Ein vergessener Äppelhaufen auf dem Reitplatz? Ein ganz klarer Fall für „CSI Stallgasse“!
Können wir uns eigentlich noch an die Zeit ohne Messenger erinnern? Damals hat Pferdehaltung doch auch funktioniert, oder? Trotzdem: Die WhatsApp-Stallgruppe gehört dazu. Sie organisiert, spart Wege und bringt Menschen zusammen. Gleichzeitig sorgt sie für Stress, Unterbrechungen, Missverständnisse, Ablenkung und das Gefühl, ständig reagieren zu müssen.
Warum ist das so? Und wie viel Chat verträgt eine Stallgemeinschaft eigentlich? Um das herauszufinden, haben wir mit der Medienpädagogin Friederike Sommerfeld gesprochen. Sie erklärt, warum Messenger unser Kommunikationsverhalten verändern, wie es uns damit geht und weshalb klare Regeln so wichtig sind.
Der Stall-Chat: Wann wird praktisch zum Problem?
Welches Hausmittel ist das beste bei Mauke? Was früher zwischen Stallgasse und Putzplatz besprochen wurde, landet heute in der WhatsApp-Gruppe, und ganz unbemerkt verändert sich die Art, wie wir miteinander kommunizieren. „WhatsApp verkürzt Kommunikationswege. Gleichzeitig bekommen wir aber plötzlich Antworten von Menschen, deren Rückmeldung wir gar nicht brauchen oder auch gar nicht möchten“, sagt die Medienpädagogin Friederike Sommerfeld. In einer Gruppe kann jeder reagieren – auch wenn eine Information nur wenige betrifft. Das macht Absprachen zwar einfach, sorgt aber oft für lange Chats.
Das Handy leuchtet auf – und sofort entsteht der Impuls, nachzusehen oder zu antworten. Friederike Sommerfeld hat eine simple Erklärung: „Jemand spricht mich an, ich antworte. So haben wir Kommunikation gelernt. Wir sind es nicht gewohnt, dass es viel Kommunikation um uns herum gibt, auf die wir aber nicht reagieren müssen.“ Es fällt vielen schwer, Nachrichten einfach stehen zu lassen.

Zu Hause, auf der Arbeit und sogar am Stall: Das Handy verlangt ständig nach unserer Aufmerksamkeit. (© Christiane Slawik)
Muss man in einer WhatsApp-Stallgruppe alles lesen?
Gleichzeitig treffen in Stallchats viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen aufeinander. Nicht jede Nachricht ist für jeden wichtig – trotzdem lesen viele permanent mit. Die Expertin rät deshalb, sich bewusst von diesem Zwang zu lösen. Wer offen kommuniziert, dass er nicht alles mitverfolgt, schafft oft sogar Verständnis. Man kann schreiben: „Ich habe ein Pferd, ja, aber ich kann nicht immer alles direkt lesen und antworten.“
WhatsApp macht Kommunikation eben einfacher – aber nicht persönlicher. Statt sich am Koppeltor auszutauschen, landen Infos im Gruppenchat. Information ist jedoch nicht automatisch Kommunikation. Eine Nachricht wie „Oh Mann! Mein Pferd ist wieder lahm!“ informiert zwar – ein echtes Gespräch entsteht dadurch aber nicht.
„Wer hat schon wieder den Äppelhaufen nicht aufgesammelt?“
„Wir haben durch diese vielen Chats nicht mehr sozialen Austausch als früher, wir haben tatsächlich weniger.“ Denn persönliche Begegnungen bieten etwas, das Chats nie ersetzen können: Mimik, Gestik, Tonfall. Dadurch entstehen tiefere Gespräche, echter Austausch und weniger Missverständnisse. Außerdem ist wichtig: „Mitlesen erfüllt nicht die Kriterien von Kommunikation. Manchmal ist die Botschaft an mich. Manchmal aber nicht.“ Ständiges Mitlesenmüssen strengt an und raubt Energie.
