Lauschende Ohren: Melodien und Rhythmen haben Einfluss auf Pferde. Ob sie beruhigen oder anregen, kommt auf den Musikstil an.
Ein erstes zaghaftes, schüchternes Lächeln huscht über die Gesichter im Publikum, dann wippen Beine, klatschen Hände, kurz darauf jauchzen Kinder, und wenig später werden die Hemmungen über Bord geworfen und die Erwachsenen tanzen losgelöst zwischen den Bänken. Bäuerinnen, Mütter mit ihren Babys, Büroangestellte – alle sind mit von der Partie bei den kleinen Kirchenkonzerten von Antje Chemnitz. Es gibt Stimmen, die öffnen das Herz und erzeugen Rhythmen, die den Körper durchdringen. Antje Chemnitz, Musiklehrerin, Songwriterin und Diplomgesangspädagogin, weiß, dass auch unsere Pferde ein Ohr für Musik haben.
Dass auch ihr Herzschlag sich der Musik anpassen und ihr Atem langsamer werden kann, wenn sie den wohltuenden Klängen von Instrumenten und Stimmen lauschen. Sie nimmt sich Zeit – Zeit, um sich einfach in ihrer Gegenwart hinzusetzen und für sie zu singen. Und wenn man das Glück hat, ein Pferd von Antje Chemnitz zu sein, dann wohnt man an einem kleinen roten Holzhaus, durch dessen Fenster man den Kopf vom Paddock hineinstecken und ihr und ihren Schülern beim Musizieren zuhören kann.
Wie ein Taizé-Lied den Anfang machte
„Musikalische Schwingung ist für mich ein Ort, in dem ich einfach sein kann. Authentisch und ohne Druck. Atmend. Musik lässt meine Seele schwingen, gibt Kraft, Mut, Gelassenheit, Freude“, erzählt Antje Chemnitz heute gefühlvoll und mit einem Strahlen im Gesicht, wohl wissend, dass die schwarz-weißen Tasten sie in der Kindheit schon durch viele finstere Phasen getragen haben, in denen sie nicht so hell leuchten konnte wie jetzt.
„Ich komme aus einem Elternhaus mit viel Chaos und psychischen Krankheiten. Aber man hat es mir sehr früh schon ermöglicht, Klavier zu lernen. Die Musik von Bach hat mir Halt und Heilung geschenkt. Heute kann ich sagen: Musik bedeutet für mich eine Form, in mir selbst zu Hause zu sein.“ Ihr Weg zu den Pferden begann spät. Sie war schon 50 Jahre alt an dem Tag, als das erste eigene Pferd in ihr Leben kam, aber sicher nicht weniger gespannt als jedes kleine Mädchen, dessen Herzenswunsch in Erfüllung geht.

Auf Antje Chemnitz’ „Koppelkonzerten“ kommen Menschen und Pferde in einer ganz besonderen Atmosphäre zusammen. (© Anna Leila Mehandru)
Musik ist wie eine Sprache für Pferde
Bis tief in die Nacht hat die Gesangslehrerin für ihre kleine Islandstute ein Taizé-Lied gesungen, ein französisches Stück, was viele Wiederholungen enthält und eine beruhigende Wirkung hat. Dabei ist ein Band entstanden, was bis heute fortbesteht. „Ich singe noch immer für sie, wenn sie sehr aufgeregt ist.“
Kurz darauf war eine Idee geboren. „Meine Beobachtung kommt aus dem direkten Gesang und dem Klavierunterricht mit Kindern und Erwachsenen in der Nähe von Pferden.“ Die Musiklehrerin begann, ihre Schüler in der Anwesenheit von Pferden zu unterrichten, und so langsam zeichnete sich zum Erstaunen einiger Dorfbewohner und Eltern zunehmend ein ungewöhnliches, aber zutiefst berührendes Bild ab: Mitten im Gras Kinder am Klavier, dicht aneinander gedrängte Pferdeköpfe, die lauschten. Manche Pferde voller Neugierde, andere ganz entspannt, entschlossen, in der Mitte der Klänge zu schlafen.
