Reiter küsst Pferd © Stefan Lafrentz

Der Weg zu einer Weltmeisterschaft beginnt nicht erst mit der Nominierung, erst recht nicht bei der Eröffnungsfeier. Er beginnt Jahre früher, irgendwo zwischen Turnierplanung und Tierarzttermin, zwischen Hufschmied und Futterkammer.

Die Reit-WM in Aachen ist in vollen Gange. Pferde und Reiter müssen jetzt auf den Punkt fit sein. Es werden Medaillen vergeben, Wünsche erfüllt und manche Hoffnungen enttäuscht werden. Aachen kann das. Wer einmal dort war, versteht schnell, warum die Soers für viele Reiter mehr ist als nur ein Turniergelände. Hier wurden Karrieren geschrieben – und sicherlich sind auch schon Träume geplatzt. Sichtbar wird davon meist erst der Moment auf dem Turnier. Was man nicht sieht, sind die Monate davor.

Die wichtigsten Fakten zur Reit-WM in Aachen

Ort: Aachen (Nordrhein-Westfalen)

Zeitraum: 11. bis 23. August 2026

  • Springen
  • Dressur
  • Para-Dressur
  • Vielseitigkeit
  • Voltigieren
  • Vierspännerfahren

Nationen: Rund 70 Nationen.

Pferde: Mehr als 500 Pferde gehen in Aachen an den Start.

Besucherinnen und Besucher: Bis zu 500.000 Menschen werden über die gesamte Veranstaltungsdauer erwartet.

Reichweite: Übertragungen in zahlreiche Länder weltweit machen die WM zu einem der größten Pferdesportereignisse des Jahres.

Heim-WM: 20 Jahre nach den Weltreiterspielen 2006 kehrt eine Weltmeisterschaft im Pferdesport nach Aachen zurück.

Titel: In sechs Disziplinen werden Einzel- und Mannschaftsmedaillen vergeben.

Warum das Pferd im Mittelpunkt steht

Der Weg zu einer Weltmeisterschaft beginnt nicht erst mit der Nominierung, erst recht nicht bei der Eröffnungsfeier. Er beginnt Jahre früher, irgendwo zwischen Turnierplanung und Tierarzttermin, zwischen Hufschmied und Futterkammer. Lange bevor das erste Pferd die Soers betritt, werden Entscheidungen getroffen, die später über Start oder Nichtstart, über Erfolg oder Niederlage entscheiden. „Niederlage“ gehört hier in Anführungsstriche, „Erfolg“ übrigens auch. Manche Entscheidungen im Vorfeld fallen leicht, andere weniger. Es geht um Training, Haltung und Management. Um Rückschläge, Verletzungen, Zweifel. Um Turniere, die gut laufen, und solche, die man lieber schnell wieder vergisst.

Von außen wirkt Spitzensport oft glamourös. Wer genauer hinschaut, entdeckt etwas anderes. Frühe Morgenstunden. Lange Fahrten. Tierarzttermine. Trainingspläne. Die permanente Frage, ob man gerade das Richtige tut. Und mittendrin steht immer das Pferd, ohne das wir diesen Sport schlichtweg nicht ausführen könnten. Das Pferd, unser Partner, der Höchstleistungen bringen soll, ohne erklären zu können, wie es ihm geht. Der weder von Medaillen noch von Weltmeisterschaften träumt. Der keine Interviews gibt und keine Pressekonferenzen besucht und auch keine Turnierkalender studiert.

Was macht die Reit-WM Aachen so besonders?

Denn während ein Läufer selbst entscheiden kann, ob er heute trainiert oder pausiert, ob er ein Risiko eingeht oder lieber verzichtet, müssen diese Entscheidungen im Pferdesport für ein anderes Lebewesen getroffen werden. Das macht Spitzensport mit Pferden kompliziert und irgendwie unbequem. Die Diskussion darüber begleitet den Reitsport seit Jahren. Wie viel Reisen ist vertretbar? Wie viel Training? Wie viele Turniere? Wo endet notwendige Vorbereitung, und wo beginnt Überforderung? Einfache Antworten gibt es nicht.

