Turnierplatz Übersicht © Stefan Lafrentz

Turniere sind für viele Pferdefreunde Teil des Ganzen. Wie steht es um das Tierwohl?

Pferdewohlim Turniersport: Ein großes Thema, das für uns bei Hooforia im Sinne des #doitride-Gedanken immer an erster Stelle steht. Doch wir wissen auch, dass häufig kleine Nuancen den Unterschied machen und nicht alles Schwarz oder Weiß ist. Deshalb zeigen wir hier gern die Perspektive von Pferdesport Deutschland bzw. von deren Experten Dr. Henrike Lagershausen und Dr. Dennis Peiler bei diesem so wichtigen Thema! Voraus ging übrigens ein Schreiben des Veterinäramtes Oldenburg, das mit seiner scharfen Kritik für Aufsehen sorgt.

Es gab kürzlich ein Schreiben eines Veterinäramts an Turnierveranstalter. Wer das liest, gewinnt stellenweise den Eindruck, Pferdesportveranstaltungen seien Orte, an denen regelmäßig mit Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gerechnet werden müsse. Hat Sie diese Sichtweise überrascht?

Dr. Dennis Peiler: Ja, die Schärfe in diesem Schreiben sorgt mich. Mich überrascht vor allem, dass dabei nicht sichtbar wird, welche Schutzmechanismen bereits heute auf Turnieren greifen. Natürlich müssen Verstöße verfolgt und konsequent geahndet werden. Aber die überwältigende Mehrheit der Pferdesportler investiert jeden Tag Zeit, Fachwissen und erhebliche finanzielle Mittel in die Gesundheit, Ausbildung und das Wohlergehen ihrer Pferde. Das gilt ausdrücklich auch für unsere Veranstalter, die permanent daran arbeiten die besten Bedingungen für Pferd und Mensch zu schaffen..

Das Schreiben beschreibt mögliche Risiken. Unsere Aufgabe ist es zu erklären, welche Schutzmechanismen diesen Risiken bereits heute gegenüberstehen. Das Bild eines Sports, der grundsätzlich mit Risiken für das Pferdewohl verbunden ist, entspricht nicht der Realität, die wir auf den Turnierplätzen erleben.

Die im Schreiben angesprochenen Themen betreffen unter anderem Wasserversorgung, Fütterung, Ausrüstung oder den Umgang mit verletzten Pferden. Wie bewerten Sie diese Punkte aus veterinärmedizinischer Sicht?

Dr. Henrike Lagershausen: Diese Punkte sind selbstverständlich wichtig und gehören zum Fundament eines verantwortungsvollen Umgangs mit Pferden. Gleichzeitig sprechen wir über Bereiche, die längst fester Bestandteil unserer Regelwerke und Kontrollsysteme sind. Allein durch die zahlreichen in der LPO festgelegten Teilnahmebeschränkungen ist der Einsatz von kranken und nicht den Anforderungen gewachsenen Pferden nicht erlaubt.

Viele Menschen sehen auf einem Turnier nur wenige Minuten im Wettbewerb. Was übersehen sie, wenn es um Pferdewohl und Kontrollen geht?

Dr. Henrike Lagershausen: Sehr viel. Das beginnt bereits lange vor dem ersten Start. Veranstalter müssen bestimmte infrastrukturelle Voraussetzungen schaffen, qualifizierte Richter beaufsichtigen die Vorbereitungsplätze, Turniertierärzte übernehmen wichtige Kontroll- und Beratungsaufgaben, hinzu kommen Pferde-, Ausrüstungs– und Medikationskontrollen. Darüber hinaus greifen klare Verfahren, wenn Auffälligkeiten festgestellt werden. Pferdewohl zieht sich durch die gesamte Veranstaltung.Und ganz entscheidend: Reiter wollen es für ihr Pferd richtig machen.

Dr. Dennis Peiler: Die Öffentlichkeit sieht häufig den kurzen Prüfungsausschnitt. Was sie nicht sieht, sind die Jahre der Ausbildung, die tägliche Betreuung, die Gesundheitsvorsorge und die Vielzahl von Kontrollen, denen sich Pferd und Reiter auf einem Turnier freiwillig stellen. Wer auf ein Turnier fährt, stellt sich einer unabhängigen Beurteilung. Richter beobachten das Geschehen, Pferde und Ausrüstung können kontrolliert werden, Turniertierärzte sind vor Ort und Medikationskontrollen sind Routine. Ein Turnier ist damit eine öffentliche Qualitäts- und Lernzielkontrolle.

