Hier schaut Christoph Hess besonders gern hin: In der Warm-up-Area beobachtet er, wie sich Pferde und Reiter auf ihren Auftritt im Stadion vorbereiten.
Christoph Hess steht bei der WM in Aachen dort, wo sich der große Sport noch nicht vor Zehntausenden Zuschauern abspielt. Am Abreiteplatz beobachtet er, wie sich Pferde und Reiter auf ihren Auftritt vorbereiten. Das eigentliche Springen verfolgt er dann über die Großbildleinwand. Warum bleibt einer, der den Reitsport seit Jahrzehnten als Trainer und Richter begleitet, ausgerechnet hier draußen? HOOFORIA hat direkt nach dem Siegesritt von Michael Jung mit ihm gesprochen.
„Ich bin ein Freund davon, die Pferde und die Reiter auf dem Vorbereitungsplatz zu beobachten“, sagt Hess. Ihn interessiere, was unmittelbar vor dem Einritt passiere: „Was machen sie, bevor es wirklich losgeht? Was macht ein Michael Jung, insbesondere, wenn er mit diesem Druck umgehen und dort jetzt hineinreiten muss?“ Gerade diese Momente brächten ihn besonders nah an den Sport. Näher sogar, sagt Hess, als ein Platz mitten im Stadion.
Hess Trainerblick: Nicht abzuschalten
Einfach nur Zuschauer zu sein, gelingt Hess allerdings auch am Abreiteplatz nicht. Zu lange schon bildet er Pferde und Reiter aus, richtet Prüfungen, analysiert Ritte. „Ich überlege wirklich immer, was man noch besser machen könnte“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Kurz zuvor habe der US-Amerikaner Will Coleman mit ihm über dessen Dressur gesprochen. Colemans eigene Einschätzung: Er müsse generell mehr vorwärtsreiten. Hess hatte denselben Gedanken – allerdings beim Blick auf das Springen: „Du musst einfach das, was du im Parcours machst, auch in der Dressur machen“, habe er Coleman lachend geraten.
Auch am Viereck ertappt sich Christoph Hess dabei, unbewusst Noten zu vergeben. Den fachlichen Blick könne er nicht einfach ablegen. „Man lebt den Sport, man liebt den Sport und man kann diesen Blick nicht einfach abschalten.“

So kennen wir ihn: Christoph Hess in seiner Rolle als Ausbilder, Richter und auch Vermittler. Hier ein Bild von den VR Classics im vergangenen Jahr. Der Blick lässt sich eben nicht abschalten. (Foto: Stefan Lafrentz)
Warum sieht bei Michael Jung alles so leicht aus?
Unser frisch gebackener Weltmeister Michael Jung ist einer, der selbst schwerste Aufgaben scheinbar spielerisch bewältigt. Im Gelände wirkt sein Reiten kontrolliert und effizient, im Parcours präzise und selbstverständlich. Gerade dadurch könnte der Eindruck entstehen, Spitzen-Vielseitigkeit sei leichter, als sie tatsächlich ist. Hess sieht darin jedoch kein Problem, sondern im Gegenteil eine Chance. „Wir müssen einfach klarmachen, was gutes und richtiges Reiten ist“, sagt er. „Und wenn wir jemanden haben, den wir zeigen können und der dann auch noch mit Druck umgehen kann, dann ist es Michael Jung.“ Für Hess ist Jung deshalb nicht nur aufgrund seiner Erfolge ein Vorbild. Entscheidend ist, wie diese Leistungen zustande kommen. „Das ist bei ihm einfach perfekt“, sagt Hess.
Talent für den Reitsport allein reicht nicht
Schon als Kind sei Jungs außergewöhnliches Talent aufgefallen. Christoph Hess erinnert sich an ein Foto, das Michael Jung im Alter von ungefähr zehn Jahren im Sattel zeigte. Bereits damals habe jemand vorhergesagt, dass dort ein ganz großes Talent sitze. Doch Hess betont zugleich: Talent ist nur ein Teil der Erklärung. Michael Jung stammt aus einer Reiterfamilie, sein Vater Joachim Jung ist Pferdewirtschaftsmeister. Der junge Jung lernte das Reiten von Kindesbeinen an. Genau darin liegt für Hess die entscheidende Botschaft hinter der scheinbaren Mühelosigkeit. „Er hat von der Pike auf das Reiten richtig gelernt“, sagt Hess. „Und das ist, glaube ich, das, was er als Botschaft uns allen mitgibt: Lernt richtig reiten von der Basis her.“ Erst eine fundierte Ausbildung schaffe überhaupt die Voraussetzung dafür, später in die Nähe solcher Leistungen zu kommen. Oder, wie Hess es unmissverständlich formuliert: „Wer die Basis nicht richtig lernt hat später no chance.“

Gern am Abreiteplatz: HOOFORIA hat mit Christoph Hess direkt nach Michael Jungs Sieg gesprochen. (Foto: Imke Perne-Harms)
Aachen außer Konkurrenz
Auf die Frage, was selbst eine Weltmeisterschaft an diesem Ort noch besser machen könnte, antwortet er mit einem sehr persönlichen Bekenntnis. „Wenn der liebe Gott mich fragen würde, wo ich mein letztes Turnier in meinem Leben erleben möchte: Aachen.“