Reiterin sitzt auf den Boden und streichelt Pferd © Christiane Slawik

Wie viel Gewicht ein Pferd gesund tragen kann, hängt nicht allein von der Kilozahl des Reiters ab – auch Balance, Ausbildung und ein harmonisches Zusammenspiel spielen eine entscheidende Rolle.

Zu schwer zum Reiten? Wie viel Gewicht ist zu viel? Über das biomechanische Zusammenspiel im Sattel und die Kunst, das Pferd zu einem tragfähigen Athleten auszubilden, haben wir mit Ausbilder Thomas Ritter gesprochen.

HOOFORIA: Was passiert im Körper eines Pferdes, wenn es zusätzliche Last trägt? Beispielsweise, wenn wir darauf schauen, welche Muskelgruppen und Strukturen besonders beansprucht werden?

Thomas Ritter: Das Reitergewicht lastet auf der Brustwirbelsäule. Dadurch wird der Schwerpunkt erhöht und die Pferdebeine müssen mehr Gewicht tragen als in Freiheit ohne Reiter. Das kann unter Umständen negative Auswirkungen auf Sehnen und Gelenke haben, zum Beispiel, wenn der Reiter selbst unausbalanciert ist und nicht geschmeidig mitschwingt, sodass ein zu großer Teil des gesamten Gewichts von den Vorderbeinen gestützt werden muss.

Ein anderer Fall: Wenn Pferd und Reiter sehr schief sind, wird eine Körperseite stärker belastet als die andere. Auf dieser Seite muss ebenfalls das entsprechende Vorderbein mehr Gewicht tragen, als das Hinterbein. Unter anderem betonten die alten Meister genau aus diesem Grund immer wieder, dass Gleichgewicht und Geschmeidigkeit die Eckpfeiler der Dressur sind, da sie maßgeblich verantwortlich für die Gesunderhaltung des Reitpferdes sind. Pferde, die durch eine gute Ausbildung ausbalanciert, geradegerichtet und geschmeidig sind, bleiben in der Regel lange gesund, während schiefe, steife Pferde, die immer auf der Vorhand gehen, ein viel höheres Verletzungsrisiko haben.

Ein starker Rücken ist entscheidend

Ein nicht ausreichend von den Hinterbeinen gestützter Rücken in Kombination mit einer ungenügend gekräftigten Rumpfmuskulatur, wird er sich unter der Last des Reitergewichts nach unten durchbiegen. Der Rücken des Pferdes ist keine starre Verbindung, sondern eine elastische Brückenkonstruktion. Ein dauerhaft nach unten weggedrückter Rücken kann unter anderem zum Kissing Spines Syndrom führen.

Ist das Pferd jedoch auf das Reitergewicht vorbereitet, sodass die Hinterbeine weit genug unter die Last treten und sich in ihren oberen Gelenken beugen können, wird der Rücken von ihnen sozusagen beschützt und er bleibt aufgewölbt. So kann der Rücken trotz Reitergewicht gesund bleiben.

Wie verändert sich der Bewegungsablauf eines Pferdes mit Reitergewicht, zum Beispiel in Bezug auf die Balance? 

Thomas Ritter: Bei einem jungen Pferd führt das ungewohnte Reitergewicht und der höhere Schwerpunkt anfangs zu einer gewissen Unsicherheit. Manche Pferde trauen sich nicht, anzugehen. Manche gehen mit klammen Schritten und festgehaltenem Rücken, weil sie nicht wissen, wie sie sich mit dem Gewicht im Rücken bewegen und ausbalancieren sollen.

Steife, unausbalancierte Reiter, die sich vielleicht an den Zügeln festhalten und mit den Beinen klemmen, können bei dem Pferd so starke Verspannungen verursachen, dass Störungen in der Fußfolge auftreten. Der Schritt wird dann zum Pass oder das Pferd zackelt an. Der Galopp kann zum Vierschlag oder zum lateralen Galopp werden. Der Trab ist im allgemeinen weniger störanfällig, aber auch hier kann es zu Taktverschiebungen kommen, sodass das Vorderbein vor dem diagonalen Hinterbein auffußt.

