Pferdebeine laufen durch Sand © Christiane Slawik

»Schritt ist im Gegensatz zum Trab in seiner Qualität kaum veränderbar. Man muss ihn durch gutes Reiten entsprechend erhalten.« Katharina Möller-Weingand und Claudia Weingand

Pferde sind auch nur Menschen. Sie versuchen, sich mit dem geringsten Kraft- und Energieaufwand zu bewegen. Ökonomie ist wichtig, um zu überleben. „Bis zu 16 Stunden Weideschritt am Tag im Wechsel mit Grasen sind für Wildpferde als Fernwanderwild eine normale Art der stressfreien Fortbewegung. Durch die Nickbewegung ist der Schritt sehr energieeffizient und liefert nur einen leichten Input für das Herz-Kreislauf-System, die Muskulatur, Sehnen, Bänder und Co. Er ist außerdem sehr gelenkfreundlich, weil die Gelenkknorpel gut ernährt werden, ohne sie starken Belastungsspitzen auszusetzen. Und im Gegensatz zu Trab und Galopp wird die Gangart nicht mit Flucht assoziiert“, erklären die Ausbilderinnen Katharina Möller-Weingand und Claudia Weingand aus Dischingen (Baden-Württemberg).

Pferdebeine während Übertreten im Schritt

Passtendenzen und Verspannungen hängen oft zusammen. Die Lektion Übertretenlassen kann lösend wirken. (© Matthias Klass)

Vorteile vom Schritt reiten

Das ist unter dem Sattel nicht anders. Hierbei sei die körperliche Belastung gering genug, damit das Pferd sprichwörtlich genug Blut im Gehirn habe, um „mitzudenken“, sagen sie. Es bleibt genügend Zeit und Raum, um neue Bewegungsabläufe und koordinativ anspruchsvolle Aufgaben zu erlernen. „Bevor eine korrekte Pirouette im Galopp gelingt, muss die Kurzkehrtwendung sitzen. Bevor Schrittstangen nicht sicher absolviert werden, ist die Verletzungsgefahr über Trabstangen zu hoch.“ Die Gangart steigert zudem die Stabilität. „Beim korrekten Bergabreiten muss das Pferd z. B. gegen die Hangabtriebskraft arbeiten und sich mit Vorhand– und Schultergürtelmuskulatur, u.a. der Rumpftragemuskulatur, stabilisieren.“

Im Schritt spürt der Reiter drei Bewegungsdimensionen: Schub, Rotation und aktiver Rumpftrageapparat. „Durch den Schub fühlt man sich im Ganzen vorwärtsbewegt, wenn man der Bewegung des Pferdes aus einer elastischen Mittelpositur heraus folgt. In der Rotation fühlt man, wie sich die eigenen beiden Beckenhälften abwechselnd seitlich heben und absenken. Man wird also rechts-links gekippt, was durch die physiologische seitliche Bewegung der Wirbelsäule des Pferdes zustande kommt. Durch den aktiven Rumpftrageapparat fühlt man sich rhythmisch hochgehoben. Ähnlich der Aufwärtsbewegung im ausgesessenen Trab, nur etwas weniger stark“, so die Expertinnen.

Sind alle drei Dimensionen etwa gleich stark ausgeprägt, kann man von sich und seinem Trainingspartner behaupten, in einem guten Mittelschritt unterwegs zu sein.

Reiterin beim Schritt reiten

Das zeitliche und räumliche Gleichmaß hat oberste Priorität. Darauf bauen der versammelte und der starke Schritt auf. (© Christiane Slawik)

Woran erkennt man guten Schritt?

Von außen betrachtet ist er durch einen klaren Viertakt, eine schreitende, fleißige und raumgreifende Bewegung, die durch den ganzen Körper fließt, sowie eine Nickbewegung des Pferdekopfes nach vorwärts-abwärts gekennzeichnet. Man hört vier gleichmäßige Hufschläge, wobei immer zwei bis drei Beine den Boden berühren. Das gleichseitige Vorderbein und Hinterbein lassen für einen kurzen Augenblick ein „V“ entstehen. Das Überfußen der Hinterbeine über die Spur der Vorderbeine spielt dabei eine untergeordnete Rolle – zu groß ist die Abhängigkeit vom individuellen Exterieur.

„Es ist tendenziell so, dass Pferde in einem ausgeprägten Rechtecktyp mit verhältnismäßig kurzen Beinen und langem Rumpf in einem sehr guten, engagierten Schritt weniger weit über die Spur der Vorderhufe fußen als quadratischere Pferde. Pferde im Hochrechtecktyp mit langen Beinen und einem eher kurzen Rumpf hingegen können enorm über die Spur der Vorderhufe fußen, ohne dass das für einen besonders engagierten Schritt spricht. Das passiert schon beim ruhigen Schlendern. Diese Pferde sind allerdings oft recht anfällig für Pass, wobei das natürlich nicht auf alle zutrifft“, betonen Katharina Möller-Weingand und Claudia Weingand.

Im Schritt über eine Stange reiten

Das Überwinden von Schrittstangen hilft dem Pferd, wieder in den Viertakt zu finden. (© Christiane Slawik)

Schritt reiten: Was bringt den Takt ins Wanken?

