Laura Goetsch über die Rolle von Social Media im Reitsport


Bild vergrößern Laura Goetsch ist Influencerin und antwortet uns im Interview auf Fragen zur Auswirkung von Social Media auf den Reitsport.

Laura Goetsch ist Influencerin und antwortet uns im Interview auf Fragen zur Auswirkung von Social Media auf den Reitsport. (© Nele Isberner)

Was denkt eine Influencerin über den Einfluss von Social Media? Wir haben Laura Goetsch interviewt, die sowohl Gefahren als auch Chancen in Bezug auf den Reitsport sieht.

Wer bekommt im Reitsport die Deutungshoheit? Ist es eine Trainerin? Ein Tierarzt? Ein Verband? Oder eine Influencerin? Welche Rolle Social Media insbesondere für jüngere Menschen einnimmt, wie Meinungen entstehen, wie Reichweite wirkt und wie öffentliche Einordnung von Geschehnissen das Bild des Reitsports prägt, damit haben wir uns in unserer aktuellen Titelstory im Heft beschäftigt.

Dazu haben wir auch mit Influencerin Laura Goetsch gesprochen, die für die Ausrüstungsmarke Stübben arbeitet und gemeinsam mit ihrem Partner und Vielseitigkeitsreiter Pietro Grandis in der Heide in Niedersachsen auf einem Pferdehof lebt.

Laura Goetsch über ihre Rolle im Reitsport

Hooforia: Wie würdest du deine Rolle im Reitsport beschreiben: Beobachter, Meinungsbildner, Aktivist oder Vorbild?

Laura Goetsch: Ich würde sagen, dass mehrere Rollen zutreffen: Beobachter, da ich ja selbst sehr viel auf Turnieren, aber auch online unterwegs bin. Vorbild, weil mir Menschen folgen, die ich womöglich auch beeinflussen kann. Meinungsbildner auch, denn ich teile meine Meinung unabhängig davon, ob sie der Allgemeinheit entspricht.

Ab welchem Punkt wird eine persönliche Meinung zu öffentlicher Verantwortung?

Ich habe ja ein öffentliches Instagram-Profil mit mittlerweile ca. 26.000 Abonnenten, davon schauen etwa 5.000 Menschen täglich meine Storys. Diese Leute sehe ich aber natürlich nicht. Trotzdem sollte man sich – wenn man auf Social Media Inhalte mit einer größeren Followerschaft teilt – immer mal vorstellen, man würde vor 5.000 Menschen sprechen.

Durch den Bildschirm bzw. die Kamera fühlt es sich viel kleiner und privater an, als es am Ende ist. Meine persönliche Meinung ist in meinen Augen IMMER öffentliche Verantwortung, sobald ich etwas teile.

Was motiviert dich, dich zu Geschehnissen im Reitsport zu äußern?

Ganz einfach: die Liebe zu den Pferden und zum Sport! Ich bin mit ganzem Herzen dem Pferdesport verfallen und habe durch meinen Job und meinen Partner ja auch großen Zugang auf die internationale Bühne – da besonders in die Vielseitigkeit. Ich bin jeden Tag im Profistall und verbringe so viel Zeit mit Menschen, die ihr Geld mit dem Reitsport verdienen. Es macht mich unglaublich traurig, wenn Skandale in der Öffentlichkeit so dargestellt werden, als sei der Profisport eben so. Aber so ist er definitiv nicht.

Ich sehe unsere fitten, motivierten, gesunden Pferde, die sich durch gutes Reiten stetig weiterentwickeln, die gerne zum Turnier fahren, die absolut nicht überfordert oder unzufrieden sind und für ihren Reiter gut sein wollen. Heißt für mich ganz klar: es geht sehr gut ohne „unlautere Mittel“, wenn man das als Reiter möchte. Und die ganzen negativen Geschehnisse machen in meinen Augen einen gesamten Berufsstand kaputt, in dem es sehr viel mehr Menschen gibt, die diesen Job aus Liebe zu den Pferden machen als jene, die sich darüber weniger Gedanken machen.

Die Erwartungen der Reitsport-Community

Spürst du Erwartungen oder Druck aus der Community, zu bestimmten Themen Stellung zu beziehen?

