Kein Pferdemaul gleicht dem anderen. Die anatomischen Besonderheiten müssen bei der Gebisswahl berücksichtigt werden.
„Haben Sie dieses Gebiss für mein Pferd eine Nummer größer?“, fragt eine junge Frau im Reitsportgeschäft. Die Verkäuferin nimmt das Gebiss in die Hand und beäugt es von allen Seiten. An zwei Trensenringen hängt eine Art Kette mit einem runden Mittelstück aus Kupfer. Etwas ungläubig schaut sie ihre Kundin an und fragt, was das für ein Gebiss sei. „Das ist ein spezielles Ausbildungsgebiss. Mein Pferd ist erst vier Jahre alt und hat manchmal einfach noch Flausen im Kopf“, antwortet die Frau. „Meine Trainerin meinte, damit kann ich mein Pferd im Gelände besser halten.“
Leider beschreibt diese Situation einige Missstände, die an unterschiedlichen Stellen ansetzen. Zum einen haben wir mittlerweile einen enorm großen Markt an Reitsportartikeln. Begünstigt durch das Internet gibt es eigentlich nichts mehr, was es nicht gibt. Und gerade wenn es um die Ausrüstung für das Pferd geht, findet man nicht selten tierschutzrelevante Gegenstände, die aus Unwissenheit aber dennoch Abnehmer finden: vom scharfen Mundstück zur „besseren Kontrolle“ über Hilfszügel, die eine „gute Haltung“ des Pferdes versprechen, bis hin zu Longierhilfen mit immer neuen Verschnall- und Hilfssystemen. Fragwürdige „Instrumente“.
Welches Gebiss passt zu welchem Pferd?
Nun vertrauen wir Menschen, nicht nur in puncto Pferd, gerne auf Ratschläge von Personen mit Fachwissen – wie fachlich fundiert das Wissen im Endeffekt wirklich ist, sei dahingestellt. Da kommt also nun ein Trainer in den Stall, der eben Gebiss XY empfiehlt und auf dessen Wirkung schwört, und schon hat er Schüler, die dieses ausprobieren.
Neben dem Handel sind es also auch die professionellen Abnehmer, wie Reitlehrer und Bereiter, und die Pferdebesitzer selbst, die einem bestimmten Produkt am Markt durch ihre Nachfrage eine Berechtigung geben. Das Paradoxe bezogen auf Gebisse ist, dass viele zwar auf ein passendes Kopfstück Wert legen, die Passform des Gebisses aber zu selten tiefergehend überdacht wird.

Ein Gebiss übt immer Druck auf das Pferdemaul aus. Deswegen ist eine feine Einwirkung wichtig. (© Christiane Slawik)
Kein Maul ist wie das andere
„Aus tierschutzrechtlicher Sicht müsste eigentlich von jedem Pferd ein individueller Abdruck des Maules, der Größe und Dicke der Zunge, der Laden und der Zähne gemacht werden“, sagt unsere Expertin Gaby Hans, die einen Ausbildungsstall in Reken führt. „Man sollte um die Individualität der Beschaffenheit des Maules des eigenen Pferdes wissen und sich damit befassen, wie dick zum Beispiel die Zunge ist oder wie die Laden beschaffen sind.“
Bevor man sich also ein Gebiss zulegt, sollte man sich genau über die Anatomie des Pferdekopfes im Allgemeinen und über das Maul des Pferdes im Speziellen informieren. Es reicht nicht aus, einfach ein Gebiss zu benutzen, das eine Freundin empfiehlt, nur weil diese damit gute Erfahrungen gemacht hat. Das heißt nämlich noch lange nicht, dass es auch dem eigenen Pferd passt.
