Meredith Michaels-Beerbaum beim dritten Weltcup-Finalsieg 2009 (auf dem Pferd ihres Mannes, Constantin, bei der Siegerehrung).
Die Weltcup-Saison 2026/2027 ist die 49. Auflage seit ihrer Premiere im Jahr 1978. Man muss sich einmal auf der Zunge zergehen lassen, wie lange es diese meist als inoffizielle ‚Hallen-Weltmeisterschaft‘ bezeichnete Turnierserie mit großem Finale bereits gibt.
1978 gab es weder Handy noch stand in jedem Haushalt ein PC. Im Vatikan gab es das sogenannte „Dreipäpstejahr“. Nach dem Tod von Papst Paul VI. und dem nur 33 Tage amtierenden Johannes Paul I. wurde am 16. Oktober Johannes Paul II. gewählt. Den kennen viele von uns noch aus Kindertagen, einige auch etwas länger.
Helmut Schmidt war Bundeskanzler der BRD, während in der DDR Erich Honecker an der Spitze stand. Es sollte noch zwölf Jahre dauern, bis die Teilung der beiden deutschen Staaten ihr Ende fand. Mit Sigmund Jähn flog erstmals ein Deutscher ins All. Und in Großbritannien kam das erste Baby nach künstlicher Befruchtung zur Welt. Im Kino schaute man „Saturday Night Fever“, „Grease“ und „Halloween” und in Sachen Musik standen die Bee Gees und Boney M. ganz oben. Das Arcade-Videospiel „Space Invaders“ löste eine weltweite Gaming-Welle aus
Im Reitsport war eine Sache ganz genauso wie 2026: Die Weltmeisterschaften der Springreiter fanden in Aachen statt! Am Ende siegte ein Deutscher in der Einzelwertung: Gert Wiltfang auf Roman. In der Dressur wurde Christine Stückelberger aus der Schweiz mit Granat Weltmeisterin. Gleich zu Beginn des Jahres war es zu einer Tragödie in der Reiterwelt gekommen, als der Team-Olympiasieger 1972 und Einzelweltmeister 1974, Hartwig Steenken, seinen schweren Verletzungen durch einen Autounfall nach einem halben Jahr im Koma erlag.
Max E. Ammanns Vision und Hugo Simons Sieg
So weit, so gut mit den Bestandsaufnahmen. In dieser Welt, in der es wie heute im Iran beziehungsweise Nahen Osten allgemein zu schweren Krisen kam, kam dem Schweizer Max E. Ammann eine geniale Idee. Warum nicht neben den Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen auch ein inoffizielles Championat für die Hallensaison der Springreiter initiieren und damit den Turnierkalender attraktiver gestalten?
Der 1938 geborene Ammann ist bis heute ein Tausendsassa: Journalist, Buchautor, Kunstsammler – und war eben von 1978 bis 2003 Weltcupdirektor.
Das erste Finale fand 1979 in Schwedens Metropole Göteborg statt. Dorthin wird der Weltcup 2026 zurückkehren. Das erste Finale gewann ein Mann, der heute als Legende des Sports gilt: Der im Sudetenland geborene Hugo Simon kam nach dem Krieg nach Hessen, ritt zunächst für Deutschland, wechselte nach Querelen im Verband um die Olympia-Nominierung 1972, bei der er nur als Ersatzreiter vorgesehen war, nach Österreich. Den allerersten Weltcup-Titel errang Hugo Simon mit Gladstone, einem damals zehnjährigen Hannoveraner Hengst.
In der Premierensaison gab es eine europäische Liga mit neun Qualifikationsturnieren und eine nordamerikanische Liga. Später kamen zahlreiche weitere Regional- und Kontinentalligen hinzu.
USA und Kanada dominieren die 80er Jahre
Erstmals war eine Liga im Übrigen derart international. Gleich im zweiten Jahr zog die Karawane an Reitern und Pferden Richtung USA zum Finale nach Baltimore, das damals der US-Amerikaner Conrad Homfeld mit Balbuco gewann. 1981 ging der Sieg erneut in die USA an Michael Matz mit Jet Run. Und auch 1982 standen Stars and Stripes ganz oben. Dieses Mal kam aber eine weitere Besonderheit dazu, denn mit Melanie Smith auf ihrem Calypso gewann zum allerersten Mal eine Frau das Weltcup-Finale.
