Arber auf dunklem Hintergrund © Christiane Slawik

Ein bitterer Geschmack oder ein typischer Geruch halten Pferde in der Regel davon ab, Giftpflanzen zu fressen. Darauf sollte man sich aber nie verlassen.

Die meisten Giftpflanzen senden Warnsignale aus und Verhindern damit eine Vergiftung vom Pferd: Ein bitterer Geschmack oder ein typischer Geruch halten Pferde in der Regel davon ab, sie zu fressen. „Trotzdem würde ich mich nie darauf verlassen, dass mein Pferd keine Giftpflanzen frisst“, sagt Tierärztin Dr. Marleen Englert.

Denn aus Langeweile, Gier nach Grünzeug oder wenn sie zum Beispiel beim Ausritt im Vorbeigehen an Gewächsen rupfen, kosten Pferde sie trotzdem manchmal. Verlockend sind auch die immergrünen Ziersträucher, die gerade im Frühling eine magische Anziehungskraft haben, denn schließlich mussten die Pferde den ganzen langen Winter auf frisches, leckeres Grün verzichten.

So erkennt man eine Vergiftung beim Pferd

Ruckzuck wird ein unbeachteter Moment für einen kleinen Snack an der Buchsbaumhecke ausgenutzt. „So ein Imbiss kann schnell zum Problem werden, da der Magen-Darm-Trakt bei Pferden sehr empfindlich ist und es bereits bei der Aufnahme geringer Pflanzenmengen zu Vergiftungserscheinungen kommen kann“, warnt Dr. Englert.

Noch ein Problem: „Manche Giftpflanzen, etwa die Herbstzeitlose oder das Jakobskreuzkraut, verlieren in getrocknetem Zustand ihre Warnsignale und werden mit dem Heu gefressen.“ Auch Giftpflanzen wollen leben. Deshalb haben sie einen ganz eigenen Schutzmechanismus, zum Beispiel einen bitteren Geschmack, und werden in der Regel nicht gefressen. Trotzdem kommt es immer wieder zu Vergiftungen. Woran liegt es, dass Pferde Giftpflanzen trotzdem fressen?

Dieser Frage hat sich die Wissenschaftlerin Sabine Aboling vom Institut für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule Hannover angenommen. Ihre Annahme: Pferde und Giftpflanzen „kommunizieren“ z. B. durch Bitterstoffe miteinander. Aber: „Tödliche Fälle von Weidevergiftungen zeigen, dass die Botschaft nicht immer erfolgreich vermittelt wird“, sagt die Wissenschaftlerin.

Wenn die Warnsignale nicht ankommen

Das wichtigste Ergebnis ihrer Meta-Studie: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass giftige Pflanzen auf Weiden dann ihre Giftigkeit kommunizieren können, wenn den Pferden genügend alternative Futterpflanzen zur Verfügung stehen“, so Aboling. Eine Vergiftung ist fast immer auf Hunger zurückzuführen. Tatsächlich ergab sich aus den Untersuchungen klar, dass Vergiftungen am häufigsten mit einer eingeschränkten Futterauswahl verbunden waren (24,7 %), gefolgt von Überweidung (12,9 %), saisonalem Futtermangel (10,6 %) und gleichzeitigem Verzehr von Gras (4,7 %).

Woran Pferdebesitzer ihrer Erfahrung nach ebenfalls oft nicht denken: „Auch Koppel– oder Reitplatzumzäunungen können problematisch sein, denn manchmal bestehen sie aus giftigen Hölzern, zum Beispiel Robinie. Auch ein Bergahorn, der in der Nähe von Weiden oder dem Stall wächst, kann gefährlich sein, da die Flügelsamen auf die Weide oder das Paddock geweht und dort möglicherweise gefressen werden, was zu Atypischer Weidemyoglobinurie führen kann, die nicht selten tödlich endet.“

Welche Vergiftung liegt beim Pferd vor?

Es gibt zwei Arten von Vergiftungen: Bei akuten Vergiftungen treten die meist drastischen Symptome unmittelbar nach Aufnahme des Giftstoffes auf. Bei chronischen Vergiftungen reichert sich das Gift durch wiederholte Aufnahme über einen längeren Zeitraum im Körper des Pferdes an und führt so ganz allmählich zu Vergiftungserscheinungen. Das Problem: „Sehr viele Pferde zeigen ein Unwohlsein erst relativ spät an, das ist typisch für Fluchttiere“, erklärt Dr. Englert. „Eine Vergiftung kann, wenn die Giftaufnahme nicht direkt beobachtet wurde, also lange unentdeckt bleiben.“

