Das Kulturgut Pferd bleibt nur dann zukunftsfähig, wenn Haltung, Ausbildung und wirtschaftliche Ehrlichkeit zusammengedacht werden.
Anika Laubner ist seit 2008 selbstständig mit ihrem Reiterhof in Gütersloh. Bei der Pferdewirtschaftsmeisterin leben 20 Pferde in einem Paddocktrail-System, mit 24/7 Raufutter, sozialer Herdenhaltung und begrenztem Einsatz der Lehrpferde.
Für sie ist das kein Trend, sondern Grundlage für die pferdegerechte Haltung, ganz im Sinne des #doitride-Gedankens. Um aufzuklären, führt sie außerdem den Podcast „mit Herzklopfen und Hufschlag“ und teilt auf Instagram Erlebnisse aus ihrem Alltag über den Account @reiterhoflaubner mit etwa 10.000 Followern.
Hooforia: Frau Laubner, hat das Kulturgut Pferd ausgedient?
Anika Laubner: Für mich ist die Antwort klar: Das Pferd hat nicht ausgedient. Aber unser Umgang mit ihm entscheidet darüber, ob es gesellschaftlich eine Zukunft hat.
Was bedeutet „Kulturgut“ im Alltag?
Kultur entsteht dort, wo Werte gelebt werden – nicht nur Leistungen. Auf meinem Hof lernen Menschen nicht nur, korrekt anzugaloppieren oder über ein Hindernis zu reiten. Sie lernen, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, Geduld zu haben, sie arbeiten an ihrer Selbstwahrnehmung, an feiner Kommunikation. Das Pferd ist Spiegel und Lehrer zugleich. Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben sonst keinen Zugang mehr zu Landwirtschaft oder Tierhaltung. Wenn Betriebe wie meiner verschwinden, geht nicht nur ein Freizeitangebot verloren – es geht ein Erfahrungsraum verloren.
Warum Paddocktrail, Pausen, begrenzte Nutzung?
Weil ich das Pferd in seiner Biomechanik und seinem Wesen ernst nehme. Ein Pferd ist ein Lauftier, ein Dauerfresser, ein Herdentier – kein Sportgerät mit Stundenplan. Unsere Lehrpferde werden bewusst nur begrenzt eingesetzt, regelmäßig korrekturgeritten und gymnastiziert. Wenn ich merke, dass ein Pferd Unterstützung oder eine Pause braucht, bekommt es diese – auch wenn das wirtschaftlich unbequem ist.
Wo gerät das mit der Wirtschaftlichkeit in Konflikt?
An vielen Stellen. Einzelunterricht bedeutet weniger Masse und höhere Preise, die Kunden oft nicht zahlen können oder wollen. Hochwertiges Futter, Sattler, therapeutische Begleitung – das sind laufende Investitionen. Tierwohl wird gesellschaftlich eingefordert – aber nicht immer wirtschaftlich mitgetragen. Gleichzeitig herrscht oft noch die Vorstellung, Reiten müsse so bezahlbar sein wie vor 20 Jahren.
Eine wirklich pferdegerechte Haltung lässt sich nicht mit Dumpingpreisen finanzieren. – Anika Laubner –
Droht pferdegerechte Haltung zum Luxus zu werden?
Sie droht es zu werden – nicht, weil sie es sein sollte, sondern weil wirtschaftliche Realitäten lange nicht ehrlich kommuniziert wurden. Wer Qualität möchte, muss verstehen, dass dahinter Fläche, Zeit, Fachwissen und Investitionen stehen.
Was passiert, wenn Betriebe wie Ihrer verschwinden?
Dann bleibt es entweder ein elitäres Hobby für wenige – oder ein stark leistungsorientierter Sportbetrieb ohne breite, verantwortungsvolle Basis. Das Pferd verliert dann seinen Platz als kultureller Begleiter des Menschen und wird entweder zum Prestigeobjekt oder zum reinen Sportpartner. Ich bin überzeugt: Das Kulturgut Pferd bleibt nur dann zukunftsfähig, wenn Haltung, Ausbildung und wirtschaftliche Ehrlichkeit zusammengedacht werden.