Training auf dem Außenplatz © Christiane Slawik

Ein ausbalanciertes Pferd nutzt Schubkraft und Tragkraft gleichzeitig – so entsteht eine gesunde und effiziente Bewegung.

Es lohnt sich, genauer hinzuschauen und sich mit den Begriffen Schubkraft und Tragkraft zu beschäftigen – Schubkraft ist so definiert, dass das Pferd zu einer vermehrten Hinterhandaktivität angeregt wird. „Die Beine sollen mehr in Richtung Schwerpunkt fußen und – dieser Teil wird gern verschwiegen – entsprechend das jeweilige Stützbein etwas mehr den ganzen Pferdekörper nach vorn schieben“, erklären die Ausbilderinnen und Gründerinnen von Osteo-Dressage, Claudia Weingand und Katharina Möller.

Daran sei nichts schlecht: Ein längerer Tritt mit weitem Untertreten eines Hinterbeins brauche immer ein Hinterbein, das vermehrt schiebe. Das Pferd arbeitet mit der Hinterhand verstärkt an der Vorwärtsbewegung mit. „Dadurch entlastet es die Vorhand – nicht in Kilo, aber was die Stemmarbeit angeht“, so unsere Expertinnen. „Was das Pferd nämlich hinten schiebt, muss es mit dem Vorderbein nicht stemmen. Das wiederum ist prima, denn viel Stemmarbeit kann durchaus verschleißend sein.“ Schubkraft hat nichts mit eilig oder einfach nur schneller reiten zu tun. „Sie bringt das Pferd auch nicht auf die Vorhand, sondern hilft dieser“, sagen Claudia Weingand und Katharina Möller.

Schubkraft und Tragkraft beim Pferd kurz erklärt

Negativbeispiel: Training mit harter Hand

Negativbeispiel: Eine harte Hand ist immer ein Hindernis für einen gesunden Bewegungsablauf. (© Christiane Slawik)

Was bedeutet Schubkraft?

Unter Schubkraft wird die vorwärtsgerichtete Kraftentwicklung der Hinterhand verstanden, mit der das Pferd seinen Körper nach vorne bewegt. Sie entsteht, wenn die Hinterbeine beim Abfußen Energie in den Boden übertragen und der Körper dadurch nach vorne beschleunigt wird.

Biomechanisch betrachtet, erfolgt dieser Vorgang durch eine Streckung der großen Gelenke der Hinterhand – insbesondere von Hüft-, Knie– und Sprunggelenk. Schubkraft ermöglicht dem Pferd, Tempo aufzunehmen, Sprünge zu überwinden oder längere Distanzen effizient zurückzulegen. In freier Bewegung dominiert diese Form der Kraftentwicklung deutlich.

Ein Pferd, das stark schiebt, zeigt häufig:

  • große, raumgreifende Schritte
  • deutliche Abdruckphasen
  • ein kräftiges Nach-vorne-Streben der Hinterhand

Schubkraft ist also keineswegs grundsätzlich problematisch – sie ist eine elementare Grundlage jeder Bewegung.

Was bedeutet Tragkraft?

Tragkraft beschreibt die Fähigkeit der Hinterhand, Last aufzunehmen und zu tragen, statt sie ausschließlich nach vorne zu schieben. Dabei kommt es zu einer verstärkten Beugung der Hinterhandgelenke und zu einer vermehrten Lastaufnahme der Hinterbeine. Biomechanisch entsteht Tragkraft nicht durch mehr Kraft allein, sondern durch eine veränderte Organisation der Bewegung. Ein Teil der Energie wird nicht mehr primär nach vorne abgegeben, sondern dient dazu, den Körper anzuheben und zu stabilisieren.

In der Praxis bedeutet mehr Tragkraft:

  • Das Hinterbein fußt weiter unter den Körperschwerpunkt
  • Hüft-, Knie- und Sprunggelenk beugen stärker
  • Der Rücken wölbt sich und kann die Reiterlast besser tragen

Diese Fähigkeit ist Voraussetzung für Versammlung, Balance unter dem Reiter sowie langfristige Gesunderhaltung. Tragkraft ist daher ein wesentliches Ziel der gymnastizierenden Ausbildung.