Wer mit den Athleten spricht, bekommt selten dieselbe Antwort. Und doch fällt auf, dass sich viele Gedanken immer wieder um dieselben Themen drehen: Regeneration. Routine. Vertrauen. Belastungssteuerung. Die Fähigkeit, auf kleine Signale zu achten. Und der Mut, Pläne auch einmal über Bord zu werfen. Denn nicht jeder Weg endet in Aachen. Und nicht jede Entscheidung wird an Medaillen gemessen. Deshalb haben wir im Vorhinein der WM bewusst nicht nach Medaillen gefragt, nicht nach Prognosen, Favoriten oder Podestplätzen. Uns hat interessiert, was davor passiert.

So läuft die Vorbereitung ab

Wie bereitet man ein Pferd auf den wichtigsten Start der Saison vor? Wer entscheidet eigentlich, wann genug trainiert wurde? Was passiert, wenn ein Pferd nicht fit ist? Und wie sehen die Menschen, die jeden Tag mit diesen Pferden arbeiten, ihre Verantwortung?

Dafür haben wir mit Reitern und Athleten aus unterschiedlichen Disziplinen gesprochen. Mit den Dressurreitern Frederic Wandres und Raphael Netz, Paradressurreiterin Regine Mispelkamp, den Voltigierern Philine Lindhorst und Cjell Richert sowie Kathrin Meyer. Überraschend ähnlich waren viele Antworten. Sie handeln von Regeneration, Routine und Vertrauen. Von Menschen, die Verantwortung übernehmen müssen. Und von Pferdeinteressierten.

Wer schafft es zur Reit-WM Aachen?

Die Wege nach Aachen könnten unterschiedlicher kaum sein. Während Frederic Wandres gemeinsam mit seinem Olympiapferd Bluetooth OLD und seinem Verlobten Lars Ligus seit Monaten auf das große Ziel hinarbeitet, jongliert Regine Mispelkamp die Bedürfnisse gleich zweier völlig unterschiedlicher Championatspferde. Philine Lindhorst und Cjell Richert vertrauen kurz vor ihrem ersten Weltchampionat auf die Routinen, die sie und Chagall über Jahre entwickelt haben. Wir haben auch Einzelvoltigiererin Kathrin Meyer gefragt, die auf ihrem besten Freund Capitain Claus OLD ein allerletztes Mal bei einem Championat durch die Lüfte wirbeln möchte.

Und dann gibt es jene Geschichten, die zeigen, dass sich selbst die beste Planung nicht erzwingen lässt: Ingrid Klimke hatte ihren Traum von einer zweiten Heim-WM bereits vor Augen, bevor eine Verletzung ihres Pferdes Vayron alle Pläne durchkreuzte. Andere wie Raphael Netz hoffen dagegen bis zuletzt auf ihre Chance und müssen ihre Pferde in Form halten, ohne zu wissen, ob sie am Ende tatsächlich nach Aachen fahren werden. Am Ende wurde es für Raphi ein Happy End! Gerade in dieser Vielfalt zeigt sich auch, was wir bei Hooforia unter #doitride verstehen. Nicht jeder Weg führt zur Medaille. Nicht jeder Weg führt überhaupt nach Aachen. Ausschlaggebend ist vielmehr, wie die Entscheidungen auf diesem Weg getroffen werden.

Raphael Netz und Camelot

Wer ist hier der Star? Raphael Netz und eines seiner Erfolgspferde, Camelot. Der Dressurreiter hofft auf ein Ticket für die Weltmeisterschaft. Sein Plan bis dahin: „Mich möglichst gut um die Pferde zu kümmern.“ (© Stefan Lafrentz)

Ein Blick hinter die Kulissen

Die Weltmeisterschaften ermöglichen uns einen Blick durchs Schlüsselloch auf den Pferdesport. Für einige Tage blickt die Öffentlichkeit auf die Besten der Besten. Umso wichtiger erscheint uns die Frage, was hinter diesen Bildern steckt. Denn über den Pferdesport wird derzeit viel gesprochen. Über seine Zukunft und Akzeptanz, und besonders oft fällt das Schlagwort Verantwortung.

