Die schnelle Brille in Pose: Influencerin Alina vom Account „Ponyultra“ und ihr Schimmel Viva zeigen, dass „sunglasses, beautiful sunglasses“ auch in den Stallalltag passen.
Der Reiter von Welt trägt neuerdings nicht nur Jackett – auch die Sonnenbrille gehört mittlerweile immer häufiger zur Turnierausrüstung beim Reiten. Und zwar quer durch alle Disziplinen, vom Dressurviereck bis zum Geländekurs. Wer jetzt reflexartig an modisches Beiwerk denkt, liegt nicht falsch. Hinter den dunklen Gläsern stecken manchmal aber auch Gründe, die über die reine Ästhetik hinausgehen.
Niclas „Nikke“ Aromaa ist dafür ein gutes Beispiel. Der finnische Springreiter, der Finnland in Nations Cups repräsentiert und seinen Stall STI Aromaa im schleswig-holsteinischen Nehmten betreibt, trägt im Sattel eine Sonnenbrille mit Sehstärke. Seine Alltagsbrille braucht er auch auf dem Pferd – also trägt er sie getönt. Das Ergebnis sieht aus wie ein bewusstes Statement. Ist es im Grunde auch, nur eben ein optisches, kein modisches.
Aromaa steht damit nicht alleine da: Viele Reiterinnen und Reiter, die im Alltag eine Sehhilfe tragen, greifen im Sattel zur korrigierenden Sonnenbrille oder zu Kontaktlinsen, kombiniert mit einer Sportbrille – weil beides zusammen schlicht besser funktioniert als lediglich Kontaktlinsen im Staubsturm eines Sandplatzes.

Nächstes Coolness-Level freigeschaltet! Niclas Aromaa trägt die Sonnenbrille im Parcours allerdings nicht aus modischen Gründen. Seine Brille hat Sehstärke. (© Lena Magens)
Weshalb eine Sonnenbrille beim Reiten echte Vorteile bietet
Doch Sehstärke ist nur einer von mehreren Gründen. Lichtempfindliche Augen, medizinisch als Photophobie bekannt, zwingen viele Reiter regelrecht zur Brille. Wer bei gleißendem Sonnenlicht auf hellem Reitsand ständig die Augen zusammenkneift, verliert Konzentration, bekommt Kopfschmerzen und – was im Parcours oder im Gelände gefährlich wird – schätzt Distanzen schlechter ein.
Dazu kommen Reiter mit Heuschnupfen oder chronisch gereizten Bindehäuten, für die eine gut sitzende Sportbrille als Windschutzscheibe funktioniert: Sie hält Pollen, aufgewirbelten Sand und Insekten ab, die dem Reiter spätestens im Galopp mit beachtlichem Tempo ins Gesicht fliegen.
Und dann ist da noch das langfristige Argument, das wir im Reitsportalltag gerne übersehen: UV-Strahlung schädigt die Augen. Wer viele Stunden pro Woche im Freien reitet, setzt seine Augen einer Belastung aus, die das Risiko für unterschiedliche Augenerkrankungen wie beispielsweise Katarakt und altersbedingte Makuladegeneration nachweislich erhöht. Die Sonnenbrille ist in diesem Kontext keine Eitelkeit, sondern Prävention.

Entspiegelt, farblich passend, praktisch: Jörne Sprehe hat das „Brillen-Game“ auf jeden Fall verstanden. (© Stefan Lafrentz)
Welche Sonnenbrille ist beim Reiten die richtige?
Egal aus welchem Grund sie getragen wird – die Brille im Sattel sieht gut aus. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Westernreiter haben das schon lange verinnerlicht, und auch in der klassischen Reiterei hat die Sportbrille ihren Platz gefunden.
Entscheidend ist jedoch, dass nicht jede Brille für den Reitsport taugt. Eine modische Fassung aus dem Urlaub kann bei einem Sturz eine echte Gefahr darstellen. Wer also zur Sportbrille greift, sollte nicht nur auf die Optik schauen – sondern auch auf das, was sie im Ernstfall leistet. Denn: Der Reitsport verzeiht schlechte Ausrüstung selten. Die gute Nachricht: Die richtige Brille muss weder teuer noch kompliziert sein. Sie muss lediglich ein paar elementare Dinge können.
Nicht nur schick: 6 Tipps für den Sonnenbrillenkauf
1. Eine Sonnenbrille zum Reiten muss bruchsicher sein!
Gläser aus Glas oder einfachem Kunststoff splittern bei einem Sturz – mit potenziell schweren Folgen für die Augen. Sportbrillen für den Reitsport setzen auf Polycarbonat oder Trivex: Diese Materialien absorbieren Stöße, ohne zu brechen oder zu splittern. Dasselbe gilt für den Rahmen – Metall hat auf einem Reitpferd nichts zu suchen. Flexible Kunststofffassungen ohne scharfe Kanten sind Pflicht.
2. Die richtige Passform wichtiger als das Design
Die Brille muss auch im Galopp, beim Sprung und bei abrupten Richtungswechseln sitzen. Gummierte Nasenpads und Bügelenden verhindern das Verrutschen. Wichtig: den Reithelm zur Anprobe mitbringen. Viele Brillenbügel stoßen unter tief geschnittenen Helmen an und drücken die Brille nach vorne – dann sitzt sie nicht mehr fest auf der Nase und schützt nicht mehr zuverlässig.

