Ein freilaufendes Pferd in seinem gewohnten Umfeld.
Will man Villy, ein freilaufendes Pferd, richtig kennenlernen, muss man zunächst einmal die Bekanntschaft mit seiner Mutter machen: Never say Never. Ein Name mit Programm. „Sie war nach einigen Ponys mein erstes Pferd. Als ich sie bekam, war ich 13. Sie war vier, gerade angeritten und pendelte zwischen Genie und Wahnsinn. Es folgten aufregende, abenteuerliche, tolle, aber auch wirklich harte Zeiten. Wahrscheinlich für uns beide …“, blickt Juliana Steinhagen, Besitzerin von Villy und Never say Never, zurück.
Sie erinnert sich: „Als Never eine der ersten Male im Dressurviereck unterwegs war, in einer Sichtung zur Goldenen Schärpe, lag einige Meter hinter der weißen Viereckbegrenzung ein Baumstamm für die Geländeprüfung am folgenden Tag. Jedes Mal, wenn ich auf die lange Seite kam, nahm Never den Baum ins Visier, zog richtig an, und ich hatte Schwierigkeiten, sie im Viereck zu halten.“
Genie, Wahnsinn und ganz viel Herz
„Aber obwohl wir in der Regel, gelinde gesagt, sehr bescheidene Dressurergebnisse hatten, haben wir es im Jugendbereich bis zu den Deutschen Meisterschaften geschafft. Und wir haben als größten Triumph tatsächlich eine CCI3* gewinnen können, mit einer, wie der Stadionsprecher damals sagte, furiosen Geländerunde. Never hasst Dressur. Allein am Zügel zu gehen empfindet sie als unter ihrer Würde. Und sie hat einen Sturkopf, der seinesgleichen sucht:
„Ich weiß noch, dass sie einmal nicht von der Wiese zurück in den Stall wollte, sie wollte weiter grasen. Als ich ein bisschen am Strick zog, damit sie mitkommt, hat sie sich einfach fallen gelassen, wie ein Kind in der Trotzphase – da war sie schon gut über zwanzig Jahre alt. Lässt man sie in Frieden, ist sie aber das liebste, unkomplizierteste Pferd der Welt.“
Was macht ein freilaufendes Pferd so besonders?
Villy hat so viel von ihr! „Villy ist seiner Mutter sehr ähnlich, nur alles etwas mehr. Und auch sein jüngerer Bruder Jamie kann seine Familienzugehörigkeit nicht verleugnen. Alle drei haben eine ähnliche Mimik und sehr ähnliche Verhaltensmuster. Sie sind neugierig, aufgeschlossen und haben immer ein bisschen den Schalk im Nacken; wenn ich ehrlich bin, lassen sie mich eigentlich immer irgendwie lächeln.“
Villy ähnelt seiner Mutter auch beim Reiten sehr: Er braucht immer etwas länger, bis er warmgelaufen ist, aber wenn er „an“ ist, dann richtig. Außerdem hätten, so Juliana, alle den Energiesparmodus übernommen – „ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss“.
Villys Lieblingsinhalte im Training sind alles, was mit Hindernissen zu tun hat, Galoppieren oder Ausreiten. Dressur ist nicht seine liebste Disziplin, aber mit etwas Geschick lässt er sich überzeugen. „Ich mache so gut wie nie zwei Tage hintereinander das Gleiche. Am wichtigsten ist immer, dass er im Körper locker und im Kopf motiviert bleibt. Wenn es an anstrengendere Dressurarbeit geht, teile ich das Training sogar so auf, dass ich einen Tag im Trab arbeite und einen im Galopp.
Lektionen baue ich meistens in der Lösungsphase mit ein, denn wenn er beispielsweise im versammelten Galopp auch noch seitwärts soll, wird er schnell fest und verliert die Lust. Ich bemühe mich daher, die Arbeitsphasen mit ihm in sehr kleine Einzelheiten runterzubrechen“, beschreibt Juliana das Training des Vielseitigkeitspferdes.
Ein freilaufendes Pferd mit eigenem Kopf
Der stattliche Braune ist sehr ehrgeizig und leistungsbereit, weiß aber auch genau, wenn er über die Ziellinie galoppiert ist. „In den ersten Jahren habe ich mir nach dem Gelände auch schon mal Sorgen gemacht, dass er vielleicht nicht fit genug war, weil er direkt nach dem Zieleinlauf mit hängendem Kopf da steht. Wenn man dann aber die Herzfrequenz kontrolliert, merkt man schnell, dass er einfach sofort wieder runterfährt und einfach tiefenentspannt ist.“
Villy hadert ganz klar mit „Führungspersönlichkeiten“, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. „Als er ein junges Pferd war, hatten wir noch keine eigene Anlage, und er stand mit meinen anderen Pferden in einem Pensionsstall. Da dort täglicher Weidegang zum Service gehörte, bekam ich ebenso täglich SOS-Anrufe, weil Villy sich beim Hin- oder Zurückbringen auf die Weide regelmäßig losgerissen hatte.“
Wer führt hier eigentlich wen?
„Er war nie weit weg. Ein paar Meter nur. Dort graste er dann in aller Seelenruhe. Das war irgendwie nur, um zu zeigen: Guck, ich lasse mich nicht führen, ich entscheide selber. Wir wissen das inzwischen und bereiten uns so gut wie möglich darauf vor, nutzen manchmal eine Führkette, legen den Strick über die Nase oder führen ihn mit Trense.“
Das klappt allerdings nicht immer: „Vor ein paar Jahren war ich mit drei Pferden zum CCI2** in Luhmühlen und hatte eine pferdekundige Freundin gebeten, Villy, der schon gesattelt und getrenst war, vor dem Springen neben dem Abreiteplatz schon mal zu führen, während ich das erste Pferd, den Donald, sprang. Ich hatte sie ausdrücklich gewarnt: ‚Gut festhalten!!!‘“
Freilaufendes Pferd trifft Bundestrainer
„Ich bin noch keine ganze Runde auf dem Abreiteplatz gewesen, da galoppierte Villy fröhlich an mir vorbei und sprang über die Trassierung direkt in die Arme von Hans Melzer, dem langjährigen und damals noch amtierenden Bundestrainer der Buschreiter. Der hat ihn dann eingefangen. Sein trockener Kommentar: ‚Der macht aber einen guten Sprung.‘“
Bekannt ist Villy bei allen Paketdiensten, bei den regionalen Lieferanten oder bei der Müllabfuhr, bei Reitschülern und Hofgästen, denn in der Regel begrüßt er diese freilaufend irgendwo auf der 500 Meter langen Zuwegung, spätestens aber am Rondell auf dem Hof – ein bisschen wie ein Türsteher, der potenzielle Gäste unter die Lupe nimmt. „Damit er früh genug gesehen wird, trägt er eine Neondecke“, sagt Juliana, die weiß, dass dieser Freiheitsdrang woanders wirklich gefährlich wäre.
Zwischen Ideal und Realität
„Zum Glück wohnen wir total abgelegen und jeder, der zur Anlage kommt, fährt langsam. Richtige Straßen oder Bahngleise sind nicht in der Nähe. Da hätte ich keine ruhige Sekunde. Aber wir haben wirklich alles versucht, haben bereits Tausende von Euro in Stromgeräte investiert; bisher konnte ihn keines zuverlässig aufhalten. Sein Freigeist zeigt sich einfach dahingehend, dass er Zäune nur bedingt akzeptiert: Er springt entweder drüber oder galoppiert einfach durch“, erzählt Juliana.
„Er treibt uns manchmal wirklich in den Wahnsinn, wenn ihm seine zehn Hektar große Weide nicht genug ist und er ausbricht oder wenn ihm seine Freiheit plötzlich zu langweilig wird und er dann anfängt, in andere Weiden einzubrechen und die Pferde dort aufzumischen“, ergänzt Erik Steinhagen. Der mehrfache Deutsche Meister im Brustschwimmen ist mit seinen zwei Metern und einer ausgesprochen besonnenen Konsequenz einer der wenigen, bei denen Villy sich in Abwesenheit von Juliana benimmt.