Wo das Gebiss beim Pferd wirkt
Bei jedem Pferd wird die Maulhöhle in geschlossenem Zustand fast völlig von Zunge und Zähnen ausgefüllt. Den zahnfreien Bereich an Ober- und Unterkiefer zwischen den Schneidezähnen (Incisvisi) und den Backenzähnen (Prämolaren) kennen die meisten Reiter unter dem Begriff „Laden“. Neben der Zunge ist dieser Bereich die Auflagefläche für das Gebiss. Hier ist der Knochen nur von einer dünnen Schicht Mundschleimhaut überzogen, und jeder kann sich vorstellen, wie empfindlich dieser Bereich dadurch wird. Die Zunge ist ein sehr beweglicher Muskel und bildet die Hauptauflagefläche der Trense.
Je nach muskulärer Anspannung hat die Zunge eine Art polsternde Wirkung gegenüber dem Druck des Gebisses. Aufgrund der Anatomie des Unterkiefers kann die Zunge dem Druck nicht nach unten ausweichen. Der Gaumen ist von einer mehr oder weniger verhornten Schleimhaut bedeckt. Die quer verlaufenden Gaumenstaffeln kann man sehen und fühlen. Wichtig zu wissen ist, dass die gesamte Gaumenschleimhaut von einem kräftigen Venenpolster unterlagert ist. Je nach Beschaffenheit und Dicke benötigen diese auf dem Oberkieferknochen liegenden Strukturen unterschiedlich viel Platz in der Mundhöhle, worauf bei der Auswahl der Trense unbedingt Rücksicht genommen werden muss.

Die Kraft, mit der ein Reiter über die Zügel einwirken kann, wird leider oft unterschätzt. (© Christiane Slawik)
Wie sich das Gebiss des Pferdes verändert
Das Pferde-Gebiss ist erst mit vier bis sechs Jahren vollständig ausgebildet.
Bei der Geburt haben die meisten Fohlen schon 16 Milchzähne. Ein erwachsenes Pferd hat, abhängig von der Anzahl der Hengst- und Wolfszähne, 36 bis 44 bleibende Zähne. Der Zahnwechsel von den Milchzähnen zu den Dauerzähnen verläuft im Alter von zweieinhalb bis etwa fünf Jahren. Der Wechsel kann stressbedingt variieren.
Im Alter von zweieinhalb Jahren wechseln die ersten Schneidezähne und die ersten Backenzähne P2. Mit drei Jahren wechseln die zweiten Backenzähne P3. Ein halbes Jahr später dann die zweiten Schneidezähne und die dritten Backenzähne P4. Im ersten Jahr schneidet die erste Molar M1 aus dem Zahnfach, im zweiten bis dritten Jahr M2 und im dritten bis vierten Jahr M3.
Wie viel Druck entsteht ohne Zügelzug?
Friederike Uhlig untersuchte in einer wissenschaftlichen Arbeit an der Veterinärmedizinischen Universität Wien die Lage verschiedener Trensengebisse im Pferdemaul. Sie stellte unter anderem fest, dass sich die Zunge ohne Trense dem Gaumenverlauf anpasst und nahezu die gesamte Maulhöhle ausfüllt, während sich mit Trense schon am hingegebenen Zügel eine sichtbare Veränderung einstellt. Es wirken also auch ohne Zügelanzug bereits Kräfte auf die Zunge.
Die doppelt gebrochenen Trensen drücken sich tiefer in die Zunge als die einfach gebrochenen. Schon vorher kamen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass doppelt gebrochene Gebisse die größte Veränderung Richtung Unterkiefer zeigen und die deutlichste Zungenimpression verursachen.
Wie groß sollte ein Pferde-Gebiss sein?
Gebisse üben neben den Laden und der Zunge auch noch Druck auf den Gaumen auf der unteren Seite des Oberkiefers, die Lippen und die Maulwinkel aus. Außerhalb des Mauls übt die Trense indirekt Druck auf die seitliche Genickregion, in der die Backenstücke des Kopfstückes verlaufen, und die Kinnfalte, in der der Sperrriemen verläuft, aus. Außerdem riefen alle Trensen beim Anlegen in den Messversuchen eine Änderung der Kieferhaltung, besonders im Vergleich zur natürlichen Haltung mit geschlossenem Kiefer, hervor.
