Wie aus dem Lehrbuch: Julia Krajewski und Nickel
Es ist der 15. August 2026. Christina Krajewski steht an der Geländestrecke in Aachen. Bei früheren Championaten war sie häufig mit Bändchen bewaffnet hinter den Kulissen unterwegs. Bewegte sich dort, wo Tochter Julia ihre Ritte analysierte und sich mit den Teamkameraden austauschte. In Aachen war das anders. Bändchen und Akkreditierungen sind bekanntermaßen sehr rar gesät. Pferdebesitzer und Lebenspartner haben bei der Entscheidung, wer wohin darf, natürlich Vorrang. Das ist ganz klar nachvollziehbar.
Also machte sich die Mutter der Olympiasiegerin mit einer ganz normalen Eintrittskarte auf den Weg, durchlief lustige Einlasskontrollen („Die Unmengen an Deosprays muss man mal gesehen haben! Dabei gibt es schon seit fast einem halben Jahrhundert Deoroller.“) und stellte sich in endlosen Toilettenschlangen an.
Aber das gehört dazu. Das ist Aachen. Das muss man manches Mal mit Humor nehmen, aber als Pferdemensch erlebt haben.
Christina Krajewski selbst ist Gebissberaterin. Bei ihrem Angebot handelt es sich um eine sogenannte ‚anlehnungsbasierte Gebissoptimierung‘. Durch ihr naturwissenschaftliches Studium und zehnjährige Tätigkeit als Tierarzthelferin in einer auf Pferde spezialisierten Praxis kennt sie die anatomischen und physiologischen Verhältnisse im Pferdemaul und kann gesundheitliche Störungen des Bewegungsapparates und ihre Auswirkung auf die Anlehnung erkennen und einschätzen. Sie bietet Online-Kurse, Vor-Ort-Besuche und -Seminare und vertreibt die Gebisse der Marke Neue-Schule.
Doch darum soll es hier nicht gehen. Auch nicht darum, dass sie die Ritte ihrer Tochter Julia für uns durch eine rosarote Brille beschreiben möchte. Es geht Christina Krajewski IMMER um die Pferde.
„Sie sind die Helden“, betont sie und schmunzelt. „Nicht die Kutscher, die da obendrauf sitzen.“
Gelungenes Zusammenspiel
Das Wort ‚Kutscher‘ kommt natürlich mit einem Lächeln. Denn sie weiß, dass hinter jedem der Top-Reiter auch ein Mensch steckt, der hart trainiert, an seinem Körper sowohl physisch als auch mental arbeitet. Sie weiß, dass weder ein Michael Jung sonst Weltmeister geworden wäre noch ihre Tochter Julia Olympiasiegerin. Und doch soll es hier nicht um die Menschen gehen. Jedenfalls nicht allein.
Nur im Zusammenspiel – und zwar im gelungenen Zusammenspiel – mit dem Partner Pferd. Was wir #doitride nennen und wofür wir damit einen neuen Begriff gefunden haben, das lebt ihre Tochter Julia und – wie Christina Krajewski betont – viele andere ebenso seit ihrer frühesten Kindheit. Sie ist mit Pferden aufgewachsen, hat mit ihnen im Wasser getobt und Spiele gespielt, ist gestürzt, hat sich Schlüsselbein und Co gebrochen, ist trotzdem, sobald wie möglich, wieder aufgestiegen und hatte wieder dieselbe Freude als Einheit mit unzähligen Pferden, die sie in den Sport gebracht hat. Von denen sie irgendwann Abschied nehmen musste. Die sie nach wie vor als Rentner besucht, wie ihren einstigen ersten Olympiahelden Samourai du Thot oder die Olympiasiegerin Amande de B’Neville, die mittlerweile zwei Fohlen zur Welt gebracht hat.

Die Weltmeister: Michael Jung und fischerChipmunk. So leicht kann es aussehen. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Sharon Vandeput)
Und eines dieser Pferde ist Chipmunk, genauer fischerChipmunk, wie er jetzt heißt. Der neue Weltmeister mit Michael Jung. Der 18 Jahre alte Wallach, der es verdient hat wie kaum ein zweiter. Der wie seinerzeit Olympiasieger Sam von Michi Jung noch im fortgeschrittenen Sportpferdealter topfit unterwegs ist und niemals auch nur eine Sekunde krank oder verletzt war.
Chipmunk, den Julia als junges Pferd übernahm und nicht mal ein Jahr später 2013 zum Bundeschampionatstitel ritt. Julia bildete Chipmunk weiter aus und war bei den Weltmeisterschaften in Tryon mit ihm am Start. Danach ging er zu Michael Jung.
Und jetzt weinte Julia in Aachen. Weil sie Chipmunk seinerzeit weiterziehen lassen musste? Weil sie mit ihrer eigenen Leistung und Silber nicht zufrieden war?
Für solche Vermutungen hat Christina Krajewski nur Kopfschütteln übrig. „Julia hat sich so für Chipmunk gefreut, dass sie in Tränen ausgebrochen ist. Er hat das so sehr verdient. Das hat sie immer gesagt und sie hat auch betont, dass sie nicht zwangsläufig davon ausgeht, dass er dieselbe große Karriere mit ihr gehabt hätte. Michi und er sind so ein eingespieltes Team, zwei Sieger, die sich wohl nicht gesucht, aber gefunden haben. Da sind kein Neid und keine Missgunst. Bei Julia gab es in diesem Moment nur pure Freude. Natürlich auch für Michi. Vor allem aber für Chipmunk.“
Und damit sind wir wieder beim Geländeritt am 15. August 2026.
