Auf nimmer Wiedersehen?: Wenn Pferde verkauft werden, kann das viele Gründe und Ursachen haben.
Der Anhänger rollt langsam vom Hof. Noch einmal dreht das Pferd den Kopf, schaut zurück, kaut ruhig am Heu, als wäre es ein Tag wie jeder andere. Für den Menschen, der auf dem Hof zurückbleibt, ist es das nicht. Vielleicht war es das erste eigene Pferd. Womöglich das Pferd, das uns durch die schwerste Zeit getragen hat. Vielleicht das Pferd, für das man jeden Monat aufs Neue gerechnet, verzichtet, gehofft und organisiert hat. Und jetzt muss man das Pferd abgeben und es fährt weg.
Gründe für das Abgeben von Pferden
Pferde werden verkauft. Aus wirtschaftlichen Gründen. Wegen Krankheit. Wegen Trennung, Jobverlust, Überforderung oder nicht erfüllter sportlicher Erwartungen. Manche werden geleast, zur Verfügung gestellt oder geteilt. Andere bleiben – obwohl längst klar ist, dass weder Mensch noch Pferd in dieser Konstellation glücklich werden.
Denn Pferde kosten Geld. Sie gut zu halten erfordert heute schnell rund 1.000 Euro im Monat: Stallmiete, Futter, Hufschmied, Impfungen, Versicherungen, Tierarzt, Training, Ausrüstung, Rücklagen für Notfälle. Und schon bevor ein Pferd überhaupt verkauft wird, haben in der Regel mehrere Menschen viel investiert: Züchter, Aufzüchter, Ausbilder und natürlich die Besitzer.

Mehr pflegen als reiten? Wer die Verantwortung für ein Pferd übernimmt, muss sich um das Wohlergehen kümmern. (© Christiane Slawik)
Der Wirtschaftsfaktor Pferd
Pferde sind nicht nur Herzenssache. Sie sind auch ein Wirtschaftsfaktor. An ihnen hängen Zuchtbetriebe, Bereiter, Händler, Tierärzte, Sattler, Hufschmiede, Futtermittelhersteller, Stallbetreiber, Vereine oder Turnierveranstalter – und damit jede Menge Arbeitsplätze. Wer also Pferde züchtet oder mit ihnen handelt, hat beinahe täglich mit Verkauf zu tun. Viele Menschen finanzieren sich ihr Leben dadurch, dass sie Pferde züchten, ausbilden, vermitteln und eben auch verkaufen – auch wenn ihnen Pferde ans Herz wachsen und Abschiede schwerfallen können.
Damit verantwortungsvolle Zucht und gute Ausbildung überhaupt möglich bleiben, müssen Pferde aber ihren Preis haben. Ein gut aufgezogenes, gesundes und ordentlich ausgebildetes Pferd kann nicht günstig sein, wenn alle Beteiligten fair bezahlt werden und die Pferde gut versorgt sein sollen. Das weiß auch Anette Ganter sehr genau. Sie ist Pferdewirtschaftsmeisterin, Zuchtrichterin und Gestütsleiterin des Trakehnergestüts Nienover. Sie kennt die wirtschaftlichen und praktischen Realitäten hinter jedem Jungpferd genau.
Bis ein Pferd drei Jahre alt ist, liegen wir bei rund 16.000 bis 17.000 Euro – ohne Gewinn und ohne unvorhersehbare Kosten. – Anette Ganter –

Aber bitte mit einem perfekten TÜV: Wer ein Pferd kauft, wünscht sich natürlich, dass es gesund ist. (© Christiane Slawik)
Pferd abgeben: Warum der Preis auch Verantwortung zeigt
Klar gehöre auch eine große Portion Glück in der Zucht immer dazu – vieles sei schlicht nicht kalkulierbar. Aber sie weiß eines sicher: „Ein hoher Kaufpreis bedeutet kein besseres Leben. Entscheidend sind Haltung, Versorgung und der Mensch. Denn züchten heißt nicht vermehren, sondern gezielt anpaaren und selektieren.“ Gleichzeitig sei der Markt aktuell angespannt: „Viele Pferde – gerade im Freizeitbereich – sind nur schwer zu verkaufen. Die Käufer wissen das und versuchen entsprechend, den Preis zu drücken.“
Das Traum-Pferd zum kleinen Preis?
Denn was sich eigentlich jeder wünscht: ein junges, gesundes, braves, bereits ausgebildetes Pferd mit bestem TÜV – möglichst zum Schnäppchenpreis. Dass es das in der Realität kaum gibt, weiß Tierarzt Justus Schelhowe, der sich in seiner täglichen Arbeit intensiv mit Kaufuntersuchungen beschäftigt. „Natürlich hört man immer wieder diese Geschichten vom geretteten Schlachtpferd, das ein Jahr später Grand Prix geht. Das ist eine schöne Vorstellung, aber nichts, woran man seine Erwartungen ausrichten sollte.“
Hat sich der Eigentümer entschieden, sein Pferd zu verkaufen, trägt er auch eine Verantwortung für den weiteren Weg dieses Tieres: „Das Pferd muss wohl oder übel mit der Entscheidung leben. Wir müssen uns genau anschauen, wer das Pferd übernimmt, und natürlich, wie das Pferd untergebracht und trainiert wird. Beim Kauf unseres letzten Pferdes wollte eine Verkäuferin sogar ein Video unseres Hofs und unserer aktuellen Pferde sehen, um sich abzusichern, wie sie untergebracht sind. Alles kann man nicht absichern, aber sich mehr Gedanken über das Thema zu machen, könnte unseren Pferden Sicherheit bieten“, berichtet die Wirtschaftspsychologin.
Ein Pferd abgeben heißt, das richtige Zuhause zu finden
Auch Anna Stryczek, die sich als Bereiterin selbstständig gemacht hat und auf einem Hof in Nordrhein-Westfalen regelmäßig Jungpferde individuell und mit Ruhe ausbildet, sieht ebenfalls diese Verantwortung: „Man trägt beim Verkauf eines Pferdes eine große Verantwortung, ganz gleich, ob privat oder professionell verkauft wird. Ein Pferd ist ein Lebewesen, deshalb sollte immer das Wohl des Tieres im Vordergrund stehen, um das passende Zuhause zu finden.“
Das Schönste beim Verkauf eines Pferdes ist doch, wenn man merkt, dass man wirklich das passende Match zusammengefunden hat. Wenn Reiter und Pferd harmonieren, sich verstehen und einfach gut zueinander passen, dann ist das immer etwas Wunderschönes. – Anna Stryczek –