Erste Anzeichen einer Vergiftung können zum Beispiel eine sehr helle Schleimhaut, ein verändertes Fress- und Trinkverhalten, rastloses Umherlaufen und milde Kolikanzeichen sein. Fieber, Schwitzen, Nesselausschlag, Durchfall, Blähungen, Apathie und unnatürliches Schäumen am Maul können je nach Schwere und Art der Vergiftung ebenfalls auftreten. Schwerwiegende Symptome sind ein gestörtes Sehvermögen sowie Muskelzittern bis hin zu Krämpfen und Lähmungen. Auch Atemstörungen sind möglich. Wird ein sehr starkes Gift in hohen Mengen aufgenommen, ist auch ein plötzlicher Tod des Tieres möglich.

Schwitzendes Pferd durch Vergiftung

Starkes Schwitzen kann ein Zeichen einer Vergiftung sein. (© Christiane Slawik)

Bei einer chronischen Vergiftung leidet meistens der sogenannte Mülleimer des Stoffwechsels – die Leber, denn hier werden giftige Stoffe verarbeitet und zur Entsorgung vorbereitet. „Werden laufend Giftstoffe angeliefert, wird die Leber überlastet oder auch direkt geschädigt, und es kommt zu einer Leberinsuffizienz“, so die Tierärztin. „Diese macht sich zum Beispiel durch fehlende Fresslust, Abmagerung und Abbau der körperlichen Fitness bemerkbar. Eine Blutuntersuchung kann Aufschluss über den Leberstatus geben.“

Warum Jakobskreuzkraut für Pferde so gefährlich ist

Eine Pflanze, die auf vielen Pferdeweiden wächst, ist besonders gefährlich: das Jakobskreuzkraut. „Pferde reagieren äußerst empfindlich auf die Pyrrolizidin-Alkaloide, die in der gelb blühenden Pflanze enthalten sind“, warnt Dr. Englert. „Das Tückische am Jakobskreuzkraut ist, dass seine Giftstoffe nicht abgebaut werden. Sie reichern sich auch bei einer langfristigen Aufnahme kleiner Mengen nach und nach und oft unbemerkt im Pferdekörper an und führen zu irreversiblen Leberschäden.“

Die Symptome einer Vergiftung mit Jakobskreuzkraut sind Leistungsabfall, Lethargie oder Unruhe (walking disease), Gewichtsverlust wegen Futterverweigerung, Fotosensibilität, Gelbfärbung der Bindehaut, Magen- und Darmbeschwerden, Krämpfe, Verwerfen und starke Leberschädigungen (Seneciose oder Schweinsberger Krankheit).

Die Behandlung einer solchen Vergiftung ist meist aussichtslos, da die Leber irreversibel geschädigt wird. Bei akuten Fällen tritt der Tod innerhalb weniger Tage ein, bei chronischer Vergiftung oft erst nach Wochen oder Monaten.

Giftiges Jakobskreuzkraut in Heu und Silage

„Da es oft erst lange nach der Aufnahme des Jakobskreuzkrautes zu Vergiftungserscheinungen kommt oder die Giftstoffe erst im Winter mit Heu oder Silage aufgenommen und dann nicht mehr mit der Weidesaison in Verbindung gebracht werden, ist es schwer zu sagen, wie viele Tiere tatsächlich daran sterben“, berichtet Dr. Englert. Konkrete Zahlen dazu gibt es nicht.

Die größte Gefahr besteht, wenn das Kreuzkraut ins Heu oder die Silage gerät, da hier der unangenehme Geruch der frischen Pflanzen verlorengeht, ihre Giftigkeit jedoch nicht. Vor allem im Spätschnitt kann sich ein hoher Anteil an Blüten befinden. Es sind zwar alle Teile der Pflanze giftig, doch in den Blüten findet sich die höchste Alkaloid-Konzentration.

Diese Giftpflanzen sind für Pferde besonders gefährlich

  • Buchsbaum
  • Eiche
  • Kirschlorbeer
  • Rotahorn
  • Rhododendron
  • Wolfsmilch
  • Akazie
  • Ahornstab
  • Blauer Eisenhut
  • Goldregen
  • Fingerhut
  • Engelstrompete
  • Eibe
  • Herbstzeitlose
  • Maiglöckchen
  • Sumpfschachtelhalm
  • Oleander
  • Tollkirsche
  • Thuja
  • Adonisröschen
  • Robinie
  • Gundelrebe
  • Adlerfarn
  • Jakobskreuzkraut

Was tun bei einer Vergiftung beim Pferd?