Bis ins Jahr 1990 blieb die Final-Veranstaltung – egal wo sie ausgetragen wurde – immer in den Händen von US-Paaren oder Teilnehmern aus Kanada. Eine Dominanz, die so nie wieder zurückkehrte.
In jener Zeit gab es zwei weitere Siege durch Reiterinnen: Leslie Burr Lenehan und Katharine Burdsall aus den USA mit ihren Pferden McLain und The Natural 1986 und 1987. Außerdem gewann Conrad Homfeld 1985 das erste Finale auf deutschem Boden in West-Berlin mit seinem Olympiasieger von 1984, dem Schimmel Abdullah. Der Kanadier Ian Miller siegte 1988 und 1989, beide Male auf Big Ben.
John Whitaker erster europäischer Sieger seit Hugo Simon
1990 beim zweiten Finale in Deutschland, in der Ruhrpott-Metropole Dortmund, gab es endlich wieder einen Sieger aus Europa. Die britische Legende John Whitaker krönte sich erstmals zum Weltcup-Finalsieger auf seinem mindestens ebenso legendären Schimmel Milton. Ein Jahr später wiederholten die beiden in Göteborg diesen Erfolg. 1992 gewann in Del Mar in den USA mit Thomas Frühmann auf dem Schimmel Genius erneut ein Österreicher. Zum ersten Mal wurde in der kalifornischen Stadt das Weltcupfinale im Freien ausgetragen.
Wohlbemerkt gab es immer noch keinen Sieger aus Deutschland.
Doch 1993 sollte die lange Durststrecke ein Ende finden. Ludger Beerbaum siegte auf seiner vielleicht glorreichsten Partnerin Ratina Z in Göteborg.
Danach jedoch sollte die nächste Durststrecke auf dem Fuß folgen. Für Deutschland. Und ganz gewiss nicht für Hugo Simon, der sich nach beinahe 20 Jahren gleich zwei Siege nacheinander 1996 und 1997 mit seinem ‚Außerirdischen‘ E.T. sicherte.
Von 1998 bis 2000 gelang Brasiliens Rodrigo Pessoa und der Legende Baloubet du Rouet eine beispiellose und nie wieder erlangte Serie von drei Siegen in Folge eines Reiters mit ein und demselben Pferd.

2014 hatte Baloubet du Rouet im Rahmen des Weltcup-Finals noch einmal einen Auftritt als „Champion“ und „Legende“ mit der Enkelin seiner Besitzerfamilie Coutinho. (© S. Lafrentz)
Die Stunde der Deutschen
Doch dann schlug die Stunde der deutschen Springreiter. Den Anfang machte 2002 beim ersten Finale auf deutschem Boden nach zwölf Jahren der heutige Bundestrainer Otto Becker auf seinem Cento. 2003 folgte Marcus Ehning in Las Vegas auf der Stute Anka. Und 2005 sicherte sich Meredith Michaels-Beerbaum den Sieg in Las Vegas auf ihrem legendären Shutterfly. Sie war die erste Frau seit Katharine Burdsall, die ein Weltcup-Finale für sich entscheiden konnte und die vierte Frau überhaupt sowie die erste ‚Nicht-Amerikanerin‘ (nachdem sie bei ihrer Hochzeit mit Markus Beerbaum 1997 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm).
2006 gab es nach zahllosen Finals in Europa und den USA das erste Finale auf asiatischem Boden, in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Und wieder siegte ein Deutscher: Marcus Ehning, dieses Mal auf Sandro Boy.

Marcus Ehning und Christian Ahlmann: Beide gewannen das Weltcup-Finale. (© www.sportfotos-lafrentz.de/Sharon Vandeput)
MMB und Marcus Ehning werden zu Weltcup-Legenden
Es sollte hocherfolgreich für die deutschen Reiter weitergehen. Denn auch wenn Meredith Michaels-Beerbaum sich 2007 in der Pole Position unfreiwillig von ihrem Shutterfly trennte und den Sieg Beat Mändli und Ideo du Thot überließ, kam sie 2008 in Göteborg und 2009 in Las Vegas stärker denn je zurück und sicherte sich zwei weitere Siege mit Shutterfly. Den Sieg 2009 errang sie nur wenige Wochen nach dem Tod ihres geliebten Stiefvaters, dem sie diesen Sieg widmete.
