Ein rosa Luftballon-Pferd vor weiß-blauer Deko? Kann nur eins bedeuten: Die Wiesn beginnt!
Wenn am Wochenende auf dem Münchner Oktoberfest die prachtvoll herausgeputzten Kaltblüter der Brauereien durch die Innenstadt ziehen, erinnern sie an eine Tradition, welche wesentlich älter ist als die Bierzelte und Fahrgeschäfte. Denn das Oktoberfest hat seinen Ursprung in einem Pferderennen.
Am 17. Oktober 1810 wurde auf einer Wiese vor den Toren Münchens ein großes Pferderennen veranstaltet. Anlass war die Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig, des späteren Königs Ludwig I., mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Ludwig I. ist nicht zur verwechseln mit dem „Märchenkönig“ Ludwig II.
Berühmt wurde Ludwig I. später dadurch, dass er die Künste wie kein Zweiter förderte. Eine besondere Vorliebe hatte er dabei für die Kunst und Kultur des Mittelmeerraumes, für Griechenland und Italien. Unter seiner Ägide wurde der Bereich um den Königsplatz geschaffen, in dem sich die Glyptothek mit ihren antiken Statuen und die Propyläen befinden. Auch der Grundstein für die Alte Pinakothek wurde während seiner Regentschaft gelegt. Insgesamt schuf er das, was man heute noch „Isar-Athen“ nennt.
Rennen ohne Sattel
Doch zurück ins Jahr 1810: Die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten mehrere Tage. Das Pferderennen bildete den krönenden Abschluss. Die Festwiese wurde zu Ehren der Braut und dem Anlass entsprechend „Theresens-Wiese“ genannt. Der Name blieb bis heute erhalten: die Theresienwiese beziehungsweise „Wiesn“. Alles überragt dort heute die Bavaria, von deren Kopf aus man über das gesamte Gelände blicken kann. Ein enges, aber einmalig empfehlenswertes Erlebnis! Die Bavaria entstand zwischen 1844 und 1850. Die feierliche Enthüllung fand am 7. Oktober 1850 während des Oktoberfests statt. Damit ist sie unmittelbar mit der Geschichte der Wiesn verbunden.

Alte Gemälde zeugen von jenem ersten Rennen auf der künftigen Theresienwiese. (© Münchener Stadtmuseum)
Rund 40.000 bis 50.000 Zuschauer sollen das Pferderennen im Jahr 1810 verfolgt haben. Auch die Art des Rennens war aus heutiger Sicht bemerkenswert: Die Reiter traten nämlich ohne Sattel an. Das sollte die Volksnähe jenes Ortes vor den Toren Münchens – und des Kronprinzen – zum Ausdruck bringen. Als Sieger ging der Kutscher und Unteroffizier Franz Baumgartner hervor, welcher auch den Vorschlag gemacht hatte, auf den Sattel zu verzichten. Den zweiten Platz belegte der Landwirt Georg Liebl. Dritter wurde der Münchner Wirt Xaver Krenkl. Das Rennen war damit keineswegs nur eine höfische Angelegenheit, sondern hatte einen ausgesprochen volkstümlichen Charakter. Kronprinz Ludwig hielt eine Rede und endete mit dem Satz:
Volksfeste freuen mich besonders. Sie sprechen den Nationalcharakter aus.
Rennen, Landwirtschaftsmesse, bäuerliches Fest
Der Erfolg war so groß, dass bereits beschlossen wurde, das Fest im folgenden Jahr zu wiederholen. 1811 kam zum Pferderennen ein bäuerliches Fest hinzu. Der Landwirtschaftliche Verein in Bayern organisierte unter anderem eine Viehausstellung mit Prämierungen. Damit wurde aus dem einmaligen Hochzeitsereignis eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Oktoberfest immer stärker zum Volksfest. Fahrgeschäfte, Buden und später große Bierzelte kamen hinzu. Das Pferderennen blieb jedoch über Jahrzehnte ein zentraler Programmpunkt.

Percherons, Brabanter, Süddeutsches Kaltblut: Prachtvoll geschmückt sind sie bis heute Teil des Oktoberfestes. (© Imago)
Um 1825 hatte sich ein fester Ablauf herausgebildet: Nach der Ankunft der königlichen Familie und der Besichtigung der prämierten Tiere und landwirtschaftlichen Erzeugnisse folgten die Preisverleihungen und schließlich das Pferderennen. Von 1818 bis 1875 wurde außerdem am zweiten Festsonntag ein sogenanntes „Nachrennen“ veranstaltet. Es gab also gleich zwei Chancen auf einen Sieg bei der Veranstaltung.
Das Ende der Rennen
Mit dem wachsenden Oktoberfest stiegen allerdings auch die Anforderungen an den Platz. 1913 fanden auf der Theresienwiese zunächst letztmals Pferderennen statt, weil das Gelände den Ansprüchen an eine Rennbahn nicht mehr genügte. Eine Ausnahme folgte in der NS-Zeit: 1934 wurde im südlichen Bereich der Theresienwiese eine neue Rennbahn angelegt, woraufhin von 1934 bis 1938 wieder Rennen ausgetragen wurden.Es sollte eines jener Prestigeprojekte sein, welche damals die NS-Herrschaft für sich instrumentalisierte. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs verschwand das Pferderennen endgültig aus dem regulären Oktoberfestprogramm.
Damit endete die Geschichte des Pferderennens als offiziellem Bestandteil der Wiesn, nicht aber die Geschichte der Pferde auf dem Oktoberfest. Denn parallel hatte sich eine andere Pferdetradition entwickelt, die bis heute Bestand hat: der Einzug der Wiesnwirte und Brauereien am ersten Samstag des Oktoberfestes, welcher als offizieller Auftakt gilt und dem Bieranstich vorausgeht.

