Pferd schaut aus einer Führanlage © Pauline von Hardenberg

Die Bewegung in der Führanlage kann nur eine Ergänzung zur freien und kontrollierten Bewegung sein, kein Ersatz.

Teilweise fünfzig Euro und mehr pro Monat für den Führmaschinen-Service? Keine Seltenheit in Pensionsställen, die über eine Führanlage verfügen. Gerade im Winter, wo die Alternative zu ausgiebiger Weidezeit nur der vergleichsweise kleine Paddock ist, ein gern gewählter Service von Einstellern. Jeden Tag drehen die Vierbeiner ihre Runden, meist nicht durchgängig unter Aufsicht durch fachkundiges Personal. Auch nutzen Besitzer die Führanlage, damit sich ihr Pferd schon mal selbstständig aufwärmt. In der Zeit wird dann schon mal das Mash für später angerührt.

Georg W. Fink ist Fachmann und Gutachter im Bereich Reitanlagen und Stallbau und warnt: Diese Herangehensweise ist nicht nur der Gesundheit des Pferdes abträglich, sie birgt auch eine große Verletzungsgefahr. Es gibt einige grundlegende Eigenschaften der Bewegung in der Führmaschine, die Besitzer und Stallbetreiber beachten sollten.

Wo liegen die Grenzen der Führanlage?

„Grundsätzlich sind Führmaschinen nie als Ersatz von Bewegung, sondern immer nur als Ergänzung zu verstehen“ stellt der Experte klar. Das betont auch Dr. Nadine Blum, Fachtierärztin für Pferde und Oberärztin an der Tierklinik Lüsche, die auf die Bereiche Orthopädie, Chiropraktik, Osteopathie und Rehabilitationsmedizin spezialisiert ist. Durchaus kann die Nutzung einer Führanlage ihrer Ansicht nach das Bewegungsangebot von Pferden bereichern.

Wer bei seinem Pferd einen Mangel an Bewegung feststelle, der solle laut Georg W. Fink lieber ein- bis zweimal die Woche einen ausgiebigen Ritt ins Gelände unternehmen. Dazu rät der Experte gleich aus mehreren Gründen. Erstens wird bei der Bewegung in der Führmaschine das propriozeptive System des Pferdes nicht angesprochen. Dieses schult die unterbewussten Reflexe von Gelenken, Sehnen, Muskeln und des Fasziengewebes des Pferdes, wenn es sich auf verschiedenen Untergründen bewegt.

Was dem Pferd in der Führanlage oft fehlt

In einer Führmaschine wird das also nicht gefördert. Das bemängelt auch Tierärztin Dr. Blum und weiß Abhilfe: „In meinen Augen sollte der Vielfalt der Untergründe ein Vorzug gegeben werden. Der humane Profisport lehrt uns, dass die beste Verletzungsprophylaxe eine optimierte propriozeptive Reaktions- und Anpassungsfähigkeit ist – trainiert durch Impulse einer wechselnden Umgebung.“ Zusammen mit den Erkenntnissen im Bereich der Rehabilitation und diesem Wissen ist daher laut Dr. Blum sogar die Nutzung verschiedener Böden in einer Führanlage denkbar.

Zweitens wird entstehender Pferdemist in der Führanlage direkt vertreten. „Ein Bodenbelag mit einer Sandmischung wird dadurch sehr schnell kontaminiert. Das ist besonders für Pferde schwierig, die zu Mauke neigen“, erklärt Fink. Durch die schlechten hygienischen Verhältnisse in einer Führanlage werden auch die Atemwege des Pferdes belastet.

„Wir wollen ja, dass die Pferde entspannt in der Maschine gehen und sich auch vorwärts abwärts strecken. Der Luftaustausch ist auf dieser Höhe aber sehr schlecht, und so atmen sie die ammoniakreiche Luft ein“, so der Experte für Pferdehaltung. Aus diesem Grund sollten Führmaschinen in jedem Fall Zugang zu Frischluft haben. Entgegen der Hauptwindrichtung sollten Windschutznetze angebracht werden, die die belastete Luft abtransportieren.

Pferdehuf auf dreckigem Boden

Vertretener Mist belastet die Atemwege des Pferdes. (© Redaktion)

Welcher Bodenbelag schont die Gelenke?

