Reiterin im Galopp auf einem Schimmel © Maresa Mader

Anja Beran erklärt, wie pferdegerechte Ausbildung, feine Hilfen und gutes Timing zu harmonischen Übergängen führen.

Bereits mit sechs Jahren begann Anja Beran zu reiten. Sie war damals am liebsten ohne Sattel und Gebiss unterwegs. Später trainierte sie mit zahlreichen renommierten Trainern, unter anderem Manuel Jorge de Oliveira, Marc de Broissia und Luis Valenca. Durch das Buch „Aus Respekt!“ wurde sie weltweit bekannt. Heute gehört das korrekte Übergänge reiten zu den zentralen Elementen ihrer Arbeit.

Warum das ABC der Ausbildung so entscheidend ist

„Dass ein junges Pferd das ABC korrekt beigebracht bekommt, ist wirklich essenziell“, betont Anja Beran. „Damit stehen und fallen die Übergänge, aber auch sämtliche anderen Inhalte während seiner weiteren Ausbildung. Wichtig ist, zunächst am Kappzaum zu beginnen. Das Pferdemaul soll absolut sensibel bleiben, daher muss die gesamte Einwirkung zunächst über den Nasenrücken erfolgen.“

Junge Pferde springen gern einmal zur Seite, was einen enormen Ruck im Maul nach sich zieht. Dies muss unbedingt vermieden werden, weshalb der Kappzaum die einzig richtige Lösung ist. „Das junge Pferd lernt zu diesem Zeitpunkt, an dem es noch nicht geritten wird, dass es auf die Longierpeitsche und die Hilfen durch Zunge und Stimme nach vorne zünden muss. Dabei ist es in diesem Stadium nicht wichtig, ob es vielleicht auch mal im Kreuzgalopp losspringt. Das sind Feinheiten, die später in Angriff genommen werden.“

Übergänge reiten beginnt an der Longe

Das Durchparieren wird an der Longe ebenfalls geübt. „Dabei nutze ich die Stimmhilfe mit langen Vokalen. So lernt das junge Pferd, zu reagieren, langsamer zu werden oder in eine tiefere Gangart zu fallen. Das ist die Basis, die später beim Führen und Reiten das A und O ist.“ In der Folge lernt das junge Pferd den Sattel und die Trense kennen und schließlich das Gewicht des Reiters auf dem Rücken. „Auch jetzt wird immer noch der Kappzaum über die Trense gelegt“, erläutert Anja Beran.

„Der Reiter hat die Zügel locker in der Hand, die Einwirkung erfolgt jedoch noch über den Kappzaum und die Longe. Das Pferd weiß zu diesem Zeitpunkt bereits, wann es durch die Hilfe vom Boden aus antraben soll. Nun erfolgt ein wichtiger Prozess. Es muss lernen, auf die Schenkelhilfe des Reiters zu reagieren.“ Doch das Pferd kann zu diesem Zeitpunkt mit der Hilfe „von oben“ noch nichts anfangen.

Reiterin auf Pferd von oben

Ist das Pferd schon sehr weit ausgebildet, kann damit die Zügelhilfe auf ein Minimum reduziert werden – das Pferd ist am Sitz. Reagiert das Pferd noch nicht wie gewünscht, unterstützt der äußere Zügel meine Anforderung. (© Christiane Slawik)

Wann versteht das Pferd die Hilfe des Reiters?

„Die bekannte Hilfe muss vom Longenführer unten erfolgen, und der Reiter klopft gleichzeitig kurz mit dem Schenkel, sodass das Pferd den Zusammenhang herstellen kann. Mit dem Schenkel drücken ist falsch, denn das Pferd wird mit Gegendruck reagieren. Wenn das klappt, ist sofortiges Lob – wie während des gesamten Ausbildungsprozesses – ganz wichtig“, erläutert die Expertin.

In der Folge wird sich der Longenführer immer weiter aus diesem Prozess der Hilfengebung herausziehen, bis das Pferd einzig auf die Hilfen seines Reiters reagiert. Der Longenführer bleibt dennoch dabei, um nachzutreiben, sollte die Reaktion des Pferdes ausbleiben.

