Osteopathie bei einem Pferd © Horst Streitferdt

Mithilfe der Osteopathie können Pferde gesund und leistungsfähig erhalten werden. Dabei sind Osteotherapeuten in der Lage, Probleme und Störungen durch Ertasten zu diagnostizieren und Blockaden mit den Händen zu lösen.

Das Wort Osteopathie setzt sich aus den griechischen Begriffen „Osteon“ (Knochen) und „Pathos“ (Leiden) zusammen. Tatsächlich behandelt der Osteotherapeut jedoch weit mehr als nur knöcherne Strukturen.

Die Osteopathie ist eine ganzheitliche Heilmethode, die auf den amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still zurückgeht. Ihm wurde klar, dass viele Beschwerden und Krankheiten durch eine eingeschränkte Beweglichkeit entstehen – nicht nur von Muskeln und Gelenken, sondern auch der inneren Organe und anderer Gewebe. Seine Überzeugung: Jedes Organ und jedes Körperteil kann nur dann optimal funktionieren, wenn es ausreichend Bewegungsfreiheit besitzt.

Das Grundprinzip der Osteopathie beim Pferd

Dieses Prinzip wurde später auf das Pferd übertragen. Heute betrachtet die Osteopathie beim Pferd den gesamten Organismus als funktionelle Einheit. Sämtliche Strukturen stehen miteinander in Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb sucht sie nicht nur nach den Symptomen, sondern nach deren Ursache. Wie eng diese Zusammenhänge sind, zeigt ein einfacher Vergleich aus der Mechanik:

Eine Maschine funktioniert nur dann einwandfrei, wenn jedes Zahnrad und jede Schraube frei arbeiten kann. Ist nur ein kleines Rädchen blockiert, gerät das gesamte System aus dem Gleichgewicht. Ähnlich verhält es sich beim Pferd. Bewegungseinschränkungen können Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben. Ziel der osteopathischen Behandlung ist es, Bewegungseinschränkungen aufzuspüren, Blockaden zu lösen und dadurch die natürliche Beweglichkeit des Körpers zu fördern.

Therapeutin behandelt Pferd

Das Pferd genießt die Behand­lung sichtlich und dehnt sich vertrauensvoll und entspannt. (© Horst Streitferdt)

Wann ist Osteopathie beim Pferd sinnvoll?

Viele Reiter fragen sich, woran sie erkennen können, dass ihr Pferd osteopathisch behandelt werden sollte. Eine pauschale Antwort gibt es darauf nicht. Jedes Pferd reagiert unterschiedlich auf Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen. Aufmerksam werden sollte man jedoch, wenn sich das Pferd plötzlich bei Lektionen schwertut, die zuvor problemlos funktioniert haben. Möchte sich ein Pferd beispielsweise bei einer Traversale nicht mehr stellen oder biegen lassen, muss das nicht mit Ungehorsam oder einem schlechten Tag zusammenhängen.

Vielmehr können Blockierungen die Ursache sein. Hält ein solcher Zustand über mehrere Tage an, kann die Untersuchung durch einen Osteotherapeuten sinnvoll sein. Auch wiederkehrende Lahmheiten, die sich tierärztlich zunächst nicht eindeutig erklären lassen, Leistungseinbußen oder Veränderungen im Bewegungsablauf können Hinweise darauf sein, dass das Gleichgewicht des Körpers gestört ist.

Entscheidend ist deshalb eine Untersuchung des gesamten Pferdes, denn die eigentliche Ursache liegt häufig an einer anderen Stelle als die sichtbaren Beschwerden.

Die Ursache liegt oft ganz woanders

Viele Beschwerden entstehen nicht dort, wo sie schließlich sichtbar werden. Vielmehr können Bewegungseinschränkungen oder Spannungen an einer Stelle Auswirkungen auf ganz andere Bereiche des Körpers haben. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Faszien. Die dünnen Bindegewebshüllen umgeben sämtliche Strukturen des Körpers und bilden gemeinsam eine große Körperfaszie.

Sie verbinden auch Bereiche miteinander, die auf den ersten Blick funktionell nichts miteinander zu tun haben. Aus Sicht der Osteopathie können Veränderungen beim Pferd deshalb über diese Verbindungen weitergeleitet werden. Das erklärt, warum Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen häufig an einer anderen Stelle auftreten als dort, wo ihre eigentliche Ursache liegt.

