Interview mit Laura Goetsch: Was muss sich im Pferdesport ändern?


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Laura Goetsch arbeitet für die Firma Stübben und hat Hooforia ein Interview zum Thema „Regeländerungen im Reitsport“ gegeben. (© privat)

Warum reicht „richtig“ oft nicht aus, um Regeln zu ändern? Im Interview mit Hooforia spricht Laura Goetsch über Ausrüstung, Pferdewohl, Social Media und den Einfluss öffentlichen Drucks im Reitsport.

Warum reicht es im Pferdesport oft nicht aus, „das Richtige“ zu tun? Wieso brauchst es oft erst Skandale und öffentlichen Druck? Welche Rolle spielen dabei Vorbilder, Social Media und große Veranstaltungen? Im Interview mit Influencerin und Stübben-Mitarbeiterin Laura Goetsch sprechen wir über Verantwortung im Umgang mit Ausrüstung, die Macht öffentlicher Wahrnehmung und darüber, was sich ändern müsste, damit der Reitsport wieder in einem besseren Licht dastehen kann.

Laura Goetsch ist mit Vielseitigkeitsreiter Pietro Grandis liiert, der einen Ausbildungsstall in Norddeutschland führt. Gemeinsam im Team bei Stübben hat Laura für Hooforia acht Fragen beantwortet.

Laura Goetsch im Interview mit Hooforia

Welche Rolle spielt Ausrüstung für Euch im täglichen Training – und wo seht ihr klare Grenzen dessen, was aus Eurer Sicht pferdegerecht ist?

Die Pferde bei uns im Stall sind zwischen vierjährig bis 15 Jahre alt. Bei vielen Pferden haben wir eigentlich echt wenig Ausrüstung im täglichen Gebrauch. Weiche Gummistange, einfach gebrochenes Olivenkopfgebiss oder doppelt gebrochenes Olivenkopfgebiss. Keep it simple  – und es funktioniert. Ich bin wahrscheinlich berufsbedingt ein Extremfall. Für mich ist schon ein nicht passender Sattel absolut nicht pferdegerecht, das ist kein Problem, was nur am Pferdekopf stattfindet.

Am Ende ist es egal, ob Sattel, Trense oder Gebiss: das Equipment muss vor allem dem Pferd passen und es muss damit zufrieden sein. Ansonsten ist es in meinen Augen schon nicht mehr pferdegerecht. Wir wollen in der Ausbildung keine Konflikte kreieren. Gibt es Abwehrreaktionen, haben die einen Grund und sollten in unseren Augen nicht mit der nächst schärferen Variante gelöst werden. Das Pferd soll mit seinem Reiter arbeiten und auch Freude daran haben und statt aufzurüsten, macht es häufig mehr Sinn, nochmal einen Schritt zurück zu gehen.

Ausrüstung und Regeln im Pferdesport

Es gibt Ausrüstungsgegenstände, die regelkonform sind, aber bei falscher Anwendung problematisch sein können. Wo seht ihr hier die größte Gefahr?

Jeder Ausrüstungsgegenstand kann bei falscher, grober Nutzung zum Problem werden. Da sehe ich auch wirklich keine Ausnahme. Es ist immer die Intention des Anwenders. Dazu kann man keine Regeln aussprechen. Die größte Gefahr sehe ich aber eher darin, dass irgendwann jede Einwirkung des Reiters auf sein Pferd negativ ausgelegt wird. Das ist heute ja schon manchmal der Fall.

Bei all der Negativität, muss man sich immer mal wieder darauf berufen, Dinge in Relation zu setzen und vernünftig einzuordnen. Wir haben im Sattel die Pflicht, ein Pferd so zu trainieren, dass es die entsprechende Muskulatur entwickelt, um uns tragen zu können. Das ist Sport und Sport darf anstrengend sein, Anstrengung darf man auch mal sehen und Anstrengung macht auch Spaß!

Warum es im Pferdesport auf das „Wie“ ankommt

Können Regeln überhaupt „feines Reiten“ sicherstellen, oder ist das letztlich eine Frage der Haltung und Ausbildung?

Nein, das ist in meinen Augen nicht möglich. Es fängt ja schon damit an, dass man „feines Reiten“ erstmal klar definieren müsste. An Ausrüstung kann man es schonmal nicht bewerten, ich bin der Meinung, dass fünfmal mit der Ferse ohne Sporen zu treiben schon weniger fein ist, als ein einmaliger Einsatz mit einem Sporen. Ein durchhängender bzw. springender Zügel wirkt auch im Maul des Pferdes.

Diese Gedanken sind aber auch total ernüchternd und ich hatte da schon einige Konflikte in meinem Job bei Stübben: Wir versuchen immer, unsere Produkte möglichst pferdefreundlich zu gestalten. Die Nutzung liegt aber nicht mehr in unserer Hand als Hersteller und wir können es auch gar nicht vermeiden. Ich versuche jetzt immer, besonders die positiven Eigenschaften der Produkte hervorzuheben und auch deren Anpassung und Nutzung zu erklären, sodass ich von meiner Seite aus sagen kann: Ich habe alles gegeben.