Die Rennen endeten nach dem Zweiten Weltkrieg, dafür gab es seinerzeit noch überall Brauereipferde. (© Imago)
Pferde als Mittelpunkt der Festzüge
Die Wurzeln des Einzugs der Wiesnwirte reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Der Wiesnwirt Hans Steyrer soll bereits ab 1879 mit einem geschmückten Vierspänner zu seiner Bierbude auf der Theresienwiese gefahren sein. 1887 wird vom Festring München als erstes Jahr des Wiesn-Einzugs geführt. Einen wichtigen Impuls setzte 1894 der Brauereibesitzer Georg Pschorr: Er ließ ein besonders aufwendig ausgestattetes Vierergespann mit prächtigen, klingenden Geschirren anfertigen. Andere Münchner Brauereien griffen die Idee auf. Ein gemeinsamer Einzug mehrerer Wiesnwirte und Brauereien ist erstmals für das Jahr 1925 belegt.
In den 1930er-Jahren entstand daraus der Festzug, wie wir ihn im Grundsatz noch heute kennen. 1935 nahmen erstmals alle Wiesn-Brauereien gemeinsam am Einzug teil – mit Personal, Bierwagen und Blaskapellen.
Sechs Oktoberfestbrauereien
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Tradition fortgeführt. Heute ziehen die Gespanne der sechs Münchner Oktoberfestbrauereien – Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten – am Eröffnungstag durch die Innenstadt zur Theresienwiese. Die reich geschmückten Pferdewagen transportieren dabei symbolisch das Bier auf die Wiesn.
Auch der zweite große Festzug des Oktoberfests ist mit Pferden verbunden: Beim Trachten- und Schützenzug am ersten Wiesn-Sonntag wird das Münchner Kindl traditionell hoch zu Ross an der Spitze des Zuges präsentiert. Beliebteste Rassen bei den Brauereipferden sind Percherons aus Frankreich, Brabanter aus Belgien und Süddeutsche Kaltblüter. Beim Trachten- und Schützenzug gibt es aber auch manch niedliches Pony und manch spektakuläre Inszenierung.
Die Pferde werden übrigens ausgeliehen. Denn keine der Brauereien besitzt mehr Pferde. Spatenbräu war die letzte Münchner Brauerei, die bis 1982 regulär Bier mit eigenen Pferden und Fuhrwerken an Gaststätten und Biergärten auslieferte. Der letzte eigene Pferdestall in der Brauerei an der Marsstraße wurde im Jahr 1984 aufgelöst.
Die „Oide Wiesn“
Eine besondere Renaissance erlebten die Rennpferde 2010 zum 200. Jubiläum des Oktoberfests. Auf der eigens eingerichteten „Historischen Wiesn“ wurde das Pferderennen wieder aufgegriffen. Neben alten Fahrgeschäften, einem Museumszelt und historischen Darbietungen erinnerte es daran, dass das Oktoberfest ursprünglich eben kein Bierfest, sondern ein Pferderennen zur königlichen Hochzeit war. Die Historische Wiesn zog rund 500.000 zahlende Besucher an und wurde anschließend als „Oide Wiesn“ fortgeführt.

Beim Trachten- und Schützenzug gibt es manch niedliches Pony und manch spektakuläre Inszenierung. (© Imago)
Nicht alles ist beim Oktoberfest ist aber nur eitel Sonnenschein: 2016 startete die Münchner Tierschützerin Julia Maier eine Petition gegen Pferde und Pferdefuhrwerke auf dem Oktoberfest. Im selben Jahr erstattete PETA Anzeige gegen Halter von Brauereipferden. Anlass waren nach Angaben der Organisation schwere Schäden an den Hufen von Kaltblütern, die für Hacker-Pschorr und Hofbräu auf der Wiesn eingesetzt worden waren. Direkte Folgen hatten diese und weitere Anzeigen nicht. Wohl aber fand ein Umdenken in Sachen Pferde bei derartigen Veranstaltungen statt. So gibt es beispielsweise seit 2024 kein Ponyreiten mehr auf dem Oktoberfest.
Oktoberfest im September
Fun Fact zum Schluss: Wusstet ihr eigentlich, dass das Oktoberfest heutzutage eben nicht im Oktober, sondern zu einem festen Termin im September beginnt? Es ist immer der Samstag, welcher auf den 15. September folgt. Das größte Volksfest der Welt endet am ersten Oktoberwochenende. Und ganz wichtig für die meisten Besucher: Der Bierpreis für eine Maß Bier für das Oktoberfest 2026 liegt zwischen 14,80 Euro und 15,90 Euro. In diesem Sinne: Viel Freude allen Wiesnbesuchern!


