Zwei Pferde spielen zusammen © Christiane Slawik

Die Epigenetik beschreibt Veränderungen in der Aktivität von Genen, ohne dass sich die DNA selbst verändert. Umweltfaktoren wie Stress, Ernährung oder Haltung können beeinflussen, welche Gene „an- “ oder „ausgeschaltet“ sind.

Manche Pferde sind irgendwie speziell, oder? Sie wirken übermäßig schreckhaft, stehen dauerhaft unter Spannung oder zeigen Verhaltensweisen, die sich weder durch Haltung noch durch Training schlüssig erklären lassen. Tierärztliche Untersuchungen bleiben unauffällig, Anpassungen im Management bringen keine nachhaltige Veränderung. Ja, vielleicht war die Mutterstute ein bisschen zickig, oder der Hengst gilt als Vererber für „herausfordernde“ Charaktere.

Können Erfahrungen vererbt werden?

Die Idee, dass Erfahrungen und Trauma über Generationen hinweg Spuren beim Pferd hinterlassen können, ist in der Wissenschaft nicht neu. Unter dem Begriff Epigenetik wird erforscht, wie Umweltfaktoren die Aktivität von Genen beeinflussen, ohne die genetische Grundstruktur selbst zu verändern. Dabei geht es vereinfacht gesagt um „Schalter“, die bestimmen, welche Gene aktiv sind – und welche nicht.

Übertragen auf die Pferde heißt das: Es geht nicht nur um das jeweilige Tier selbst, sondern auch um seine Abstammung und familiären Hintergründe. Man blickt aufs Pedigree, betrachtet Mutter- und Vatertiere und sogar deren weitere Vorfahren, wenn man unerklärbarem mentalem Stress auf den Grund gehen will.

Fohlen trinkt bei Mutter

Ein Fohlen lernt von der Mutter, nimmt Stress und sowohl positive als auch negative Erfahrungen auf. Ob es diese später weitervererbt? (© Christiane Slawik)

Studien an Menschen und verschiedenen Tierarten zeigen, dass Stress, Ernährung oder traumatische Erfahrungen biochemische Veränderungen auslösen können, die sich auf die Genaktivität auswirken. In einigen Fällen gibt es Hinweise darauf, dass solche epigenetischen Veränderungen auch an Nachkommen weitergegeben werden können.

Bekannt sind beispielsweise Untersuchungen an Nagetieren, bei denen erlernte Stressreaktionen über mehrere Generationen hinweg beobachtet wurden. Auch in der Humanmedizin wird diskutiert, inwiefern belastende Erfahrungen – etwa durch Krieg, Hunger oder extreme Lebensumstände – langfristige Auswirkungen auf nachfolgende Generationen haben können.

Was bisher wissenschaftlich belegt ist

Epigenetische Prozesse und ihre mögliche Weitergabe über Generationen werden vor allem in der Humanmedizin und in Tierstudien untersucht.

Beispiele aus der Forschung:

  • Humanmedizin: Untersuchungen an Nachkommen von Menschen, die extremen Belastungen ausgesetzt waren – etwa Krieg oder Hunger –, zeigen, dass bestimmte gesundheitliche und psychische Auffälligkeiten gehäuft auftreten können. Ob und in welchem Umfang epigenetische Mechanismen daran beteiligt sind, wird weiterhin erforscht.
  • Tierstudien: In Experimenten mit Mäusen konnten Forscher beobachten, dass erlernte Angstreaktionen unter bestimmten Bedingungen an Nachkommen weitergegeben werden können. In einem bekannten Versuch wurde ein Duft mit einem negativen Reiz verknüpft – auch spätere Generationen reagierten darauf sensibel. Gleichzeitig gilt: Solche Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf alle Tierarten übertragen.
  • Ernährung und Stoffwechsel: Auch der Stoffwechsel spielt eine Rolle: Studien zeigen, dass extreme Ernährungsbedingungen – etwa Hungersnöte – langfristige Auswirkungen auf nachfolgende Generationen haben können. Ähnliche Effekte wurden in Tiermodellen beobachtet.

Wichtig: Diese Erkenntnisse stammen überwiegend aus Studien an Menschen und Labortieren. Ob und in welchem Umfang sich diese Ergebnisse auf Pferde übertragen lassen, ist bislang noch nicht ausreichend erforscht.

Kann ein Trauma beim Pferd vererbt werden?

Für Pferde gilt jedoch: Die Forschung steckt hier noch in den Anfängen. Konkrete, belastbare Studien zur epigenetischen Weitergabe von Verhaltensmustern oder Traumata sind bislang rar. Zunächst wurden solche Erkenntnisse vornehmlich damit begründet, dass ein Fohlen ja von der Mutter lernt, ihre Emotionen wahrnimmt und ihr Verhalten spiegelt.

Stress, Angst oder Verlust können sich aber nicht nur durch soziales Lernen und Stressübertragung jedweder Art ins Hier und Jetzt kopieren, sondern eben auch molekularbiologisch über Veränderungen in der Genaktivität bei den Nachkommen manifestieren. Der Vorgang auf zellulärer Ebene, bei dem zwar nicht der genetische Bausatz an sich, wohl aber dessen Aktivierungsprozesse verändert werden, nennt man Epigenese.

Fellfarbe eines Pferdes

Ist das vererbt? Etwa ein Viertel der Pferdegesundheit ist wahrscheinlich genetisch fixiert. (© Christiane Slawik)

Ist jedes auffällige Verhalten ein Trauma beim Pferd?

Trotz der begrenzten Studienlage wird das Thema zunehmend diskutiert – vor allem dann, wenn ein Verhalten nicht eindeutig erklärbar erscheint. Dabei ist es wichtig, sauber zu unterscheiden: Nicht jedes auffällige Verhalten muss genetisch oder epigenetisch begründet sein. Pferde sind hochsensible Lebewesen, die stark auf ihre Umwelt reagieren und kontinuierlich lernen. Viele Verhaltensweisen lassen sich durch Erfahrungen, Prägung oder aktuelle Lebensumstände erklären.

Gleichzeitig gibt es Beobachtungen aus der Praxis, die darauf hindeuten, dass einige Pferde eine besonders niedrige Stressschwelle oder eine ausgeprägte Grundanspannung mitbringen – unabhängig von ihrer aktuellen Haltung. Ob hier epigenetische Einflüsse eine Rolle spielen, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.

Wie eine Tierärztin das Thema einordnet

Die Epigenetik befasst sich mit den Umwelteinflüssen auf die Gene. Dr. Veronika Klein, Tierärztin aus Melbeck bei Lüneburg, spricht in diesem Zusammenhang sogar von der 75-Prozent-Regel: „Die Epigenetik geht davon aus, dass nur ein Viertel der Gesundheit genetisch fixiert ist; den Rest beeinflussen wir aktiv durch Haltung, Training und Fütterung“, so die Betreiberin des Wissensportals „Kernkompetenz Pferd.“

Dieser Wissenschaftszweig gibt auch Einblick in die Frage, wie die Erfahrungen von Elterntieren Struktur und Funktion des Nervensystems ihrer Nachkommen verändern – und zwar schon, bevor sie überhaupt ein Kind gezeugt haben. Diesbezüglich haben Forschungen auf Zellebene ergeben, dass die DNA-Sequenzen als solche unverändert bleiben, aber durch chemische Vorgänge in ihrer Aktivität hoch- oder heruntergeregelt werden, sodass ihre Lesbarkeit beeinflusst wird.

Pony frisst Gras und legt Ohren an

Verhalten, das „unerklärlich“ bleibt, hat dennoch meist einen Grund. Pferdehalter sollten ihre Tiere genau beobachten und Muster erkennen. (© Christiane Slawik)

Kann ein Trauma beim Pferd Gesundheit beeinflussen?

Solch ein Hoch- oder Runterdimmen der Genaktivität kann langfristig zu Veränderungen in Bezug auf Stressresistenz, Immunsystem, Hormonhaushalt und sogar zu körperlich sichtbaren Erscheinungen führen. Veronika Klein rät hier also zu einem Perspektivwechsel.

„Die Epigenetik zeigt, dass Umweltbedingungen wie Haltung, Fütterung und Training einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit haben können“, erklärt Klein. Gleichzeitig sei es wichtig, nicht vorschnell jede Auffälligkeit auf generationsübergreifende Einflüsse zurückzuführen. Aus tierärztlicher Sicht stehe zunächst immer die sorgfältige Abklärung naheliegender Ursachen im Vordergrund.

Nicht jedes Problem ist ein Trauma beim Pferd

Viele Verhaltensauffälligkeiten oder gesundheitlichen Probleme ließen sich durch aktuelle Faktoren erklären – etwa durch Belastung, Management oder individuelle Erfahrungen. „Gerade bei unklaren Symptomen ist es entscheidend, systematisch vorzugehen und das Pferd in seinem aktuellen Umfeld genau zu beobachten.“

Epigenetische Prozesse könnten langfristig eine Rolle spielen, etwa im Hinblick auf allgemeine gesundheitliche Dispositionen. Für konkrete Aussagen zur Weitergabe von Verhalten oder Traumata beim Pferd gebe es jedoch bislang nur begrenzte wissenschaftliche Belege.

Pferd bockt mit Mann im Hintergrund

Das kam unerwartet? Ein Pferd, das oft Überforderung erlebt hat, kann in ähnlichen Situationen erneut entsprechend reagieren. (© Christiane Slawik)

Zwischen Klonpferd und Gen-Therapie

Lange bevor sich die Pferdewelt wirklich mit der Epigenetik auseinandergesetzt hat und die biologisch nachweisbaren Auswirkungen von guter Haltung, optimaler Fütterung sowie einem tierfreundlichen Miteinander auf ein leistungsstarkes, gesundes und zufriedenes Reitpferd intensiv in den Fokus setzt, hat man bei der Gentechnik schon den Hebel angesetzt: So sind Klonpferde keine Seltenheit mehr, und auch Gen-Therapie und Gen-Doping gehören zum Repertoire der modernen Veterinärmedizin.

Fakt ist: Epigenetische Veränderungen sind wissenschaftlich belegt, und auch die Weitergabe über Generationen ist bei einigen Tierarten nachgewiesen. Bei den Pferden ist dies jedoch noch nicht tiefergehend erforscht. Und Begriffe wie „vererbtes Trauma“ werden unterschiedlich interpretiert.

Wenn Erlebnisse das Verhalten prägen

Pferde lernen über Verknüpfung. Erfahrungen – insbesondere belastende – können sich tief im Verhalten verankern und langfristig abrufbar bleiben. Ein Pferd, das wiederholt Stress oder Überforderung erlebt hat, kann auch später in ähnlichen Situationen entsprechend reagieren, selbst wenn die ursprüngliche Ursache nicht mehr besteht.

Mit der wachsenden Aufmerksamkeit für Epigenetik entstehen auch neue Interpretationsansätze. Einige Fachleute sehen in ihr eine mögliche Erklärung für schwer greifbare Verhaltensmuster, andere mahnen zur Zurückhaltung. Denn: Viele Zusammenhänge, die derzeit diskutiert werden, sind wissenschaftlich noch nicht eindeutig belegt – insbesondere im Hinblick auf Pferde. Begriffe wie „vererbte Traumata“ oder „epigenetisches Gedächtnis“ werden daher nicht einheitlich verwendet und sollten deshalb auch mit Vorsicht interpretiert werden.

Pferd legt die Ohren an

Angespannt, gestresst, unfreundlich? Nicht immer liegt die Ursache in der jüngsten Vergangenheit. (© Christiane Slawik)

Woran sich ein Trauma beim Pferd zeigen könnte

Vertreter alternativer Ansätze interpretieren solche Zusammenhänge weitergehend: Wie sich vererbte Traumata unter anderem äußern können, zählt Tanja von Salzen-Märkert, Pferdepsychologin und -therapeutin, auf:

  • eine tiefe, oft schwer erklärbare Grundanspannung
  • ungewöhnlich starke oder anhaltende Stressreaktionen
  • fehlende Regulation trotz guter Haltungsbedingungen

„Reaktionen, die nicht zur aktuellen Situation passen, die entweder zu stark oder aber zu schwach ausfallen, sowie keine echte Regeneration durch Schlaf.“ Zudem könne man bei traumatisierten Pferden eine tiefe Skepsis gegenüber Menschen feststellen – und zwar ohne erkennbare Ursache oder ohne einen negativen Vorfall.