Klavierunterricht mit besonderem Publikum
„Wenn ich mit den Kindern im Stall oder auf der Koppel Klavierunterricht mache, dann gibt es eine wundervolle Wechselwirkung.“ Gerade für jüngere Kinder und Klavieranfänger könne der Unterricht sehr fordernd sein, immerhin müssten zehn Finger koordiniert werden. Neue Synapsen bildeten sich im Hirn, und Konzentration sei gefordert. In diesem anstrengenden Moment beruhigen auch die Pferde die Schüler und Schülerinnen, nicht nur andersherum.
„Und ich mache kleine Pausen, in denen die Kinder Kontakt mit den Pferden haben können und sich draußen erholen. Damit habe ich große ,kleine‘ Erfolge, denn die Kinder lernen viel schneller und entspannter.“ Auch die Pferde beobachtet Antje Chemnitz ganz genau. Sie seien sehr neugierig, kämen direkt ans Piano, scheinbar wie angezogen von den Klängen.
Bei besinnlichen Balladen zum Beispiel fangen die Pferde an zu gähnen und kommen näher in den Kontakt. Oftmals wirkt es auf die Musikpädagogin so, als würde sich auch in der Herde und in den Pferden etwas ordnen und entspannen. Wenn wilde Trommeln ins Spiel kommen, kann das schon mal anders aussehen:
Die Herde lockert und verteilt sich, es ist ein reges Kommen und Gehen. Die jungen Pferde reagieren mehr auf Trommeln und lebendige Rhythmen als die älteren.

Beeindruckende Stimmung: Im hohen Norden ist die menschliche Stimme für viele ein wichtiges Bindeglied – etwa beim skandinavischen Rufgesang „Kulning“, bei dem Weidetiere über große Entfernungen gerufen werden. (© Christiane Slawik)
Wie verbindet Musik Pferde und Menschen?
Das Leben einer Profimusikerin findet zum größten Teil drinnen statt: in Kellern, Clubs, Theatern, Kirchen und anderen geschlossenen Räumen. „Ich wollte aber nicht mehr in Gebäuden singen, und ich habe immer deutlicher gespürt, dass der Unterricht mit Kindern, so wie ich ihn zuvor erlebt hatte, keinesfalls mein Weg ist.“
Die große Sehnsucht nach Natur und Tieren hat also dazu geführt, dass die Musiklehrerin versuchte, von nun an alles, was nur ging, nach draußen zu verlegen – ihr eigenes Musizieren, das Musizieren gemeinsam mit ihren Schülern und Schülerinnen und auch das Angebot „Musik für Pferde“. „Das entwickelte sich recht organisch, wie ein Ergebnis dieses Weges.“ Es brauche viel Mut, erzählt die Sängerin, da jedes Pferd unterschiedlich sei und ganz individuell reagiere.
Was passiert bei einem Koppelkonzert?
Eine Garantie, ein Pferd gesund oder angstfrei zu machen, kann Antje Chemnitz nicht geben. „Es sind Lebewesen, lebendig und selbstbestimmt. Aber ich fühle mich sicher in meiner eigenen Entwicklung, ihnen mit Gesang oder Musik zu begegnen. Es ist eine Symbiose meiner eigenen Entwicklung und der des Tieres.“ Die Pferde zeigten ihr einen ungewöhnlich schönen Weg auf, den von nun an noch mehr Leute gemeinsam mit ihr gehen können.