Osteopathie beim Pferd am Vorderbein

Ein Therapeut prüft vor der Behandlung, wo Bewegungseinschränkungen vorliegen. (© www.im-blickpunkt.com)

Ein Fall aus der Praxis: Osteopathie beim Pferd

Wie komplex diese Zusammenhänge sein können, zeigt der Fall des Oldenburger Wallachs Don Nico. Im Alter von viereinhalb Jahren begann der Wallach plötzlich auf dem rechten Vorderbein zu lahmen. Zunächst vermutete seine Besitzerin eine Verletzung auf der Weide. Als die Lahmheit stärker wurde, untersuchte der Tierarzt das Pferd gründlich. Weder Ultraschall noch Röntgenaufnahmen lieferten jedoch einen auffälligen Befund.

Das Bein war weder geschwollen noch warm. Nach einer Trainingspause und Schmerzmitteln besserten sich die Beschwerden zwar kurzzeitig, kehrten jedoch wenig später zurück. Zusätzlich begann Don Nico bereits nach geringer Belastung schwer zu atmen. Auch die Untersuchung der Lunge blieb ohne Befund.

Warum die Hufstellung in die Irre führte

Erst eine Osteopathin entdeckte eine deutliche Schiefe der Hufstellung. Diese war jedoch nicht die eigentliche Ursache, sondern die Folge einer bereits länger bestehenden Problematik. Verspannungen und Blockierungen im Rücken hatten zu einer einseitigen Kraftübertragung auf die Vordergliedmaße geführt.

Dadurch veränderte sich mit der Zeit die Hufstellung. Gleichzeitig beeinträchtigten die Blockierungen nicht nur die Bewegung, sondern auch die Atmung des Pferdes. Für die Behandlung bedeutete das, nicht ausschließlich den Huf oder das Vorderbein in den Blick zu nehmen, sondern den gesamten Organismus.

Sitzt die Ursache vielleicht im Sattel?

Ziel war es, das „blockierte Rädchen“ im System zu finden, das Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat hatte. Genau darin unterscheidet sich die Osteopathie von einer rein symptomorientierten Behandlung. Statt ausschließlich den Bereich zu therapieren, an dem Beschwerden auftreten, sucht der Osteotherapeut nach Zusammenhängen im gesamten Körper und versucht, die ursprüngliche Ursache der Bewegungseinschränkung aufzuspüren.

Nicht immer liegt die Ursache von Verspannungen oder Blockierungen ausschließlich beim Pferd. Auch der Reiter kann einen entscheidenden Einfluss auf den Bewegungsapparat seines Pferdes haben. Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang der Satz: „Richtig reiten reicht.“ Grundsätzlich stimmt das – allerdings ist kaum ein Reiter von Beginn an perfekt ausbalanciert. Jeder macht Fehler und entwickelt seinen Sitz erst mit der Zeit weiter.

Hinzu kommt, dass sich auch die körperlichen Voraussetzungen vieler Menschen verändert haben. Während früher selbstverständlich geklettert, getobt und draußen gespielt wurde, verbringen heute viele Menschen einen Großteil ihrer Zeit sitzend. Beweglichkeit und Koordination leiden darunter. Die Folge kann sein, dass der Reiter den Bewegungen seines Pferdes nicht mehr optimal folgen kann.

Reiterin sitzt schief auf dem Pferd

Viele Reiter verursachen erst durch ihren Sitz Blockaden beim Pferd. Dabei spielt es keine Rolle wie gut der Reiter reitet. (© www.paulinevonhardenberg.com)

Warum Balance im Sattel so wichtig ist

Schon kleine Asymmetrien wirken sich dauerhaft auf das Pferd aus. Wer beispielsweise schief in der Hüfte sitzt, unterschiedlich lange Beine hat oder die Steigbügel ungleich belastet, verlagert das Gewicht ständig auf eine Seite. Das Pferd muss diese Schieflage fortlaufend ausgleichen und baut dafür Gegenspannungen auf. Auf Dauer können daraus Verspannungen und Bewegungseinschränkungen entstehen. Aus diesem Grund empfehlen manche Osteotherapeuten, nicht nur das Pferd, sondern auch den Reiter in die Behandlung einzubeziehen.

