Züchterin Anette Ganter mit Halbblutfohlen © Anette Ganter

Die Züchterin Anette Ganter mit ihrer Nachzucht.

Der Wunsch nach dem eigenen Pferd ist groß – doch ebenso groß ist oft die Lücke zwischen dem, was sich Käufer vorstellen, und dem, was tatsächlich realistisch ist. In der vorherigen Ausgabe der Hooforia haben wir genau dieses Spannungsfeld beleuchtet: Warum Pferde verkauft werden, welche Verantwortung dahintersteckt – und weshalb viele Menschen nach einem Pferd suchen, das es in dieser Form und Preisklasse eigentlich gar nicht geben kann.

Für diese Online-Fortsetzung wollten wir deshalb die Perspektive derjenigen einbeziehen, bei denen alles beginnt: einer Züchterin. Denn bevor ein Pferd überhaupt verkauft wird, liegen Jahre an Arbeit, Risiko und Investitionen hinter ihm. Eine, die genau das täglich erlebt, ist Anette Ganter. Sie ist Pferdewirtschaftsmeisterin, Zuchtrichterin und Pferdesachverständige und leitet heute das Trakehnergestüt Nienover. Seit vielen Jahren ist sie in der Zucht tätig – und kennt sowohl die emotionale als auch die wirtschaftliche Realität dieses Bereichs sehr genau.

Die wahren Kosten für ein Pferd

Wer ein junges Pferd kauft, sieht oft nur den Moment des Verkaufs – nicht aber den Weg dorthin. Für Anette Ganter ist klar: Schon die Aufzucht eines Fohlens ist mit erheblichen Kosten verbunden. „Am Ende der Aufzucht mit drei Jahren liegt ein Jungpferd bei etwa 16.000 bis 17.000 Euro – und das ohne größere Zwischenfälle.“ Darin enthalten seien laufende Kosten wie Fütterung, Schmied, Impfungen und Unterbringung – aber eben nur im Idealfall.

Unkalkulierbare Faktoren wie Verletzungen, Erkrankungen oder zusätzliche Behandlungen seien dabei noch gar nicht eingerechnet. Entscheidend ist für sie vor allem die Qualität der Aufzucht: gutes Futter, angepasste Versorgung, Bewegung und eine Haltung, die den Bedürfnissen der Pferde gerecht wird. Genau hier liegt für sie der Kern verantwortungsvoller Zucht.

Pferd Kosten: Züchterin Anette Ganter auf der Stallgasse

Entscheidend ist für Anette Ganter die Qualität der Aufzucht. (© Anette Ganter)

Pferdekauf: Zwischen Risiko und Realität

Zucht bedeutet aber nicht nur Planung und grundsätzlich gute Bedingungen – sondern immer auch Unsicherheit. „Das Risiko ist immer da. Vom Abfohlen bis zur Aufzucht kann viel passieren – von kleinen Befunden bis hin zum kompletten Verlust.“ Neben zumindest noch einigermaßen kalkulierbaren Kosten wie Futter oder Vorsorge und Versicherungen, gehört deshalb auch eine gewisse Unvorhersehbarkeit zum Alltag.

Jahre können problemlos verlaufen – oder plötzlich von Ausfällen und Mehrkosten geprägt sein. Hinzu kommt eine wirtschaftliche Entwicklung, die viele Betriebe aktuell stark unter Druck setzt: steigende Kosten, sinkende Nachfrage und ein Markt, der sich verändert. „Im Moment ist es sehr schwierig, Pferde zu verkaufen. Vor allem im mittleren Bereich – also Freizeitpferde oder Pferde mit kleineren Mängeln.“

Während Spitzenpferde weiterhin ihren Markt finden, geraten viele andere Pferde preislich unter Druck. Für Züchter bedeutet das oft, mit Verlust zu verkaufen – oder schwierige Entscheidungen treffen zu müssen.

Warum „günstig“ ein Problem sein kann

Gleichzeitig beobachtet die Züchterin, dass viele Käufer mit sehr konkreten Erwartungen suchen: jung, gesund, gut ausgebildet – und möglichst preiswert. Eine Kombination, die aus ihrer Sicht kaum realistisch ist. Denn ein Pferd, das gut aufgezogen wurde, Zeit, Futter, Ausbildung und Betreuung bekommen hat, kann nicht gleichzeitig ein Schnäppchen sein.

Trotzdem sieht sie auch die andere Seite: den Freizeitbereich, in dem viele Menschen schlicht nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, höhere Preise zu zahlen. „Wir können und wollen auf diese Reiter nicht verzichten. Sie sind ein wichtiger Teil des Marktes“, sagt sie. Die Herausforderung liegt also nicht darin, günstige Pferde grundsätzlich abzulehnen – sondern darin, ein Gleichgewicht zu finden, das sowohl Käufern als auch Züchtern gerecht wird.

Anette Ganter mit Fohlen auf der Weide.

Genügend Auslauf ist in der Fohlenaufzucht ein Muss. (© Anette Ganter)

Niedrige Kosten fürs Pferd = Niedrige Haltungsbedingungen?

Interessant ist dabei: Ein hoher Kaufpreis bedeutet für Ganter nicht automatisch ein besseres Leben für das Pferd. „Ein Pferd braucht keine goldenen Kugeln an der Box. Entscheidend sind Bewegung, gutes Futter, passende Ausbildung und ein Mensch, der sich kümmert.“ Ob ein Pferd gut gehalten wird, hängt also nicht vom Preis ab, sondern eben im wahrsten Sinne des Wortes von der „Haltung“. Auch eben auch im übertragenen Sinne. Denn auch ein günstigeres Pferd kann ein sehr gutes Leben führen, wenn seine Bedürfnisse erfüllt werden.

Der Preis entscheidet also nicht über das Wohl des Pferdes – wohl aber darüber, ob die Voraussetzungen für eine verantwortungsvolle Zucht überhaupt geschaffen werden können.

Verantwortung beginnt vor dem Pferdeverkauf

Am Ende zeigt sich: Der Pferdemarkt ist komplexer, als er auf den ersten Blick wirkt. Zwischen Emotionen, wirtschaftlichen Zwängen und individuellen Erwartungen entstehen Spannungen, die sich nicht einfach auflösen lassen. Für Anette Ganter liegt die Zukunft vor allem in einem bewussteren Umgang mit Zucht und Kaufentscheidungen. „Züchten heißt nicht vermehren, sondern gezielt anpaaren und selektieren. Qualität muss vor Quantität stehen.“

Und genau darin schließt sich der Kreis: Wer ein Pferd kauft, entscheidet nicht nur über den eigenen Traum – sondern auch darüber, welche Form von Zucht, Ausbildung und Umgang mit Pferden langfristig bestehen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert