Wer ist hier der Star? Dressurreiter Raphael Netz hofft auf ein Ticket bei der WM. Hier ist er in Neumünster mit seinem Great Escape Camelot zu sehen.
Im August blickt die Pferdesport-Welt nach Aachen: Bei den FEI World Championships 2026 werden die begehrten Medaillen in den olympischen Disziplinen vergeben. Wer Deutschland jeweils vertreten wird, steht jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht für alle Disziplinen endgültig fest. Für Hooforia haben wir deshalb bereits vor der Nominierung mit einigen potenziellen WM-Kandidaten gesprochen. Einer von ihnen ist Raphael Netz, für den es heute in Hagen noch einmal zur Sache geht. Er wird im Grand Prix Special um das begehrte Ticket nach Aachen reiten. Denn im Nationenpreis lief es großartig mit Platz drei.
Der 27-Jährige zählt vor allem mit Great Escape Camelot, aber auch DSP Dieudonné zum erweiterten Kreis der deutschen Hoffnungsträger. Im Interview spricht Raphael Netz über den Weg von der Weltcup-Saison zur WM-Vorbereitung, den Alltag mit zwei Grand-Prix-Pferden, das Management hinter dem sportlichen Erfolg und die besondere Aussicht auf eine Weltmeisterschaft im eigenen Land. Denn sicher kann man sich einer WM-Teilnahme erst dann sein, wenn der eigene Name und der des Pferdes auf der Nominierungsliste steht. Das betonten alle potenziellen Teilnehmer in unseren Gesprächen immer wieder. Und auch dann kann noch viel passieren, können sich Pferd oder Reiter verletzen und der Traum wie eine Seifenblase zerplatzen. Aber daran wollen wir noch nicht denken.
Raphael Netz auf WM-Kurs
Hooforia: Gehen wir zurück in die Weltcup-Saison. Hast du dich da komplett auf das Ziel Fort Worth konzentriert? Oder war die Weltmeisterschaft auch damals schon ein Thema?
Das Management des Pferdes ist einfach am wichtigsten und es ist jedes Mal eine neue und komplexe Aufgabe. Wir haben uns tatsächlich über den Winter voll und ganz auf die Weltcup-Saison konzentriert. Ich persönlich fühle mich im Weltcup auch sehr zu Hause und habe das Gefühl, meinen Pferden geht es ebenso. Aber natürlich habe ich auch zu diesem Zeitpunkt schon mal an die Weltmeisterschaft gedacht.
Die konkrete Planung war zwar wirklich nur auf Fort Worth ausgelegt. Aber dann haben wir uns kurz vor dem Weltcup-Finale auch schon überlegt, wie wir in die grüne Saison einsteigen, in unserem Fall mit München und dann Balve. Das kam diese Saison alles relativ dicht aufeinander. Deswegen gab es ehrlich gesagt ohnehin nicht so viel Auswahl. Ich war am Ende vor allem unendlich dankbar, dass mein zum Weltcup-Finale an einem Hufgeschwür laborierender Camelot so schnell wieder gesund wurde. Gesundheit ist alles, was zählt.
Camelots Weg zurück, Dieudonné als Trumpf
Dieu hatte sich dafür trotz anfänglicher Herausforderungen beim Weltcup-Finale sehr gut präsentiert und ist sicher an der Aufgabe gewachsen. Hat das eure Planung mit der Weltmeisterschaft im Hinterkopf beeinflusst?
Ich fand es im ersten Moment sehr traurig, dass Camelot und ich nicht gemeinsam nach Fort Worth reisen konnten. Ich hatte mich ehrlicherweise wirklich sehr mit Camelot darauf gefreut. Aber natürlich stand immer seine Gesundheit über allem! Und mir ist sehr deutlich bewusst, dass ich in der Luxussituation bin, zwei Pferde auf dem Niveau zu haben. Das kann nun bei weitem nicht jeder von sich behaupten und macht es sehr angenehm für alle Beteiligten. Dieu konnte ohne Probleme einspringen und hat beim Weltcup-Finale, finde ich, auch einen tollen Job gemacht mit dem fünften Platz.
Dieus Teilnahme in Fort Worth hat uns ein klein wenig beeinflusst. Eigentlich wollte ich Dieu in München reiten und Camelot erst in Balve. Dadurch, dass Camelot aber dann nicht mit nach Texas geflogen ist und längst wieder fit war, haben wir das einfach getauscht. Ich denke, das war auch eine sehr gute Entscheidung im Hinblick auf die Saison.

Dank an Camelot: Raphael Netz ist dankbar, dass sein Dressurpferd wieder fit ist. (© Stefan Lafrentz)
So trainiert Raphael Netz für Aachen
Das nächste große Ziel waren sicherlich die Deutschen Meisterschaften, wo es Bronze in der Kür gab mit Camelot. Wie sah sein Aufbau dahingehend aus?
Nach Fort Worth hieß es, ganz ehrlich gesagt, für uns erstmal einmal ganz kurz Luft holen. Aber viel Zeit war nicht, weil sechs Wochen später schon München auf dem Programm stand. Für mich hieß das dann recht schnell in die Vorbereitung mit Camelot einsteigen, weil wir beide ganz lange keinen Special mehr geritten sind. Unser letzter Special war, glaube ich, 2024 in Aachen. Deshalb haben wir im Training ganz klar den Fokus daraufgelegt.
Zwischen München und Balve war dann gar nicht so viel Zeit, aber ich bin ein großer Verfechter davon, meinen Pferden nach dem Turnier Urlaub zu geben. Das tue ich dann auch ganz vehement, selbst wenn nicht so viel Pause zum nächsten Turnier ist. Die Pferde wissen ja nicht, was in unserem Turnierkalender steht. Sie haben keine Ahnung, was wir da planen. Und sie haben ihren Urlaub absolut verdient!