In vielen Köpfen herrscht das Bild: Je dicker das Gebiss, desto weicher. Der Grundgedanke stimmt, jedoch muss die Dicke unbedingt an die Anatomie des Pferdemauls angepasst sein. „Ein zu dickes Gebiss nimmt einfach zu viel Platz im Maul ein“, erklärt Gaby Hans. „Und ein zu großes Gebiss kann in den Laden Quetschungen hervorrufen.“ Außerdem sagt unsere Expertin: „Zu kleine Trensen führen zu Scheuerstellen im Maulwinkel. Bei zu dünnen können die Pferde besonders schnell abstumpfen, wenn sie nicht mit ganz sensibler Hand geritten werden.“
Wie dick darf ein Gebiss beim Pferd sein?
Jedes Pferd hat eine andere Zunge, wonach sich die Gebissstärke richten muss. Ist genügend Platz bei einer eher schmalen Zunge, kann ein dickeres Gebiss verwendet werden. Vorausgesetzt, die Zähne bieten genügend Abstand. Viele Gebisse sind oft so hoch, dass das Pferd das Maul gar nicht mehr richtig schließen kann oder schon beim Schließen Druck auf das Gebiss ausübt.
Früher waren die meisten Gebisse 20 bis 22 Millimeter dick, heute werden häufig Gebisse mit einer Stärke von 16 bis 18 Millimetern verwendet. Dünner als 14 Millimeter darf ein Gebiss auf dem Turnier laut LPO nicht sein. Bei Ponys gilt eine Mindestdicke von zehn Millimetern. Das Gebiss sollte etwa einen halben Zentimeter länger sein als das Maul des Pferdes breit ist. Gemessen wird dabei von Gebissring bis Gebissring.
Was bei der Gebissauswahl zählt
Zusammengefasst bestimmen folgende Faktoren die Auswahl des Gebisses:
- Die Breite des Pferdemauls bestimmt die Länge des Gebisses, die Länge der Maulspalte wiederum die Länge des Gebisses bei gebrochenen Gebissformen.
- Bei doppelt gebrochenen Gebissen zählt die Breite des Unterkiefers.
- Die Wulstigkeit von Zunge und Lippen und die Höhe der Gaumenkuppel, also der Unterseite des Oberkiefers, entscheidet über die Dicke des Gebisses.
Ein Gebiss sollte so im Maul liegen, dass weder Backen- noch Schneidezähne berührt werden und die Gebissringe die Maulwinkel frei lassen und nicht quetschen. Die Hengstzähne (die übrigens auch Stuten haben können) dürfen nicht berührt werden. In der Reitliteratur gibt es eine alte Regel für die Höhe der Verschnallung des Gebisses: In den zwei Maulwinkeln sollen zwei Hautfalten sichtbar sein. Diese Regel ist aber bei der Auswahl an Gebissen und der individuellen Anatomie jedes Pferdemauls nur bedingt gültig.
Wenn das Gebiss beim Pferd zum Druckpunkt wird
Ein Pferd mit einer kurzen Maulspalte zum Beispiel hat schnell ein schmerzhaftes „Dauergrinsen“ im Gesicht, oder das Gebiss schlägt bei falscher Verschnallung an die Schneide- oder Hengstzähne. Wer absolut sichergehen will, schaut sich die Trense im Pferdemaul gemeinsam mit einem Experten an und lässt sich einmal die genaue Lage und Verschnallung erklären. Natürlich darf dabei auch nicht die Zäumung außer Acht gelassen werden.