Es ist seit einiger Zeit schon so, dass man das Gefühl hat, sich zu allem Möglichen äußern zu müssen. Bzw. wird suggeriert, dass man beispielsweise kein Problem mit einem Thema hat, wenn man sich nicht deutlich dagegen positioniert. Es muss aber in meinen Augen nicht jedes Thema noch sichtbarer gemacht werden und ich denke, dass sich die Follower dann auch mal Gedanken dazu machen müssen, was für Inhalte ein Creator sonst postet. Bloß, weil ich nicht jeden Skandal in meiner Story teile, heißt das nicht, dass ich etwas gutheiße.

Gibt es Situationen oder Themen, zu denen du bewusst keine Meinung äußerst? Wenn ja, warum?

Ja auf jeden Fall. Es muss nicht jedes Thema noch sichtbarer gemacht werden. Wenn man es möchte, kann man sicher jedes Foto einer Reitsportveranstaltung nach Fehlern absuchen und wird fündig. Meistens spielt es sich am Pferdekopf ab und meistens wird ein Schmerzgesicht interpretiert, obwohl da noch wesentlich mehr Faktoren eine Rolle spielen, die in Bildern überhaupt nicht sichtbar sind. Ich bin immer dafür, Themen oder Situationen erstmal einzuordnen. Mit Schnellschüssen ist auch niemandem geholfen.

Wie entscheidest du, ob ein Video oder Vorfall kommentiert oder geteilt wird?

Das ist situationsabhängig. Zuletzt habe ich mich öffentlich zur Causa Kukuk/Verona geäußert, denn es gab erstens genug Videomaterial, zweitens klar sichtbare Regelverstöße und noch dazu eine Praktik, mit der nach meiner persönlichen Erfahrung kein Pferd dieser Welt geritten werden muss. Wenn etwas so klar gegen das Pferdewohl geht, darf der öffentliche Druck gerne so groß wie möglich sein. Es muss unangenehm werden, sich so zu verhalten.

Recherchierst du Hintergründe, bevor du Inhalte veröffentlichst, und wie gehst du dabei vor?

Wenn es nötig ist, recherchiere ich natürlich – das ist das Mindeste. Ein schönes Beispiel ist die Änderung der Blood Rule. Hierzu wurde sehr viel veröffentlicht, oft gar nicht richtig eingeordnet und somit ging die Meinung durch die sozialen Medien, dass Blut am Pferd jetzt ok sei. Das ist aber ja gar nicht der Fall. Ich bin glücklicherweise gut vernetzt und kenne an entsprechenden Stellen Personen, mit denen ich mich austauschen kann.

Social Media als Aufklärungs-Plattform?

Glaubst du, dass kurze Social-Media-Clips der Komplexität vieler Reitsportthemen gerecht werden können?

Mein erster Gedanke ist ein klares Nein – allerdings ist Social Media für sehr viele Menschen heute eine der wichtigsten Informationsquellen. Es ist also eigentlich super wichtig, aus diesem Nein ein Ja zu machen.

Ich finde schreiben immer noch leichter als sprechen, wenn es um komplexere Themen geht und glücklicherweise ist meine Community auch bereit, längere Texte zu lesen. Man muss immer abwägen und das richtige Format für verschiedene Inhalte finden.

Denkst du vor dem Posten über mögliche Konsequenzen für die betroffenen Personen nach?

In der Regel stehen diese Personen sowieso in der Öffentlichkeit und ich bin auch niemand, der irgendjemanden ohne entsprechende Beweise an den Pranger stellt. Es ist heute einfach eine Konsequenz für Fehlverhalten, dass man Kritik in den Sozialen Medien erhält und das ist auch in Ordnung. Vermeiden kann man das ganz einfach: keinen Mist machen.

Wo siehst du die Grenze zwischen Aufklärung, Meinung und öffentlicher Vorverurteilung?

Wenn ich in Content denke, ist Aufklärung für mich ein faktenbasierter Wissens-Post mit entsprechenden Nachweisen. Meinung zum Beispiel ist ein Video über etwas, was ich selbst erlebt habe und öffentliche Vorverurteilung ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz, den jemand anderes veröffentlicht hat und zu dem ich eine Reaktion teilen würde.

