Immer fit für das nächste Abenteuer.
Mehr Leistung durch längeres Training? So einfach ist es nicht. Ob Muskelkater entsteht, wird schon von vielen Faktoren beeinflusst, bevor der Reiter überhaupt im Sattel sitzt. Haltung, Bewegung, Fütterung und Trainingsaufbau greifen wie Zahnräder ineinander und können darüber bestimmen, ob ein Pferd gesund, motiviert und leistungswillig bleibt oder an seine Grenzen gerät.
Wer könnte das alles besser wissen als jemand, der mit seinem Pferd schon die 160-km-Grenze an einem Tag geknackt hat? Die bis zum Championat erfolgreiche Trainerin Gaby Riebesell hat über 40 Jahre Erfahrung im Distanzsport. Hooforia erzählt sie im Interview davon, was wirklich gutes Training ausmacht.
Muskelkater ist kein Trainingsziel
Muskelkater gehört für die Distanztrainerin Gaby Riebesell nicht zum normalen Trainingsalltag. Im Gegenteil: Ein gut trainiertes Pferd sollte sich nach der Arbeit zufrieden, locker und leistungsbereit fühlen – nicht erschöpft oder verspannt.
Für die Trainerin gilt: „Die Pferde sollten so gearbeitet werden, dass sich kein erkennbarer Muskelkater einstellt und sie nach der Arbeit zufrieden und nicht ermüdet sind.“ Entscheidend sind ein durchdachter Trainingsaufbau, ausreichend Bewegung im Alltag und eine Belastung, die zum aktuellen Leistungsstand des Pferdes passt.
Rittigkeit vor Ausdauer
Wer an Distanzreiten denkt, ist schnell im Kopf bei Kilometern. „Um Ausdauerstrecke zu trainieren, muss aber zuvor an der Ausbildung und Rittigkeit gearbeitet werden.“ Bevor ein Pferd größere Belastungen bewältigen kann, braucht es Balance, Kraft und die Fähigkeit, sich selbst zu tragen.
Ein Pferd, das versammlungsfähig ist, kann sich tragen und läuft nicht über Mechanik.
Erst auf dieser Grundlage lassen sich Streckenlänge und Trainingsumfang langsam steigern. Wer Muskelkater beim Pferd vermeiden möchte, setzt deshalb auf einen ruhigen, kontinuierlichen Aufbau statt auf schnelle Trainingsfortschritte. „Leistungsfähigkeit entsteht auch durch die kontinuierliche Stärkung von Sehnen, Bändern, Gelenken und Muskeln.“ Diese Festigung der Gesamtstruktur gelingt besonders gut auf festen, ebenen Böden, bei insgesamt oft variierenden Bodenverhältnissen.
Auch Distanzpferde müssen korrekt geritten werden
Ein Schlüsselmoment in Riebesells Laufbahn war der Wechsel von der klassischen Reitlehre in den Distanzsport. Dort wurde ihr klar, dass lange Strecken kein Freifahrtschein für nachlässiges Reiten sind. „Distanzreiten kann nicht bedeuten, mit langen Bügeln draufzusitzen und im Sattel zu stehen.“ Auch auf langen Strecken bleibt korrektes Reiten entscheidend. Ein Pferd soll sich nicht irgendwie vorwärtsbewegen, sondern gesund, ausbalanciert und tragfähig laufen. Genau diese Qualität schützt langfristig vor Überlastung.
Muskelkater vermeiden: Was übersehen wir?
Zu den häufigsten Trainingsfehlern zählt aus Sicht der Trainerin ein zu intensives oder wenig abwechslungsreiches Training. Besonders problematisch wird es, wenn Pferde über ihr Wohlfühltempo hinaus gearbeitet werden oder Bewegungsabläufe nicht korrekt ausgeführt werden. Auch die Wasserversorgung spielt eine stärkere Rolle, als viele Pferdehalter vermuten. „Pferde trinken an offenen Wasserstellen deutlich mehr als an Selbsttränken. Wichtig ist, dass eine kontinuierliche Wassersäule zustande kommt.“
An vielen Selbsttränken können die Pferde nur kleine Schlucke aufnehmen. Kommt zu einer hohen Belastung eine unzureichende Wasseraufnahme hinzu, leidet die Regeneration. Ebenso kritisch sieht Riebesell eine Fütterung, die nicht zum tatsächlichen Arbeitsaufwand passt: „Menschen neigen dazu, direkt mehr zu füttern, nur weil die Pferde gearbeitet haben.“ Viele Pferde profitieren eher von gutem Heu und passendem Mineralfutter als von Kraftfutter. Ihr Rat:
Kraftfutter sollten wir eher in Händchen, anstatt in Litern denken – lieber zu wenig als zu viel.