Es ist ein wichtiger Bestandteil der Dressurausbildung, das Körpergefühl, die Balance, die Geschmeidigkeit und die Kraft des Pferdes so entwickeln, dass es das Reitergewicht bequem und ohne Gefahr für seine Gesundheit tragen kann.

Das Reitergewicht beeinflusst die Kraft des Pferdes

Einfluss von dem Reitergewicht

Das Reitergewicht wirkt direkt auf den Pferderücken. Entscheidend ist deshalb, wie ausbalanciert der Reiter sitzt und wie gut das Pferd auf die zusätzliche Last vorbereitet ist. (© Christiane Slawik)

Welche Auswirkungen hat generell das Reitergewicht auf den Energieverbrauch und die Leistungsfähigkeit eines Pferdes?

Thomas Ritter: Das Tragen des Reitergewichts erfordert natürlich mehr Kraft und Kondition, als wenn das Pferd nur auf der Koppel steht und sich dort bewegt. Man kann sich das in etwa so vorstellen, als ob man mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken joggen oder Ballett tanzen würde. Auch das ist ein Grund, warum die Ausbildung des Pferdes allmählich, stufenweise vollzogen werden muss, da der Aufbau von Muskulatur und Ausdauer Zeit benötigt.

Welche Rolle spielt der Trainingszustand des Pferdes dabei? Können gut trainierte Pferde zusätzliche Last besser kompensieren?

Thomas Ritter: Kräftige, durchtrainierte Pferde sind natürlich leistungsfähiger als „Couch potatoes“. Sie können einerseits einen schwereren Reiter verkraften und sie können andererseits anstrengendere Übungen ausführen und länger durchhalten, bevor sie müde werden.

Welche Rolle spielt der Sitz des Reiters? Kann ein gut ausbalancierter Reiter eine höhere Belastung für das Pferd reduzieren? 

Thomas Ritter: Der Sitz des Reiters spielt eine ausschlaggebende Rolle, da das Reitergewicht mitsamt des Sattels genau auf dem „Bewegungszentrum“ des Pferdes sitzt.

Der Rücken ist wie eine große Straßenkreuzung, in der alle Straßen zusammentreffen. Sowohl die Bewegungsenergie der Hinterbeine als auch die Reiterhilfen müssen durch den Rücken hindurchfließen. Ist diese zentrale Straßenkreuzung aus irgendeinem Grunde blockiert, bricht der Verkehr zusammen und es kommt zu einem riesigen Stau. Deshalb spielt die Rückentätigkeit in der deutschen Reittradition eine so große Rolle.

Die Anwesenheit des Reitergewichts stört beim jungen Pferd zunächst die Rückentätigkeit und damit den natürlichen Bewegungsablauf. Die Dressurausbildung stellt beides wieder her, indem sie dem Pferd hilft, sich unter dem Gewicht auszubalancieren und indem sie ihm die hierzu notwendige Kraft, Geschmeidigkeit und Ausdauer gibt. Der Sitz kann den Gang und die Haltung des Pferdes formen, indem er Freiräume schafft, die das Pferd mit seinem Rücken oder Brustkorb ausfüllen kann.

Der Sitz ist extrem wichtig

Das Reitergewicht ist entscheidend

Das Zusammenspiel von Pferd und Reiter beginnt schon vor dem ersten Schritt. (© Christiane Slawik)

Man kann bestimmte Teilbewegungen (auf, ab, rechts, links, vor, zurück) mit dem eigenen Becken vergrößern oder auch verkleinern, um den natürlichen Bewegungsablauf unter dem Reiter wieder herzustellen oder sogar noch zu verbessern. Dabei handelt es sich im wesentlichen um die Kompensation der negativen Auswirkungen, die das Reitergewicht sonst ausüben würde. Ein steifer oder statischer Sitz, aber auch ein zu schlaffer, haltungsloser Sitz behindern den Bewegungsablauf des Pferdes.