Hier bleibe ich auch ganz bewusst hypothetisch, da ich sowas selbst verurteile. Diesen Content gibt es aber leider und findet auch immer wieder großen Zuspruch. Für den Konsumenten ist es leider oft schwer, bei diesen Themen eine Grenze zu ziehen, da jeder auch seine Meinung als Fakten ins Netz stellen kann.

Drama gefällig? Nicht nur ein Problem auf Social Media

Belohnt Social Media eher differenzierte Einordnung oder klare, emotionale Positionen?

Wieso sollte Social Media anders sein als andere Medienarten? Drama, Probleme und Negativität ziehen doch auch in den Nachrichten, in Zeitung und Zeitschriften. Das ist also eher ein gesellschaftliches Thema. Meiner Erfahrung nach sind klare Positionen besser, um sich an ihnen zu reiben, daher gibt es viel positiven Zuspruch, aber auch Gegenstimmen. Das wiederum führt zu vielen vielen Kommentaren, die einen Post im Algorithmus als relevant einordnen. Somit wird der Post wieder einer größeren Reichweite ausgespielt und damit belohnt.

Was bedeutet Meinungsfreiheit für dich im Kontext von Reichweite und Verantwortung?

Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht und selbstverständlich sind Inhalte, die ich auf meinem Profil teile auch meine persönliche Meinung. Die wird nicht immer jedem gefallen und das ist auch in Ordnung. Es muss dann aber auch klar sein, dass das zu Konflikten führen kann, denen man sich möglicherweise stellen muss.

Wie gehst du mit Kritik oder Gegenmeinungen zu deinen Aussagen um?

Ich liebe jede Form von Austausch und ich finde Kritik und Gegenmeinungen fast spannender als Zuspruch. Man kann mit mir sehr gerne über alles diskutieren, solange es sachlich und fundiert bleibt. Nur so kann man sich weiterbilden. Es gibt nichts Schlimmeres für mich als absolute Engstirnigkeit.

Reitsport und Instagram: Vorbild sein?

Siehst du dich als Vorbild – auch für junge Reiter – und was macht für dich ein gutes Vorbild im Reitsport aus?

Ich denke schon, dass ich irgendwo ein Vorbild bin. Hoffentlich aber nicht für gutes Reiten, denn da schätze ich mich auf absolutem Amateur-Niveau ein und würde generell jedem empfehlen, wirklich erfolgreiche Reiter als Vorbild im Reitsport zu sehen. Ein gutes Vorbild ist jemand, der das Pferd an erster Stelle sieht, sich um sein Wohlergehen kümmert, der langfristig gesunde und fitte Pferde hat, dem man die Freude an der Arbeit mit den Pferden ansieht, der sich weiterbildet, offen ist für Austausch und Kritik und damit im Sport Erfolg hat.

Muss ein Influencer fachliche Kompetenz haben, um als glaubwürdiges Vorbild wahrgenommen zu werden?

Leider nicht. Ich fände es großartig, wenn es mehr fachlich kompetente Reiter gäbe, die Social Media mehr nutzen würden. Aber ich denke, dass die Relevanz für Menschen außerhalb des Reitsports doch recht gering ist. Die nicht-reitende Öffentlichkeit hat auf Social Media ganz andere Themen, die ausgespielt werden. Ich denke nicht, dass sich da zu viele Leute auf Profile der Reitsport-Influencer verirren…

Siehst du es als deine Aufgabe, auch konstruktive oder lösungsorientierte Inhalte zu fördern?

Auf jeden Fall ist das etwas, was ich mir für meinen Account wünschen würde. Ich finde es sehr bereichernd, wenn man sich vernünftig über Themen austauschen kann und bin auch der Ansicht, dass viele Menschen auch außerhalb des Profisports wahnsinnig viel Ahnung und gute Ideen haben. Wenn daraus „mehr“ werden kann, ist das doch eine große Chance.

Gab es Situationen, in denen du im Nachhinein anders reagieren oder kommunizieren würdest?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe aber auch kein Problem damit, meine getätigten Aussagen später nochmal zu revidieren oder anders einzuordnen, mich zu entschuldigen oder zu sagen: da lag ich falsch. Das können leider nicht mehr viele Menschen.

Welche Frage sollte sich jeder Influencer stellen, bevor er seine Meinung öffentlich teilt?

„Würde ich das genauso auf einer Bühne vor einem echten Publikum sagen?“

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