In öffentlichen Diskussionen entsteht teilweise der Eindruck, als würde Pferdewohl erst durch behördliche Kontrollen auf die Tagesordnung kommen. Tatsächlich gibt es mit der Leistungs-Prüfungs-Ordnung, der LPO, bereits ein umfangreiches Regelwerk. Welche Bedeutung hat sie?

Dr. Dennis Peiler: Eine sehr große. Die LPO ist weit mehr als ein Sportregelwerk. Sie ist praktizierter Tierschutz und enthält zahlreiche Vorgaben zum Schutz des Pferdes. Sie regelt Teilnahmevoraussetzungen, Ausrüstung, Kontrollmöglichkeiten, das Verhalten auf den Vorbereitungsplätzen und das Vorgehen bei Verstößen. Wer Turniersport betreibt, verpflichtet sich freiwillig, diese Regeln einzuhalten.

Kann man also sagen, dass die Standards im Turniersport über gesetzliche Mindestanforderungen hinausgehen?

Dr. Henrike Lagershausen: Ja. Das Tierschutzgesetz definiert den gesetzlichen Rahmen, die Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport legen diesen für den Pferdesport aus. Die Regelungen des organisierten Pferdesports gehen in vielen Bereichen darüber hinaus. Genau deshalb ist es wichtig, die bestehenden Systeme und Maßnahmen zu kennen, bevor man beurteilt, wie Pferdewohl auf Veranstaltungen umgesetzt wird.

Ein besonderer Fokus liegt häufig auf dem Vorbereitungsplatz. Warum spielt dieser Bereich eine so wichtige Rolle und welche Funktion erfüllt dabei der Kriterienkatalog für den Vorbereitungsplatz?

Dr. Henrike Lagershausen: Weil dort die unmittelbare Arbeit mit dem Pferd sichtbar wird. Deshalb spielt der Kriterienkatalog Vorbereitungsplatz, den wir vor mehr als zehn Jahren eingeführt haben, eine wichtige Rolle. Er beschreibt nicht nur Merkmale des pferdegerechten Arbeitens, sondern grenzt auch ganz klar den roten, nicht mehr pferdegerechten Bereich ab und gibt damit den Richterinnen und Richtern eine fachliche Grundlage für ihre Beobachtungen und Entscheidungen. Zudem zeigt der Kriterienkatalog, wie komplex die Beurteilung eines Pferd-Reiter-Paares ist. Richter betrachten nicht nur einzelne Bilder oder Momente, sondern bewerten den Gesamteindruck, das Ausdrucksverhalten des Pferdes und die gesamte Situation. Dafür bieten wir Schulungen an.

Und was sagen Sie Kritikern, die behaupten, auf den Vorbereitungsplätzen werde zu wenig kontrolliert?

Dr. Dennis Peiler: Die aufsichtsführenden Richterinnen und Richter sind dazu angehalten, das Geschehen permanent zu beobachten. Sie sprechen Teilnehmende an und greifen bei Bedarf ein. Das geschieht häufig im direkten Dialog und wird deshalb von Zuschauern kaum wahrgenommen. Wichtig ist, dass die Aufsicht wirkungsvoll ist. Gerade diese kontinuierliche Aufsicht ist ein wichtiger Baustein unseres Schutzsystems. Zusätzlich haben wir in diesem Jahr eine Kennzeichnung für Richterinnen und Richter eingeführt, damit diese auf dem Vorbereitungsplatz noch leichter erkennbar sind.

Natürlich ist nicht alles perfekt. Und wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Wichtig ist, diese zu erkennen und abzustellen. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten handelnden Akteure alles daransetzen, den Sport immer ein bisschen besser zu machen.

Das Schreiben des Veterinäramts Oldenburg richtet sich an Veranstalter. Wo liegt aus Ihrer Sicht die eigentliche Verantwortung für das Pferdewohl?

Dr. Dennis Peiler: Zuallererst beim Menschen, der mit dem Pferd arbeitet. Jeder Reiter, jeder Trainer und jeder Besitzer trägt Verantwortung. Ein Veranstalter schafft die Rahmenbedingungen für eine ordnungsgemäße Veranstaltung. Die tägliche Verantwortung für Ausbildung, Gesundheitszustand und den Umgang mit dem Pferd lässt sich aber nicht delegieren.

Pferdewohl entsteht nicht alleinig durch ein Regelwerk oder eine stichprobenartige Kontrolle. Es entsteht durch die tägliche Verantwortung, die jeder Einzelne für seinen vierbeinigen Partner übernimmt. Diese Verantwortung beginnt im Stall und setzt sich beim Transport, auf dem Turnier fort.

Welche Rolle spielen dabei die unterschiedlichen Akteure auf einer Veranstaltung?

Dr. Henrike Lagershausen: Das System basiert auf klar definierten Verantwortlichkeiten. Der Veranstalter sorgt für die Infrastruktur. Richter und Turniertierärzte überwachen die Einhaltung der Vorgaben. Die Verantwortung für das einzelne Pferd liegt bei den Menschen, die mit diesem Pferd arbeiten. Genau dieses Zusammenspiel macht den organisierten Pferdesport aus.

Kritiker fragen gelegentlich: Was tut der Verband eigentlich konkret für das Pferdewohl?

Dr. Dennis Peiler: Pferdewohl ist eines der zentralen Handlungsfelder unserer Arbeit. Wir entwickeln Regelwerke weiter, qualifizieren Richter, Ausbilder und Fachkräfte, begleiten wissenschaftliche Projekte und arbeiten mit Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammen.

Vor allem aber investieren wir kontinuierlich in die Menschen, die das System tragen. Allein auf den Vorbereitungsplätzen sind deutschlandweit zahlreiche speziell geschulte Richterinnen und Richter im Einsatz. Hinzu kommen Turniertierärzte, Ausrüstungskontrollen, Medikationskontrollen und regelmäßige Fortbildungsangebote. Pferdewohl wird nicht nur diskutiert, sondern jeden Tag praktisch umgesetzt.

Gibt es konkrete Schritte nach dem Schreiben des Veterinäramts?

Dr. Henrike Lagershausen: Aktuell beschäftigt sich ein interdisziplinärer Arbeitskreis intensiv mit Fragen rund um amtstierärztliche Kontrollen, die Anwendung von Leitlinien und die praktische Umsetzung auf Pferdesportveranstaltungen. Daraus entsteht unter anderem ein Merkblatt für die Turnierveranstalter und Landesverbände. Es soll Orientierung bei Zuständigkeiten, Kommunikation und Zusammenarbeit geben und dazu beitragen, Missverständnisse zu vermeiden.

Was raten Sie Veranstaltern, die durch die aktuelle Diskussion verunsichert sind?

Dr. Henrike Lagershausen: Zunächst einmal, frühzeitig das Gespräch mit dem für die Veranstaltung zuständigen Veterinäramt zu suchen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass ein fachlicher Austausch auf Augenhöhe häufig der beste Weg ist. Gleichzeitig stehen die Landesverbände und Pferdesport Deutschland als Ansprechpartner zur Verfügung.

Wenn das Schreiben des Veterinäramts Oldenburg eine Diskussion angestoßen hat, welche Erkenntnis sollte aus Ihrer Sicht daraus hervorgehen?

Dr. Dennis Peiler: Dass wir verstärkt und noch besser erklären müssen, wie Pferdesport heute funktioniert. Der organisierte Pferdesport verfügt über umfangreiche Regelwerke, Kontrollmechanismen und Fachkompetenz. Zugleich müssen wir uns weiterhin stetig hinterfragen, wie wir unser System noch besser machen können. Was mir wichtig ist: Die allermeisten Reiter handeln im Sinne ihres Pferdes und des Pferdewohls. Sie haben das Wissen, sie haben die Kenntnis, sie tragen die Verantwortung.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dr. Henrike Lagershausen: Mehr Dialog, mehr Sachlichkeit und mehr Wissen über die tatsächlichen Abläufe auf den Turnierplätzen. Idealerweise stärken sich Veranstalter, Turniertierärzte, Richter und Amtsveterinäre gegenseitig den Rücken. Letztlich verfolgen alle Beteiligten dasselbe Ziel: das Wohl der Pferde.

Zum Abschluss: Was sollte die Öffentlichkeit über Pferdesport besser verstehen?

Dr. Dennis Peiler: Dass Pferdewohl die Voraussetzung für unseren Sport ist.

Dr. Henrike Lagershausen: Und dass Pferdewohl nicht erst auf dem Turnier beginnt. Es beginnt jeden Tag im Stall, in der Ausbildung und im verantwortungsvollen Umgang mit dem Pferd. Das Turnier macht viele dieser Standards sichtbar und überprüfbar. Genau deshalb ist es ein wichtiger Bestandteil eines verantwortungsvollen Pferdesports.

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