Immer in Bewegung und im Einklang mit der Natur!
Der Pferdeorganismus ist auf Bewegung und frische Luft ausgelegt. Ein nachhaltiger, sinnhafter Aktivstall besteht aber aus weit mehr als Unterstand, Heu und Platz. Für Annabelle Krieg vom Pferdehof Jakobshagen ist er ein Gesamtkonzept, bei dem Ökologie, Tierwohl und praktische Arbeitsabläufe ineinandergreifen. Dabei geht es nicht darum, die Natur einfach machen zu lassen – sondern sie bewusst zu unterstützen. Jedes Detail soll einen Zweck erfüllen und den Pferden langfristig zugutekommen. Im Interview erklärt sie Hooforia, wie eine bewusste Haltungsform, die den Pferden mentale und körperliche Gesundheit ermöglicht, funktionieren kann.

Auf dem Pferdehof Jakobshagen fühlen sich Pferd und Mensch pudelwohl. (© Annabelle Krieg (Mirjana Rehling))
Nachhaltiger Aktivstall: In der Ruhe liegt die Kraft
Ein verträgliches Umfeld: Um das zu erreichen sind überschaubare, mit Bedacht gewählte Herdenkonstellationen und eine ruhige Atmosphäre ganz entscheidend. Pferde sollen sich zwar nicht langweilen, aber täglich genügend Ruhephasen haben und sich wohl genug fühlen, um diese auch zu nutzen.
Es sollte oft etwas passieren auf dem Hof, sodass die Pferde auch mental beschäftigt sind – jedoch ohne ständige Hektik. Ruhe und Routinen sind wichtige Faktoren.
Heu in verschiedenen Formen, an unterschiedlichen Orten anzubieten, hat nicht nur zur Folge, dass die Staubbelastung sich minimiert, sondern auch, dass die Pferde sich aus dem Weg gehen und an verschiedenen Orten fressen können. Das entspannt die Herde und vermeidet unnötige Rangeleien. Annabelle Krieg empfiehlt an dieser Stelle Heu in Raufen, Heu in langen Netzen und loses Heu anzubieten.

Mehrere Orte, an denen Heu gefressen werden kann, sorgen dafür, dass es weniger Stress beim Fressen gibt und auch rangniedrige Pferde immer Zugang haben. (© Christiane Slawik)
Stetige Bewegung statt langjähriger Therapie
„Naturnah bedeutet für uns, uns an den Bedingungen freilebender Pferde zu orientieren. Als Lauftiere müssen Pferde sich bewegen und frei atmen können. Alles, was sich staut – sei es Einstreu, Staub oder verbrauchte Luft –, sollte kritisch betrachtet werden.“ Deshalb ist der Aktivstall so konzipiert, dass die Pferde Platz haben und den ganzen Tag auf ihren Laufwegen Strecken zurücklegen – vom Wasser zum Heu, zu den Liegeflächen, den Knabber-Möglichkeiten, den Unterständen, und wieder zurück. Genau diese permanente Eigenbewegung hält Annabelle Krieg für einen der größten gesundheitlichen Vorteile.
Im Aktivstall haben wir darauf geachtet, einen Boden zu wählen, der möglichst langlebig ist und dessen Nutzung sich im Laufe der Zeit nicht verschlechtert. Das ist durchaus anspruchsvoll.

Möglichst viele, sinnvoll gestaltete Laufwege bieten der Herde zusätzliche Bewegungsanreize. (© Christiane Slawik)
Viele gesundheitliche Beschwerden können sich allein durch die konstante Aktivität auf guten Böden verbessern oder sogar ganz verschwinden. Damit die Pferde unterschiedliche Sinnesreize und Festigung der Strukturen erleben, wechseln sich im Aktivstall verschiedene Untergründe wie feinkörniger Sand, federnder Waldboden, runder, geschliffener Flusskiesel oder gehäckselter Obstbaumschnitt ab. Jeder Belag erfüllt dabei eine eigene Funktion und fordert den Bewegungsapparat auf unterschiedliche Weise.
Auch beim Thema Reitplatz- und Hallenboden soll es natürlich bleiben. Die Wahl fiel auf Sand in feinstmöglicher Körnung (0,1). „Alles, was mit Gummi, Fleece oder Textilien zu tun hat, würden wir nicht verwenden. Wir haben die Sorge, dass sich diese Schnitzel zersetzen und lungengängig werden.“