Besteht der Verdacht auf eine Vergiftung, rufen Sie bitte sofort den Tierarzt! Bis er da ist, darf das Pferd nichts mehr fressen, aber noch Wasser saufen, wenn das Bewusstsein ungetrübt ist. Als wichtigste Maßnahme muss das Pferd natürlich sofort von allen möglichen Giftquellen ferngehalten werden.

„Wenn Sie die Giftquelle kennen, heben Sie diese unbedingt auf“, rät Dr. Marleen Englert. „Sammeln Sie alle Teile – also Blüten, Blätter, Wurzeln und Früchte – der giftigen Pflanze ein, damit der Tierarzt diese schneller zuordnen kann. Wenn Sie ihm sagen können, wann und wie viel das Pferd von der giftigen Pflanze gefressen hat und auch welche Pflanzenteile es waren, können Sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass das Pferd schnell Hilfe bekommt.“

Pferdeauge

Vergiftungen können viele Anzeichen haben. Bei Verdacht lohnt sich ein genauer Blick. (© Christiane Slawik)

Vergiftung beim Pferd: Erste Hilfe leisten

Um die Verletzungsgefahr bei einem Krampfanfall oder einer Kolik zu vermindern, führen Sie das Pferd. Wenn dies nicht ohne Gefahr für Sie selbst oder das Pferd möglich ist, lassen Sie es in der Reithalle oder auf dem Reitplatz laufen, damit es sich nicht festlegt oder beim Wälzen sich selbst oder einen Menschen verletzt. Notfalls stellen Sie es in eine dick eingestreute Box, bis der Tierarzt da ist.

Wissen Sie, womit sich das Pferd vergiftet hat, ist die Diagnose leicht zu stellen. „In allen übrigen Fällen ist es häufig sehr schwierig, die Vergiftung nachzuweisen“, weiß Dr. Englert. Dann muss der Tierarzt durch verschiedene Untersuchungen andere Erkrankungen, die zu den gleichen Symptomen führen, ausschließen. „Wenn der begründete Verdacht auf ein bestimmtes Gift besteht, können Proben genommen und in einem Labor untersucht werden“, so die Veterinärin. „Dabei können Blut, Mageninhalt, Urin und gegebenenfalls auch Gewebeproben von verstorbenen Tieren untersucht werden.“

Bei einem Verdacht kann man auch Futterproben untersuchen lassen. „Dabei ist es wichtig, ausreichende Mengen von Getreide oder Heu einzusenden und die Proben repräsentativ zu wählen, also entweder von verdächtigen Bereichen oder von möglichst vielen Stellen, da Giftpflanzen im Heu oft nesterweise auftreten, sodass selbst bei starkem Befall eine Probe negativ ausfallen kann, wenn man einen Bereich erwischt, der nicht kontaminiert ist“, erklärt Dr. Englert. „Gerade beim Jakobskreuzkraut besteht auch das Problem, dass die Giftpflanze aus einer vorherigen Heucharge stammen kann und nicht aus der aktuellen, sodass man sie gar nicht findet.“

Behandlungsmöglichkeiten bei einer Vergiftung

Abhängig von Gift und Symptomen können verschiedene Therapien angewendet werden. „Bei schweren Vergiftungserscheinungen werden zunächst lebensrettende Sofortmaßnahmen durchgeführt“, berichtet die Tierärztin. „Das sind die Stabilisierung des Kreislaufs durch Infusionen sowie gegebenenfalls herzunterstützende und blutdruckregulierende Medikamente. Ist die Atmung beeinträchtigt, müssen die Atemwege freigehalten werden, und im schlimmsten Fall muss das Pferd beatmet werden.“

Krämpfe können durch krampflösende Medikamente vermindert werden, man kann versuchen, einem Nierenversagen mit Infusionen entgegenzuwirken und die Leber zu unterstützen. „Das funktioniert aber leider nur sehr eingeschränkt“, sagt Dr. Englert. „Es gibt ein paar Stoffe, zum Beispiel aus der Mariendistel, die leberunterstützend wirken, aber Leberschutzmedikamente im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Im Gegenteil: Sehr viele Medikamente werden über die Leber verstoffwechselt, belasten diese also noch zusätzlich.“

Präventiv: Weiden kontrollieren

Je nach Giftart, Zeitpunkt der Aufnahme und Zustand des Pferdes kann der Tierarzt auch ein Gegengift verabreichen, eine Magenspülung vornehmen sowie Abführmittel oder giftbindende Medikamente verabreichen. Damit es gar nicht so weit kommt: Informieren Sie sich über Giftpflanzen, damit Sie diese erkennen. Kontrollieren Sie die Weide und achten Sie darauf, dass Ihr Pferd beim Ausritt nicht an Zierpflanzen nascht.

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