Blick auf den Warm-up-Bereich in Aachen: Hier können Stewards und Zuschauer schon vor der Prüfung sehen, wie pferdegerecht gearbeitet wird. © Stefan Lafrentz

Blick auf den Warm-up-Bereich in Aachen: Hier können Stewards und Zuschauer schon vor der Prüfung sehen, wie pferdegerecht gearbeitet wird.

Wer während eines großen Championats am Abreiteplatz steht, sieht viel. Pferde in unterschiedlichsten Phasen der Vorbereitung, Trainer am Rand, Reiter unter höchster Anspannung – und immer wieder Situationen, bei denen Zuschauer sich fragen: Ist das noch in Ordnung? Genau für solche Fragen gibt es bei großen Turnierveranstaltungen seit einigen Jahren die sogenannten Info-Stewards. Sie ergänzen die offiziellen FEI-Stewards, haben allerdings eine andere Aufgabe.

„Die Stewards der FEI sind dazu da, zu kontrollieren, ob alles richtig läuft, ob alle Regeln eingehalten werden und ob es den Pferden gut geht“, erklärt Thies Kaspareit gegenüber HOOFORIA vor Ort in Aachen. Das Publikum könne mit ihnen während ihrer Arbeit jedoch kaum in Kontakt treten. Hier kommen die Info-Stewards ins Spiel.

Info-Stewards: Ansprechpartner für Zuschauer

Seit inzwischen sieben Jahren gibt es das Konzept in Aachen. Bei der Weltmeisterschaft sind nach Angaben Kaspareits sieben bis acht Info-Stewards im Einsatz, insbesondere an den Abreiteplätzen von Dressur und Springen. Sie sollen erklären, was Zuschauer dort sehen, welche Regeln gelten und wie einzelne Situationen einzuordnen sind. Alle Mitglieder des Teams verfügen laut Kaspareit über Richter- und Ausbilderqualifikationen und kennen den internationalen Sport.

Gerade weil Bilder aus dem Abreiten heute innerhalb weniger Minuten über soziale Netzwerke verbreitet werden können, spielt die Einordnung eine immer größere Rolle. Kaspareit sagt: „Wir haben dadurch eine deutlich höhere Transparenz.“ Zuschauer hätten in Aachen ausdrücklich positiv darauf reagiert, Fragen stellen zu können und Erklärungen zu bekommen.

Ansprechbar für Zuschauerinnen und Zuschauer in Aachen: Thies Kaspareit von Pferdesport Deutschland ist einer von acht Info-Stewards während der Weltmeisterschaften.

Ansprechbar für Zuschauerinnen und Zuschauer in Aachen: Thies Kaspareit von Pferdesport Deutschland ist einer von acht Info-Stewards während der WM. (Foto: Melissa Tielesch)

Pferdesport: Nicht nur auf Kopf-Hals-Haltung schauen

Eine der häufigsten Diskussionen dreht sich um Pferde, deren Nasenlinie zeitweise hinter die Senkrechte gerät. Hier warnt Kaspareit vor einer Bewertung anhand eines einzelnen Bildes oder Kriteriums. Werde allerdings ein Pferd sehr eng und tief gearbeitet, sollte man das durchaus kritisch bewerten. Eine tiefe Kopf-Hals-Haltung allein sei jedoch noch kein Beleg für tierschutzrelevant einzustufendes Reiten. Entscheidend sei vielmehr das Gesamtbild. „Wir achten dann auf die Augen und Ohren des Pferdes, auf das Maul, auf den Sitz des Reiters und so weiter“, erklärt Kaspareit.