Die Qual der Wahl: Beim Thema Boden gibt es viel zu beachten. Wichtig ist, eine gute Mischung an Untergründen zu bieten. (© Christiane Slawik)
Warum Beschäftigung über Training hinaus geht
Pferde sollten auch im Alltag geistig und körperlich gefordert werden. Als Beispiel nennt sie ihren 37-jährigen Hengst, der mitten im Herdenleben steht, aufmerksam seine Umgebung beobachtet und sich ständig mit der Gruppe bewegt. Abwechslung hält Pferde bis ins hohe Alter aktiv, zufrieden und motiviert. Ein reges Hofgeschehen beobachten oder dabei zusehen zu können, wie andere Pferde gearbeitet werden, kann Pferde unterhalten und aktivieren.
Pferde sollten nicht nur während des Trainings gefordert werden, sondern auch im täglichen Leben geistige und körperliche Aufgaben haben.

Immer was zu gucken: Was machen die Menschen? Woher kommen die Geräusche? Was passiert als nächstes? (© Christiane Slawik)
Gutes Stallklima & Nachhaltigkeit
Belüftung, Luftfeuchtigkeit und Staubbelastung – diese drei Faktoren spielen eine zentrale Rolle im Stallklima. „Bei trockener Luft kann man die Luftfeuchtigkeit erhöhen, indem man Wasser oder Sole mit einer Sprühflasche versprüht. Zu feuchte oder zu warme Stallbereiche sind ebenfalls ungünstig.“ Stetig frische Luft von allen Seiten ist ideal. Bei Wind ist drauf zu achten, dass genug geschützte Bereiche angeboten werden.
Auch die Stallpflege folgt auf dem Pferdehof Jakobshagen einem möglichst natürlichen Konzept: Wände werden regelmäßig mit Kalk gestrichen, der Einstreu Aktivkohle beigemischt und für die Grundreinigung setzt Annabelle Krieg auf effektive Mikroorganismen statt auf Chemie.
Die Mikroorganismen siedeln sich überall dort an, wo sie einen geeigneten Nährboden finden, auch im offenporigen Kalkanstrich.
Kalk, Kohle und Mikroorganismen sollen natürliche biologische Abbauprozesse fördern, das Stallmilieu stabilisieren und die Ammoniakbildung reduzieren. Für Annabelle Krieg sind diese Maßnahmen deshalb ein wichtiger Baustein eines gesunden, naturnahen Stallklimas und eine effektive, aber nicht aggressive Hygienemaßnahme. „Die Aktivkohle fördert ein günstiges Milieu für Mikroorganismen, die die Hinterlassenschaften der Pferde zersetzen. Selbst wenn täglich ausgemistet wird, bemerkt man einen deutlichen Unterschied.“

Ungiftig: Stallreiniger mit effektiven Mikroorganismen haben sich bei unserer Expertin bewährt. (© Christiane Slawik)
Pferdeäpfel dienen hier als Dünger für Rosen, Obstbäume und Beerensträucher. Der geeignete Rückschnitt dieser Gehölze landet später wiederum als Beschäftigung oder Futter bei den Pferden. So entsteht ein natürlicher Kreislauf, von dem sowohl die Pferde als auch Flora und Fauna profitieren. Auch praktische Lösungen gehören für die Trainerin zu einem nachhaltigen Konzept, welche das Einsparen von Chemie ermöglichen: Einzelne Bereiche der Anlage lassen sich gezielt abtrennen, sodass Kotproben gesammelt und Pferde selektiv entwurmt werden können.
Naturnah heißt nicht: einfach wachsen lassen
Der Natur einfach freien Lauf lassen? Im Gegenteil: Flächen können bewusst gestaltet und regelmäßig gepflegt werden. Dazu gehöre auch, das Laub bestimmter Baumarten zu entfernen sowie das Gelände auf Giftpflanzen zu kontrollieren und diese zu beseitigen. Annabelle Krieg setzt auf große Blühflächen und achtet darauf, dass die Ökologie auf dem gesamten Hof und seinen Flächen funktioniert.

