Kommunikation: Pferd steigt auf Weide © Kosmos Verlag

Ihr Pferd spricht – hören Sie zu? Kommunikation entscheidet alles.

„Ich sehe zu viel Zwang in der Pferdewelt, zu viele Abkürzungen zulasten der Pferde und zu viele ‚One fits all‘-Lösungen. Und zu viele ultimative Trainingsmethoden für schnelle Ergebnisse, das komplexe Pferd vereinfacht heruntergebrochen, für jeden zu bedienen. Das ist nicht fair“, schreibt Anna Kannegieter in ihrem Buch „Empower your horse“. Die Ausbilderin wählt einen anderen Weg und setzt auf freiwillige Kooperation. „Die Pferde wollen sowieso mit uns harmonieren, wir müssen ihnen lediglich die Möglichkeit dazu geben und die Hand reichen.“

Stress, Konflikte und damit unnötiges Energieverschwenden versuchen Pferde in freier Wildbahn stets zu vermeiden. Als Herden– und Beutetier sei vielmehr das Leben im Einklang mit der Gemeinschaft, als Puzzleteil eines großen Ganzen entscheidend. „Das sensible Empfangen und Wahrnehmen von Gemütszuständen, Veränderungen in der Energie und kleinen Bewegungen sind für das sichere Überleben des Pferdes ein wichtiger Bestandteil“, erklärt sie. Steht eine Flucht bevor, synchronisiert sich das Verhalten aller Mitglieder binnen weniger Sekunden. Forscher sprechen von „emotionaler Ansteckung“.

Was Pferde brauchen, um sich sicher zu fühlen

Sicherheit ist existenziell. „Das Gehirn des Fluchttieres ist ständig damit beschäftigt, mögliche Gefahren ausfindig zu machen und sich vor ihnen zu schützen. Das ist ein anstrengender Job. In der Herde teilen sich die Tiere diese Aufgabe und sorgen so gemeinsam für Sicherheit“, weiß die Trainerin. Jeder achtet auf jeden. Nicht verwunderlich also, dass ihr Sicherheitsbedürfnis steigt, wenn sie ihre Artgenossen auf unseren Wunsch hin verlassen sollen. So entsteht erst einmal ein großer Nachteil.

„Doch dieser eröffnet uns auf der anderen Seite eine große Chance, für das Pferd von Vorteil zu sein“, meint die Ausbilderin. „Wir dürfen die Sorgen und Fragen unseres Pferdes über die Reize der Umwelt sehen, anerkennen und ihm dann vermitteln, dass keine Gefahr droht. Wir geben ein Sicherheitsversprechen. Wir versprechen, dass sich das Pferd bei uns gut aufgehoben und wohlfühlen kann.“ Die Achtsamkeit in der Herde wird auch von uns Zweibeinern erwartet.

Herde auf einer Weide

Stress und Konflikte in der Herde versuchen die Tiere zu vermeiden. Sie bevorzugen ein harmonisches Zusammenleben. (© Kosmos Verlag)

So wird Kommunikation für das Pferd verständlich

Unser Sicherheitsversprechen baut auf Berechenbarkeit auf. Sprunghaftigkeit und sich ungehalten von den eigenen Emotionen leiten zu lassen hätten keinen Platz in einer fairen Pferd-Mensch-Beziehung. Klarheit und Zuverlässigkeit schon. Daraus ergibt sich eine strukturierte Handlungsempfehlung: Alle Kommunikationswege müssen so verständlich und einheitlich wie möglich sein.

„Oft frage ich meine Kunden und Kundinnen, was sie eigentlich gerade ihr Pferd fragen. Dies sind dann die Momente, wo sie innehalten und feststellen, dass sie das selbst nicht so genau wissen. Klarheit fängt mit der Intention der Kommunikation an. Was möchte ich von meinem Pferd? Habe ich ein klares Bild im Kopf, was mein Pferd tun soll und wie es sich dabei im besten Fall fühlen soll? Weiß ich auch technisch, welche Hilfe ich geben muss?“, fragt die Expertin.

