Das Schwelgen in Nostalgie kann die Stimmung heben, das Selbstwertgefühl steigern und sogar Optimismus für die Zukunft fördern.
Sonntag Morgen, und die Sonne blitzt zwischen den langen, schweren Vorhängen meines Schlafzimmers hindurch. Ich gucke auf die Uhr: halb acht. Puh, viel zu früh, um am Wochenende aufzustehen, denke ich. Doch bevor ich mich erneut umdrehe und der Ruhe noch ein bis zwei Stunden gebe, fällt mir ein, dass heute einer meiner Lieblingsflohmärkte stattfindet. Das ungewollte frühe Aufwachen bekommt dadurch eine ganz neue Bedeutung – was gerade noch so unangenehm wirkte, klingt in meinem Kopf plötzlich nach einem ziemlichen Glücksfall. Denn früh auf dem Flohmarkt sein bedeutet, dass die Chance auf ganz besondere Stücke viel höher ist.
Während ich ein wenig später dann so zwischen den Ständen entlangschlendere und mir die verschiedensten Zeitzeugnisse auf den Tischen mit all ihren Geschichten genauer anschaue, frage ich mich, ob diese Faszination für Dinge, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben und teilweise wirklich antik und mit Geschichte versehen sind, auch bei meinen Stallkollegen vorhanden ist und warum es denn eigentlich – trotz des angeblichen Vintage-Booms – so wenige Reiterflohmärkte gibt.
Was macht Vintage so unwiderstehlich?
Bei der Onlinesuche nach dem Begriff „Vintage“ liest man nicht nur, dass das Wort für Dinge steht, die mindestens 20, höchstens aber 80 Jahre alt sind, sondern man wird auch überschüttet von Vorschlägen, wonach genau gesucht werden soll: Vintage-Mode, Vintage-Elektronik, Vintage-Möbel … Aber auch skurrilere Dinge, die ich noch gar nicht im Kopf hatte, sind dabei: Vintage-Fahrräder, Vintage-Schuhe oder Vintage-Hochzeit. Nach kurzer Recherche stelle ich fest, dass all diese Begriffe in mir Bilder auslösen, die zwar mit etwas muffigen, aber vor allem schönen Assoziationen einhergehen.
Ich sehe das Wort „Vintage“ als etwas, was sonnige Töne aufweist, vielleicht ein Orange, ein bisschen ins Rot gehend, aber vor allem wirkt dieser Begriff sympathisch, ursprünglich und auch irgendwie zuverlässig. Was ist der Grund dafür, dass die Modewelt sich fast ausschließlich an der Mode vergangener Zeiten orientiert, oder anders gefragt: Warum möchten Menschen so viel alten Kram kaufen, und was tut sich in der Pferdebranche diesbezüglich?