Wir glauben, dass diese Diskussion nicht erst beginnt, wenn etwas schiefläuft. Sie beginnt viel früher: Im Alltag, im täglichen Training und bei den Entscheidungen, die niemand auf der Tribüne sieht. Wer sich durch alle Gespräche dieser Geschichte arbeitet, stößt immer wieder auf dieselbe Erkenntnis: Vier Wochen vor einer Weltmeisterschaft versucht niemand mehr, aus einem guten Pferd ein besseres Pferd zu machen. Die Arbeit ist im besten Fall längst gemacht.

Spitzenreiter trainieren plötzlich weniger

Wer noch nie ein Championatspferd vorbereitet hat, stellt sich die letzten Wochen vor einer Weltmeisterschaft vermutlich anders vor. Mehr Training. Mehr Intensität. Noch ein letzter Feinschliff. Die Realität klingt deutlich unspektakulärer. Bei Frederic Wandres beginnt der Weg nach Aachen nicht vier Wochen vor der Reit-WM. Nicht einmal vier Monate vorher. Eher rund um den Jahreswechsel, wenn sich alle zusammensetzen, die für Bluetooth OLD wirklich eine Rolle spielen:

Wandres selbst, sein Lebensgefährte Lars Ligus, das Team, die Bundestrainerin. Dann geht es um Turniere, Trainingsblöcke, Hufschmiedtermine, Tierarztchecks, Reisen, Pausen und all die Dinge, die später niemand sieht, die aber darüber entscheiden, ob ein Pferd im entscheidenden Moment überhaupt dort stehen kann, wo alle es haben möchten.

Reit-WM Aachen: Gold gewinnt man im Winter

Frühe Planung, so genau wie möglich, aber mit eben diesen ganzen möglichen Variablen ist – vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes – Gold wert.
– Frederic Wandres

Vor Olympia in Paris habe diese genaue Planung sehr gut funktioniert, seitdem werde vieles ähnlich weitergeführt. Nicht starr, aber mit Gerüst. Ein Plan, der angepasst werden kann, wenn das Pferd, das Wetter, die Form oder der Kalender es verlangen. Bluetooth OLD ist 16 Jahre alt, ein fertiges Grand-Prix-Pferd, erfahren, souverän, mit allem vertraut, was auf einem Championat gefragt ist. Genau deshalb wird nicht mehr jedes Wochenende irgendwo ein Viereck angesteuert.

Frederic Wandres und sein Partner Lars Ligus beim Reiten

Im Team erfolgreich: Frederic Wandres und sein Partner Lars Ligus managen die Haltung und die Versorgung der Pferde gemeinsam und können sich immer aufeinander verlassen. (© Stefan Lafrentz)

Weniger Training bringt manchmal mehr Erfolg

„Unsere Philosophie ist, dass man es mit den guten Championatspferden auf keinen Fall übertreiben sollte“, sagt Wandres. „Wir sind kein Freund davon, bei zehn internationalen CDIs im Jahr am Start zu sein und noch mal und noch mal und noch mal.“ Stattdessen wird gezielt ausgewählt. Nach einem Turnier darf Bluetooth herunterfahren. Dann werden die Dressuraufgaben auch mal vergessen, wie Wandres erzählt.

Es geht auf die Rennbahn, ins Gelände, um den Hof herum, raus aus der reinen Lektionenwelt. Nicht jedes gute Pferd muss ständig zeigen, dass es eins ist. Kurz vor einem großen Turnier wird das Training deshalb nicht plötzlich neu erfunden. Wandres plant zwei, drei Tage im Voraus, schaut dabei auf das Wetter, die Tagesform und ihr Gefühl. Bei großer Hitze wird nicht nachmittags bei 35 Grad Celsius trainiert, sondern vormittags in der Halle, angepasst, pragmatisch, ohne Drama.