Damit folgt der Verband seinem sogenannten Kriterienkatalog. Dieser wurde entwickelt, um anhand mehrerer Merkmale beurteilen zu können, ob ein Pferd zufrieden wirkt, Stress zeigt oder Hinweise auf Schmerzen erkennen lässt. Dabei gibt es nicht nur erwünschtes und unerwünschtes Verhalten, sondern bewusst auch einen Zwischenbereich: Denn nicht jeder Moment beim Reiten gelingt perfekt. Das Ziel sei deshalb nicht, einzelne Kriterien „formal abzuarbeiten“, wie Kaspareit betont, sondern sich ein Gesamtbild zu verschaffen. Das Ziel: „Wir wollen sehen, ob es den Pferden gut geht.“

Wenn der Steward auf dem Turnier eingreift

Stellt ein Steward eine problematische Situation fest, folgt nicht sofort eine Sanktion. „Die einfache Variante – und das ist sicherlich auch die allerhäufigste – ist, dass die Reiter angesprochen werden“, sagt Kaspareit. In der Dressur werde teilweise auch mit den Trainern gesprochen. Die Aufforderung im Nachgang könne beispielsweise lauten, eine Pause einzulegen oder die Arbeit weniger intensiv fortzusetzen. Reiche das nicht aus und setze sich das problematische Verhalten fort, seien weitere Konsequenzen möglich. Nach Angaben Kaspareits könne ein Reiter verwarnt und im äußersten Fall auch disqualifiziert werden. Dann müssten Chef-Steward und gegebenenfalls die Richter beziehungsweise die Jury eingebunden werden. In der Regel komme es jedoch nicht so weit.

Was Zuschauer auf Reitturnieren tun können

Wer selbst eine Situation beobachte, die problematisch erscheint, könne und solle sich gern direkt an die Info-Stewards wenden. Denn die offiziellen Stewards auf dem Abreiteplatz seien während ihrer Arbeit meist nicht unmittelbar ansprechbar. Die Info-Stewards sollen deshalb die Schnittstelle zwischen Publikum und Verantwortlichen bilden.

Dabei gehe es nicht zwangsläufig darum, einen Verdacht zu bestätigen. Manchmal stelle sich bei genauer Betrachtung heraus, dass eine Situation weniger kritisch sei, als sie zunächst wirke. In anderen Fällen hätten Zuschauer mit ihrer Einschätzung durchaus recht – und der zuständige Steward werde tätig.

Kaspareit: „Sonst sind wir auch nicht glaubwürdig“

Kaspareit sieht in der größeren Transparenz auch einen wichtigen Schritt für die gesellschaftliche Akzeptanz des Spitzensports. Der Pferdesport müsse klarer erklären, was akzeptabel sei – und wo Grenzen überschritten würden. Gleichzeitig habe sich auch der Umgang mit kritischen Situationen verändert. „Wo früher vielleicht mal ein Auge zugedrückt wurde, da wird heute ganz klar gesagt: Nein, das geht nicht“, sagt Kaspareit. „Da ist man generell schon konsequenter geworden. Sonst sind wir auch nicht glaubwürdig.“

Wann haben Pferde Schmerzen?

Genau an diesem Anspruch wird sich der Pferdesport messen lassen müssen. Denn Transparenz und klar definierte Kriterien sind ein wichtiger Schritt – sie entfalten ihren Wert aber erst dann vollständig, wenn sich diese Maßstäbe konsequent im gesamten Sport wiederfinden. Nicht nur auf dem Abreiteplatz, sondern ebenso in dem Moment, in dem Pferd und Reiter das Prüfungsviereck betreten. Wie Kaspareit ausgeführt hat: Ein einzelnes Merkmal (angelegte Ohren, geöffnetes Maul usw.) erlaubt noch keine belastbare Aussage darüber, ob ein Pferd Schmerzen empfindet oder sein Wohlergehen beeinträchtigt ist. Auch wissenschaftliche Ansätze wie das von der britischen Tierärztin Sue Dyson entwickelte Ridden Horse Pain Ethogram bewerten deshalb eine Kombination verschiedener Verhaltensweisen und nicht die einzelne Momentaufnahme.

Gerade deshalb bleibt genaues Hinsehen so wichtig. Der Anspruch kann schließlich nicht nur lauten, problematisches Abreiten zu verhindern. Entscheidend ist, dass am Ende auch im Viereck, im Parcours, auf der Geländestrecke, mit der Kutsche und auch überall sonst ein Bild entsteht, bei dem der Satz gilt, den Kaspareit selbst formuliert: Es geht darum zu sehen, ob es den Pferden gut geht.

 

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