Um die Schultern gezielt zu trainieren, wird die Arbeit im Quadrat und im Slalom, das Führen von Ecken in der Mitte der Bahn und der „Basic Move“ empfohlen.
Schnell, sehr schnell muss ein Flucht- und Beutetier in freier Wildbahn sein, um einem Raubtierangriff zu entkommen. Genau dafür ist die Vorhand des Pferdes optimal konstruiert. „Im Gegensatz zum Menschen besitzt das Pferd keine knöcherne Verbindung zwischen der Vorhand und dem Rumpf. Die gesamte Last des vorderen Pferdekörpers wird stattdessen von einem Muskel-Bindegewebe-Konstrukt getragen.
Der sogenannten Rumpftrageschlinge, primär dem Musculus serratus ventralis, zieht sich fächerförmig von den Halswirbeln und ersten Rippen nach oben bis an die Innenseite des Schulterblattes“, erklären die Pferdephysiotherapeutin Daniela Mahr und Pferdetrainerin Anna Jantscher. In dieser Muskelschlinge ist der Rumpf des Pferdes zwischen den Vordergliedmaßen aufgehangen, fungiert als Stabilisator und Beweger.

Passt der Sattel dem Pferd? Das eingesetzte Equipment hat großen Einfluss auf den Schulterbereich. Deshalb sollte es regelmäßig überprüft und angepasst werden. (© Christiane Slawik)
Meisterwerk der Natur oder Schwachstelle?
Arbeiten Vor- und Hinterhand optimal zusammen, wird die Energie von den Hinterbeinen über den getragenen und frei schwingenden Rumpf bis ins offene Genick weitergeleitet. Die Vorhand und die Vordergliedmaßen haben jetzt eine maximale Freiheit. Ein ausgeklügeltes System: „Die anatomische Besonderheit sichert dem Pferd eine enorme Mobilität und eine explosive Reaktionsfähigkeit.“ Es kann seine Vorderbeine unterschiedlich einsetzen: abruptes Bremsen, schnelle Richtungswechsel oder Laufen über unebene Böden und an Hang- oder Schräglagen.
Statik, Muskulatur und Dynamik sind von Natur aus auf seine Grundbedürfnisse ausgerichtet, nicht aber auf das dauerhafte Tragen von Gewicht. Im modernen Kontext von Haltung und Nutzung des Reitpferdes wird diese Flexibilität daher häufig zur Schwachstelle. „Um die daraus resultierende Instabilität auszugleichen, fixieren viele Pferde die Schultern am Rumpf und ‚klemmen‘ mit der Brustmuskulatur.
Das dreidimensionale Gleiten des Schulterblatts – vorne-hinten, oben-unten sowie die Rotation – wird blockiert, wodurch die natürliche Stoßdämpfung der Gelenke verlorengeht und die freie Schulterbewegung massiv eingeschränkt wird“, so die Expertinnen.

Im Gegensatz zum Menschen besitzt das Pferd keine knöcherne Verbindung zwischen der Vorhand und dem Rumpf. Die gesamte Last des vorderen Pferdekörpers wird stattdessen von einem Muskel-Binde- gewebe-Konstrukt getragen. (© Christiane Slawik)
Wenn die Pferdeschulter ihre Tragkraft verliert
Da in der Vorhand alles mit allem nur muskulär verbunden ist, lösen Verspannungen, Blockaden, Dysbalancen und Asymmetrien im Schulterbereich sofort eine Kettenreaktion aus. „Ziehen die Schultern das Pferd aus der Balance, kommt es zu Achsabweichungen. Das ist von vorne sichtbar durch eine zu breite, v-förmige, zu enge oder x-beinige Stellung, von der Seite durch Vorbiegigkeit oder starkes Unterstellen.
Ist hingegen die Muskulatur des Rumpfes nicht ausreichend ausgebildet, sinkt dieser nach und nach zwischen den Schulterblättern nach unten ab. Oft zeigt das Pferd deutliche Schmerzreaktionen bei leichtem Druck auf die oberen Schulterblattanbindungen“, wissen Daniela Mahr und Anna Jantscher.