Laura Goetsch über die Gefahr sozialer Medien

Welche Rolle spielt dabei der Druck in den sozialen Medien?

Eine riesige Rolle. Die sozialen Medien haben generell eine riesige Relevanz und viele Menschen nutzen sie als einzige Informationsquelle. Da aber jeder Nutzer Inhalte einstellen kann, finde ich die sozialen Medien extrem gefährlich. Man kann sich auch online völlig anders darstellen, als es tatsächlich gelebt wird. Auch Influencer haben einen großen Einfluss, besonders auf junge Leute. Es ist nicht erkennbar, wer echtes Vorbild ist und wer nicht.

Auf Social Media wird auch sehr oft heißer gekocht als gegessen. Die Grundstimmung im Reitsport ist in meinen Augen sehr negativ und man sieht immer öfter verhärtete Fronten. Auch hier würde ich mir wünschen, dass öfter in Relation gesetzt werden würde und man nicht sofort davon ausgeht, mit einem einzigen Bild die ganze Wahrheit zu sehen.

Glaubt ihr, dass öffentlicher Druck zu besseren Entscheidungen im Pferdesport führen kann – oder besteht die Gefahr, dass dadurch nur Symptome statt Ursachen bekämpft werden?

Sind wir doch mal realistisch: Wir reden über Regelwerke für den Profisport. Für Turnierveranstaltungen. Was jeder zu Hause macht, ist überhaupt nicht geregelt, kann nicht kontrolliert werden und ist auch nicht nur ein Problem im Profibereich. Trotzdem glaube ich, dass man durch Social Media einfach vorsichtiger geworden ist. Wie schon gesagt: jeder mit einem Zugang kann Inhalte teilen.

Am Beispiel Verona sieht man gut, dass daraus dann auch Änderungen erfolgen können. Was aber in dem Fall wichtiger gewesen wäre, wären in meinen Augen direkte Sanktionen. Bei den ganzen Maßnahmen und Regeln, die eigentlich für das Pferdewohl gedacht sind, blickt irgendwann auch keiner mehr durch – egal ob Reiter oder Offizielle.

Das muss sich im Pferdesport ändern

Wenn Ihr eine Sache im internationalen Pferdesport ändern könntet, um das Pferd konsequenter in den Mittelpunkt zu stellen – welche wäre das?

Positives Herausheben besonders fairer und harmonischer Paare. Möglicherweise über mehrere Events hinweg und völlig unabhängig von der Platzierung. Es sollte sich lohnen, auf sein Pferd und dessen Wohlbefinden zu achten. Außerdem fände ich bei Fehler-Zeit-Springen auch eine zusätzliche Stilnote interessant…

Was würdet Ihr jungen Reiterinnen und Reitern mitgeben, die leistungsorientiert reiten wollen, dabei aber Angst haben, ethische Grenzen zu überschreiten?

Zum Reitsport kommt man doch eigentlich immer über die Liebe zu Pferden und jeder hat doch eine bestimmte moralische Vorstellung und ein Gefühl, was vertretbar ist und was nicht. Ich würde vielen jungen Reiterinnen und Reitern empfehlen, mehr auf dieses Gefühl zu hören und auch für ihre Pferde einzustehen.

Als Reiter fühlt man immer besser als die Person am Boden, was für das Pferd in bestimmten Situationen möglich und was zu viel ist. Auch ohne viel Erfahrung. Natürlich machen wir auch alle Fehler – das ist aber nicht schlimm, solange man daraus lernt und immer an sich arbeitet. Das Pferd ist eigentlich nie Schuld, wenn man das im Kopf hat, fährt man meistens gut.

Laura Goetsch für mehr Vergleichbarkeit im Turniersport

Was glaubt Ihr, warum gebisslose oder alternative Reitweisen, vielleicht auch ohne Sattel oder nur im Pad, im internationalen Turniersport bisher kaum zugelassen sind?

Weil hier wahrscheinlich kein großer Mehrwert für das Pferd zu finden ist. Ein Sattel hat ja eine maßgebliche Funktion, nicht nur hinsichtlich der Sicherheit, sondern er verteilt das Gewicht des Reiters gleichmäßig über den Pferderücken, sorgt dafür, dass keine unangenehmen Druckspitzen entstehen, dämpft Stöße ab, etc.

Und wie bereits beschrieben, ist gebisslos nicht gleichzusetzen mit sanfter Einwirkung. Dazu braucht es natürlich auch eine gewisse Vergleichbarkeit, das ist bei komplett freier Wahl des Equipments aber einfach nicht möglich.

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