Muss es denn immer neu sein? Hochpreisiges Equipment bleibt meist auch noch nach vielen Jahren farbecht und schön. (© Christiane Slawik)
Weshalb alte Dinge so gut tun
Die Faszination für Vintage liegt laut Forschern der Universität Freiburg vor allem an drei Dingen:
- der emotionalen Tiefe
- dem Wunsch nach Individualität
- einem wachsenden Nachhaltigkeitsbewusstsein
In unserer schnelllebigen, digitalisierten Welt dienen Originale aus vergangenen Jahrzehnten als Ankerpunkte, die Beständigkeit und Authentizität vermitteln. Die Forscher bezeichnen es als „die Suche nach dem Echten“. Vintage-Gegenstände wirken „wie eine wohlige Decke“.
Laut der Internetplattform historia.de, die sich ausschließlich auf Geschenke aus vergangenen Zeiten spezialisiert hat, helfen nostalgische Erinnerungen besonders in unsicheren Zeiten dabei, Krisen zu bewältigen, da sie uns in eine scheinbar „bessere“ oder unbeschwerte Vergangenheit zurückversetzen. Das Schwelgen in Nostalgie kann die Stimmung heben, das Selbstwertgefühl steigern und sogar Optimismus für die Zukunft fördern.
Und im Gegensatz zu oft als steril empfundener Massenware besitzen Vintage-Stücke außerdem Charakter durch ihre Gebrauchsspuren und die dazugehörige Geschichte. In manchen Städten, die besonders geprägt von Vintage-Mode und Einrichtungsgegenständen sind, scheint es, als sei auch der Aspekt des Nonkonformismus und der persönlichen Selbstdarstellung ein Grund.
Was Vintage-Reitbekleidung so besonders macht
Haben Sie sich schon mal sehr alte Sättel und Trensen angeschaut? Zwar genügen sie nicht mehr den aktuellen Komfort- und Schönheitsstandards, aber die Qualität und Langlebigkeit des Leders ist unantastbar. Doch nicht nur bei unserem Reitequipment hat sich scheinbar die Qualität der Materialien und der Verarbeitung zum Schlechteren gewandelt. Liebhaber von Vintage und Reitbekleidung schätzen den alten Qualitätsstandard der geschichtsträchtigen Teile.
Kaum zu zerstören sind die alten Sättel-, Trensen- und Reithosen-Schätzchen aus den 80er und 90er Jahren. Doch führt das auch dazu, dass die Reiter diese Stücke dann auch genauso schätzen, wie es die vielen Nichtreiter mit Vintage-Dingen tun? Die Georg-August-Universität in Göttingen hat das Einkaufsverhalten von Reitern untersucht und kam zunächst zu dem Schluss, dass es durch eine hohe Zahlungsbereitschaft, Qualitätsbewusstsein und eine starke Orientierung am Wohl des Pferdes geprägt ist. Reitsportler investieren überdurchschnittlich viel in ihre Ausrüstung und die ihrer Tiere.
Für mehr als die Hälfte der Reiter ist laut der Studie „das Beste gerade gut genug“ für ihr Pferd. Hochwertige Produkte würden bevorzugt, und es bestünde eine hohe Affinität zu Luxusmarken im Reitsport. Da Reiten oft als Lebensstil und nicht nur als Hobby gesehen werde, sei die Zahlungsbereitschaft und das durchschnittliche Ausgabenniveau hoch.

Viele Pferdebesitzer sehen ihr Tier laut Wissenschaftlern unter anderem als Luxusgut – ein Prestigeobjekt, das neben Haus und Auto zeigt, wie weit man es geschafft hat. Das spiegelt sich auch im Konsumverhalten wider. (© Jacques Toffi)
Statussymbol oder Individualität?
Das Einkaufsverhalten von Reitern lässt auch Rückschlüsse auf ihren Charakter zu. Forscher sagen Menschen, die sich von Luxusgütern angesprochen fühlen, unter anderem nach, sie würden diese konsumieren, um finanziellen Erfolg und sozialen Status zu demonstrieren. Produkte wie Handtaschen, Uhren oder Autos dienen als sichtbare Zeichen dafür, dass man es „geschafft hat“. Luxusmarken fungieren oft als „Uniform“ für exklusive Gruppen, um sich von der Masse abzuheben.
Der Unterschied zwischen Menschen, die Vintage-Reitbekleidung kaufen, und solchen, welche die Trends der allbekannten Luxusmarken bevorzugen, liegt also primär in ihrer Motivation, ihrem Werteverständnis und ihrer Definition von Stil. Während Vintage-Käufer oft Individualität, Geschichte und Nachhaltigkeit suchen, orientieren sich Luxus-Trend-Käufer an Status, Aktualität und Prestige. Eine bestätigte These, die zumindest erklären würde, warum der Vintage-Markt in der Reiterwelt noch so in den Kinderschuhen steckt und es verhältnismäßig wenige Reiterflohmärkte gibt.

Vintage ist die umweltfreundliche Antwort auf Fast Fashion. Durch die Wiederverwendung wird der ökologische Fußabdruck verkleinert. (© Equitana)
Vintage-Reitbekleidung: Ein Trend mit Zukunft?
Doch am Horizont zeigt sich ein Hoffnungsschimmer für alle Vintage- und Nachhaltigkeitsbefürworter: Es gibt eine wachsende Gruppe, welche die sogenannte „Pre-owned Luxusmode“ bevorzugt. Diese Käufer suchen die Exklusivität von Marken, aber zu einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis und mit dem Bewusstsein für eine nachhaltigere Entscheidung. Sie gelten oft als „Kenner“, die Qualität über kurzfristige Trends stellen. Wie wäre es also mit mehr Initiative für einen „Vintage-Luxusflohmarkt“ in der heimischen Reithalle? Nicht nur Pferd und Reiter würden die neuen, alten Teile sicherlich zu schätzen wissen, sondern auch die Umwelt.
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