Denn verändert sich der Bewegungsablauf des Menschen nicht, können dieselben Belastungen immer wieder auf das Pferd einwirken. Neben dem Reiter spielen auch weitere Faktoren eine Rolle: Zum Beispiel ein schlecht passender Sattel, Druck durch den Gurt, minderwertiges Futter.

Frühere Verletzungen oder die hohen Anforderungen an moderne Sportpferde können ebenfalls dazu beitragen, dass das Gleichgewicht des Körpers gestört wird. Die Osteopathie betrachtet deshalb nie nur einen einzelnen Auslöser, sondern immer das Zusammenspiel aller Einflussfaktoren im Pferd.

Wie läuft eine osteopathische Behandlung ab?

Jede osteopathische Behandlung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese. Dabei verschafft sich der Therapeut zunächst ein möglichst genaues Bild von der Vorgeschichte des Pferdes. Gerade weil viele Pferde nicht seit ihrer Geburt im Besitz ihres heutigen Reiters sind, bleiben frühere Verletzungen oder traumatische Ereignisse häufig unbekannt. Dennoch können genau sie noch Jahre später Auswirkungen auf den Bewegungsapparat haben.

Während der Untersuchung stoßen Osteotherapeuten deshalb immer wieder auf Bewegungseinschränkungen, insbesondere im Bereich des Halses, der Brustwirbelsäule oder am Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein. Häufig fallen außerdem Narben, Gewebeverquellungen oder Gewebeeinziehungen auf, die dem Besitzer zuvor gar nicht bewusst waren. Auch sie können die Beweglichkeit einschränken und damit die Balance des gesamten Organismus stören.

Therapeutin schaut sich Pferd an

Der aufmerksame Therapeut kann den Bewegungsablauf beim Vorführen des Pferdes beobachten und beurteilen. (© Horst Streitferdt)

Frühere Verletzungen spielen oft noch eine Rolle

Anschließend wird das Pferd auf hartem, ebenem Boden zunächst im Schritt und danach im Trab vorgeführt. So kann der Therapeut den Bewegungsablauf beurteilen und erste Auffälligkeiten erkennen. Darauf folgen verschiedene Bewegungstests, mit denen sich die Beweglichkeit einzelner Körperregionen überprüfen lässt.

Erst danach beginnt die eigentliche Behandlung. Voraussetzung dafür ist, dass sich das Pferd entspannt und Vertrauen fasst. Nur so lassen sich Spannungen und Bewegungseinschränkungen zuverlässig ertasten. Das setzt nicht nur ein ausgeprägtes Tastvermögen voraus, sondern auch eine fundierte Ausbildung und jahrelange Erfahrung. Ziel der Behandlung ist es, Blockaden zu lösen, die natürliche Beweglichkeit wiederherzustellen und dadurch die Selbstregulation des Körpers zu unterstützen.

Die drei Bereiche der Osteopathie beim Pferd

Im Gegensatz zur Physiotherapie oder Chiropraktik betrachtet die Osteopathie den Körper auf drei verschiedenen Ebenen. Sie ergänzen sich gegenseitig und bilden zusammen das Behandlungskonzept.

1. Parietale Behandlung – Muskeln, Gelenke und Faszien

Die parietale Osteopathie bildet häufig den Ausgangspunkt der Behandlung. Im Mittelpunkt stehen Muskeln, Gelenke, Bänder, Faszien, das Bindegewebe sowie die Wirbelsäule und die Gliedmaßen. Ziel ist es, Bewegungseinschränkungen aufzuspüren und die Beweglichkeit der verschiedenen Strukturen wiederherzustellen.

Besondere Bedeutung kommt dabei den Faszien zu. Da sie den gesamten Körper miteinander verbinden, können Spannungen über weite Bereiche weitergeleitet werden und Beschwerden an anderer Stelle hervorrufen.

2. Viszerale Behandlung – die inneren Organe

Die viszerale Osteopathie beschäftigt sich mit den inneren Organen und ihrem Bindegewebe. Auch sie benötigen ausreichend Beweglichkeit, um ihre Funktion optimal erfüllen zu können.