Warum Erfolg Teamarbeit ist

„Es ist wichtig, dass das Pferd dann auf den Punkt voller Kraft ist und Lust hat, zum Turnier zu fahren“, sagt Frederic Wandres. Zu dieser Vorbereitung gehört auch der Futtereimer. Nach einem Turnier wird die Fütterung heruntergefahren; steigt die Leistungskurve wieder an, wird die Fütterung behutsam angepasst. Wandres entscheidet selbst, was Bluetooth bekommt. Auch das ist eine Form von Nähe: wissen, was gestern war, was morgen ansteht, ob es heiß wird, ob Elektrolyte nötig sind und ob das Pferd gerade mehr braucht oder weniger.

Und dann ist da noch sein Partner Lars Ligus. Ohne ihn, das wird in Frederic Wandres’ Erzählung klar, wäre die ganze Championatsvorbereitung eine andere. „Es ist nicht eine Partnerschaft von uns beiden, sondern es ist eher ein Dreigestirn: wir beide und Bluetooth.“ Lars kenne das Pferd in- und auswendig, berichtet Wandres, er sei im Training dabei, betreue Bluetooth auf Turnieren fast rund um die Uhr und treffe im Stall Entscheidungen, während Wandres Presse, Sponsoren oder andere Verpflichtungen wahrnimmt.

Lars Ligus mit Bluetooth

Immer dabei während der Turnierveranstaltungen und zu Hause: Lars Ligus kennt die Pferde in- und auswendig und trifft viele Entscheidung für seinen Partner Frederic Wandres. (© Privat)

Die Arbeit, die niemand sieht: Reit-WM Aachen

Jetzt grasen, später noch mal Schritt. Fliegendecke ja oder nein? Wetterwechsel. Dünne Decke. Keine Decke? „All diese kleinen Entscheidungen, die Außenstehende kaum wahrnehmen, laufen im Hintergrund ständig mit. Ich kann bei diesen Themen Lars blind vertrauen. Das nimmt einfach unheimlich viel Druck raus“, zeigt sich der Dressurreiter dankbar.

So wird aus dem viel zitierten „Auf den Punkt vorbereiten“ plötzlich etwas sehr Konkretes. Es ist kein einzelner Trainingsplan, kein letzter Feinschliff, keine magische Einheit kurz vor Aachen. Es ist ein Geflecht aus Erfahrung, Planung, Beobachtung und Menschen, die das Pferd gut genug kennen, um rechtzeitig zu merken, wenn etwas nicht passt. Die große Bühne kommt spät. Die eigentliche Arbeit beginnt lange vorher.

Die unsichtbaren Weltmeister

Wer über Championate spricht, spricht meist über Reiter. Wer mit Championatsreitern spricht, hört dagegen ständig andere Namen:

  • Hufschmiede
  • Tierärzte
  • Physiotherapeuten
  • Grooms
  • Stallmitarbeiter
  • Partner und Familien

Ohne sie würde kein Pferd in Aachen an den Start gehen.

Das Pferd gibt immer den Takt vor

Regine Mispelkamp weiß das nur zu gut. Sie gehört zu den erfolgreichsten deutschen Paradressurreiterinnen der vergangenen Jahre und ebenso zum Kreis der WM-Kandidaten für Aachen. Die Pferdewirtschaftsmeisterin und Diplomtrainerin war ursprünglich im Springsport zu Hause, bevor eine Multiple-Sklerose-Erkrankung ihren Weg veränderte und sie in den Parasport führte. Dort gewann sie Paralympics- und EM-Medaillen und zählt heute mit Highlander Delight’s und Pramwaldhof’s Bayala OLD gleich zwei Pferde im Stall, die auf Championatsniveau erfolgreich, aber beide vollkommen unterschiedlich sind.

Während das eine Pferd mit wenig Aufwand in Form bleibt, braucht das andere deutlich mehr Arbeit. Manche Pferde gehen vor dem Training auf die Wiese, andere danach. Manche profitieren von zusätzlicher Bewegung in der Führmaschine, andere benötigen vor allem Ruhe. Die Frage bleibt jeden Tag dieselbe: Was braucht dieses Pferd heute? Eine einfache Frage. Die Antwort darauf beschäftigt Mispelkamp allerdings beinahe täglich.