Das zeitliche und räumliche Gleichmaß der Gangart kann leicht gestört werden, z. B. durch innere Stressoren. Die Oberlinie verkürzt sich, die Spannung der Rumpfmuskulatur steigt, Taktfehler entstehen. „Für den Schritt ist eine gewisse seitliche Bewegung der Wirbelsäule nötig, die jeweils eine Entspannung der äußeren Rumpfmuskeln erfordert. Ist das nicht der Fall, kommt es bei gestressten Pferden eher zum Anzackeln oder einer passartigen Fußfolge. Teilweise sieht man auch andere Taktfehler.“

So fußt das Pferd auf einer Seite weiter vor oder höher ab als auf der anderen (Kurz-lang-Treten, ungleiches Vorfußen) oder zeigt aus der Schulter heraus festgehaltene Bewegungen der Vorderbeine (gebundener Gang). Jede Abweichung vom natürlichen Bewegungsablauf kann auch gesundheitliche Ursachen haben. „Pass, verspannte Rückenmuskeln, Rückenschmerzen, Blockaden, ein unpassender Sattel und sogar Lahmheiten hängen erfahrungsgemäß zusammen“, merken die Ausbilderinnen an.

Schritt reiten auf Außenplatz

Im Schritt sollte der Reiter drei verschiedene Bewegungsdimensionen im Sattel spüren. (© Christiane Slawik)

Warum fällt der Schritt Reitern oft schwer?

Sitz– und Einwirkungsfehler zählen auch dazu. Vielleicht fühlt man im Schritt nur den Schub oder die Rotation, aber kein rhythmisches Hochgehobenwerden. Vielleicht versucht der Körper, das Pferd durch eine übertriebene Eigenbewegung „anzuschieben“. Dann stimmt etwas nicht. Besser sei es, sich aus einer passiven Mittelpositur heraus in der Bewegung mitnehmen zu lassen, stabil in der Mitte sitzen zu bleiben und nicht mit dem Schultergürtel zur Seite zu hängen, sondern gefühlt nur den Beckengürtel bewegen zu lassen.

Schritt reiten gelingt, „wenn wir als Reiter an unserer eigenen Beweglichkeit und Wahrnehmungsfähigkeit arbeiten, im richtigen Rhythmus treiben, in allen Dimensionen mitschwingen und die physiologische Nickbewegung mit losgelassenen Schultern, elastischen Ellenbogengelenken und geschmeidigen Armen begleiten sowie einen gleichmäßigen und sanften Zügelkontakt mit den Händen aufrechterhalten.“

Pferdekopf Porträt

Stress und Anspannung, aber auch Sitz- und Einwirkungsfehler stören den natürlichen Bewegungsablauf. (© Christiane Slawik)

Das Pferd sollte vertrauensvoll an das Gebiss bzw. an die Hand herantreten, formulieren die Richtlinien für Reiten und Fahren. Wenn möglich, heißt es, sollte häufig mit hingegebenem Zügel geritten werden, um Takt- und Anlehnungsprobleme gar nicht erst aufkommen zu lassen. „Diese sieht man nicht nur sofort, sie sind auch besonders schwer zu korrigieren“, ergänzen die Expertinnen.

Hat Schritt reiten negative Auswirkungen auf das Pferd?

Der Viertakt birgt noch ein weiteres Risiko: „Im Schritt sind der Rumpftrageapparat, also die Strukturen, die den Rumpf zwischen den Vorderbeinen aufhängen und wie ein Stoßdämpfer fungieren, sowie die Rumpfmuskulatur weniger aktiv als im Trab und im Galopp. Es kommt daher in der Theorie schneller zur Extension der Wirbelsäule – sprich, der Rücken gibt eher unter dem Reiter nach“, erklären die beiden. Deshalb haben sie früher von zu viel Schritt reiten abgeraten, sehen das aber jetzt anders.

Denn: Man könne nicht behaupten, dass der Pferdekörper im Schritt mehr belastet wird als in anderen Gangarten. Dort wirken nämlich noch stärkere Kräfte auf die Vorderbeine und den Rumpftrageapparat ein. Auch das Reitergewicht erhöht sich durch die Beschleunigungskräfte bis zum Dreifachen. „Besonders der ausgesessene Trab und Galopp stellen für den Rücken definitiv ebenfalls eine erhebliche Belastung dar.“

Reiterin reitet am hingegebenen Zügel

Am hingegebenen Zügel sollte nur phasenweise geritten werden, damit es nicht zu einer Extension der Wirbelsäule kommt. (© Christiane Slawik)

Schädlich ist das Schrittreiten (und das Reiten allgemein) nur, wenn mehrere ungünstige Faktoren aufeinandertreffen: zum Beispiel ein im Verhältnis zum Pferd zu schwerer Reiter, ein unpassender Sattel, eine mangelnde Vorbereitung auf das Reiten oder eine zu lange Belastung des Rückens im Hinblick auf den Trainingszustand des Pferdes. „Gleiches gilt, wenn das Pferd permanent mit weggedrücktem oder hängendem Rücken unter dem Reiter geht“, geben die Ausbilderinnen zu bedenken. Dann sind Schäden vorprogrammiert; ansonsten überwiegen die Vorzüge des Schrittreitens.

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