Sehnenschäden sind schwer zu therapieren.
Während manche Verletzungen innerhalb weniger Wochen verheilen, braucht geschädigtes Sehnengewebe oft viele Monate, bis es wieder belastbar ist. Dabei bedeutet die Diagnose der Sehnenverletzung beim Pferd längst nicht automatisch das Ende der sportlichen Nutzung!
Entscheidend ist vielmehr, wie früh die Verletzung erkannt wird, welche Strukturen betroffen sind und wie konsequent die Behandlung und anschließende Rehabilitation erfolgen. Die Möglichkeiten der Pferdemedizin haben sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Dennoch bleibt eines unverändert: Zeit ist ein entscheidender Faktor bei der Heilung.
Mindestens genauso wichtig ist es, die Ursachen einer Sehnenverletzung zu verstehen. Denn häufig entsteht sie nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern als Folge verschiedener Belastungsfaktoren. Training, Bodenverhältnisse, Muskulatur, Hufbearbeitung oder Fehlbelastungen können dabei ebenso eine Rolle spielen wie ein akutes Trauma.
Was passiert bei einer Sehnenverletzung beim Pferd?
Damit ein Pferd sich bewegen kann, müssen Muskeln, Knochen, Gelenke und Sehnen präzise zusammenarbeiten. Die Sehnen übernehmen dabei eine zentrale Aufgabe: Sie verbinden die Muskeln mit den Knochen und übertragen die Muskelkraft auf das Skelett. Erst dadurch werden gezielte Bewegungen überhaupt möglich. Gemeinsam mit Sehnenscheiden, Schleimbeuteln und der umgebenden Muskulatur bilden sie ein eng aufeinander abgestimmtes System. Deshalb sollte eine Sehnenverletzung niemals isoliert betrachtet werden.
Dabei handelt es sich um erstaunlich belastbares Gewebe: Die oberflächliche Beugesehne hält auf weniger als einem Quadratzentimeter Querschnitt Zugkräften von rund einer Tonne stand! Gleichzeitig muss sie sich bei jeder Bewegung den wechselnden Belastungen anpassen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich Sehnen im Schritt um etwa drei bis vier Prozent, im Trab um sechs bis acht Prozent und im Galopp sogar um bis zu 16 Prozent dehnen können, ohne Schaden zu nehmen.
Genau diese Kombination aus enormer Zugfestigkeit und vergleichsweise geringer Elastizität macht sie jedoch anfällig für Verletzungen. Wird ihre natürliche Dehnungsgrenze überschritten, können einzelne Fasern oder ganze Faserbündel reißen.

Der Boden bzw. das Gleiten darauf spielt eine große Rolle bei Sehnenschäden. Unkontrolliertes Rutschen kann der Sehne genauso schaden wie ein Boden ohne jegliches Gleiten. (© Ludwiga von Korff)
Wie viel Belastung hält eine Pferdesehne aus?
Hinzu kommt ein weiterer entscheidender Nachteil: Sehnen sind nur schlecht durchblutet. Blutgefäße und Nerven sind im Vergleich zu anderen Geweben nur spärlich vorhanden. Genau diese Versorgung wäre jedoch wichtig, damit beschädigtes Gewebe schnell regenerieren kann. Deshalb heilt eine Sehnenverletzung beim Pferd deutlich langsamer als viele andere Verletzungen des Bewegungsapparates.
Nach einer Verletzung versucht der Körper, die beschädigten Sehnenfasern zu reparieren. Dabei entsteht jedoch häufig Narbengewebe. Dieses unterscheidet sich deutlich von einer gesunden Sehne: Die neu gebildeten Kollagenfasern sind weniger gleichmäßig ausgerichtet, ihre Qualität ist schlechter und das Gewebe besitzt nicht mehr die gleiche Elastizität. Dadurch bleibt die Belastbarkeit der Sehne häufig eingeschränkt und das Risiko für erneute Verletzungen steigt.
Wie gut eine Sehne letztlich ausheilt, hängt deshalb nicht allein von der Schwere der Verletzung ab. Entscheidend sind ebenso eine frühzeitige Diagnose, eine passende Therapie und ein sorgfältig abgestimmtes Rehabilitationsprogramm. Ziel ist es, die Heilung so zu unterstützen, dass sich möglichst belastbares Sehnengewebe bildet und das Risiko für Rückfälle möglichst gering bleibt.
Warum entstehen Sehnenverletzungen beim Pferd?
Eine einzelne Ursache gibt es bei einer Sehnenverletzung nur selten. Häufig entsteht sie durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die den Sehnenapparat über einen längeren Zeitraum überlasten oder ihn plötzlich extremen Kräften aussetzen. Welche Sehne betroffen ist, hängt unter anderem von der Nutzung des Pferdes ab. Während bei Renn- und Vielseitigkeitspferden häufiger die oberflächliche Beugesehne verletzt wird, treten bei Dressurpferden vermehrt Schäden am Fesselträger auf.
Auch züchterische Entwicklungen hin zu immer raumgreifenderen Bewegungen erhöhen die Belastung der Sehnen. Je größer die Bewegung, desto länger ist der Hebel – und desto größer sind die Kräfte, die auf den Sehnenapparat wirken. Besonders häufig spielen Überlastungen eine Rolle. Müssen Pferde über einen längeren Zeitraum arbeiten, ermüden zunächst die Muskeln. Sie können ihre Schutzfunktion für die Sehnen dann nicht mehr ausreichend erfüllen.
Auch verspannte oder unzureichend aufgewärmte Muskulatur erhöht den Zug auf die Sehnen. Kaltstarts, bei denen ein Pferd ohne ausreichende Aufwärmphase sofort Leistung bringen soll, gelten deshalb als besonders kritisch. Ebenso können mangelndes Training oder eine unzureichende Gymnastizierung langfristig das Risiko für Sehnenverletzungen erhöhen.

Die meisten Sehnenverletzungen entstehen durch Traumata, beispielsweise verursacht durch Weideunfälle. (© Frank Sorge)
Welchen Einfluss hat der Boden auf die Sehnen?
Nicht nur das Training selbst, sondern auch die Bodenverhältnisse haben einen großen Einfluss. Zu tiefer oder rutschiger Untergrund kann den Sehnenapparat ebenso belasten wie sehr harte Böden. Gleichzeitig warnen Experten davor, Pferde ausschließlich auf perfekt präparierten Reitböden zu arbeiten.
Wer immer nur auf idealen Böden trainiert, nimmt dem Pferd die Möglichkeit, seine Koordination und Reflexe unter unterschiedlichen Bedingungen zu entwickeln. Abwechslungsreiche Untergründe, etwa im Gelände oder auf unterschiedlich festen Böden, können deshalb einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung leisten.
Die Ursache ist oft komplexer als gedacht
Daneben kommen akute Ereignisse als Auslöser infrage. Ein unglückliches Vertreten, ein Tritt auf der Weide, ein Ausrutschen, ungünstiges Aufkommen nach einem Sprung oder plötzliche Wendungen können die Zugkräfte auf die Sehnen kurzfristig so stark erhöhen, dass einzelne Fasern oder ganze Faserbündel reißen. Auch Fehlstellungen der Gliedmaßen, eine unzureichende Hufbearbeitung, starkes Übergewicht oder dauerhaft falsche Trainingsreize können den Sehnenapparat zusätzlich belasten.
Deshalb lohnt sich bei einer Sehnenverletzung immer der Blick auf das gesamte Pferd. Gibt es muskuläre Defizite? Liegen Fehlbelastungen oder Fehlstellungen vor? Ist das Pferd über- oder unterfordert? Entstehen an bestimmten Stellen vermehrte Reibungen, etwa durch ein Überbein? Häufig ist die eigentliche Verletzung nur die Folge eines Problems, das bereits seit längerer Zeit besteht. Genau deshalb gehört die Ursachenforschung ebenso zur Behandlung wie die eigentliche Therapie der verletzten Sehne.

Nicht nur beim Springen und in der Vielseitigkeit sind Sehnen hohen Belastungen ausgesetzt. Auch im Viereck wird der Sehnenapparat gefordert, etwa in Seitengängen. (© Stefan Lafrentz)