Verspannungen oder Steifigkeiten im Pferdekörper übertragen sich immer auf das Pferd. Beispielsweise führt eine steife Reiterhüfte zu einer steifen Pferdehüfte auf derselben Seite. Steife Handgelenke führen zu Verspannungen im Unterhals und im Kiefer. Klammernde Schenkel führen zu Verspannungen und Blockaden im Brustkorb des Pferdes. Die Liste kann noch weiter geführt werden. So wird klar, welch großen Einfluss Reiter auf die Gesunderhaltung ihres Pferdes haben.

Welche körperlichen Signale zeigen Pferde, wenn die Belastung ihre Leistungsfähigkeit übersteigt oder sie beginnt, die Gesundheit zu beeinträchtigen?

Thomas Ritter: Wenn Menschen von Pferden mehr verlangen, als sie leisten können, werden sie Widerstand leisten, Angst bekommen oder zornig werden. Es können Taktstörungen auftreten. Im Extremfall verweigern Pferde die Mitarbeit komplett. Sie rennen zum Beispiel rückwärts, steigen, bocken oder gehen durch. Die ersten Warnzeichen können sehr subtil sein. Zunächst wird ein Pferd innerhalb einer Arbeitsstunde immer besser. Der Reiter freut sich über den Fortschritt und möchte mehr verlangen.

Doch irgendwann ist sozusagen der Zenit überschritten und das Pferd fängt an, sich irgendwo im Körper zu verspannen. Vielleicht geht es nicht mehr ganz so geschmeidig über den Rücken und durchs Genick. Oder es tritt nicht mehr so gut über. Vor wenigen Minuten war das Pferd doch noch so gut? Der Reiter wundert sich, doch das Pferd zeigt eindeutig Signale, dass es müde wird und das Training beendet werden muss. Wer dennoch weiter reitet, in der Hoffnung, dass man wieder zum Trainingshöhepunkt der Einheit zurückfinden kann, wird es in der Regel immer weiter verschlechtern und dem Pferd nichts Gutes tun.

Wenn das Reitergewicht zur Überlastung wird

Wird weit über den Ermüdungspunkt hinaus geritten, übernehmen die Sehnen die Stützfunktion, weil die Muskeln erschöpft sind und es kann zu Sehnenverletzungen kommen. Das passiert oft bei sehr arbeitsfreudigen, talentierten und kooperativen jungen Pferden. Diese schützen sich nicht selbst vor Überlastung, sondern geben alles, was von ihnen verlangt wird. Diese Pferde müssen wir quasi vor sich selbst beschützen, indem wir unter anderem sehr genau darauf achten, wie lange wir schon arbeiten und was wir bisher verlangt haben.

Welche Rolle spielt das richtige Equipment? Vor allem der Sattel? 

Thomas Ritter: Die richtige Ausrüstung ist natürlich wichtig. Sattel und Zaumzeug müssen gut passen. Sonst kann sich das Pferd nicht richtig bewegen. Bei jungen Pferden oder generell Pferden, die sich gerade erst in der Ausbildung befinden, verändert sich die Muskulatur oft sehr stark innerhalb der ersten sechs bis zwölf Monate.

Man muss also damit rechnen, dass der Sattel, der anfangs gut gepasst hat, plötzlich zu eng geworden ist für das Pferd. Das kann auch wieder zu gewissen reiterlichen Problemen führen. Sollte das Pferd sich also eine zeitlang gut entwickeln und plötzlich schwierig werden, sollte der Sattel kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden.

Entscheidend ist auch die Verteilung

Reiterin beim Traben

Nur wenn ein Reiter geschmeidig mitschwingt, kann sich auch das Pferd frei und harmonisch bewegen. (© Christiane Slawik)

Welche Rolle spielt die Gewichtsverteilung des Reiters auf dem Rücken des Pferdes?