Ruhen, um zu regenerieren?
Oft kündigen sich Probleme bereits durch kleine Veränderungen an. Eine nachlassende Biegsamkeit, Steifheit oder ein fehlender Vorwärtsdrang können erste Hinweise sein. Um solche Signale wahrzunehmen, müssen Reiter lernen, ihr Pferd genau zu beobachten. „Nur wer weiß, wie sich die gesunde Bewegung anfühlt und aussieht, erkennt Veränderungen auch frühzeitig.“
Hat ein Pferd dennoch Muskelkater entwickelt, empfiehlt Riebesell keine vollständige Trainingspause. Stattdessen setzt sie auf leichte Bewegung. Schrittarbeit unter dem Sattel, lockere Bewegung in der Haltung oder ruhige Arbeit an der Hand unterstützen den Körper dabei, wieder in einen natürlichen Bewegungsablauf zurückzufinden.
„Mit Muskelkater bewegt sich das Pferd erstmal nur bis zur Schmerzgrenze. Im Grunde genommen muss man das Pferd aber leicht auffordern, wieder in den normalen Bewegungsablauf zu kommen.“ Auch während der Regeneration arbeiten Muskeln, Bindegewebe und Energiespeicher daran, sich zu erneuern. Eine aktive Erholungsphase fördert diesen Prozess oft besser als Untätigkeit.
Wer Leistung möchte, muss mitdenken
Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Distanzsport lautet für Riebesell: „Die Pferde sollen im Training stets zufrieden, aber nicht müde sein. Mentale Ermüdung, wie etwa Konzentrationsschwäche, kommt noch vor der körperlichen Ermüdung, das ist ein erstes Signal. Hier geht schon die Lust verloren.“ Ziel sollte ein Fitnesszustand sein, bei dem das Pferd nach einer kurzen Erholung grundsätzlich noch einmal dieselbe Leistung abrufen könnte. Riebesell erinnert daran, wie leistungsfähig Pferde eigentlich sind:
Ein durchschnittliches, gesundes Pferd kann 100 km am Tag mit uns zurücklegen, das sollten wir uns bewusst machen.
Muskelkater vermeiden beginnt im Stall
Für die Trainerin liegt die eigentliche Grundlage gesunder Muskulatur nicht im Training, sondern in der Haltung. Viele Pferde bewegen sich im Alltag deutlich zu wenig. Kleine Ausläufe, Paddockboxen oder kurze Paddockzeiten reichen als Basis nicht aus, um Muskulatur, Sehnen und Bänder dauerhaft gesund zu erhalten. Riebesell sagt dazu deutlich: „Es gibt Ställe, die Paddocks anbieten, aber die reichen gerade so, um das Fell zu lüften. Pferde brauchen Aktiv- oder Bewegungsställe.“
Das richtige Training zum Verhindern von Muskelkater fängt schon in der Haltung an. Pferde profitieren von großzügigen Bewegungsflächen, unterschiedlichen Untergründen und möglichst vielen Anreizen, sich selbstständig zu bewegen. Dadurch stärken sie bereits im Alltag ihre körperlichen Strukturen.
Lieber täglich bewegen als gelegentlich intensiv trainieren
Wer Muskelkater beim Pferd vermeiden möchte, sollte vor allem auf Regelmäßigkeit setzen. Ein zweistündiger Ausritt am Wochenende kann mehrere bewegungsarme Tage nicht ausgleichen. Sinnvoller ist es, das Pferd täglich in Bewegung zu halten und dabei für Abwechslung zu sorgen. Riebesell formuliert es so:
Wichtig ist, dass man sein Pferd 365 Tage im Jahr bewegt und genügend Abwechslung im Training einbaut, vom Boden aus und unterm Sattel.
Kontinuität stärkt Muskulatur, Stoffwechsel und Bewegungsapparat langfristig deutlich besser als einzelne Belastungsspitzen. Für Gaby Riebesell beginnt erfolgreiches Training deshalb nicht auf dem Reitplatz, sondern an jedem einzelnen Tag im Alltag des Pferdes. Ihr Grundsatz lautet: „Jeden Tag das Pferd bewegen, so dass Muskeln auch erhalten bleiben und das Gesamtsystem Pferd gesund bleibt.“