Regine Mispelkamp umarmt ihr Pferd

Das einzelne Pferd im Fokus: Para-Dressurreiterin Regine Mispelkamp fragt sich täglich: Was braucht dieses Pferd heute? Was für das eine Pferd genau das Richtige ist, passt für das andere gar nicht. Sie versucht, ihre beiden Erfolgspferde individuell fit zu halten. (© Theresa Schepp)

Erfolgreich sein bei der Reit-WM in Aachen

Bayala geht vor dem Reiten in die Führmaschine und danach auf die Wiese. Bei Lights läuft es genau andersherum. Die Stute beobachtet jede Bewegung auf dem Hof. Der Wallach braucht mehr gymnastische Arbeit. Was für das eine Pferd funktioniert, kann beim anderen genau falsch sein. Diese Individualität zieht sich durch die gesamte Saisonplanung. Welche Turniere werden geritten? Welches Pferd fühlt sich wo wohl? Welche Belastung ist sinnvoll? Und wann wird es vielleicht zu viel?

Dabei beginnt die Vorbereitung lange vor dem ersten Qualifikationsturnier. Schon im Winter stehen Leistungsdiagnostiken auf dem Programm. Pferde und Reiter werden sportmedizinisch untersucht, Herzfrequenzen gemessen, Blutwerte kontrolliert, Bewegungsabläufe analysiert. Am Ende entsteht ein individueller Fahrplan für die Saison.

Zwischen Planung und Zufall

Hinzu kommen Kaderlehrgänge, Doping-Regularien, Standortmeldungen und die organisatorischen Herausforderungen des Turnieralltags. „Ich glaube, in dieser Hinsicht machen sich viele Leute gar keine Vorstellung, was genau alles dahintersteckt“, sagt Mispelkamp. Besonders deutlich wird das bei Reisen. Nicht jede Turnierplanung richtet sich nach sportlichen Vorlieben. Manchmal geht es schlicht darum, welche Qualifikation erreichbar ist und welche nicht. Stadl-Paura in Österreich etwa hätte für Mispelkamp fast 1.200 Kilometer Anreise bedeutet. Während zu Hause ihre Mitarbeiterin Nicole den Betrieb am Laufen hält. „Planung ist wichtig, aber immer mit vielen Variablen. Das ist die Kunst.“

Je näher Aachen rückt, desto weniger wird experimentiert. Das Training läuft weitgehend normal weiter, die Pferde bekommen ihre gewohnten Wellnessprogramme, Physiotherapie und tierärztliche Betreuung. Auch die Beschlagtermine sind langfristig abgestimmt. Zwei Wochen vor einem Championat werden die Pferde nicht mehr neu beschlagen. Für den Notfall reisen sogar die alten Eisen mit. Und wenn es draußen über 30 Grad hat? Dann wird auch einmal ein Turnier gestrichen. „Wir müssen nichts provozieren.“ Für Mispelkamp beginnt genau hier gutes Pferdemanagement: nicht beim Kalender, sondern beim Pferd.

Wenn eine Verletzung alles verändert

Bis hierhin erzählen die Gespräche von Planung, Routinen, der Idee, möglichst viele Faktoren unter Kontrolle zu bringen. Doch selbst die beste Vorbereitung kennt eine Grenze. Denn manchmal entscheidet am Ende nicht die Formkurve, sondern das Pferd und die Gesundheit. Niemand weiß das derzeit besser als Ingrid Klimke. Die Reitmeisterin hatte gute Chancen – 20 Jahre nach ihrem Mannschafts-WM-Titel in Aachen in der Vielseitigkeit –, erneut bei einem Heim-Championat an den Start zu gehen.

Mit ihrem Dressurpartner Vayron gehörte sie zum erweiterten Kreis der Kandidaten für das deutsche Team. Nach starken Ergebnissen im Frühjahr schien der Weg Richtung Aachen offen. Dann verletzte sich der 15-jährige Wallach in der Vorbereitung auf die entscheidende Phase der Saison. Als zudem klar wurde, dass Vayron auch für wichtige Sichtungsturniere nicht rechtzeitig wieder fit werden würde, platzte der wundervolle Traum von einem WM-Start vor heimischem Publikum.

