen – und erfuhren Mitte Juni von ihrer Nominierung für die Weltmeisterschaften in Aachen. „Das ist einfach der Hammer“, freuen sie sich. „Letztes Jahr haben wir in einem Interview gesagt, dass wir nach Aachen wollen“, erzählt Philine schmunzelnd. „Dass das jetzt wirklich passiert, ist unglaublich.“ Natürlich ist mit dem Bundestrainer alles darauf abgestimmt worden – viele aktive Trainings am DOKR, Mental Coachings und darüber hinaus fuhr Andrea Lindhorst mit Chagall auch mal ohne Philine und Cjell zum Pferdetraining nach Warendorf. Der Bundestrainer Kai Vorberg spielt für das Team eine ganz große Rolle: „Er ist so unfassbar positiv – immer. Selbst wenn man etwas verpatzt, dann gibt es keine Klatsche, sondern er baut uns auf. Er findet immer die richtigen Worte und holt dich da ab, wo du bist. Das ist wirklich bereichernd für uns Sportler“, berichten Philine und Cjell.
So trainieren Philine und Cjell für Aachen
Wie ändert sich das Training vor Aachen? Never change a running system. Chagall genoss nach den beiden großen Erfolgen erstmal eine Pause. Und für die WM-Vorbereitung sind sich alle im Team einig: am Training wird hier nichts grundlegend geändert. Da sie Chagall nun schon viele Jahre kennen, wissen sie, dass er am besten in seiner optimierten Routine funktioniert und die wird genau so bleiben. Er wird wie immer genau drei Voltigiereinheiten pro Woche absolvieren. Dazwischen genießt er Abwechslung mit seiner langjährigen Reiterin oder geht auch gerne mit Cjell und Philine 20 Minuten joggen – auf dem Platz. Dazu kommen viele Stunden mit seiner Herde auf der Weide, die zu seinem täglichen Ablauf gehören. Dass er mit diesem System in Topform ist, hat er gerade anschaulich bewiesen. „Das Running System zu ändern, würde eher Unsicherheit schaffen“, finden beide. Für Chagall bleibt sein Training im seit Jahren bewährten Modus.
Hafer und Klee für Chagall
„Was das Futter angeht, wird er auch nicht umgestellt werden“, sagt das junge Team. „Wenn wir merken, dass ihm etwas fehlt, bekommt er vielleicht nochmal einen Zusatz, aber seine Ernährung ist immer sehr ausgewogen. In letzter Zeit geben wir ihm gerne ein paar Tage vor Hängerfahrten zusätzlich Magnesium zur Muskelentspannung – damit kommt er einfach lockerer wieder vom Hänger.“ Chagall sei schon etwas krüsch was sein Futter angeht, erzählen sie. „Am liebsten frisst er Hafer“, sagt Cjell und lacht: „Wenn wir früher von Turnieren zurückkamen, durfte er immer aus der großen Hafertonne fressen – das war für ihn das Größte, fast seinen ganzen Kopf darin zu versenken“. „Und“, ergänzt Cjell, „Chagall ist absolut abhängig von Klee“.

Ganz privat: Philine Lindhorst, Cjell Richert und ihr vierbeiniger Partner Chagall. (© Ylva Neumann)
Die größte Herausforderung vor der WM
Während sich Chagalls Leben vor der WM nicht ändert, intensivieren Philine und Cjell ihr Training in Zusammenarbeit mit dem Bundestrainerteam in den letzten sechs Wochen. „Normalerweise haben wir einen Tag pro Woche frei. Und dazwischen geht es aufs Movie, das wir zum Glück zuhause haben, aufs Rundlauf-Movie und wir planen regelmäßige Gym-Sessions. Allerdings sind das dann Hi-Intensity Trainings, denn für drei Stunden im Studio fehlt schlicht die Zeit.“ Dazu kommt natürlich intensive Grundlagen- und Ausdauertrainings – sei es mit dem Rad oder durch Joggen.
Gefragt nach dem größten Risiko in diesen letzten Wochen, antworten beide, dass sie die größte Gefahr darin sehen, Zuviel zu machen, den Moment zu verpassen, wo „der Luftballon ganz prall gefüllt ist“ und dann beim Turnier feststellen zu müssen, dass die Luft schon etwas raus ist. Letztlich ginge dieses Zuviel auch einher mit einem höheren Verletzungsrisiko. „Je erschöpfter du bist, desto größer das Risiko. Also, ja, wir gehen an die Grenzen, aber nicht, ohne auf den Körper zu hören“, sagt Cjell.

Ein Paar, auf dem Pferderücken und auch sonst: Das Volti-Team Cjell Richert und Philine Lindhorst freut sich auf die Weltmeisterschaften in Aachen. (© FEI/Daniel Kaiser)
Mit Plüschpferd und Lieblingslied in den WM-Zirkel
Nehmen Sie etwas Besonders mit zur WM? „Wir verwenden, wie alle Voltigierer, Schienbeinschoner und wir tragen Gürtel – ohne die funktioniert unsere Kür nicht“, verraten sie. Und Cjell ergänzt: „Dieses Jahr beim World Cup gab es für alle Teilnehmer ein kleines Plüschpferd – das nehmen wir auf jeden Fall auch mit nach Aachen.“ Weil sie vorher noch nie auf einem Championat gestartet waren, hatten sie beim World Cup noch kein eigenes Wappen, sondern bekamen eines von einer anderen Voltigiererin. „Das geht auch mit nach Aachen“, grinst Cjell, „auch wenn wir jetzt unsere eigenen haben.“
Vor dem Start werden sie, wie bei allen anderen Starts, gemeinsam ein Lied hören. Dann werden sie in ihren ersten Weltmeisterschaftszirkel einlaufen. Und es in vollen Zügen genießen. Denn, so sagen Philine und Cjell: „Wir freuen uns so sehr, dass wir dabei sind. Alles, was jetzt kommt, ist on top.“
Text: Ylva Neumann