Wie viel Schenkelhilfe braucht ein Pferd wirklich?

Ein häufiger und gravierender Fehler ist der „inflationäre Einsatz der Schenkelhilfe“ – so nennt es unsere Expertin. „Wie soll ein Pferd denn wissen, dass es auf den Schenkel reagieren soll, wenn dieser ständig in Bewegung bleibt?“, fragt Anja Beran. „Das ist, wie wenn ich einem Hund ,Sitz‘ sage. Und obwohl er längst sitzt, bombardiere ich ihn weiterhin mit ,Sitz! Sitz! Sitz!‘

Der Schenkel muss zunächst höflich anfragen. Sollte keine Reaktion des Pferdes erfolgen, wird die Hilfe kurz intensiviert und kann bei Bedarf durch ein Antippen der Gerte unterstrichen werden. Der nächste Einsatz der Schenkelhilfe erfolgt wieder auf die gewohnt höfliche Weise. So entwickelt sich mit der Zeit ein fein gerittenes, motiviertes Pferd. Und bitte niemals vergessen: Immer sofort loben, wenn das Pferd etwas richtig macht.“

Reiterin trainiert Übergänge reiten

Sich in der Ausbildung des Pferdes Zeit zu lassen ist die Basis für alles, was folgt. (© Christiane Slawik)

Übergänge reiten gelingt nur mit klaren Hilfen

Genauso wie der Übergang in eine schnellere Gangart wird auch der Übergang in die langsamere Gangart zunächst einmal an der Longe geübt. „Das Prinzip ist genau dasselbe. Wichtig ist, sich für diese frühe Phase der Ausbildung viel Zeit zu lassen, denn sie ist die Basis für alles, was folgt.“ Von Beginn an bemühen wir uns, Schenkel- und Zügelhilfen korrekt einzusetzen.

Zum Beispiel: Möchte ich das Pferd antraben, klopft kurz mein Schenkel. In diesem Moment darf der Zügel natürlich nicht aufnehmen, sondern muss den Weg nach vorne freigeben. Oder anders herum: Möchte ich durchparieren und nehme den Zügel an, darf in diesem Moment mein Schenkel nicht auf das Pferd einwirken – das führt beim Pferd zu Unverständnis. „Niemals dürfen die aufnehmenden und die treibenden Hilfen gegeneinander verwendet werden! Vorne bremst man, hinten gibt man Gas – das kann nicht funktionieren!“

Wann Hilfen fast unsichtbar werden

Der Reiter sollte stets das Ziel haben, die Übergänge mit dem Pferd immer feiner und mit quasi unsichtbarer Hilfengebung zu vollführen. „Korrekt gerittene Übergänge führen automatisch zur Versammlung und damit zur Hankenbeugung und zur Selbsthaltung.“ Als Beispiel zieht Anja Beran den Übergang vom Schritt in den Trab heran.

„Ganz wichtig ist, vorab keinen Schiebeschritt zu reiten! Viele Reiter denken, je mehr sie treiben und je mehr das Pferd übertritt, desto besser ist der Schritt. Ich bilde bereits die vierjährigen Pferde dahingehend aus, dass sie wissen, dass Schritt kein Einerlei ist. Sie können zwar noch keinen versammelten Schritt gehen, lernen aber, die Schritte zu verlangsamen und sich etwas mehr aufzurichten und zu tragen. Daraufhin schickt der Schenkel das Pferd wieder ein wenig nach vorne, der Hals und die Schritte werden länger.“

Anja Beran beschreibt, dass viele Pferde, statt einen korrekten Schritt zu gehen, in den Pass fallen. „Wenn das passiert, nehmen die Reiter die Zügel zu kurz und treiben dabei. Das Pferd kann damit keinen langen Schritt gehen, und der Passgang ist unausweichlich.“

Reiterin trainiert Übergänge reiten

Besonders wichtig ist es, in der Ausbildung Übergänge innerhalb einer Gangart zu üben. (© Christiane Slawik)

Ohne Selbsthaltung kein guter Übergang?