Nickel, der Zeitstrafpunktesammler?
Als Christina Krajewski zwischen den Zuschauern stand und von vielen Ecken Geraune mitbekam. Unterwegs war ihre Tochter auf Nickel. Dem Holsteiner Numero Uno-Sohn, der mit seinen zwölf Jahren längst bei den ganz Großen angekommen ist. Der vor zwei Jahren völlig unvermutet als Elfter die Olympischen Spiele mit Julia beendete. Nickel, der Held. Oder Nickel, der Zeitstrafpunktesammler?
Denn das war es, was Christina Krajewski mitbekam. Die Zuschauer wunderten sich. Diskutierten, warum ihre Tochter so langsam ritt. Sie musste doch erkennen, dass ihr die Zeit davonlief. Und dann im Ziel. Da ärgerte sie sich doch. Nein, wirklich, da musste sie sich doch ärgern bei diesen vielen Zeitstrafpunkten.
Bei ein paar dieser Menschen betrieb Christina Krajewski Aufklärungsarbeit. Erklärte, dass die Reiter alle seit mehr als 30 Jahren mit Uhren arbeiteten, die ihnen an allen gesetzten Punkten ihre Zeit anzeigten. „Julia wusste während ihres Rittes natürlich genau, dass die Zeit nicht ausreichen würde. Aber das wusste sie auch schon zuvor.“
Weil sie Nickel in- und auswendig kennt. Weil er einmal ein Juniorenpferd war, bei dem niemals jemand auch nur annähernd daran gedacht hatte, dass er über dieses Niveau hinauskommen könnte. Aber mit Julia hat er das geschafft. Weil sie ihn ganz vorsichtig und behutsam an dieses Niveau herangeführt hat. Deshalb verzichtete sie beispielsweise auf die Europameisterschaft in Blenheim. Das hügelige Gelände hätte ihm nicht gelegen. Das war in Aachen ganz anders. Es musste nur gesehen werden.
Julia Krajewski und Nickel zeigten nämlich etwas, das man schon als Stilgeländeritt bezeichnen konnte. Sie ritten jeden einzelnen Sprung mittig an, berührten nicht ein Fähnchen. Es war DIE perfekte Runde, die man vielleicht ansonsten bei einer Handvoll anderer Reiter sehen konnte. Nein, es kommt bei einem Geländeritt auf diesem Niveau natürlich auch nicht darauf an, dass man kein einziges Fähnchen berührt. Aber es lohnt sich, darüber trotzdem nachzudenken. Denn Julia wollte ihrem ‚kleinen Nickel‘ vor allem ein gutes Gefühl geben.
Ein gutes Gefühl
„Für Julia gibt es nicht dieses eine Turnier, auch wenn es die Weltmeisterschaft in Aachen ist!“, erklärt Christina Krajewski. „Sie plant mit ihren Pferden immer langfristig. Es gibt keine Kurzschlusshandlungen oder Momente, in denen sie nicht ein größeres Ziel im Hinterkopf hat. Bei Nickel geht diese Planung natürlich auch Richtung Olympische Spiele in Los Angeles, wenn alles passt. Aber es ist auch nicht so, dass sie nur an die nächste Großveranstaltung denkt. Ihre Pferde sollen vielmehr ein gutes Gefühl dabei haben, wenn sie mit ihr unterwegs sind. Sie werden zu nichts gezwungen, was sie nicht leisten können. Und Nickel ist nicht so schnell, dass er in der Zeit hätte bleiben können. Zudem gab es natürlich auch noch eine Teamorder. Und über diese Zusammenhänge wissen die meisten Besucher nichts.“
Die Zuschauer in Aachen redeten vielfach darüber, dass Nickel wohl nicht gut drauf war, dass Julia sich verkalkuliert hatte und ähnliche Äußerungen. Doch genau darin liegt das Problem.
Transparenz und Hintergrundwissen
„Die Reiter bemühen sich, mehr Transparenz und Hintergrundwissen zu schaffen“, betont Christina Krajewski. „Alle wollen schöne Ritte sehen, pferdefreundliches Reiten – und dann heißt es „Warum war sie denn so langsam?“ Einige Reiter beschreiben in Interviews oder Podcasts offen ihre Arbeit, die Intention hinter dem Ritt mit dem einen oder dem anderen Pferd. Julia tut das auch sehr ehrlich in ihrem Buch. Damit mehr Verständnis entstehen kann, wann nun wirklich das Pferdewohl im Vordergrund steht. Dann versteht man auch, warum meiner Tochter bei Chipmunk die Tränen gekommen sind. Und dass sie in diesem Moment ganz sicher nicht über ihre eigene Platzierung und ihre vielen Zeitstrafpunkte und Platz 17 enttäuscht war.
Eine Veranstaltung wie hier in Aachen wäre eigentlich eine gute Gelegenheit für Medien, Presse, aber auch die Veranstalter selbst, genau diesen Aspekt zu beleuchten. Denn Pferdeliebe fängt bei durchdachtem Reiten an. Ich freue mich als Mutter, dass Julia dies so lebt und in diesen Tagen wahnsinnig stolz auf ‚ihren kleinen Nickel‘ ist. Und ich freue mich auch, dass dieser Artikel hier einen Schritt in die Richtung von mehr Verständnis für pferdegerechtes Handeln im Sport geht. Denn wenn man in Aachen genau hingeschaut hat, dann hat man genau das immer wieder gesehen. Auch wenn es manchmal eine Medaille gekostet hat, wussten diese Reiter doch alle, dass sie im Sinne ihrer Pferde alles richtig gemacht haben.“