Thomas Ritter: Das ist eines meiner Lieblingsthemen, weil ich groß bin, aber sehr viele eher kleine Lipizzaner geritten bin. Da spielt das eine riesengroße Rolle. Reiten ist in vieler Hinsicht angewandte Physik. Je kleiner die Unterstützungsfläche des Gewichts, desto mehr Kilogramm pro Quadratzentimeter drücken auf den Pferderücken. Je größer die Unterstützungsfläche des Gewichtes, desto besser verteilt sich der Druck.

Stell dir vor, du betrittst einen zugefrorenen Teich, bei dem das Eis noch relativ dünn ist, Du wirst einbrechen, wenn dein Absatz des Schuhs mit deinem gesamten Gewicht auf das Eis „knallt“. Wenn Du dagegen auf dem Bauch kriechst, wird das Eis dich eher halten können, ohne einzubrechen. Mit dem Pferderücken verhält es sich ähnlich. Je größer der Reiter und je kleiner das Pferd oder je empfindlicher der Pferderücken ist, desto mehr muss das Gewicht möglichst großflächig ausgebreitet werden.

Welche Erkenntnis hast du persönlich über die Jahre gewonnen?

Thomas Ritter: Als Teenager wurde uns eingebläut, dass man immer auf dem „Sitzdreieck“ sitzen sollte, das heißt auf den Gesäßknochen und dem Spalt. Damit sitzt man allerdings erstens auf drei sehr kleinen Druckpunkten und zweitens sitzt man eher auf oder über dem Pferd, nicht „im Pferd“, wie man es früher nannte. Die Gesäßknochen drücken im Endeffekt genau auf die Wirbelsäule des Pferdes, was viele Pferde nicht vertragen. Beispielsweise weil ihr Rücken etwas lang und schmal ist oder weil die Hinterbeine ihn nicht gut stützen.

In diesen Fällen muss man das Gewicht an der Rippenwölbung entlang ausbreiten. Physikalisch gesehen kann das Pferd unser Gewicht nicht nur mit der Rückenwirbelsäule tragen, sondern auch mit dem Rippenbogen bis zu dem Punkt, an dem die Rippe senkrecht zum Boden steht. Das ist eine relativ große Fläche, die von den Oberschenkeln und Knien des Reiters eingenommen wird.

Ein tieferer Sitz verteilt das Reitergewicht besser

Thomas Ritter

Thomas Ritter beschäftigt sich als Ausbilder intensiv mit der Biomechanik von Pferd und Reiter. (© Privat)

Es gibt einen alten Autor aus dem 19. Jahrhundert namens Theodor Heinze (Deutsche Reitkunstschule, 1889), der von einem Fünfpunkt-Sitz spricht. Er integriert die Knie in den Dreipunkt-Sitz. Das leuchtete mir sofort ein, als ich es las. Ich hatte in meiner Jugend lange Zeit Schwierigkeiten, im Pferd zu sitzen.

Ich hatte immer das Gefühl, dass ich wie eine Wäscheklammer oben auf dem Sattel steckte und nicht richtig an das Pferd herankam. Das lag einerseits an Verspannungen meiner Oberschenkel- und Hüftmuskulatur und andererseits an dem „Sitzdreieck“.

Als ich mir überlegte, wie ich meinen Schwerpunkt senken könnte, um tiefer im Pferd zu sitzen, kam ich auf die Idee, die Innenflächen der Oberschenkel mit einzubeziehen. Das funktionierte sofort und half mir, losgelassener, besser ausbalanciert und tiefer im Pferd zu sitzen. Theodor Heinze’s Buch gab mir dann die Bestätigung.

Das ist auch ein riesiges Thema, zusammen mit dem dynamischen Sitz im Unterschied zum statischen Sitz, über das man ewig reden und forschen kann.

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