Ein weiterer Punkt beschäftigt die Medienpädagogin besonders: die ständigen Unterbrechungen und der dauernde Kontextwechsel. Gerade steht man zu Hause im Garten und buddelt eine Pflanze ein – da erscheint eine Nachricht aus dem Stall: Wer besorgt die Getränke fürs Sommerfest? „Man ist dann in seinem Tun unterbrochen.“ Viele kleine Unterbrechungen summieren sich und kosten Konzentration und Energie. Friederike Sommerfeld stellt sich auch die dringende Frage:
„Merken wir überhaupt, dass uns die vielen Gruppenchats zu viel werden?“

Sind die Halfter wieder an ihrem Platz? Und alle Äppelhaufen beseitigt? Und wer hat die Tür zur Sattelkammer wieder aufgelassen? Der Stall-Chat weiß es bestimmt. (© Christiane Slawik)
Muss jede Kleinigkeit in die WhatsApp-Stallgruppe?
Hinweise für eine erste Selbstreflexion können sein, dass man unkonzentriert wird, sich Erschöpfung einstellt und man WhatsApp generell als anstrengend empfindet. Zudem sei die Hemmschwelle, sich auszubreiten und seine privaten Befindlichkeiten rauszulassen, digital kleiner. Der Filter „Ist es wichtig, das jetzt mitzuteilen?“ falle aus.
Friederike Sommerfeld nennt als Beispiel Fundstücke im Stall. Nicht jeder müsse wissen, wessen Kind der Reithandschuh gehört hat, der wochenlang über dem Zaun hing. Früher hätten solche Infos nur die betroffenen Personen erreicht. Heute geht dieselbe Nachricht mit einem Fingertipp an den gesamten Stall.
„Wenn Nähe und Aufmerksamkeit im echten sozialen Kontext zu kurz kommen, kann so was in solche Gruppen unbemerkt ausgelagert werden. Die funktionale Aufgabe einer Stallgruppe ist aber nicht, ein emotionales Netzwerk zu ersetzen.“
– Friederike Sommerfeld –
Was verpassen wir wirklich?
Was passiert denn eigentlich, wenn wir nicht mehr an WhatsApp-Gruppen teilnehmen? Immer wieder wird geraten, Benachrichtigungen auszuschalten oder Gruppen einfach zu verlassen. So einfach ist das aber nach Ansicht der Expertin nicht. „Menschen, die kein WhatsApp haben, verpassen tatsächlich und effektiv etwas. Sie sind funktional sowie sozial in gewissem Maße ausgeschlossen.“ Wer nicht in der Stallgruppe ist, erfährt unter Umständen nichts vom Tierarzttermin, der neuen Weideeinteilung, dem nächsten Ausritt, Krankheiten, einem Fest oder einer kurzfristigen Änderung.
Messenger können in puncto Organisation Zeit einsparen und vordergründig Kommunikation verkürzen. Den Preis, den man für diese Erleichterung bezahlt, sollte man als Nutzer allerdings vor Augen haben. Wir kommunizieren heute nahezu ständig, und jede einzelne Benachrichtigung fordert unsere Aufmerksamkeit und holt uns aus dem gegenwärtigen Moment. Was einzeln nicht auffällt, summiert sich über den Tag zu hunderten Nachrichten und einer permanenten geistigen Belastung.
Welche Regeln braucht eine WhatsApp-Stallgruppe?
„Früher war Kommunikation reduzierter. Es wurde nur das geklärt, was geklärt werden muss. Und auch nur mit der betreffenden Person. Es wurde auch weniger Masse an sich kommuniziert.“ Deshalb plädiert Friederike Sommerfeld aber nicht gegen Messenger, sondern für einen bewussten Umgang damit. Sie spricht von Kommunikationshygiene: Der Administrator muss ganz klare Themen benennen, möglichst wenig Belangloses sollte geschrieben werden, und die Überlegung, ob wirklich jede Nachricht in die große Gruppe gehört, ist ebenfalls wichtig.
Gleichzeitig dürfen Stallgemeinschaften akzeptieren, dass niemand rund um die Uhr erreichbar ist oder jede Nachricht liest. Denn am Ende soll WhatsApp den Stallalltag erleichtern – und nicht zur zusätzlichen Belastung werden. „Kommunikation soll sinnvoll und nicht erschöpfend sein. Für alles andere und die Leute, die über alles und jeden quatschen wollen, kann es ja noch eine Extra-Gruppe geben.“
Die wichtigsten Regeln für Gruppenchats:
- klar, ehrlich, respektvoll
- Missverständnisse ansprechen
- aktiv zuhören/lesen
- Selbstreflexion
- impulsive Nachrichten vermeiden
- keine Off-Topic-Threads
- Antwortzeiten respektieren
- Mehrdeutigkeit vermeiden
- keine langen Sprachnachrichten
- Sinn und Zweck der Gruppe respektieren