Ein freilaufendes Pferd, das alle antreibt
Villy, der seine Freiheit lebt und liebt, sorgt immer wieder für den ein oder anderen Schmunzler. Ob das bei den Feriengästen ist, bei denen er morgens vor der Wohnungstür auf ein erstes Hallo wartet, oder beim Training auf dem Geländeplatz. Über eine Gegebenheit muss Juliana noch heute lachen:
„Eine Schülerin von mir galoppierte freudestrahlend über den Geländeplatz, weil ihr sonst sehr gemütlicher Wallach endlich mal wie von selbst ordentlich vorwärts ging und ganz offenbar hochmotiviert nach vorne zog. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Villy hinter ihr und ihrem Pferd über den Zaun gesprungen war, fröhlich hinter beiden her galoppierte und sie antrieb…“
Freiheit ist ein Privileg
Ja, Villy macht gerne Quatsch und „ärgert“ seine Besitzer: „Wenn wir die anderen Pferde abends von den Koppeln holen, galoppiert er gerne full speed an uns vorbei, um ein bisschen Unruhe in die Truppe zu bringen. Dann stoppt er ab und lässt sich wieder zurückfallen, nur um mit dem nächsten Sprint wieder einen kleinen Hallo-wach-Effekt zu setzen“, berichten Erik und Juliana mit einem Lächeln.
„Auch wenn Villy bei mir alle Freiheiten genießt, so bin ich mir natürlich meiner Verantwortung für seine Sicherheit absolut bewusst. Und es ist auch nicht so, dass ich keine Ahnung habe von dem, was ich tue, und er mir gewissermaßen über den Kopf gewachsen ist. Ich habe von klein an gelernt, mit charakterstarken Pferden zu arbeiten und sie auf meine Seite und damit erfolgreich in den Sport zu bringen“, erläutert Juliana.
Wann ein freilaufendes Pferd möglich ist
Sie ergänzt: „Es ist ein Privileg, dass ich ihm die Freiheit, die er sich nimmt und mit der er sich wohlfühlt, gewähren kann. Wir leben im Paradies: keine Straßen, keine Fremden, keine Gefahr. Und auch dass er nicht gezwungenermaßen auf Schleifenjagd gehen muss, weil ich die reiterlichen Erfolge zum Leben brauche, ist gewissermaßen ein Privileg. Ich bin mein Leben lang Turnier geritten.“
„Seitdem wir hier in der Ruhe und Weite Mecklenburgs leben, habe ich auch durch den Einfluss von inspirierenden Trainerpersönlichkeiten meinen eigenen Weg zum Reitsport, zur Haltung, Aufzucht, Ausbildung und zu meiner Teilnahme an Turnieren gefunden. Ich bin konsequent, versuche aber, keinen unnötigen Druck auszuüben. Mir macht das Reiten nur noch Spaß, wenn ich auch die Freude der Pferde an den gemeinsamen Aktivitäten und am Sport spüre. Wenn dann der Erfolg kommt, umso schöner.“
Steckbrief von Villy
- Turniername: Virtueˈs Guardian
- Kosenamen: Bärchen, Warnwesten-Villy
- Geburtstag: 21. Mai 2012
- Zuchtgebiet: Hannover
- Mutter: Never Say Never von Dormello aus einer Noble-Roi-Mutter
- Vater: Uccello von Now or Never aus einer Saaros xx-Mutter
- Bruder: Jamie (von Jaguar Mail)
- Stockmaß: 172 cm
- Farbe: Braun
- Abzeichen: Keilstern
Hooforia fragt bei Juliana nach
Hooforia: Was hast du gedacht, als du Villy das erste Mal gesehen hast?
Juliana: Villy ist bei einer befreundeten Züchterin zur Welt gekommen, und ich habe ihn mit einem Tag zum ersten Mal gesehen. Ich fand ihn natürlich süß. Er hatte allerdings wirklich krumme Beine, war – wie man im Fachjargon sagt – extrem durchtrittig. Man konnte sich damals überhaupt nicht vorstellen, dass er mal so gerade, starke Beine haben würde.
Freigeist Villy, hat er lieber seine Ruhe, oder mag er es, im Mittelpunkt zu stehen?
Villy mag es, betüddelt zu werden, von vorne bis hinten und am liebsten den ganzen Tag. Wenn man an seiner Box vorbeikommt, streckt er den Hals raus, legt den Kopf schief und schiebt die Lippe vor. Wenn man da nicht anhält, um einmal Hallo zu sagen, ist er wirklich beleidigt. Und sobald bei uns am Hof etwas los ist, taucht er von irgendwo aus der Peripherie auf, um dabei zu sein.