Drittens ist die Belastung für die Gelenke in einer Führmaschine mitunter beträchtlich. Das hängt zunächst einmal vom Bodenbelag ab. Hier besteht in der Regel die Wahl zwischen einem klassischen Reit- oder einem Gummiboden. „Gummiböden werden hierzulande immer beliebter und sind fast üblich mittlerweile“, so Fink. Sie haben einem Reitboden gegenüber mehrere Vorteile:

  1. Die Reinigung ist einfacher
  2. Es kann sich kein Hufschlag bilden
  3. Die Pferde können nicht wegrutschen

Der letzte Punkt kann aber zu einem großen Nachteil werden. Mitunter wird der Huf von der Gummimatte nämlich derart fixiert, dass die Biomechanik des Pferdes gestört wird. Anstelle des Hufes, der sich mit der Bewegung dreht, vollziehen die Gelenke die Drehung. Bei einem Reitboden als Untergrund in der Führanlage funktioniert die Biomechanik des Pferdes ungestörter. „Welcher Bodenbelag im Einzelfall am besten ist, erfährt man in der Beratung mit dem Hersteller“, gibt Fink zu bedenken.

Wie lange sollte ein Pferd in die Führanlage?

Aus diesen drei Gründen rät Georg W. Fink davon ab, Pferde täglich in der Führanlage gehen zu lassen:

Alle zwei Tage für 30 bis allerhöchstens 40 Minuten in der Führanlage halte ich für einen guten Kompromiss.

Für Frequenz und Dauer des Trainings in der Führmaschine gibt es laut Dr. Blum keine pauschale Aussage aufgrund der vielen Faktoren, die die Eignung des jeweiligen Pferdes beeinflussen. Bei guten Bedingungen und einem fitten Pferd sieht sie Vorzüge der Führanlage: „Ein orthopädisch gesundes Sportpferd profitiert in der Regel von zusätzlicher ruhiger Schrittbewegung in einer modernen, qualitativen und nicht zu engen Führanlage mit entsprechenden Bodengegebenheiten als Ergänzung zum facettenreichen Training sowie unumgänglichen Freigang.“

Ausgenommen davon ist die laut Blum „häufig praktizierte Nutzung der Führanlagenbewegung in bereits gesatteltem und ausgebundenen Zustand.“ Dies ist aus Sicht des Sachverständigen Georg W. Fink tierschutzwidrig. „Mit Kompetenz und Augenmaß“ sieht Fink die Bewegung in der Führmaschine aber als eine gute Ergänzung zur freien und kontrollierten Bewegung an.

Wann profitiert ein Pferd von der Führanlage?

Ob es für ein Pferd geeignet ist, seine Bewegung durch Schrittgehen in der Führanlage zu ergänzen, hängt laut Dr. Blum von vielen Faktoren ab. Pferde mit Arthrose profitieren von vermehrter ruhiger Bewegung im Schritt, allerdings ist die gebogene Linie in ihrem Fall kontraproduktiv. Für Pferde, die auch nach langwieriger Eingewöhnungsphase nach wie vor unter Stress in der Führanlage laufen und sich beispielsweise zurückfallen lassen, um dann auf den Impuls der Trennwand hin loszupreschen, hat diese Art der Bewegung keine Vorteile.

Auch wie sich das Pferd beim Richtungswechsel dreht, sollte beobachtet und fachmännisch dahingehend beurteilt werden, ob die Bewegung in der Führmaschine das sonstige Training des Pferdes permanent ergänzen kann oder nicht. „Im Idealfall sollte die Kopf-Halshaltung neutral bis vorwärts abwärts streckend erfolgen und der Rücken neutral bis leicht angehoben bleiben“, erklärt Tierärztin Dr. Nadine Blum.