Der Traum von der Reit-WM in Aachen platzt

„Klar war ein Start in Aachen mein Traum, und er hätte eine unglaublich große Bedeutung gehabt“, gesteht Ingrid Klimke im Gespräch. „Nach all der Arbeit, den gemeinsamen Erfolgen und der Vorfreude ist mir diese Entscheidung natürlich besonders schwergefallen.“ Dieser Satz lässt keinen Zweifel daran, wie groß die Enttäuschung sein muss. Aber:

Trotzdem steht für uns das Wohl des Pferdes immer an erster Stelle. Vayron geht es den Umständen entsprechend gut. Seine vollständige Genesung hat für mich oberste Priorität und wir werden ihm dafür all die Zeit geben, die er braucht.
– Ingrid Klimke

Ingrid Klimke auf Vayrons

Leider wegen gesundheitlicher Probleme Vayrons bei den Weltmeisterschaften nicht dabei: Ingrid Klimke. (© Stefan Lafrentz)

Jetzt wird es ernst

Nicht jeder Weg nach Aachen endet jedoch vorzeitig. Für andere beginnt nun die heiße Phase der Vorbereitung. Die Vielseitigkeitsreiter müssen an der Ausdauer arbeiten. Schließlich wartet in Aachen ein Geländeritt von mehr als zehn Minuten Dauer. Die Longlist steht, die Trainingspläne auch. Und Bundestrainer Peter Thomsen sagte zu Saisonbeginn im Interview mit Pferdesport Deutschland: „Natürlich wollen wir erfolgreich sein, aber der Erfolg steht nicht über allem. Entscheidend ist, dass wir der Welt zeigen, wie schön unser Sport sein kann.“

Als hätte er es gewusst, orakelte er dann aber: „Es kann immer etwas passieren, sei es ein kleines gesundheitliches Problem oder andere Dinge.“ Wie recht er damit hatte: Nur, dass davon nicht primär sein Kader, sondern in erster Linie er selbst betroffen war: Ein schwerer Reitunfall setzt ihn derzeit außer Gefecht. Und auch die Liste der potenziellen WM-Reiter hat sich deutlicher verkürzt, als im Vorfeld erhofft.

Reit-WM: Die Favoriten für Aachen

Neben den Olympiasiegern Michael Jung (mit Chipmunk) und Julia Krajewski (mit Nickel) wurde auch Malin Hansen-Hotopp für die WM nominiert. Die Team-Goldmedaillistin von der Europameisterschaft in Blenheim im vergangenen Jahr und frisch gekürte Deutsche Vizemeisterin ist von Kindesbeinen an im Vielseitigkeitssport unterwegs und agiert entsprechend cool, fokussiert und äußerst pragmatisch.

Sie ist ganz einfach „nordisch by nature“, genau wie ihr vierbeiniger Sportpartner, der 14-jährige sprunggewaltige Holsteiner Carlitos Quidditch K. Alle fünf Tage wird galoppiert für die Kondition, und es wird natürlich auch Dressur geübt: „Es gibt eine extra WM-Aufgabe, die wir alle in Aachen das erste Mal reiten. Die bekommt im Training jetzt noch den letzten Feinschliff.“

Routine schlägt Risiko

Je näher ein Championat rückt, desto weniger wird experimentiert. Alle befragten Athleten betonen, wie wichtig Routinen in den letzten Wochen vor einem Saisonhöhepunkt sind.

Lieber grasen als glänzen?

Malin Hansen-Hotopp gehört seit Jahren zur deutschen Vielseitigkeitsspitze. Die Team-Europameisterin von Blenheim 2025 und Deutsche Vizemeisterin reist mit ihrem Holsteiner Carlitos Quidditch K als aussichtsreiche Kandidatin Richtung Aachen. Der 14-jährige Schimmel begleitet die studierte Landwirtin bereits seit vielen Jahren. Eigentlich sollte Hansen-Hotopp ihn einst nur anreiten und weiterverkaufen. Stattdessen entwickelte sich aus dem talentierten Holsteiner eines der erfolgreichsten deutschen Vielseitigkeitspferde.

