Reiten ist kein Zufall. Kein Naturzustand. Es ist eine Wahl – und die trägt Verantwortung.
Ich bin Reiterin. PETA, zeigt mich an. Verklagt und verhaftet mich, denn ich halte und züchte Pferde in vollem Bewusstsein darüber, dass Pferde weder als Reit-, noch als Kutsch- oder Voltigierpferde auf die Welt kommen. Pferde sind einfach Pferde.
Ein Pferd zu reiten, ist nicht natürlich. Es ist menschengemacht. Gewollt. Im Zweifel sogar ziemlich willkürlich. Ich piaffiere nicht aus Tierliebe und traversiere nicht zum Pferdewohl. Die reine Passion treibt mich in den Sattel und über den Oxer. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Über das Recht dazu kann man trefflich streiten. Man kann Gedanken austauschen, Utopien spinnen und über die Ethik der Tiernutzung philosophieren.
Man kann auch reflexartig die 13 Katzen im 28. Stock einer Einraumwohnung, den Hund an der Leine, den Hamster im Rad oder den Fisch im Aquarium bemühen, um die Nutzung von Pferden zu Unterhaltungszwecken zu rechtfertigen. Sollte man aber vielleicht gar nicht.
Auch die flügellahme Henne aus der Legebatterie macht meine Reitstunde nicht automatisch besser oder schlechter.
Und auf den Satz „In der Natur ist es für Pferde schließlich auch hart“ verzichte ich ebenfalls. Ebenso auf den Hinweis, dass mein Pferd bei mir vermutlich komfortabler lebt als manches seiner wildlebenden Verwandten. Denn all das beantwortet die eigentliche Frage nicht.
Die unbequeme Wahrheit
Reiten ist ein vom Menschen gewollter Akt. Nicht vom Pferd initiiert. Diese unbequeme Wahrheit kann man als Reiterin aushalten. Mehr noch: Man sollte sie aushalten. Denn genau deshalb halte ich die kompromisslose Kritik von Tierschützern für wichtig. Sie nervt manchmal. Sie überspitzt. Sie tut weh. Aber sie zwingt uns dazu, uns immer wieder zu fragen, warum wir tun, was wir tun – und vor allem, wie wir es tun.
Und dann passiert etwas ausgesprochen Unpraktisches für jede allzu einfache Schwarz-Weiß-Erzählung: Da galoppiert dieses eigenartige Brückenkonstrukt auf seinen viel zu dünnen Beinpfeilern freudig wiehernd auf mich zu und lässt dafür das freie, weite Grün hinter sich. Wie kann das sein?
Hat dieses sanftmütige Wesen, das nun wirklich nicht dafür konstruiert wurde, meine 64 Kilo samt Sattel herumzutragen, die anstrengende Dressurstunde von gestern schon verdrängt? Ist ihm das ziemlich desolate Springtraining tags zuvor bereits entfallen? Und was ist mit der Fahrt im Hänger zum Turnier? Pferde vergessen nicht. Zumindest nicht so schnell, wie es für meine Argumentation praktisch wäre. Und genau deshalb traue ich mich, Reiterin zu sein.
Zwischen Mensch und Pferd ist offenbar mehr möglich, als reine Ausbeutung auf der einen oder romantisierte Freiheit auf der anderen Seite. Vielleicht dürfen wir deshalb die ewige Debatte mal ein kleines Stück nach vorne verschieben. Denn wenn jede Diskussion darüber, wie wir Pferde halten, ausbilden und reiten sollten, wieder beim Urknall beginnt und zunächst geklärt werden muss, ob Reiten überhaupt existieren darf, wird es irgendwann zäh. Ich würde deshalb gern einen Common Ground ausrollen. Einen gemeinsamen Nullpunkt. Der lautet: Menschen reiten Pferde. Seit ziemlich langer Zeit übrigens.
534.297 Jahre Verantwortung
Mein persönlicher Beginn dieser Epoche liegt an einem regnerischen Septembertag vor ungefähr 534.297 Jahren, als Bauer Salbatic Yamnayas Füße im matschigen Feldboden nass wurden und er sich mit dem Mut der Verzweiflung auf den breiten Rücken von Zugfix, seinem treuen und erstaunlich unbockigen Ackergaul, schwang. Seit diesem bemerkenswerten Tag im prähistorischen Herbst trägt das Pferd den Reiter. Und der Reiter trägt die Verantwortung. Vielleicht ist genau das der Punkt, über den wir künftig viel härter diskutieren sollten.
Nicht ständig darüber, ob der Mensch Pferde reiten darf. Sondern darüber, wie er sie reitet. Wie er erkennt, wann aus Partnerschaft Druck wird, aus Ehrgeiz Ego und aus Sport schlicht Nutzung auf Kosten des Pferdes. Denn dass Reiten menschengemacht ist, spricht uns wahrlich nicht von Verantwortung frei. Im Gegenteil. Es begründet sie erst. Und deshalb sage ich weiterhin Ja zum Reiten. Aber bitte mit voller Verantwortung.