Du vergleichst Villy oft mit einem Wachhund.
Villy ist extrem neugierig und kontrolliert alles: Wenn es neu ist, ob es ihm behagt. Wenn es bekannt ist, ob es immer noch so ist, wie es doch gestern noch war. Villy ist ein Bewacher, ein Beschützer. Das merke ich ganz deutlich. Und es mag sich vielleicht skurril anhören, aber ich bin sicher: Er würde auf einen Wolf losgehen, um die anderen Pferde zu schützen – und mich sicher auch.

Eingespieltes Quartett: Juliana und Villy nehmen Remus und Skadi mit auf eine Runde ins Gelände. (© Sarah Moser)
Hast du keine Angst, dass Villy wegläuft?
Nein, die Erfahrung hat mir diese Angst genommen. Auch wenn man ihn stundenlang nicht sieht, er ist in der Nähe. Hier ist sein Zuhause. Er hat Futter, seine Box und – das ist am wichtigsten – seine Freunde und Bezugspersonen. Wir haben über 30 Hektar eigenes Land rund um die Anlage, das sind offenbar Ausmaße, die ihm genügen, und er kennt hier wirklich jeden Grashalm. Ich kann sogar an ihm vorbeireiten, wenn ich mit anderen Pferden ausreiten gehe, er folgt uns nicht, sondern bleibt ganz selbstverständlich am Hof.
Wie würdest du Villys Charakter beschreiben?
Villy ist wie 100 Pferde in einem, sehr stur und „stumpf“, aber gleichzeitig sehr sensibel, meistens tiefenentspannt und gemütlich, aber oft auch wahnsinnig heiß und kraftvoll; er war eines der liebsten Pferde, das ich je angeritten habe, und gleichzeitig bei Weitem das Pferd, von dem ich am häufigsten gestürzt bin. Er hat so eine Art, gemütlich vor sich hinzutrotten. Im nächsten Moment macht er kehrt – völlig aus dem Nichts. Da sitzt man dann eben schnell mal daneben.
Was zeichnet Villy aus?
Villys Stärken sind sein Mut, sein Kampfgeist und seine Intelligenz. Seine selbstständige Art hilft mir besonders im Gelände, da er selbstständig „die Flaggen sucht“ und viel mitdenkt.

Stopp! Soll das ein Buschhindernis werden? Wer auf „seinen“ Geländeplatz will, muss an Villy vorbei. (© Sarah Moser)
Was kann man von Villy lernen?
Ich konnte von Villy für mich lernen, dass es okay ist, seinen eigenen Weg als Pferdebesitzer und als Reiter zu gehen, und dass man nicht alles so schwer und ernst nehmen muss. Es kommt, wie es kommt, und man sollte sich immer auch darauf besinnen, dass der Zusammenhalt, die Vertrautheit und die Freude nicht zu kurz kommen. Man sollte nicht nur wegen möglicher Turniererfolge ausbilden und reiten.
Wenn man die Frage noch ein bisschen weiter interpretiert, würde ich sagen: Sei du selbst – denn genau das ist es, was Villy auszeichnet, und es ist an mir, ihn so zu belassen, wie er ist, und auf dieser Basis mit ihm zu kooperieren. Es ist ja nicht so, dass er nicht arbeiten will. Er ist super ehrgeizig. Auf seine Weise. So haben wir es immerhin bis hoch in den internationalen Sport geschafft.
Welche Pläne hast du für Villy und dich?
Ich würde ihn gerne auf 4*-Niveau sicherer bekommen, und ein Traum in den nächsten Jahren ist sicherlich ein Start in Luhmühlen. Allerdings hat mein Ehrgeiz diesbezüglich mittlerweile stark nachgelassen; ich werde ihn nur so weit turniermäßig vorstellen, wie es mit Spaß und ohne übermäßigen Druck gut funktioniert. Im Endeffekt bin ich eh immer am glücklichsten, wenn ich die Pferde montagmorgens nach einem Turnierwochenende wieder auf die Weide stelle und alle gesund und zufrieden wieder zu Hause sind.