Lange Zeit wurde angenommen, dass sich die inneren Organe des Pferdes mit osteopathischen Techniken kaum beeinflussen lassen. Die intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Handgriffen zeigte jedoch, dass sich über indirekte Techniken durchaus mobilisierende Impulse auf die Organe übertragen lassen.

3. Kraniosakrale Behandlung – die Verbindung zwischen Schädel und Kreuzbein

Die dritte Ebene bildet die kraniosakrale Osteopathie. Sie beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen Schädel und Kreuzbein. Diese Verbindung entsteht über die Hirnhäute, die den Schädel von innen auskleiden und den Rückenmarksstrang bis hinunter zum Kreuzbein umgeben.

Der Schädel besteht aus zahlreichen einzelnen Knochen, die miteinander verbunden sind und sich in einem bestimmten Rhythmus bewegen. Kommt es beispielsweise nach einem Sturz zu Bewegungseinschränkungen im Bereich des Schädels, kann sich dies über die verbindenden Strukturen bis zum Kreuz-Darmbein-Gelenk auswirken.

Therapeutin zeigt Modell eines Pferdeschädels

Der Schädel des Pferdes besteht aus 29 einzelnen Knochen, die hier farbig dargestellt sind. (© Horst Streitferdt)

Die Reihenfolge in der Osteopathie beim Pferd

Deshalb gehört für Osteotherapeuten auch die Untersuchung dieser Strukturen zu einer vollständigen Behandlung. Beatrix Schulte Wien empfiehlt dabei, zunächst die parietale Behandlung durchzuführen und erst anschließend die viszerale sowie die kraniosakrale Ebene einzubeziehen.

Erst wenn Knochen, Gelenke, Bänder und Faszien wieder ausreichend beweglich sind, könne sich die Behandlung der übrigen Bereiche sinnvoll anschließen.

Osteopathie, Physiotherapie oder Chiropraktik?

Die Begriffe Osteopathie, Physiotherapie und Chiropraktik werden häufig miteinander verwechselt. Tatsächlich verfolgen alle drei Methoden das Ziel, die Beweglichkeit des Pferdes zu verbessern. Sie setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

  • Die Chiropraktik konzentriert sich in erster Linie auf die Wirbelsäule. Die Behandlung der inneren Organe spielt hier keine Rolle.
  • Die Physiotherapie beschäftigt sich vor allem mit Muskeln, Faszien und anderem weichen Gewebe. Sie arbeitet mit anderen Techniken als die Osteopathie und verzichtet auf manipulative Eingriffe an den Gelenken. Nach einer osteopathischen Behandlung kann sie sinnvoll ergänzend eingesetzt werden, beispielsweise durch die Behandlung der Muskulatur oder der Faszien.

Wo liegen die Grenzen der Osteopathie beim Pferd?

Auch wenn die Osteopathie bei vielen funktionellen Beschwerden vom Pferd unterstützend eingesetzt werden kann, ersetzt sie nicht die klassische Tiermedizin. Vielmehr versteht sie sich als ganzheitliche Behandlungsmethode, die je nach Beschwerdebild sowohl eigenständig als auch begleitend zu anderen medizinischen Maßnahmen angewendet werden kann.

Voraussetzung jeder osteopathischen Behandlung ist eine tierärztliche Abklärung akuter Erkrankungen oder Verletzungen. Erst anschließend kann die Osteopathie sinnvoll ergänzend beim Pferd eingesetzt werden.

Ganzheitlich denken statt Symptome behandeln

Kein Körperteil arbeitet für sich allein. Muskeln, Gelenke, Faszien, innere Organe und das Nervensystem stehen in enger Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig. Gerät dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht, können Beschwerden an ganz anderer Stelle auftreten als dort, wo ihre eigentliche Ursache liegt.

Osteopathie ersetzt keine tierärztliche Behandlung, kann den Organismus jedoch dabei unterstützen, seine natürliche Beweglichkeit wiederzufinden. Entscheidend ist dabei der ganzheitliche Blick: Nicht nur das Pferd selbst, sondern auch Faktoren wie Sattel, Reiter oder frühere Verletzungen können eine Rolle spielen. Genau dieses Zusammenspiel macht den osteopathischen Ansatz aus.

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