Gerade im Bereich von Kopf und Genick verlaufen zahlreiche sensible Strukturen, Muskeln und Nervenbahnen. – Gaby Hans –
Kopfstück, Genick und Kiefer
„Der Stirnriemen sollte groß und weit genug sein. Dabei darf das Nackenstück seine Beweglichkeit nicht behindern“, so Gaby Hans. Unsere Expertin empfiehlt im Genick ausgesparte Kopfstücke, die das Pferd nicht beengen. „Bei den Backenstücken finde ich es sehr wichtig, dass die Schnallen nicht am Kiefergelenk liegen. Sonst entsteht Druck, den wir ja nun tunlichst vermeiden wollen. Schließlich wünschen wir uns einen lockeren und entspannten Kiefer.“
Auch der Nasenriemen spielt eine entscheidende Rolle: Ist er zu eng verschnallt, dann behindert er nicht nur die Atmung, sondern kann auch, weil der Pferdekopf mit vielen wichtigen Nerven bestückt ist, den gesamten Bewegungsablauf behindern.
Wenn Zaumzeug auf Nerven trifft
Irritationen der Gesichtsnerven, zum Beispiel durch das Zaumzeug, können Auswirkungen auf den Körper haben. Der fünfte Gehirnnerv, der sogenannte Trigeminusnerv, ist ein sehr sensibler und weit verzweigter Nerv, der unter anderem die Kaubewegung steuert und für die sensorische Wahrnehmung im Gesicht verantwortlich ist. Er versorgt auch die Nüstern und den Nasengang mit sensorischen Fasern. Der Trigeminusnerv ist ein „Drillingsnerv“, der sich in drei Hauptäste teilt:
- Der Augennerv: Er versorgt unter anderem Stirn, Tränendrüse, Augenbindehaut, Augenwinkel und Teile der Nase.
- Der Unterkiefernerv: Er versorgt unter anderem die Kaumuskulatur, den vorderen Teil der Zunge, den Mundboden, die Maulschleimhaut, die Zähne des Unterkiefers sowie die Haut über dem Unterkiefer. Nahe dem Kiefergelenk verlaufen Äste dieses Nervs. Druck durch die Verschnallung kann ihn reizen. Die Folgen: Entzündungen oder Schmerzen.
- Der Oberkiefernerv: Er versorgt vor allem die Oberkieferregion, den Gaumen und Teile der Gesichtshaut. Dieser Hauptast ist sehr sensibel und setzt sich in Richtung Maul in einen weiteren Nerv fort, den „Infraorbitalis“. Dieser verläuft oberflächlich auf dem Nasenrücken. Genau in dem Bereich wird der Nasenriemen eng geschnallt und es entsteht hoher Druck. Deshalb sollte man darauf achten, die Nüstern locker und in der korrekten Höhe zu verschnallen.
Das Gebiss beim Pferd regelmäßig kontrollieren
Auch das Alter des Pferdes beeinflusst die anatomischen Gegebenheiten. Je älter das Pferd ist, desto flacher werden die Schneidezähne, und somit wird auch die gesamte Maulhöhle flacher, was in puncto Zungenfreiheit und Dicke des Gebisses unbedingt Beachtung finden muss. Es ist also ratsam, die Zäumung und das Gebiss im Laufe des Pferdelebens regelmäßig zu überprüfen, ob noch alles passt.
Ist gebisslos reiten automatisch pferdefreundlich?
Mehr als eine Alternative ist das gebisslose Reiten. Gerade im Zahnwechsel verschwinden scheinbare Anlehnungsprobleme damit oft wie von Geisterhand. Doch Achtung: „Nicht jede gebisslose Zäumung ist auch gleichzeitig pferdefreundlich, das ist ein großer Trugschluss“, sagt Gaby Hans. „Oft wird zum Beispiel die mechanische Hackemore mit zu viel Druck, sogar noch in Verbindung mit Hilfszügeln, angewendet.“
Ob nun mit oder ohne Gebiss, laut unserer Expertin spielt neben der Passform die Einwirkung des Reiters die entscheidende Rolle. „Und solange die Reiter nicht an ihrem korrekten Sitz und der Einwirkung arbeiten, wird es immer die abenteuerlustigen, oft leider schädlichen Varianten geben. Aber es löst nicht das Grundproblem.“ Wir sollten uns neben der Anatomie des Pferdes also auch viel mehr mit unserer Einwirkung auseinandersetzen und angebliche Wunderausrüstungsgegenstände kritisch hinterfragen.
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