Safety first: Die Belgierin Gudrun Patteet nutzt im Springen nicht nur eine Sicherheitsweste. Auch getönte Brillengläser gehören zum Outfit. (© Stefan Lafrentz)
3. Warum sind CE-Zeichen und UV400 unverzichtbar?
Dunkle Gläser ohne UV-Filter sind gefährlicher als gar keine Brille: Die Pupille weitet sich, und die schädliche Strahlung trifft die Netzhaut ungebremst. Das CE-Zeichen – zu finden auf der Innenseite des Bügels – bestätigt die Konformität mit der europäischen Norm DIN EN ISO 12312-1. Die Aufschrift „UV400“ oder „100 % UV-Schutz“ garantiert, dass die Brille Strahlung bis 400 Nanometer filtert, also den gesamten UV-A- und UV-B-Bereich abdeckt.
4. Wie viel sollte eine Sonnenbrille zum Reiten kosten?
Eine sichere Sportbrille mit CE-Zeichen und UV400-Schutz gibt es im Sportfachhandel bereits für unter 40 Euro. Wer selbsttönende Gläser, eine optische Verglasung in der eigenen Sehstärke oder spezielle Antibeschlagbeschichtungen sucht, investiert mehr – aber das Minimum an Schutz ist auch mit kleinem Budget erreichbar.
5. Warum die richtige Tönung beim Reiten entscheidend ist
Sonnenbrillen tragen Filterkategorien von 0 bis 4. Für den Reitsport empfehlen sich Kategorie 2 (mittlerer Blendschutz, für wechselnde Lichtverhältnisse) und Kategorie 3 (hoher Blendschutz, für helle Außenplätze und Turniere im Hochsommer). Kategorie 4 – extrem dunkel – ist für den Straßenverkehr verboten und auf dem Reitplatz schlicht zu viel des Guten. Wer zwischen Wald und Feld wechselt, fährt mit photochromatischen Gläsern gut: Sie passen sich den Lichtverhältnissen automatisch an.
6. Welche Glasfarbe einer Sonnenbrille bietet beim Reiten die beste Sicht?
Graue Gläser reduzieren Helligkeit ohne Farbverfälschung – solide Wahl für Dressurviereck und Turnierplatz. Braune oder rötliche Tönungen steigern den Kontrast und verbessern die Tiefenwahrnehmung, was im Gelände und im Parcours einen echten Unterschied macht: Unebenheiten im Boden, Schatten vor Hindernissen und Bodenbeschaffenheiten zeichnen sich klarer ab.

Ein King unten und einer obendrauf: Henrik von Eckermann nutzt fürs Parcourspringen bei sonnigen Bedingungen ebenfalls eine getönte Brille. Sein Partner King Edward hat zwar keine, wird dafür aber besonders gut gesteuert. (© Stefan Lafrentz)
Wer also das nächste Mal auf dem Turnier jemanden mit Sonnenbrille im Sattel sieht, darf getrost zweimal hinschauen – nicht wegen des Auftritts, sondern wegen der Frage, die sich stellt. Meistens steckt mehr dahinter als ein Accessoire. Und falls doch nicht: Eine gute Sportbrille mit CE-Zeichen und Polycarbonat-Gläsern schadet niemandem. Im Gegenteil – spätestens, wenn die erste Fliege im Galopp gegen das Glas der Probebrille prallt statt ins Auge, ist die Entscheidung für die Brille gefallen. Und zur Not reicht es auch, dass die Brille einfach nur gut aussieht.