Auf Antje Chemnitz’ „Koppelkonzerten“ kommen Menschen und Pferde in einer ganz besonderen Atmosphäre zusammen. Ungezwungen und entspannt, um gemeinsam einen Abend zu genießen. „Meist laufen Menschen im Alltag an Großtieren wie Pferden einfach vorbei, oder sie machen etwas mit ihnen, wollen etwas von ihnen, aber das einfache Sein mit den Pferden fällt ihnen oft schwer.“

Koppelkonzerte: Antje Chemnitz bringt Musik auf die Weide – und schafft so gemeinsame Momente zwischen Menschen und Pferden, ganz ohne jede Erwartung. Und die Pferde bleiben, um zu lauschen. (© Anna Leila Mehandru)
Musik für Pferde hat eine lange Tradition
Dialoge, Riten, Wertschätzung und friedliche Koexistenz: In vielen Kulturen gehören Gesänge seit Jahrhunderten zum Zusammenleben mit Tieren. Bei einigen indigenen Völkern Nordamerikas wurden Pferde mit Liedern auf langen Ritten oder durch besondere Zeremonien begleitet und als enge Gefährten geehrt.
Mongolische Nomaden nutzen bis heute Gesänge und die Klänge der Pferdekopfgeige (Morin Khuur) zur Beruhigung ihrer Tiere. In der Wüste Gobi ist auch das „Khoos“-Ritual sehr bekannt, bei dem ein Kamel mit Gesang beruhigt wird, damit es sein Kalb annimmt – eine Tradition, die von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde. Auch in den Anden besingen Aymara und Quechua Lamas und Alpakas bei Festen und Herdenzeremonien als Zeichen von Respekt und Dankbarkeit.
Die heilsame Kraft der Stimme
In Skandinavien nutzten Hirten zudem den jahrhundertealten Rufgesang „Kulning“, um ihre Weidetiere über weite Entfernungen zu rufen. In vielen alten Kulturen werden Pferde als heilige Begleiter und spirituelle Verwandte betrachtet. Sich wiederholende Gesänge, Trommelrhythmen und Lieder waren und sind ein zentrales Mittel, um das Nervensystem der Tiere zu beruhigen, eine Verbindung zu ihnen aufzubauen und sie rituell auf Jagden oder Kämpfe einzustimmen.
„Anfang des Jahres habe ich ein drittes Pferd aufgenommen. Die kleine Luna hat vor Aufregung, sich von der kleinen Herde kurz trennen zu müssen, immer die Nase zusammengekniffen und ganz hart und ruckartig die Luft eingesogen.“ Dies änderte sich schlagartig mit dem Tag, als die Singer-Songwriterin auf den gemeinsamen Wegen ein persönliches Lied für Luna zu singen begann. „Da ich Landschaftspflege mit Pferden mache, bin ich täglich mit ihnen per Fuß längere Strecken unterwegs.“ Durch den Gesang habe Luna ihre Atmung verändert, angefangen zu schnauben und sich zu entspannen.

Pferde als Gefährten: In vielen indigenen Traditionen gab es Gesänge, um ihre Kraft, ihren Mut und ihre besondere Beziehung zu den Menschen zu ehren. (© Christiane Slawik)
Wie wirkt Musik auf Pferde?
Antje Chemnitz ist sich mittlerweile sicher, dass Musik Wissenschaft und Gefühl verbindet. „Physikalisch ist die Schwingung von Musik im Raum längst bewiesen. Und auch physisch passiert durch den besonderen Atem beim Singen sehr viel.“ Auf einem Hof, den die Musiklehrerin regelmäßig besucht, kann eine Stute mit hormonbedingten Bauchschmerzen durch gezielte Gesänge in eine Entspannungshaltung finden, die ihre Bauchschmerzen lindert.
„Meine sehr alte Stute Comtesse hat eine verwachsene Lunge, und das Atmen fällt ihr schwer. Wenn ich mit ihr atme und für sie singe, kann ich eine Beruhigung der Atmung feststellen.“ Laut Antje Chemnitz findet hier aber nicht nur eine Heilung auf körperlicher Ebene statt, sondern auch auf mentaler Ebene. Das intensive „In Beziehung miteinander gehen“ habe eine erstaunlich positive und anregende Wirkung auf den Organismus und könne Mensch und Tier dabei helfen, sich zu regulieren.