Ziehen die Schultern das Pferd aus der Balance, kommt es zu Achsabweichungen. Das ist von vorne sichtbar durch eine zu breite, v-förmige, zu enge oder x-beinige Stellung, von der Seite durch Vorbiegigkeit oder starkes Unterstellen. (© Christiane Slawik)
Typische Symptome erkennen
Besteht eine Problematik, verändert sich auch die Bewegungsqualität. Die Symptome:
- Taktfehler
- Taktverschiebungen in den Verstärkungen
- mangelnder Raumgriff
- häufiges Stolpern
- Probleme in Wendungen, Seitengängen und in der Anlehnung
- fehlende Bascule über dem Sprung
- regelmäßiges Touchieren von Stangen
- beim Antraben werden Kopf und Hals oft ruckartig hochgezogen
- beim Bergabgehen kommt es zum Pass, zählen sie auf
Kompensationen finden statt. Statt eines freien Öffnens aus der Pferdeschulter würden die Tiere ihre Vorderbeine häufig aus dem Ellbogen nach vorne „werfen“ (Bügeln). Die gesamte Einwirkung des Reiters auf das Pferd ist plötzlich reduziert. Die Expertinnen sprechen gar von einem „Kontrollverlust, der sich in typischen Widersetzlichkeiten äußert, die fälschlicherweise oft als Ungehorsam missverstanden werden.“
Beim Führen drängelt und rempelt es oder lässt ein geordnetes Nebeneinanderherlaufen nicht zu. Unter dem Sattel „läuft das Pferd über die Schulter weg“, fällt in Wendungen nach innen oder außen.
Was tun, wenn die Pferdeschulter Probleme macht?
An der Longe entzieht es sich der Kontrolle durch extremes Beschleunigen oder Verlangsamen. Beim Schicken auf die Kreisbahn dreht es sich zum Longenführer herein oder steigt im schlimmsten Fall. Was tun? „Bei reinen Bewegungseinschränkungen und muskulären Verspannungen ist der Osteopath oder Physiotherapeut die erste Wahl. Liegen akute Lahmheiten, starke Schmerzen, Schwellungen oder Verletzungen vor, muss zwingend ein Tierarzt konsultiert werden.“
Danach liegt der „Schlüssel zur Besserung in einem systematischen Aufbau, den der Besitzer aktiv mitgestalten kann“, sagen Daniela Mahr und Anna Jantscher. Zunächst stehen das Mobilisieren und Lösen der Blockade an. Durch gezielte Massagetechniken, das Etablieren von feinem Druckverständnis und einer Entlastung der Schultern beginnen Daniela Mahr und Anna Jantscher, den ursprünglichen Bewegungsradius wiederherzustellen.

Über Stock und über Stein – oder ab in den Wald: Die unterschiedlichen Anforderungen beim Ausreiten ins Gelände kräftigen die Schulterpartie des Pferdes. (© Christiane Slawik)
Schritt für Schritt zu mehr Beweglichkeit
„Sobald die verspannte Muskulatur loslässt, schmerzfrei ist und der Rumpfträger aktiv anläuft, entsteht eine gesunde, dynamische Stabilisation – der Rumpf ist weder festgehalten noch abgesunken“, erläutern sie. Schwingt er stabil und rotationssicher zwischen den Schulterblättern, folgen kräftigende Übungen für einen funktionellen Muskelaufbau.
Ein erfolgreiches Trainingskonzept besteht aus häufigen, korrekt gerittenen Übergängen, Konterstellung, Seitengängen, Stangenarbeit mit niedriger Stangenhöhe und Geländetraining (u.a. Reiten auf unebenen Böden, bergauf und bergab). Der Rumpfträger kann so als Fundament der Bewegung aktiviert werden.
Wie trainiert man die Pferdeschulter richtig?
Um die Schultern gezielt zu trainieren, empfehlen sie zudem die Arbeit im Quadrat und im Slalom, das Führen von Ecken in der Mitte der Bahn und den „Basic Move“. Letzterer ähnelt einem Schultervor an der Hand mit einem leicht angehobenen Rumpf, das auf einer größeren Kreisbahn ausgeführt wird. Sind die Schultern frei? Kann sich der Rumpf frei bewegen und anheben? Diese Fragen gilt es beim „Basic Move“ zu beantworten.
„Das goldene Prinzip dabei lautet: Das Wie entscheidet über das Was. Seitengänge und komplexe Lektionen sind nur dann sinnvoll, wenn das Pferd stabilisiert ist und es die Rumpfträger korrekt ansteuern kann. Ohne diese Basis führt jede Übung lediglich zu neuen Kompensationsmustern statt zu echtem Nutzen“, geben die beiden Expertinnen zu bedenken.

Die Schulter müsse im Training immer als Teil eines komplexen Ganzen gesehen werden. (© Christiane Slawik)
Wo liegt das eigentliche Problem?
Die Pferdeschulter müsse im Training immer als Teil eines komplexen Ganzen gesehen werden. „Obwohl die Schulterfreiheit ein zentraler Marker für die Rumpfgetragenheit ist, darf sie niemals isoliert betrachtet werden. Eine nachhaltige Verbesserung gelingt nur über eine ganzheitliche Ursachenforschung.“
- Steht die Winkelung der Pferdeschulter im harmonischen Verhältnis zur Hinterhand?
- Wie hoch ist der myofasziale Grundtonus des Pferdes?
- Wie sieht das sonstige Management aus (Trainingsfrequenz vs. Stehzeiten)?
- Liegen Hufprobleme, alte Verletzungen – auch fernab der Pferdeschulter – oder psychische Faktoren wie Herdenstress vor? In welcher Haltungsform steht das Pferd?
- Passt das Equipment?
„Wer die Schulter seines Pferdes nachhaltig und gesund trainieren will, muss den Blick für das gesamte Pferd schärfen“, betonen Daniela Mahr und Anna Jantscher abschließend.