Wie sich Tragkraft beim Pferd gymnastisch entwickelt

Tragkraft entsteht nicht einfach durch ein langsames Tempo oder kurze Tritte. Gerne wird Tragkraft auch ausschließlich mit höheren versammelnden Lektionen in Verbindung gebracht. Tatsächlich beginnt die Entwicklung aber früher. „Die Erarbeitung der Tragkraft passiert, wenn wir uns die Ausbildungsskala anschauen, zwischen Schwung und Versammlung“, so unsere Expertinnen. „Gemeint sind eine vermehrte Hankenbeugung und zunehmende Versammlung. Das Pferd soll – zumindest optisch, messbar ist das ja leider nicht wirklich der Fall – vermehrt Last mit der Hinterhand aufnehmen“, so die Ausbilderinnen.

Dieser Prozess ist eng mit der Verbesserung von Balance und Koordination verbunden. Für den Reiter entsteht dadurch das Gefühl, dass sich das Pferd leichter trägt und ausbalancierter bewegt. Tragkraft ist also kein Zustand, der plötzlich erreicht wird. Vielmehr entwickelt sie sich über gymnastizierende Arbeit. Übergänge, Tempounterschiede, gebogene Linien oder Seitengänge tragen dazu bei, die Beweglichkeit und Kraft der Hinterhand zu verbessern. Dabei ist entscheidend, dem Pferd ausreichend Zeit zu lassen, die notwendigen Muskeln und Bewegungsmuster zu trainieren. Zu frühe oder zu starke Anforderungen an Versammlung führen häufig eher zu Verspannungen als zu Tragkraft.

Negativbeispiel: Pferd mit Ungleichgewicht im Bewegungsablauf

Negativbeispiel: Hier zeigt sich ein Ungleichgewicht im Bewegungsablauf, bei dem die Vorhand dominiert und die Hinterhand nicht aktiv mittritt. (© Christiane Slawik)

Warum beim Pferd nicht nur die Hinterhand zählt

Schubkraft und Tragkraft beim Pferd entstehen beide aus komplexen Bewegungsabläufen des gesamten Körpers und verändern sich abhängig von Gangart, Tempo, Ausbildung und Balance. In der Bewegung des Pferdes existieren Schub- und Tragkraft nicht als Gegensätze, sondern als kontinuierliches Zusammenspiel. Jede Bewegung enthält beide Komponenten – allerdings in unterschiedlicher Gewichtung. Ein junges oder unausgebildetes Pferd eilt oft eher. Auch Schubkraft muss erst ausgebildet werden.

Mit zunehmender korrekter Ausbildung lernt das Pferd dann zudem, mehr Tragkraft zu entwickeln, wodurch Balance, Versammlung und Leichtigkeit entstehen. Wenn sich ein Pferd bewegt, arbeiten zahlreiche Strukturen gleichzeitig zusammen: Muskeln erzeugen Kraft, die über Sehnen auf die Knochen übertragen wird; Gelenke ermöglichen dabei die Bewegung, während elastische Strukturen wie Sehnen und Faszien einen Teil der Energie speichern und wieder freisetzen.

Die Hinterhand spielt dabei eine zentrale Rolle, jedoch wird Energie nicht nur in der Hinterhand erzeugt, sondern über den gesamten Körper weitergeleitet. Rücken, Brustkorb und Vorhand wirken dabei wie ein komplexes System von Hebeln und Federn. Nur wenn diese Strukturen harmonisch zusammenarbeiten, kann die Bewegung flüssig und effizient ablaufen. Deshalb lässt sich die Qualität von Schub- oder Tragkraft nie ausschließlich isoliert an der Hinterhand beurteilen.

Viel Aktion heißt nicht automatisch viel Schubkraft

In der Diskussion um korrektes Training wird Schubkraft manchmal kritisch betrachtet. Aus biomechanischer Sicht ist Schub zunächst einmal ein vollkommen neutraler Vorgang: In der natürlichen Fortbewegung dominiert diese Form der Energieerzeugung sogar deutlich. Pferde sind evolutionär darauf ausgelegt, sich effizient über größere Distanzen fortzubewegen. Ein kraftvoller Abdruck aus der Hinterhand gehört daher zum normalen Bewegungsrepertoire.

Ein Missverständnis betrifft die sichtbare Aktion der Hinterbeine. Große, spektakuläre Bewegungen werden häufig automatisch mit starker Schubkraft gleichgesetzt. Dabei kann ein Pferd durchaus raumgreifend treten, ohne biomechanisch effizient zu arbeiten. Problematisch wird Schubkraft, wenn sie nicht sinnvoll verarbeitet werden kann. Wenn die entstehende Energie nicht über den Rücken weitergeleitet oder die Vorhand zu stark belastet wird, kann ein Pferd zwar kräftig nach vorne schieben, dabei aber an Balance verlieren.

Schubkraft Tragkraft: Pferd von vorne

Schub- und Tragkraft entstehen beide aus komplexen Bewegungsabläufen des gesamten Pferdekörpers und verändern sich abhängig von Gangart, Tempo, Ausbildung und Balance. (© Christiane Slawik)

Schubkraft und Tragkraft beim Pferd gezielt trainieren

In solchen Situationen entsteht häufig das Bild eines Pferdes, das „eilig“ oder „auf der Vorhand“ läuft, obwohl die eigentliche Ursache eher in einer fehlenden Koordination des gesamten Körpers liegt. Unsere Expertinnen weisen darauf hin, dass sich korrekte Schubkraft oft in längeren, raumgreifenderen Schritten, Tritten und Sprüngen zeigt, ohne dass der Takt eiliger wird.

Die Entwicklung von Schubkraft und Tragkraft im Training erfolgt durch ein ausgewogenes Zusammenspiel verschiedener gymnastizierender Lektionen und Abwechslung. Dazu gehören Einheiten im Gelände und auch Stangenarbeit oder Springgymnastik. Übergänge zwischen den Gangarten fördern Balance und Koordination und fordern die Hinterhand dazu auf, aktiv unter den Körper zu treten. Gebogene Linien wie Volten oder Schlangenlinien unterstützen die Losgelassenheit und mobilisieren die Gelenke der Hinterhand, während Seitengänge die Muskulatur differenziert ansprechen und die Fähigkeit des Pferdes, Last aufzunehmen, verbessern.

Schubkraft Tragkraft: Beine von Pferd

Die Entwicklung von Schubkraft und Tragkraft im Training erfolgt durch ein ausgewogenes Zusammenspiel verschiedener gymnastizierender Lektionen und Abwechslung. (© Christiane Slawik)

Diese Übungen fördern Schubkraft und Tragkraft beim Pferd

„Spielerisch fördern Sie die Schubkraft durch häufiges, gern dezentes Zulegen. Zum Beispiel: Arbeitstrab – leichtes Tritte verlängern – Arbeitstrab“, raten unsere Expertinnen. „Auch Trabstangen sind hervorragend geeignet, um die Schubkraft zu verbessern. Idealerweise flache, die Sie wenige Zentimeter weiter auseinanderlegen, als es für Ihr Pferd bequem wäre. Im Galopp können Sie zwei Stangen im Abstand von 18 Metern legen und die Distanz mit vier Galoppsprüngen reiten. Dann kommen Sie je nach Pferd gut in Richtung Mittelgalopp.“

Im Gelände fördere Bergaufreiten im Schritt oder dezente Steigungen im Trab die Schubkraft. Zur Förderung der Tragkraft helfen Übergänge innerhalb einer Gangart, sodass Ihr Pferd Schritt für Schritt mehr Last mit der Hinterhand aufnimmt. Entscheidend ist dabei, dass die Übungen geduldig aufgebaut werden und ausreichend Variation bieten, damit das Pferd sowohl Kraft als auch Koordination entwickeln kann. Unsere Expertinnen empfehlen hier rückführende Übergänge wie Arbeitstrab, versammelter Trab, Arbeitstrab oder auch Trab, Halt, Trab.

Außerdem versammelnde Lektionen, wie Seitengänge oder aber ruhiges Bergabreiten mit anhalten und wieder losreiten im Gelände. Ebenso wichtig ist eine ausbalancierte Vorwärtsbewegung. Ein Pferd, das nicht vorwärts gehen darf und nur zurückgehalten wird, kann auch keine echte Tragkraft entwickeln.

Hier entstehen typische Fehler im Training

Gerade weil Schub- und Tragkraft so häufig verwendet werden, entstehen im Training immer wieder Missverständnisse. Viele Probleme resultieren nicht aus der mangelnden Motivation des Pferdes, sondern aus kleinen Fehlern in der Ausbildung, die sich über die Zeit verstärken können.

  • Zu viel Tempo: Ein häufiger Fehler ist ein zu starkes Vorwärtsreiten ohne ausreichende Balance. Wenn das Pferd dauerhaft im schnellen Tempo gearbeitet wird, nutzt es vor allem Schubkraft und verlagert sein Gewicht zunehmend auf die Vorhand. Die Hinterbeine schieben den Körper zwar kraftvoll nach vorne, übernehmen aber nur wenig tragende Funktion. Auf Dauer kann dadurch ein Bewegungsbild entstehen, bei dem das Pferd zwar fleißig wirkt, aber wenig Last mit der Hinterhand aufnimmt.
  • Zu wenig Energie: Wird das Pferd zu stark zurückgenommen, fehlt die notwendige Energie für eine aktive Hinterhand. Die Bewegung verliert an Dynamik, und Tragkraft kann sich kaum entwickeln. Ein Pferd, das zu stark kontrolliert oder gebremst wird, beginnt häufig, kürzer zu treten, und nutzt seine Hinterhand weniger effektiv.
  • Zu frühe Versammlung: Auch eine zu früh verlangte Versammlung stellt ein Risiko dar. Wenn ein Pferd aufgefordert wird, mehr Last aufzunehmen, bevor es über ausreichend Kraft, Koordination und Gleichgewicht verfügt, reagiert es häufig mit Verspannung oder Ausweichbewegungen.
  • Blockierter Rücken: Wird der Rücken durch feste Hände, einen unausbalancierten Sitz oder zu starke Einwirkung blockiert, kann die Energie der Hinterhand nicht durch den Körper fließen. Selbst ein aktives Hinterbein führt dann nicht automatisch zu besserer Bewegung, weil die erzeugte Kraft im Bewegungsablauf „stecken bleibt“.
Versammeltes Pferd mit Last auf Hinterhand

In der Versammlung zeigt sich, wie das Pferd zunehmend Last auf der Hinterhand aufnimmt. (© Christiane Slawik)

Schubkraft und Tragkraft beim Pferd richtig einordnen

  • Unruhige Hilfen: Unklare oder unruhige Hilfen können die Entwicklung von Tragkraft behindern. Wenn das Pferd nicht genau versteht, welche Reaktion erwartet wird, reagiert es häufig mit Spannung, Unsicherheit oder vermeintlicher Widersetzlichkeit. Dadurch geht ein Teil der natürlichen Bewegungsenergie verloren, die eigentlich für eine balancierte Bewegung genutzt werden könnte.
  • Fehlende Gymnastizierung: Wird ein Pferd überwiegend auf geraden Linien und im gleichen Tempo gearbeitet, fehlt häufig die gymnastizierende Wirkung, die für den Aufbau von Tragkraft notwendig ist. Unter anderem gebogene Linien, Übergänge und Seitengänge fördern hingegen die Beweglichkeit der Hinterhand und helfen dem Pferd, seine Gelenke differenzierter zu nutzen.
  • Zu lange Einheiten: Wird ein Pferd zu lange in einer intensiven Arbeitsphase gehalten, ermüdet die Muskulatur. In der Folge fällt das Pferd häufig wieder stärker auf die Vorhand.
  • Zu wenig Abwechslung: Ein monotones Training kann dazu führen, dass sich Bewegungsmuster verfestigen. Unterschiedliche Tempi, Linienführungen und Aufgaben helfen dagegen, die Koordination zu verbessern und verschiedene Muskelgruppen anzusprechen.
  • Ungeduld im Training: Der Aufbau von Tragkraft geht nicht von heute auf morgen. Er erfordert Zeit für Muskelentwicklung, Koordination und Gleichgewicht. Wird zu schnell zu viel verlangt, reagiert der Körper des Pferdes häufig mit Ausweichstrategien statt mit echter Lastaufnahme.

Fazit: Insgesamt zeigt sich, dass viele Trainingsprobleme nicht aus einzelnen Fehlern entstehen, sondern aus einer Kombination verschiedener Faktoren. Ein ausgewogenes Training, das sowohl Vorwärtsenergie als auch Balance berücksichtigt, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass sich Schub- und Tragkraft harmonisch entwickeln können.

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