Die Selbsthaltung des Pferdes ist für das Übergänge reiten wichtig. Es muss sich im Gleichgewicht befinden. „Für die Vorbereitung des Übergangs erfolgt dann zunächst eine ‚halbe Parade‘.“ Den Ausdruck „halbe Parade“ findet Anja Beran ein klein wenig unglücklich. „Er wirkt auf viele Reiter irreführend. Oft denken sie, dass eine Parade mit ,am Zügel ziehen‘ zusammenhängt. Ich erkläre in meinen Seminaren eher, wie sie genau vorgehen müssen, als den Begriff selbst zu nutzen.“

Es gelte, das Pferd aufmerksam zu machen, es leicht mit dem Schenkel zu aktivieren, damit es aufpasst und das Hinterbein ein bisschen schneller wird. „Das Pferd soll sich fragen: ‚Was kommt jetzt?‘ Und dann kann eine feine Schenkelhilfe für den Übergang erfolgen. Die Finger öffnen sich am Zügel, sodass der Weg nach vorne frei ist. Keinesfalls darf das Pferd jedoch auf diese Hilfe hin lediglich den Schritt verlängern. Die Körperspannung des Reiters muss vermitteln, dass nun in eine höhere Gangart gewechselt wird. Dies lernt das Pferd im Laufe der Zeit durch eine immer bessere Feinabstimmung.“

Übergänge reiten: Was im Sattel oft falsch läuft

Wenn es vom Trab wieder zurück in den Schritt geht, ist es besonders wichtig, dass der Reiter im Sattel mitschwingt. „Ich muss dem Pferd im Sattel folgen und es nicht stören“, betont die Expertin. „Dann arretiere ich kurz mein Becken und schwinge nicht mehr mit. Das Pferd fühlt sich im Rücken gestört und pariert. Ist das Pferd schon sehr weit ausgebildet, kann damit die Zügelhilfe auf ein Minimum reduziert werden – das Pferd ist am Sitz. Reagiert das Pferd noch nicht wie gewünscht, unterstützt der äußere Zügel meine Anforderung.“

Kaum zurück in der langsameren Gangart, sacken viele Reiter jedoch im Sattel zusammen und treiben gleichzeitig weiter. „Ganz falsch“, meint Anja Beran kopfschüttelnd. „Wenn der Übergang erfolgt ist, behalte ich meine Körperspannung. Das Pferd soll sich ja in einem versammelten Schritt weitertragen. In dieser Haltung bleibe ich und entscheide dann, was als Nächstes passieren soll. Erst dann erfolgt dafür die entsprechende Hilfengebung. Das kann ein erneutes Antraben sein, aber auch ein Entlassen in den Schritt am langen Zügel. Der richtige Zeitpunkt ist dabei das A und O.“ Das Pferd soll beim Übergang zum Schritt stets erhaben weitergehen, das Genick muss der höchste Punkt sein.

Reiter mit Sporen

Ein extremer Einsatz von Sporen ist in der Kommunikation mit dem Pferd hinderlich. (© Christiane Slawik)

Wie gelingt der Übergang vom Schritt zum Galopp?

„Für den Übergang vom Schritt zum Galopp sind das Aufmerksammachen und der daraus resultierende verkürzte Schritt unglaublich wichtig“, erläutert Anja Beran. „So wie der Schritt ist, so wird auch der Galopp sein. Das Pferd darf nicht auf der Vorhand sein, es soll in Selbsthaltung bleiben. Wenn ein Pferd aus dem langen Schritt angaloppiert, würde es nur auf die Vorhand geraten, und es wäre weit entfernt von einem gut gerittenen Übergang.“

Das Pferd darf auf keinen Fall von der Hilfengebung zum Galopp überfallen werden. Wichtig ist eine weiche Reaktion. Das Pferd soll sich über seine Muskulatur vom Boden abdrücken und abspringen. Der äußere Schenkel ist jener, der den Galopp einleitet, weil beispielsweise das linke Hinterbein des Pferdes den Rechtsgalopp startet.

„Wenn ich den äußeren Schenkel benutze, spreche ich dieses genau an. Ich denke dabei ‚Ga…‘ und lege die Schenkel entsprechend. Das ausgebildete Pferd weiß zu diesem Zeitpunkt, was kommt. Wenn ich dann ‚..lopp‘ denke, belaste ich ganz leicht den inneren Bügel, der äußere Schenkel gibt einen kleinen Impuls, und das Brustbein geht nach vorne. Im Galopp übernimmt der innere Schenkel das Weitertreiben, sollte dies nötig sein.“

Beim Übergang vom Galopp zum Schritt muss wiederum das Becken arretiert werden. „Der Reiter sollte sich vorstellen, dass er auf der Stelle sitzt“, rät Anja Beran. „Der äußere Zügel kann unterstützen, und auch Ausatmen kann für den bewussten Übergang in die langsamere Gangart helfen.“

Übergänge reiten innerhalb einer Gangart

Besonders wichtig ist zudem, in der Ausbildung Übergänge innerhalb einer Gangart zu üben.

Den Schritt, Trab oder Galopp zu verlängern oder zu verkürzen gehört zur Grundausbildung des Pferdes ebenfalls dazu.

Stangenarbeit vom Boden aus

Stangenarbeit vom Boden aus ist in jeder Phase der Pferdeausbildung ein gutes Training. (© Christiane Slawik)

„Ich muss dafür etwas mehr treiben, etwas mehr mitgehen und den Zügel etwas rauslassen, damit die Rahmenerweiterung gelingt und ein starker Schritt, Trab oder Galopp erfolgt. Wenn das Hinterbein mehr nach vorne schiebt, müssen auch der Hals und die Nase mehr nach vorne gehen. Das ist die Natur des Pferdes, die der Mensch nicht beeinflussen darf. Wenn ich das Pferd wieder zurückführe, muss ich meine Haltung so verändern, dass ich wieder statischer im Sattel sitze. Dadurch kommen die meisten Pferde bereits zurück. Ich fasse die Zügel nach, verkürze den Gang und erlaube dem Pferd, dass es sich vorne aufrichtet.“

Übergänge reiten und Fehler erkennen

Abschließend geht Anja Beran in unserem Gespräch noch auf einige häufige Fehler und Probleme ein. „Wenn das Pferd sich beispielsweise beim Übergang nach oben heraushebt, rührt dies daher, dass es nicht reell vorwärts geht. Es schiebt nicht von hinten an, sondern stoppt kurz, hebt den Kopf an und blockiert. Die Bewegung geht also nicht über den Rücken. Ich rate Betroffenen, zurück zur Basis zu gehen und erst einmal an der Longe und am Kappzaum zu sehen, ob das Pferd in der Lage ist, nach vorne anzutreten. Die Suche nach dem Problem ist oft eine Sisyphusarbeit, aber es lohnt sich für das harmonische Miteinander und für die langfristige Gesunderhaltung des Pferdes.“

Ein weiteres Problem ist das Hochwerfen der Kruppe, vor allem beim Übergang in den Galopp. „Die Gelenke der Hinterbeine sind steif, das Pferd wirft die Kruppe hoch und gerät auf die Vorhand. Hier hilft in jedem Fall eine bessere Gymnastizierung des Pferdes. Seitengänge sind dabei immer sehr wirksam.“ Wenn das Pferd statt angaloppieren erst einmal in Trab fällt, ist es in der Regel nicht versammelt genug.

Reiterin galoppiert auf Außenplatz

Beim Übergang vom Galopp zum Schritt muss das Becken arretiert werden. (© Christiane Slawik)

„Hier hilft, immer wieder zu üben, es wieder in den Schritt zurückzubringen und von neuem angaloppieren. Wenn Pferde zu heftig reagieren, sollte die Hilfengebung des Reiters unbedingt genau überprüft werden. Probleme entstehen häufig durch die Schenkellage des Reiters. Um die eigene Beweglichkeit und Haltung zu verbessern, empfehle ich einen Physiotherapeuten. Dadurch kann die Körperwahrnehmung deutlich verbessert werden.“

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