Wenn Hilfen für das Pferd zum Rätsel werden

Die Hilfengebung sollte keinem Rätsel gleichen. Vertrauen wiederum entsteht durch wiederholte zuverlässige Handlungen, Pläne und Abläufe. „Wir sind schon kompliziert genug in unserem Verhalten, Unzuverlässigkeit sorgt nur für Skepsis und Selbstschutz“, gibt sie zu bedenken.

Ist ein Pferd der Auffassung, dass wir nicht in seinem besten Interesse handeln oder unser Tun gar sein Überleben gefährdet, beginnt es instinktiv, für sich selbst zu sorgen. Der Mensch bietet ihm keinen Vorteil mehr. Im Gegenteil: Er wird zur Gefahr.

Wie das Pferd durch klare Kommunikation Sicherheit findet

Freiarbeit mit Pferd auf Weide

„Dein Pferd ist nie gegen dich, sondern immer für sich selbst!“ – Anna Kannegieter (© Kosmos Verlag)

„Kraft und Gewalt als Abkürzung zu nehmen und eine fälschliche Durchlässigkeit zu erlangen ist ein Vergehen am Pferd. Das Pferdegehirn wird so immer im Überlebensmodus bleiben und Gefahr, von uns ausgehend, fürchten. Echte Losgelassenheit im Pferd findet nur statt, wenn es mental und körperlich losgelassen ist. Der Job des Pferdegehirns ist es, das Pferd zu beschützen. Solange sich das Pferd nicht sicher fühlt, können wir nie dessen volles Potenzial erreichen“, sagt Anna Kannegieter und erklärt in drei Schritten, wie sie den Fokus des Pferdes ändert.

  1. Den Reiz anerkennen: Wenn das Pferd etwas wahrgenommen hat, darf es den externen Reiz kurz wahrnehmen. Danach sollte die Aufmerksamkeit aber auf den Menschen umgeleitet werden, indem nach einer einfachen Lektion oder einer kleinen Aufgabe gefragt wird, die es gut kann.
  2. Sicherheit ausstrahlen: Nachdem das Pferd der Anfrage nachkommt, folgt eine sichtbare Entspannung des Menschen – ausatmen, Hände sinken lassen, Ruhe ausstrahlen. Bei der Lektion kommt es übrigens weniger auf die Ausführung als auf die mentale Reaktion an. Es geht lediglich darum, dem Pferd Sicherheit zu vermitteln.
  3. Wirklich wahrgenommen werden: Reagiert es mit der körperlichen Ausführung der Anfrage, ist es mental aber abwesend, fragt man so lange weiter, bis man tatsächlich wahrgenommen wird. Denn nur dann verlässt das Pferd seine erhöhte Alarmbereitschaft.

Was fragt uns das Pferd?

Alarmbereitschaft ist die Folge, wenn wir Fragen, die häufig das Sicherheitsbedürfnis betreffen, nicht beantworten. „Ist dieser Reiz sicher? Sind wir hier sicher? Sind wir vor diesem lauten Geräusch sicher? Bist du für mich da? Bist du sicher?“ Meistens stellt der Mensch Fragen an sein Pferd und erwartet darauf eine Antwort. Im besten Fall antwortet das Pferd mit einem „Ja“ und führt das gewünschte Verhalten aus. Doch erst, wenn mit dem Pferd eine Zwei-Wege-Kommunikation entsteht, folgt ein wahrer Dialog.