Das hat dann die Zeit gekürzt, in der wir uns aktiv auf Balve vorbereiten konnten. Wir haben Camelot gymnastiziert und schön locker gemacht. Dazu ein, zwei Sachen genauer angeguckt. Dann ging es aufs Turnier, wo wir dann Bronze holen konnten.

Urlaub ist ein Muss: Raphael Netz gibt seinen Pferden Pausenzeiten, auch wenn das nächste Turnier schon im Kalender steht. (© Privat/Raphael Netz)
Das Management der Pferde als Schlüssel
Auch wenn jeder erstmal seine Leistung zeigen muss für die WM-Nominierung, gibt es natürlich einige Kandidaten, die sicherer erscheinen als andere. Wie gehst du damit um, Teil eines großen Pools an potenziellen Kandidaten zu sein, für die es in die eine oder andere Richtung gehen kann?
Für den Nationenpreis in Hagen sind wir Reserve, also die Fünften in der Reihe. Das beeinflusst allerdings nicht meine mentale Situation, denn am Ende ist meine Aufgabe ziemlich simpel. Das Einzige, was ich tun und beeinflussen kann, ist mich gut um mein Pferd zu kümmern im allgemeinen Management. Und wenn ich auf ihm sitze beim Training und beim Turnier, fokussiert zu sein und genau in dem Moment zu sein, in dem ich gerade bin.
Eine etwas neue Situation ist für mich, zwei Pferde auf diesem Niveau zu reiten. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch ist es meine Aufgabe, sie beide so gut wie möglich an die Aufgabe heranzuführen, bei ihnen zu sein und sie genauso zu reiten, wie sie es brauchen. Für mich waren die Lehren daraus ein großes Geschenk.
Pferde fit halten trotz Sommerhitze
Und wie sieht das Training in diesen Wochen aus? Wie geht ihr an die Herausforderung des Trainings und Fithaltens in diesen Wochen heran?
Eigentlich habe ich ein sehr entspanntes Trainingsprogramm. Wichtig sind mir Gymnastik und Durchlässigkeit und wirklich, dass meine Pferde schön über den Rücken Schritt, Trab, Galopp gehen und locker sind und motiviert sind. An den Lektionen zu arbeiten, steht tatsächlich nicht so an erster Stelle. Vor allem natürlich auch nicht bei einem Pferd, das seinen Job kennt und weiß, was Sache ist. Auf dem Level von Camelot und Dieu bildet man ja nicht mehr weiter aus, sondern arbeitet hier und da noch an Feinheiten.
Während der Hitze im Juni waren wir sehr froh, dass unsere Reithalle sehr gut gebaut ist. Dort hält sich das mit der Hitze wirklich in Grenzen. Jedoch ging das Training auch in dieser Zeit recht normal weiter, da wir mit Hitze auch beim Turnier rechnen müssen. Jedoch wird der Stallalltag bei Hitze immer angepasst. Es gibt immer wieder Möglichkeiten zum Runterkühlen für die Pferde, beispielsweise mit mehreren Duschen am Tag. Das entscheiden wir von Tag zu Tag situationsabhängig im Sinne der Pferde.
Dressurreiter Raphael Netz zu den WM-Vorbereitungen
Vielleicht kannst du noch einen Einblick geben, wie ihr an das Thema Tierarzt, Physio, Hufschmied, Fütterung in der WM-Vorbereitung herangeht?
Es gibt natürlich ein ganz großes Team, welches an einem solchen Erfolg beteiligt ist. Und da gehören alle von dir genannten mit dazu. Der Prozess des Managements ist dabei immer ein fortlaufender Prozess. Es wird alles hinterfragt, was man macht und immer wieder auch gut ins Pferd reingehört. Wenn man das passende Management für das jeweilige Pferd gefunden hat, dann bleibt man da auch dabei. So lange bis man bemerkt: Okay, das war jetzt doch nicht ganz so perfekt. Da sollten wir nochmal was verändern.
Das sollte aber nicht zwingend vor einem Championat ankurbelt werden. Man hört einfach jederzeit auf das Pferd und schaut, was passt. Bei uns gehen die Pferde aber auch im Winter raus auf die Wiese. Deshalb ist die Anpassung der Fütterung für uns kein so großes Thema, sondern ein laufender Prozess, bei dem wir auf die Pferde und natürlich den Tierarzt hören. Sie werden sehr regelmäßig gewogen und entsprechend wird dann angepasst, wenn es nötig ist. Vieles läuft dabei nach Gefühl. Wie fühlt sich das Pferd beim Reiten an? Wie war es auf dem letzten Turnier?
Aachen: Eine Weltmeisterschaft vor heimischem Publikum
Genießt du es eigentlich, dass die WM in Deutschland und nicht in Übersee stattfindet?
Die Vorbereitung auf ein Großereignis in Übersee, wie das Weltcup-Finale, ist natürlich ungleich größer. Dabei gibt es viel Papierkram zu erledigen, der Wochen in Anspruch nimmt. Man muss unheimlich gut die Memos lesen, damit man keine Deadline verpasst. Das ist in Aachen nicht ganz so aufwendig, aber es gibt natürlich immer viel zu tun. Am Abend vor der Abfahrt muss alles fertig sein und dann geht es morgens los.
Wenn ich an der WM teilnehmen darf, werde ich besonders genießen, dass so viele Freunde und Bekannte uns zujubeln. Das muss im großen Springstadion in Aachen nochmal unglaublicher sein als in Aachen sowieso. Ich denke übrigens, dass das auch meine Pferde genießen würden.
Interview: Alexandra Koch