Wenn das passt und die Linie, auf der das Pferd läuft, auf einem ausreichend großen Kreis erfolgt, ist laut Blum „aus medizinischer Sicht nur selten ein Einwand dagegen vorzubringen, sofern es sich nicht um die Akutphase einer Erkrankung handelt.“

Die Führanlage: Wenn aus Bewegung Gefahr wird

Die einzelnen Schritte zur Gewöhnung an die Führanlage sollten zeitlich dem Individuum Pferd und seiner Sensibilität angepasst sein. Zu keinem Zeitpunkt sollte das Pferd unter Stress stehen oder sich hektisch verhalten. „Schritt für Schritt lautet hier die Devise. Das Pferd sollte mit den neuen Eindrücken auf keinen Fall überfordert werden. Dann neigt es eher zu Panik.“ Und die ist in der Führanlage brandgefährlich. Nicht ohne Grund ist eine ständige Aufsicht bei einer laufenden Führanlage gemäß der Leitlinien Tierschutz Pflicht.

Als Gutachter weiß Fink von diversen Unfällen, die teilweise tödlich verliefen, und vermutlich nicht passiert wären, wenn ein Mensch mit dem nötigen Sachverstand die Tiere beobachtet hätte. „Die Künstliche Intelligenz (KI) ist noch lange nicht so weit, zu erkennen, ob ein Pferd in der Führanlage sich erregt und eine nervöse, ängstliche Körpersprache zeigt. Daher ist hier das menschliche Auge leider noch unverzichtbar. Auch wenn es eine große Herausforderung im alltäglichen Reitstallbetrieb darstellt.“

Problematisch sieht Fink auch, dass für solche Unfälle meist eine geordnete und geübte Rettungskette in Reitbetrieben fehle. Angestellte in den Betrieben sollten im Kopf haben, was zu tun ist, wenn sich ein Pferd in der Führanlage verletzt.

Mann beaufsichtigt ein Pferd in der Führanlage

Ein seltenes Bild, obwohl es eigentlich Pflicht ist: Führ­maschinenbetrieb unter Aufsicht. (© Frank Sorge)

So gewöhnen Sie Ihr Pferd an die Führanlage:

  1. Schritt: Das Pferd von außen bei Führmaschinenbetrieb zugucken lassen.
  2. Schritt: Pferd in die Führanlage stellen, ohne sie anzustellen. Loben. Wieder hinausführen.
  3. Schritt: Pferd in die Führanlage stellen und langsam anschalten. Unbedingt darauf achten, dass im Abschnitt davor ein altes, erfahrenes Pferd läuft, das genügend Ruhe ausstrahlt. Das Umdrehen lernt das Pferd meist schnell von alleine.

Achtung: Unbedingt ein bis zwei Wochen Zeit für die drei Schritte nehmen. „Zur Eingewöhnung kann Strom sinnvoll sein und ist nur für diesen Zweck unter fachkundiger Aufsicht zulässig. Aber sobald das Pferd die Aufgabe verstanden hat, muss er abgeschaltet bleiben“, erklärt Fink. Denn die Leitlinien für Tierschutz des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) verbieten den dauerhaften Einsatz von Strom bei den Trenngittern oder -stäben in Führmaschinen.

Die Kosten für die Führmaschine im Überblick

Wer über den Bau einer Führanlage nachdenkt, hat die Wahl zwischen vielen verschiedenen Herstellern und Bauweisen. Einen minimalen Durchmesser von zwanzig Metern sollten Führmaschinen nach Ansicht von Dr. Blum haben. Es gilt logischerweise: je größer der Durchmesser, desto gelenkschonender.

Auch eine ovale Form kann für manche Pferde die schonendere Variante gegenüber dem dauerhaften Im-Kreis-Laufen sein. So steht beispielsweise auf dem Gelände der Spanischen Hofreitschule in Wien eine große ovale Führanlage für die kompakt gebauten Lipizzaner. Nach Ansicht von Tierärztin Dr. Nadine Blum kommt es in allererster Linie auf den Radius der Führmaschine sowie die Frequenz des Laufrichtungswechsels an.

Je nach Bodenbeschaffenheit und Schneelastzone belaufen sich die Kosten für eine nicht überdachte Führanlage auf mindestens 8.000 Euro, überdachte Führanlagen kosten ab 50.000 Euro bis weit über 100.000 Euro. Bei der Wahl des Bodenbelags und des Durchmessers sollten so wenig Kompromisse wie möglich gemacht werden, um die Gesundheit der Pferde nicht zu beeinträchtigen.

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