Wieso sollte das Pferd sich bemühen, dem Menschen jede Frage zu beantworten, wenn seine Fragen ignoriert werden? – Anna Kannegieter –

Kommunikation mit dem Pferd heißt auch Zuhören

Zuhören und verstehen: Auch darum geht es. Kommunikation mit dem Pferd ist keine Einbahnstraße. „Das Pferd muss keinesfalls auf uns hören und uns vertrauen, nur weil wir das gerne so hätten. Das dürfen wir uns erarbeiten“, betont sie. Je besser wir die Bedürfnisse, Ängste und Wünsche interpretieren, desto stärker wird die Verbindung. Vollständig verstehen werden wir die Tiere wahrscheinlich trotzdem nicht.

Umso wichtiger ist es, auf die Botschaften zu reagieren, die wir erkennen und deuten können. Dabei gelten klare Regeln. Das sind einerseits vom Menschen aufgestellte Grundsätze, die das beiderseitige Wohlbefinden betreffen, andererseits persönliche Präferenzen und Grenzen des Vierbeiners.

Frau kuschelt mit Pferd auf Weide

Je besser die Bedürfnisse, Ängste und Wünsche verstanden werden, desto stärker wird die Verbindung. (© Kosmos Verlag)

Wenn das Pferd Grenzen aufzeigt

Ein Beispiel: „Wenn wir möchten, dass das Pferd unseren Raum respektiert, dann müssen wir dem Pferd denselben Respekt entgegenbringen. Ein leichtes Ausweichen oder ein Verhärten der Mimik ist bereits ein Zeichen, dass das Pferd nicht angefasst werden möchte.“ Es sei möglich, Kompromisse zur beider Zufriedenheit festzulegen. Sie selbst hat nur zwei Grundregeln. „Erstens: Mein Raum wird respektiert. Zweitens: Auf Druck wird nachgegeben.“

Ihr Mustang Sky, den sie nach der Teilnahme an der „Mustang Makeover-Challenge“ im Jahr 2020 kaufte, lässt sich zum Beispiel nicht sagen, was er tun soll. „Ich kann ihn bitten und gute Argumente liefern, aber am Ende muss er sich dafür entscheiden. Wir können Pferde sowieso nicht kontrollieren. Sie sind deutlich stärker und schneller als wir. Ein sicheres Pferd ist immer ein Pferd, das sich sicher fühlt. Einer der größten Fehler, den wir bei der Arbeit mit Pferden machen können, ist es, nur mit dem Körper zu arbeiten“, merkt die Trainerin an.

Respekt entsteht nicht durch Druck

Das Erklären von Grenzen und Regeln gelingt durch Konsequenz und Wiederholung. Aber nicht nur. „Lebewesen lernen immer, wenn dies ihren eigenen Zustand optimiert, sprich, wenn es ihnen damit besser geht als vorher. Die Motivation liegt genau darin.“ Spürt das Pferd, dass sich seine Situation verbessert hat, kann es die Verknüpfung zwischen dem Signal und der positiven Veränderung herstellen.

Strafen sind dabei nicht zielführend. „Strafe sagt aus, was nicht getan werden soll, lässt das Pferd aber mit der Frage zurück, was es stattdessen tun soll. Für uns kann die Antwort klar sein, das Pferd sieht viele Möglichkeiten und ist verunsichert. Verstärken wir allerdings die kleinste Idee unserer Vorstellung, bieten wir dem Pferd einen strukturierten Lösungsweg“, erläutert sie.

Pferd-Mensch-Kommunikation: So viel Mitspracherecht ist nötig

Ist diese sichere Basis erreicht, kann der Mensch ihm ein großes Mitspracherecht über die gemeinsame Zeit einräumen. Es bezeichnet das Recht, bei Entscheidungen beteiligt zu werden, die es selbst betreffen. „Wir sind flexibel in unseren Plänen. Wir dürfen einen roten Faden haben und trotzdem von unserem Weg abweichen, um das Pferd mitzunehmen.“

Respekt, der auf Anerkennung beruht, spielt in dieser Art des Umgangs ebenfalls eine Rolle. „Das Pferd orientiert sich an uns, weil es unser Verhalten und unsere innere Haltung für nachvollziehbar, sinnvoll und hilfreich hält. Es orientiert sich freiwillig an uns für die eigene Sicherheit.“ Um diese Anerkennung zu verdienen, müsse der Umgang auf Harmonie und Selbstreflexion beruhen. Das ist leicht, solange keine Konflikte bestehen.