Für die Sinne und den Magen: Geeignete Zweige zum Knabbern können Pferde über viele Stunden am Tag erfreuen und beschäftigen. (© Christiane Slawik)
Gesunde Böden und eine intakte Pflanzenwelt tragen aus ihrer Sicht dazu bei, dass auch das Klima für die Pferde verbessert wird. Anstatt Pflanzen- und Blumenbeete anzulegen, die nur schön aussehen, können Snacks oder ergänzendes Futter für Pferde angebaut werden und Nutzen und Optik sinnvoll kombiniert werden:
- Lavendel – trocknen, abrebeln und in kleinen Dosen für nervöse Pferde nutzen.
- Pfefferminze, Melisse, Thymian, Rosmarin, Oregano und Koriander – aromatische Kräuter für mehr Vielfalt rund um den Stall.
- Karotten – unkompliziert im Anbau und direkt zu verfüttern.
- Futtersonnenblumen – die Köpfe können komplett an die Pferde verfüttert werden.
- Zuckerrüben – dekorativ im Beet und beliebt im Trog.
- Topinambur – eine Pflanze, die nahezu komplett verwertbar ist: Knollen, Blätter und Blüten können genutzt werden
Eine naturnahe Anlage braucht trotz aller Natürlichkeit eine klare Struktur und Pflege. Man muss dem Ganzen eine Richtung geben und die Hofanlage bewusst gestalten.

Den Hof naturnah, aber unbedenklich für das Pferd zu gestalten, funktioniert nur mit einer Auseinandersetzung der hiesigen Flora und Fauna. Wer sich mit heimischen Pflanzen auskennt, ist klar im Vorteil. (© Christiane Slawik)
Nachhaltiger Aktivstall: Ein praktischer, funktionaler Hof
Für Annabelle Krieg bedeutet Sinnhaftigkeit, Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass möglichst wenig Aufwand entsteht und die Haltungsform trotzdem effektiv funktioniert. Gleichzeitig müsse ein Hof so organisiert sein, dass auch andere Personen den Betrieb problemlos übernehmen können.
Dazu gehört für sie auch die Erziehung der Pferde. Sie sollten Mitarbeitende niemals bedrängen oder beispielsweise Schubkarren umwerfen. Stattdessen müssen sie lernen, Situationen richtig einzuschätzen.
Ich möchte ungestört arbeiten können. Deshalb müssen die Pferde lernen, wann ich mit ihnen interagieren möchte und wann ich Abstand brauche.
Ein nachhaltiger Aktivstall sollte insgesamt so geplant sein, dass die Pferde ganzjährig gut gehalten werden, ausreichend Auslauf haben und trotzdem möglichst wenig Arbeitsaufwand für Halter und Hofbetreiber entsteht. So bleibt mehr Zeit für Ausbildung, Beschäftigung, Reiten und Unterrichten – also genau für die Aufgaben, die Annabelle Krieg als den eigentlichen Kern ihrer Arbeit versteht. „Bis wir unsere Arbeitsabläufe schlank, effizient und körperlich gut machbar gestaltet hatten, hat es viele Jahre gedauert.“
Viele kleine Entscheidungen ergeben das große Ganze
Ein nachhaltiger Aktivstall entsteht nicht allein durch eine einzelne Idee oder bestimmte Materialien. Entscheidend ist vielmehr, dass viele durchdachte Maßnahmen ineinandergreifen: Bewegung, Ruhe, sinnvolle Beschäftigung, funktionierende Kreisläufe und effiziente Arbeitsabläufe. Erst dieses Zusammenspiel schafft eine Haltungsform, die Pferden, Menschen und der Natur gleichermaßen zugutekommt. „Eine Herausforderung besteht auch darin, sich mit jedem Bauabschnitt weiterzuentwickeln. Es muss nicht unbedingt immer schöner oder teurer werden, aber man kann Schritt für Schritt ökologischer und regionaler denken.“
