Tierarzt Justus Schelhowe © Justus Schelhowe

Tierarzt Justus Schelhowe: Beim Pferdekauf übernimmt man bisherige Investitionen in das Tier.

Wer sich ein Pferd kaufen möchte, hat meist ein ziemlich klares Bild im Kopf: jung, gesund, brav, gut ausgebildet – ein gutes Schnäppchenpferd und bitte zu einem Preis, der irgendwie noch realistisch erscheint. Hooforia hat zuletzt genau diese Erwartungen aufgegriffen und gefragt, warum Wunsch und Wirklichkeit im Reitsport oft so weit auseinanderliegen.

Interview zur Ankaufsuntersuchung mit Tierarzt

Für die Online-Fortsetzung wollten wir es genauer wissen – und haben mit einem gesprochen, der täglich mittendrin ist: Tierarzt Justus Schelhowe. Er führt eine eigene Praxis in Dötlingen im Landkreis Oldenburg und ist viel unterwegs – auf Höfen, in Ställen und bei Kaufuntersuchungen. Genau dort erlebt er den Pferdemarkt aus nächster Nähe: Er sieht, wie Pferde präsentiert, beurteilt und gekauft werden, spricht mit Käufern und Verkäufern und steht als Tierarzt oft genau zwischen den Interessen aller Beteiligten.

„Ich kenne eigentlich alle Perspektiven – den Verkäufer, den Käufer und den Tierarzt, der zwischen den Stühlen steht“, sagt er. Und genau aus dieser Position heraus wird schnell klar: Viele Probleme rund um den Pferdekauf entstehen nicht erst beim Pferd – sondern bei den Erwartungen.

Trakehner Rappe

Das Traumpferd für einen „Appel und Ei“ – Wer wünscht sich das nicht?! (© Christiane Slawik)

Der Pferde-TÜV: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Ein besonders hartnäckiges Missverständnis betrifft in seinen Augen den sogenannten TÜV, also die tierärztliche Kaufuntersuchung. Für viele Käufer ist sie so etwas wie eine Absicherung, ein Versprechen für die Zukunft. Doch genau das kann sie nicht leisten.

Viele glauben, sie bekommen dadurch eine Garantie für ein gesundes Pferd. Aber das können wir nicht leisten.

Was der Tierarzt beurteilt, ist immer nur der Zustand zum Zeitpunkt der Untersuchung. Wie sich ein Pferd entwickelt, wie es trainiert wird und unter welcher Belastung es später steht, lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten. Ein unauffälliges Röntgenbild heute sei kein Schutz vor Problemen morgen – genauso wenig wie ein kleiner Befund automatisch bedeute, dass ein Pferd ungeeignet sei.

Tierazt Justus Schelhowe untersucht ein Pferd

Die Ankaufsuntersuchung: Mit ihr steht oder fällt der Deal oftmals. Tierarzt Justus Schelhowe kennt alle Perspektiven beim Pferdekauf. (© Justus Schelowe)

Pferdekauf: Überschätzte Röntgenbilder?

Gerade diese Fixierung auf Röntgenbilder beobachtet Schelhowe zunehmend kritisch. „Es geht immer mehr nur noch um die Bilder – und die sollen möglichst perfekt sein.“ Dabei zeigt seine Erfahrung etwas anderes: Viele Auffälligkeiten, die auf Bildern zu sehen seien, haben in der Praxis manchmal wenig Relevanz.

Gleichzeitig gebe es durchaus Probleme, die sich gar nicht röntgen lassen – etwa an Sehnen, Bändern oder im Knorpel. Trotzdem würden Kaufentscheidungen oft genau daran festgemacht. „Das führt nicht nur zu Unsicherheit, sondern auch dazu, dass passende Pferde vorschnell aussortiert werden“, findet der Tierarzt.

Tierarzt beim röntgen

Ein Röntgengerät kann nur bedingt in die Zukunft schauen. (© Christiane Slawik)

Die Illusion vom Schnäppchenpferd

Ein weiteres großes Thema sei die Preisvorstellung vieler Käufer. Der Wunsch nach dem „guten Deal“ und dem perfekten Schnäppchenpferd sei verständlich – aber häufig unrealistisch. „Wenn man es mal nüchtern betrachtet, sind vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent echte Schnäppchen dabei. Mehr nicht“, sagt Schelhowe. Und selbst diese Fälle seien oft nicht das, was man sich darunter vorstellt. Die berühmten Geschichten vom geretteten Schlachtpferd, das kurze Zeit später im großen Sport läuft, kennt auch er.

Das gibt es – aber das ist vielleicht einer von zehntausend. Eine schöne Vorstellung, aber nichts, woran man seine Erwartungen ausrichten sollte.

Was ein Pferd wirklich kostet

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Ein gut aufgezogenes und ausgebildetes Pferd kostet Geld – und zwar lange bevor es überhaupt verkauft wird. Aufzucht, Futter, tierärztliche Versorgung, Schmied, Ausbildung und Zeit summieren sich über Jahre hinweg. Wer ein Pferd kauft, übernimmt also nicht nur ein Tier, sondern auch das Ergebnis all dieser Investitionen. Dass ein solches Pferd kein Schnäppchenpferd ist und nicht für wenige tausend Euro zu haben ist, liegt für den Experten auf der Hand. Gleichzeitig beobachtet er immer wieder, dass genau dort gesucht wird: in einer Preisklasse, in der es dieses gewünschte Pferd schlicht nicht geben kann.

Fohlen auf der Koppel

Eine gute Aufzucht macht sich im Kaufpreis bemerkbar. (© Christiane Slawik)

Pferde abgeben: Warum Loslassen so schwerfällt

Doch nicht nur wirtschaftliche Aspekte spielen eine Rolle. Viele Entscheidungen rund ums Pferd sind emotional aufgeladen – und genau das macht sie so schwierig.

Ich erlebe häufig, dass Leute eigentlich wissen, dass es mit ihrem Pferd so nicht mehr funktioniert – sei es aus Zeitgründen oder wegen der Finanzen –, sich aber unglaublich schwertun, den Schritt des Verkaufs zu gehen.

Oft geht es dabei nicht nur um das Pferd selbst, sondern auch um das Umfeld. „Keiner möchte, dass die Stallkollegen schlecht über einen sprechen. Der Druck, durchzuhalten, selbst wenn es nicht mehr passt, ist groß.“

Was sich aber klar zeigt: Viele Pferdehalter bewegen sich finanziell und organisatorisch an ihrer Grenze. Die laufenden Kosten werden häufig unterschätzt, die langfristige Verantwortung ebenso. Und genau hier liegt für Justus Schelhowe ein zentraler Punkt. Ein Pferd ist kein kurzfristiges Projekt, sondern eine dauerhafte Verpflichtung – und die muss zur eigenen Lebensrealität passen.

 

Pferdehaltung: Verantwortung statt Verdrängung

Am Ende bleibt vor allem eine Erkenntnis: Wer ein Pferd kaufen möchte, braucht weniger Wunschdenken und mehr Ehrlichkeit – sich selbst gegenüber und dem Tier gegenüber. Nicht jedes Pferd passt zu jedem Menschen. Nicht jedes Budget passt zu jedem Anspruch. Und nicht jede Vorstellung lässt sich in der Praxis umsetzen.

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