Im Jahr darauf machte sich auch Marcus Ehning zur Legende mit drei Siegen. Dieses Mal sorgten Küchengirl und Plot Blue gleichermaßen für diesen Triumph. Es wurde mehr und mehr üblich, dass die Reiter ihre Pferde nach dem Zeitspringen zum Auftakt wechselten.
2011 gab es beim Finale in Leipzig wieder einen deutschen Sieger: Christian Ahlmann auf Taloubet Z. Mit Beezie Madden auf Simon gab es 2013 wieder eine Frau als Siegerin. 2014 gewann Daniel Deußer mit Cornet d’Amour das Weltcup-Finale in Lyon. Er war der letzte deutsche Sieger in einem Weltcup-Finale.
Steve Guerdats Triumphzug und zwei Ausfälle
2015 und 2016 setzte der Schweizer Steve Guerdat zum Triumphzug an. Er gewann zuerst mit Albfuehren’s Paille und dann mit Corbinian. 2019 fügte er diesen Siegen mit Alamo einen weiteren hinzu. Ein Jahr zuvor hatte Beezie Madden, dieses Mal mit Breitling LS, für den letzten Sieg einer Amazone bis heute gesorgt.
2020 fiel zum allerersten Mal das Weltcup-Finale aufgrund der COVID-19-Pandemie aus. Ein Jahr später grassierte unter den Pferden EHV-1. Und wieder war es unmöglich, das Finale auszutragen.
2022 kehrte der Weltcup zurück. Nicht nur generell, sondern auch zum dritten Mal nach Leipzig. Der Schweizer Martin Fuchs gewann mit Chaplin und The Sinner. Daraufhin folgten die beiden Siege des Schweden Henrik von Eckermann und seines King Edward. Einmal gewannen die beiden in Omaha in den USA, einmal in Riad beim ersten Weltcup-Finale im Nahen Osten und zweiten in Asien.
2025 gewann in Basel der Franzose Julien Epaillard mit Donatello d’Auge, im vergangenen Jahr sicherten sich Kent Farrington und seine bildschöne Greya den langersehnten Triumph, knapp vor Daniel Deußer und Otello de Guldenboom.
Wird es 2026 womöglich wieder einen deutschen Sieger geben? Das bleibt abzuwarten und natürlich zu hoffen. Doch ein Deutscher wird in jedem Fall triumphieren: Peter Schumacher aus Rheinland-Pfalz. Er wird in Göteborg als Parcourschef fungieren.
„Es ist eine absolute Ehre, an dem Ort zu bauen, wo einst der Weltcup 1979 seine Premiere feierte! Die Oval-Form der Bahn ist eine echte Herausforderung, die ich unheimlich gerne annehme! Und man muss schon sagen, dass es beeindruckend ist, dass sich diese Turnierserie nun schon seit weit über 40 Jahren hält. Mal sehen, ob das noch einmal einer anderen Serie gelingt!“

Irre Sprünge zum Sieg: Kent Farrington und Greya. (© www.sportfotos-lafrentz.de / Tiffany van Halle)
Die Weltcup-Ikonen
Es gelang einem einzigen Paar drei Siege nacheinander zu feiern: Rodrigo Pessoa und Baloubet du Rouet.
Ein weiteres Paar ritt mit Meredith Michaels-Beerbaum und Shutterfly ebenfalls zu drei Siegen, allerdings mit einer Pause von zwei Saisons zwischen dem ersten und zweiten Sieg.
Neben den beiden genannten gewannen auch Hugo Simon und Ian Miller drei Mal das Weltcup-Finale, davon zweimal mit ein und demselben Pferd (E.T. und Big Ben). Marcus Ehning gewann ebenfalls dreimal das Weltcup-Finale, allerdings mit drei verschiedenen Pferden.
Zwölf Siege gingen an Reiter aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Zehn Siege kann Deutschland für sich verbuchen. Danach folgen die Schweizer mit sechs Siegen.
Allein fünfzehn Mal fand das Weltcup-Finale im schwedischen Göteborg statt. 2026 wird die 16. Auflage sein. Sechs Weltcup-Finals gab es in Las Vegas. Fünf Finals gingen nach Deutschland: West-Berlin, Dortmund und dreimal Leipzig.
In diesem Sinne: Auf in die neue Saison!