Ein Nein ist kein Angriff

Was aber ist, wenn es nicht das macht, was der Mensch erwartet? Was, wenn es „Nein“ sagt? „Dies sind wunderbare Momente, um gemeinsam zu wachsen und zu reflektieren“, antwortet Kannegieter. Denn hier entscheidet sich, ob wir dem Pferd zuhören und es unterstützen oder es übergehen.

„Was niemals passieren wird, ist, dass das Pferd dem Menschen aus Boshaftigkeit schaden möchte. Es arbeitet in solchen Momenten nicht gegen ihn, sondern es sorgt für sich selbst. Dies ist ein wichtiger Unterschied. Das Pferd will uns nie eins auswischen. Was für den Menschen ein Problemverhalten ist, ist für das Pferd das Lösungsverhalten“, erläutert die Ausbilderin. Ihr Tipp: in die Rolle des Tieres schlüpfen und versuchen, seinen Standpunkt nachzuvollziehen.

Frau macht Spaziergang mit drei Pferden

Sicherheit ist jedem Pferd wichtig. Der Mensch kann dafür sorgen, dass es sich bei ihm gut aufgehoben fühlt. (© Kosmos Verlag)

Probleme verstehen, statt sie zu übergehen

Es gibt für Kannegieter nur eine Handvoll Gründe, weshalb eine Anfrage verneint wird:

  • Wenn es sich Sorgen um die eigene Sicherheit macht,
  • Schmerzen hat,
  • sich die Tätigkeit nicht lohnt,
  • es einen Nachteil erwartet (z. B. durch schlechte Erfahrungen) oder
  • nicht versteht, was der Mensch von ihm möchte.

Viele Situationen und Ansprüche der Reiter stünden im Konflikt mit seinen Instinkten. Daher seien Empathie und Verständnis die Grundlage für eine harmonische Beziehung. Auch im Zweifel immer für und mit dem Pferd. „Sie lesen immer mehr, als wir senden wollen“, weiß die Expertin. Das sollten wir nicht vergessen.

Ein „Nein“ heute bedeutet übrigens kein „Nein“ morgen. „Wenn mein Pferd sich mit mir wohlfühlt, die Aufgabe verstanden hat und in guter mentaler und körperlicher Verfassung ist, dann wird es nicht aus einer Laune heraus plötzlich immer ‚Nein‘ sagen. Wenn es einen Grund dafür gibt, natürlich schon. Dann sind wir in der Verantwortung, auf Ursachenforschung zu gehen“, verrät sie.

Kommunikation mit dem Pferd bleibt ein Lernprozess

Es brauche Klarheit, Zuverlässigkeit, Flexibilität, Zeit, Selbstreflexion, fundiertes Wissen und Gefühl, bis man einander lesen und verstehen könne. Doch dann sei es kein Hexenwerk, ein „Ja“ zu bekommen und die Wunschliste des Pferdes erfüllen zu können, meint die Trainerin. Es liegt in der Hand des Menschen, eine konfliktarme, sichere und respektvolle Kommunikation zu erschaffen.

„Mitspracherecht ist ein magisches Werkzeug. Pferde wollen sich sicher sein, dass wir für das gleiche Team spielen wie sie. Sie sind feinfühliger, als wir es uns jemals vorstellen können, und sie spüren den innersten emotionalen Beweggrund unseres Handelns. Wenn diese Intention nicht mit den Vorstellungen des Pferdes übereinstimmt, wird es niemals den gleichen Weg wie wir freiwillig gehen wollen.“

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