Wenn die Ursache tiefer liegt: Trauma beim Pferd

Ein weiterer Hinweis auf vererbte Traumata kann folgendes Phänomen sein: Egal wie gut Haltung, Unterbringung, Fütterung, Mineralstoffversorgung oder Training sind, ein gesundheitlicher und im Nervensystem ausbalancierter Zustand aufrechtzuerhalten scheint dem Tier unmöglich zu sein. – Tanja von Salzen-Märkert –

„Egal, was der Tierarzt tut, und obwohl die Behandlung bezüglich der Symptome richtig ist, scheint nichts nachhaltig zu greifen. Das betrifft zum Beispiel auch Hufbearbeitung, Wachstum oder die ganzheitliche Entwicklung und schlägt sich zudem in ausbleibenden Trainingserfolgen nieder.“

Pferd gähnt

Die Epigenetik liefert spannende Ansätze, um Verhalten zu verstehen, aber sie ist kein Erklärungsmodell für alles.

Die naheliegenden Ursachen zuerst prüfen

Die Anspannung im traumatisierten Pferd, so von Salzen-Märkert weiter, sei auch für die Menschen in der Umgebung enorm ermüdend, da sich biophysikalisch im gesamten Umfeld die Spannungszustände veränderten. Wenn also mehrere Menschen nach der Begegnung mit diesem einen Pferd extrem erschöpft sind, könnte man in Erwägung ziehen, an tieferliegende Probleme wie generationsübergreifende Traumata zu denken, die über verschiedene Ebenen angelegt sind, sodass sie weder mit Haltung oder Fütterung auffangbar noch veterinärmedizinisch greifbar seien, obwohl alle ihr Bestes geben.

Viele Auffälligkeiten bei Pferden lassen sich auch ohne epigenetische Erklärung nachvollziehen:

  • erlernte Verhaltensmuster
  • Stress und Überforderung
  • unpassende Trainingsreize
  • frühere Erfahrungen
  • Haltungsbedingungen

Kann ein Trauma beim Pferd überwunden werden?

Pferde reagieren sensibel auf ihre Umwelt und speichern Erfahrungen langfristig ab. Verhalten, das „unerklärlich“ wirkt, hat oft dennoch eine konkrete Grundlage – auch wenn sie nicht sofort sichtbar ist.

Für Pferdehalter bedeutet das vor allem:

  • das Pferd genau beobachten und Muster erkennen
  • Anforderungen realistisch anpassen
  • für klare, ruhige Strukturen sorgen
  • ausreichend Erholungsphasen ermöglichen
  • medizinische Ursachen immer zuerst abklären

Sind generationsübergreifende Traumata also Schicksal, und ist das traumatisierte Pferd aufgrund seines problematischen Pedigrees zu lebenslangem Leid verdammt? „Keineswegs. Wie bei anderen Traumata können Pferde lernen, neue, positive Erfahrungen zu machen. Dazu bedarf es allerdings eines langen Atems. Die Grundpfeiler der Heilung sind Sicherheit, Geduld und Vertrauen“, ist Tanja Salzen-Märkert überzeugt.

Ob die Gründe dafür in aktuellen Erfahrungen liegen oder tiefer verwurzelt sind, ist für den Umgang im Alltag oft zweitrangig. Denn Mensch und Pferd weisen eine hohe genetische Übereinstimmung auf, die in der Forschung als stark konservierte Syntenie (gleiche Reihenfolge von Genen auf den Chromosomen) bezeichnet wird. Die Gesamtübereinstimmung des Genoms bei Mensch und Pferd wird auf etwa 85 Prozent geschätzt.

Das Trauma beim Pferd bleibt ein Forschungsfeld

Die Epigenetik liefert zwar spannende Ansätze, um Verhalten und Entwicklung von Lebewesen besser zu verstehen. Dennoch ist sie kein Erklärungsmodell für jedes unerwartete Verhalten.

Gerade im Umgang mit Pferden gilt daher: Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, praktischen Erfahrungen und Interpretationen muss klar unterschieden werden. Denn auch wenn die Vergangenheit möglicherweise Spuren hinterlässt – entscheidend ist immer, wie wir im Hier und Jetzt damit umgehen.

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