Hansen-Hotopp, die sich selbst als ehrgeizig beschreibt, hat bereits viele Schicksalsschläge weggesteckt und sogar eine lebensbedrohliche Krankheit überwunden. Deshalb stehen „das echte, alltägliche Leben“, Gesundheit und Familie für die Mutter von drei Söhnen immer im Mittelpunkt. „Der sportliche Erfolg ist sicherlich toll, und ich gebe mein Bestes, um im entscheidenden Moment Höchstleistung zu bringen, aber es gibt mit dem Blick aufs Große und Ganze tatsächlich Wichtigeres.“ Was sie sich für die Reit-WM in Aachen wünscht? „Dass es genug Platz zum ausgiebigen Grasen gibt, denn der Rasen in Aachen ist knapp.“ Gras statt Gold? Wer die Reiterin kennt, weiß: Sie hätte vermutlich gegen beides nichts einzuwenden.

Malin Hansen-Hotopp und ihr Carlitos Quidditch

Haben gute Karten, für die WM in der Vielseitigkeit nominiert zu werden: Malin Hansen-Hotopp und ihr Carlitos Quidditch. Was sich die beiden am meisten für die WM wünschen? „Genug Platz zum Grasen.“ (© Stefan Lafrentz)

Wer darf in Aachen bei der Reit-WM starten?

Nicht jeder WM-Kandidat weiß wenige Wochen vor dem Championat bereits, ob er tatsächlich dabei sein wird. Raphael Netz beispielsweise gehört zu jenen Reitern, die sich bis zuletzt Hoffnungen machen dürfen – und gleichzeitig mit der Unsicherheit leben müssen, dass am Ende vielleicht doch kein Platz im deutschen Team auf sie wartet. Dabei mangelt es nicht an Qualität. Mit Great Escape Camelot und DSP Dieudonné verfügt der 27-Jährige gleich über zwei Pferde auf höchstem Niveau. Doch gerade in der Dressur ist die Konkurrenz groß, die Zahl der Plätze begrenzt. Für Netz bedeutet das vor allem eines: Ruhe bewahren.

„Das Einzige, was ich tun und beeinflussen kann, ist, mich gut um mein Pferd zu kümmern im allgemeinen Management. Und wenn ich auf ihm sitze beim Training und beim Turnier, fokussiert zu sein und genau in dem Moment zu sein, in dem ich gerade bin.“ Im Mittelpunkt stehen derzeit Gymnastik, Durchlässigkeit und Motivation. „An den Lektionen zu arbeiten steht tatsächlich nicht an erster Stelle“, sagt er. Auf dem Niveau von Camelot und Dieudonné gehe es nicht mehr darum, etwas völlig Neues zu erlernen, sondern vorhandene Qualität zu erhalten und an kleinen Feinheiten zu arbeiten.

Dabei gilt für ihn ein Grundsatz, der fast wie ein Gegenentwurf zum oft vermuteten Leistungsdruck wirkt: „Die Pferde wissen ja nicht, was in unserem Turnierkalender steht. Sie haben keine Ahnung, was wir da planen. Und sie haben ihren Urlaub absolut verdient.“ Nach Turnieren wird deshalb bewusst pausiert. Und: „Es wird alles hinterfragt, was man macht, und immer wieder auch gut ins Pferd reingehört“, sagt Netz. Ob dieser Weg am Ende tatsächlich nach Aachen führt, wusste er zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht. Am Ende wartete auf ihn jedoch eine Heim-WM vor Freunden, Familie und einem begeisterungsfähigen Publikum.

Voltigieren bei der Reit-WM in Aachen

Philine Lindhorst und Cjell Richert aus Hamburg gehören seit Jahren zur internationalen Spitze im Pas de Deux, jener Voltigierdisziplin, in der zwei Athleten gemeinsam auf dem galoppierenden Pferd turnen. Für die Weltmeisterschaften in Aachen wurden die beiden gemeinsam mit ihrem 16-jährigen Wallach Chagall nominiert – einem Pferd, das längst ebenso zum Team gehört wie die beiden Sportler selbst.

Wer mit den beiden spricht, merkt schnell, dass sich ihr Weg nach Aachen von vielen klassischen Sportlergeschichten unterscheidet. Natürlich geht es um Training, