Es gibt Momente im Sattel, in denen alles mühelos zu fließen scheint. Pferd und Reiter verschmelzen im Rhythmus, die Außenwelt tritt in den Hintergrund. Atem, Bewegung und Harmonie wirken wie ein Geschenk, und das Glücksgefühl bleibt lange spürbar. Wie Sie dieses „Rider’s High“ erreichen können, erklärt Isabelle von Neumann-Cosel.
Isabelle von Neumann-Cosel ist Trainerin, ehemalige Turnierrichterin sowie Absolventin der NeuroRider-Ausbildung. Ihr Wissen vermittelt sie fachlich fundiert und dennoch anschaulich, so dass Reiter und Pferd profitieren. Sie ist eine gefragte Expertin für Sitz und Einwirkung des Reiters – unabhängig von Reitsportdisziplin und Leistungsstand. Isabelle fasst zehn Punkte zusammen, die das Flow-Gefühl beim Reiten ausmachen.
Der Flow beim Reiten entsteht durch Konzentration
- Versunkenheit im Tun: Die Bewegungen des Reitens und das eigene Bewusstsein verschmelzen – Sie sind versunken in den Bewegungsaustausch mit dem Pferd, alles Unwichtige können Sie ausblenden.
- Selbstvergessenheit: Ihr Gedankenstrom konzentriert sich auf das Reiten. Ihre „inneren Kritiker“ und Gedankenschleifen ungelöster Probleme in Privatleben oder Beruf sind verstummt.
- Zeitlosigkeit: Ihre Wahrnehmung der Zeit verändert sich. Fühlen, Denken und Handeln fallen im Hier und Jetzt zusammen. Vorher und Nachher verlieren an Bedeutung.
- Mühelosigkeit: Ihre Bewegungen auf dem Pferderücken – Sitz und Einwirkung – fühlen sich mühelos, ökonomisch und gut an. Sie können sie intuitiv steuern und ausführen; dafür brauchen Sie keine zusätzlichen Ressourcen wie ungewollte Ausgleichsbewegungen oder höheren Kraftaufwand. Die tatsächliche Anstrengung macht sich erst nach dem Ritt bemerkbar.
- Kontrolle: Es gelingt Ihnen, Ihr ganzes Potenzial kontrolliert einzusetzen und zugleich Ihr Pferd ganz selbstverständlich und mit möglichst wenig Aufwand zu kontrollieren. Dabei erleben Sie eine große Selbstwirksamkeit.
- Eigenmotivation: Die gute Bewegungserfahrung ist zugleich Motivation und Zielsetzung – fremdbestimmte Ziele (Vergleiche mit anderen, Anforderungen im Wettkampf) verlieren ihre Wichtigkeit. Es gelingt Ihnen, Ihre Zielsetzungen selbst festzulegen.
- Konzentration: Volle Konzentration erlaubt Ihnen einen klaren Fokus auf das Erleben im Hier und Jetzt. Sie lassen sich durch inneres Erleben und Außenreize so wenig wie möglich ablenken oder stören.
- Balance zwischen Herausforderung und Fähigkeiten: Sie schaffen es, sich selbst passende Aufgaben zu stellen, die Ihre Fähigkeiten gerade so weit herausfordern, dass Sie Ihre sichere Komfortzone verlassen müssen. Die Aufgabe ist trotzdem angstfrei erfolgreich lösen.
- Klare Ziele: Sie haben sich und Ihrem Pferd eine klar umrissene Aufgabe gestellt, die ein logischer Bestandteil Ihrer selbst gewählten Zielsetzung ist. Es gelingt Ihnen, diesen Fokus durch die Reiteinheit hindurch zu halten.
- Sofortiges Feedback: Sie können die direkten Rückmeldungen Ihres eigenen Körpers und der Pferdebewegung wahrnehmen und einordnen. So können Sie kontinuierlich mögliche Fehler korrigieren und die Anforderungen an sich und Ihr Pferd detailgenau anpassen.

Eine ruhige, ausbalancierte Verbindung zwischen Sitz, Hand und Pferdebewegung schafft die Basis für Harmonie. (© Riders High)
Atemtipps für den gemeinsamen Rhythmus
Die Atmung von Pferd und Reiter ist wichtig, damit sich beide in positiver Spannung, aber auch mit der nötigen mentalen und körperlichen Losgelassenheit bewegen können. Dazu empfiehlt Isabelle von Neumann-Cosel generell durch die Nase ein- und durch den Mund langsamer auszuatmen. Wenn Sie laut hörbar ausatmen, hört Ihr Pferd mit.
Probieren Sie zunächst im Schritt die Atmung zu fühlen. Im Trab ist es wichtig, einen konstanten Atemrhythmus zu finden, den Sie beibehalten können, um im Rhythmus zu bleiben und nicht außer Atem zu kommen. Stellen Sie sich im Galopp vor, in Wellen zu atmen. Dazu lassen Sie den Atem kommen und atmen bewusst in den Bauch nach, bevor Sie mit mindestens drei langsamen Atemstößen ausatmen. Also erst zwei Mal Einatmen und bewusst länger ausatmen.
Mit bewusster Atmung zum Flow beim Reiten
Auch in den einzelnen Lektionen ist eine passende Atmung wichtig. Dazu können Sie die jeweilige Hilfengebung mit einem konstanten Rhythmus von ein- und ausatmen verbinden. Bei Lektionen, die für den Reiter aber auch das Pferd anstrengend sind, können Sie über die Regulierung der Atmung den gleichbleibenden Takt verbessern. Dazu nennt unsere Expertin Beispiel wie längeres Galoppieren im Gelände, Verstärkungen im Dressurviereck, Reiten eines Parcours, Übergänge Galopp-Schritt oder gehobene Dressurlektionen).
Eine gezielte Ausatmung kann zudem auch beim Anreiten von Sprüngen die Stabilität im Oberkörper zu Beginn des Absprungs verbessern und Rückwärtsbewegungen mit der Hand verhindern. Isabelle von Neumann-Cosel gibt den Tipp beim Anreiten und in der Sprungkurve leise zu sprechen, da in der Dynamik des Springens die Konzentration auf die Atmung schnell verloren ginge und so durch die Ausatmung gegen den Widerstand der Lippen eine hektische Stressatmung verhindert werden könne.
Mit Kopfhörern reiten?
Wie nehmen Sie Ihre Umwelt beim Reiten mit einem Coaching-System wahr? Es kann einen großen Unterschied machen, mit welchen Kopfhörern Sie reiten. Vergleichen Sie In-Ear-Kopfhörer auf beiden Seiten mit außen aufliegenden Kopfhörern auf einer Seite. Letztere können Sie auch nacheinander auf dem rechten und linken Ohr ausprobieren.
Je nach Kopfhörerart nehmen Sie mehr oder weniger Informationen über Ihre Umgebung auf. Das kann unter anderem in Bezug auf die Konzentration, Orientierung und dem Sicherheitsgefühl einen großen Unterschied machen.

Ein ruhiges Bein und ein stabiler Schwerpunkt helfen, die Bewegung des Pferdes fließend aufzunehmen. (© Riders High)
Übungen, um in einen Flow beim Reiten zu kommen
Die folgenden Übungen stammen aus dem Buch „Rider’s High“ von Isabelle von Neumann-Cosel. Dort finden Sie noch eine Menge weiterer praktischer Übungen, um in einen Flow beim Reiten zu kommen.
Übung 1: Sensorisches Warm-up
Die sensorische Aktivierung des gesamten Körpers oder mindestens der Köperregion, die besonders im Fokus steht, empfiehlt sich vor jedem Training.
- Starten Sie im Stand, gerne in der Reitposition. Sie stehen also auf dem Boden, als würden Sie im Sattel sitzen.
- Beginnen Sie den Körper abzureiben. Statt Reiben ist auch Klopfen möglich.
- Starten Sie mit den Händen (Innenfläche, Handrücken, Finger).
- Wichtige Körperregionen für Reiter: Hände, Schultern, Brustbein, Rippenbögen, unterer Rücken, Becken, Knie und Füße.
- Richten Sie den Fokus auf die Körperregion, die aktiviert wird. Das Warm-up lässt sich sehr gut individuell anpassen und kann auch für einzelne Körperteile, zum Beispiel die Hände, genutzt werden. Ein Grund könnte sein, dass der Zügel immer wieder durch eine oder beide Hände rutscht.
Übung 2: Maximalspannung
- Diese Übung lässt sich in jeder Position ausführen. Nutzen Sie gerne die Reitposition am Boden.
- Beginnen Sie von unten nach oben alle Muskeln anzuspannen. Ein möglicher Ablauf kann sein: Fußsohle, Wade, Oberschenkel, Gesäß, Bauch, Faust, Unterarm, Oberarm, Schulter, Brust, Gesicht (Grimasse).
- Zählen Sie innerlich bis zehn, halten Sie die Spannung im gesamten Körper und lassen Sie die Spannung mit einem Mal los.
- Überprüfen Sie, an welcher Stelle es Ihnen leicht fällt, viel Spannung aufzubauen und loszulassen. Welche Körperhälfte lässt sich leichter ansteuern?
- Wiederholen Sie die Übung nun drei bis viermal und legen Sie den Fokus bewusst auf die Körperstellen.
Übung 3: So gelingen Bewegungen
Merken Sie sich diese Liste und geben Sie sich Zeit, Bewegungen zu lernen und zu verinnerlichen.
- Wollen: Nicht nur sollen oder in Kauf nehmen.
- Planen: Äußeres Bild von der Bewegung – Wie soll sie aussehen?
- Vorhersehen: Wie fühlt sich die richtige Ausführung an?
- Verknüpfen: Neue Bewegungen an autonomen oder bereits gelernte Bewegungserfahrungen andocken; das Gehirn braucht so viel Informationen wie möglich
- Zutrauen: Angst vor Scheitern überwinden; Selbstbild anpassen: Ich kann diese Bewegung ausführen.
- Sich die Bewegung zumuten: Vermeiden großer Anstrengung oder möglichen negativen sozialen Folgen überwinden.
Rider’s High: Buchtipp zum Flow beim Reiten
RIDER’S HIGH – der Flow, der süchtig macht. Wer es einmal erlebt hat, will da wieder hin: Wo die Harmonie mit dem Pferd vom Traum zur Wirklichkeit wird. Das neue Buch von Isabelle von Neumann-Cosel kombiniert überraschende Einsichten über den Körper aus der Biomechanik und faszinierende Blicke ins Gehirn aus dem Neurotraining, um Erfahrungswissen aus der Reitlehre mit neuem Leben zu füllen. Der Flow, ein schöner Ausnahmezustand des Gehirns, lässt sich nicht erzwingen – aber dieses Buch hilft, den Weg dahin zu ebnen. Müller Rüschlikon; 224 Seiten; 34,90 Seiten; ISBN: 9783275023509