Was sagt die Forschung über Musik für Pferde?
Doch lassen sich diese Beobachtungen auch wissenschaftlich einordnen? Musik hat Einfluss auf das Stresslevel von Pferden. Ob die Stresshormone sinken oder steigen, hängt aber von der Auswahl der Musikrichtung ab. Eine britische Studie vom Hartpury College (The effect of different music genres on the behavior of stabled horses) hat zum Beispiel herausgefunden, dass Pferde bei klassischen Stücken und Country-Musik eher ruhiger werden, während Jazz und Rock zu stressbedingten Verhaltensweisen führten.
Schauen wir uns bei Social Media um, finden wir zahlreiche Creator weltweit, die für Kühe singen oder Hang-Drum auf der Weide spielen. Auch Jazzkonzerte für Kühe kursieren im Netz. Psychologen der Universität von Leicester haben herausgefunden, dass Kühe bei klassischer Musik mehr Milch geben. Denn auch bei Kühen steigert entspannende Musik das Wohlbefinden.
Die Atmung der Pferde mit Musik beeinflussen
„Atem verbindet“, das ist etwas, was inzwischen viele wissen. Wie Atem und Gesänge uns und unser Pferd gezielt im Alltag unterstützen können, beschäftigt Antje Chemnitz aber weiterhin Tag für Tag. Unser Atem und unser Gesang wirken auf Pferde auf unterschiedlichen Ebenen. Neben der akustischen Schwingung, die das Pferd über sein Gehör erreicht, passiert noch etwas anderes. „Wenn wir gut singen, können wir den Atem führen, das heißt, bewusst langsam, schnell, kurz oder lang.“ Für wohltuende, ruhige Gesänge, die uns und den Pferden guttun, benötigen wir vor allem ein langes, geführtes Ausatmen.
Das Interessante hierbei ist: „In der Traumatherapie oder für den Stressabbau wird die 4-7-8-Atemtechnik genutzt. Sie ist eine effektive Methode zur Beruhigung des Nervensystems.“ Wenn wir beruhigende Melodien summten oder sängen, dann geschehe ein ähnlicher Prozess wie bei der Atem-Entspannungstechnik nahezu von allein und ganz nebenbei. Als soziale Herdentiere, erzählt die Musikpädagogin, orientierten sich Pferde an unserem Atem und auch an unserem Herzschlag. Diese Informationen nehme das Pferd unentwegt wahr. Wenn wir also unseren Atem bewusst führen und so unseren Puls verlangsamen, können wir gezielter mit Pferden kommunizieren.

In Verbindung gehen: In der Nähe der Pferde erleben viele Kinder Musik ohne Leistungsdruck. In ruhiger Atmosphäre entsteht ein Raum für Neugier und Begegnung. (© Anna Leila Mehandru)
Warum Reiter ihre Stimme trainieren sollten
„Die eigene Stimme trägt viel mehr in sich, als viele Reiter denken. Ziel meines Stimmtrainings ist es, ein Bewusstsein zu schaffen für den Atem beim Sprechen und beim Singen. Wenn meine Schüler das gelernt haben, können sie ihren Atem und ihre Stimme für das Zusammensein mit dem Pferd gezielt einsetzen. Sobald ich in der Lage bin, meine Stimme flexibel zu nutzen, kann ich beispielsweise bewusst tief sprechen zur Beruhigung meines Pferdes.“
Wenn ich mit meiner Stimme und meinem Atem verbunden bin, kann ich auch klar und deutlich Grenzen setzen. Das hilft dabei, authentisch und deutlich zu sein. Stimmtraining erzeugt auch viel Freude und Selbstresonanz beim Entwickeln der eigenen Stimme.
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