Pferd frisst Weide © Christiane Slawik

Die "Nimmersatts" sind unterwegs.

Es war ein heißer Sommersonntag. Zu mir gehörte damals noch ein kräftiger Tinker im Kaltblutformat – spät gelegt, ein echter Muskelprotz. Sein bester Kumpel: ein Noriker-Wald-und-Wiesen-Mix. Der eine gefräßiger und charakterstärker als der andere.

„Selektiver Fressspaziergang. Das ist gesund!“, sagte meine Freundin. Ihre neue Instagram-Futterberaterin hatte ihr das mit dem selektiven Fressen empfohlen. Nachdenklich schauten wir auf die beiden leicht dicklichen Pferde und zogen schließlich los Richtung Dorfausgang. Zwei Plaudertaschen, zwei gierige Nashörner am Strick, am Wegesrand die ersten hungrigen Bremsen.

„Und jetzt?“ Vor uns eröffnete sich die Landschaft, ein alter Holzpfeil zeigte hoch zum Wald.

„Einfach fressen lassen.“ Die Stricke lockerten sich also, die Köpfe gingen runter.

Uckermärkische Nachmittage Ende August: Der Sommer wuchs über die Ränder. Die Gräser standen hoch und wild, kippten ineinander. Wir waren genau dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagten. Riesige Disteln lehnten sich über den Sandweg, dazwischen Klee, Schafgarbe, die letzten blauen Blüten der Wegwarte.

Wilde Möhre streckte ihre weißen Dolden aus dem Durcheinander. Vom Waldrand herüber duftete es nach Harz und warmem Sand, aus den Gebüschen zirpte es. Hoch über uns kreiste ein Rotmilan. Der hatte an diesem Sonntag bestimmt auch nicht mehr viel vor.

Wir schon. „Wir wollten doch spazieren gehen, oder?“

Pferd grast

Das große Fressen – es kann losgehen. (© Christiane Slawik)

Mein Pferd stürzte sich auf die Wegwarte, sein gepunkteter Kumpel verschwand bis zu den Ohren im Grün. „Schafgarbe“, sagte meine Freundin und zeigte auf ein paar kleine weiße Blütenteller. Daneben Spitzwegerich, ein paar Schritte weiter Klee und Löwenzahn – die nächste vielversprechende grüne Ecke. Hagebutten? Auch nicht schlecht. Die Dolden der Wilden Möhre wurden zu Boden getrampelt, während die zwei Pferde sich durchs Dickicht arbeiteten.

„Mitten im Buffet.“
Zwei Schritte. Kopf runter. Ein Schritt zurück.
Drei Schritte nach links. Kopf runter.

Wir redeten über die Woche, schwitzten, schlugen uns Bremsen von den Armen. Vor uns schlängelte sich der sandige Weg entlang zwischen Wiesen und Kiefern, die Sonne fiel in langen Streifen durch die Bäume und in den Brombeerhecken hingen dunkle Früchte zwischen den Blättern. Alles summte, raschelte, duftete. Wunderschön – aber wir hatten doch was vor.

„Wollen wir mal weiter?“

Wollen schon, ja – taten wir aber nicht.

Die zwei Pferde stürzten sich auf die üppige Tafel der Wildnis, als hätten sie seit Wochen nichts gefressen – dabei standen sie zu Hause auf einer Ganzjahresweide. Hier ein Büschel, Ratsch und Rupf, dort ein Blatt, das Grünzeug am Wegesrand, und das da oben am Baum – her damit, der Ast schmeckte auch.

„Dürfen die das fressen?“

Meine Freundin kannte erstaunlich viel von dem, was hier wuchs, zeigte auf dieses und jenes. Ich nickte, versuchte, es mir zu merken, und während mein Pferd alles, was grün war, verspeiste, schauten wir uns zwischen Insekten, Kräutern und zwei kauenden Pferdeköpfen an.

Fressen lief – der Spaziergang nicht.

Pferd frisst den Busch

Links, rechts, oben, unten: Alles wird leer gefegt. (© Christiane Slawik)

Wie behält man eigentlich die Führung, wenn die Pferde im Fressrausch versinken? Keinen Nerv auf Tauziehen und Kräftemessen – nein. Und wer büffelige Pferde hat, weiß doch, wo der Hase langläuft: Körpersprache, leichtes Seil, Präsenz, klare Kommunikation. Pat und Patterchen wollten davon jetzt nichts wissen. Heute eine Beziehungsprobe? Dafür war es zu heiß. Und die Bremsen. Ja – die dicken, fetten Bremsen.

Wir berieten uns am Wegesrand. Was fehlte, war ein Signal. Ein Wort, eine Geste: Jetzt darfst du fressen. Und jetzt gehen wir weiter.

„Ist das dann noch selektives Fressen, wenn wir bestimmen, wann es weitergeht?“

Während über Sinn, Zweck und Umsetzung des „selektiven Fressspaziergangs“ philosophiert wurde, standen unsere Pferde im Grün und kauten zufrieden. Ein Fest der Sinne: Kraut und Kräuter, warmes Licht auf dem Fell. Kein Plan, keine Idee. Kein Grund, kein Druck. Es schmeckte.

Über uns zog noch immer der Rotmilan seine Kreise. Pferdebesitzerin sein ist nicht leicht. Man will es ja richtig machen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Vor uns lag der Weg in orangenem Licht, die Sonne hing tief über den Feldern und ließ die trockenen Grasspitzen golden leuchten. Unsere Pferde standen eigentlich an fast genau derselben Stelle wie vor einer Stunde. Heute war der Weg nicht das Ziel. Meine Freundin und ich tauschten einen zufriedenen Blick, während der Rotmilan seine letzte Runde zog und verschwand.

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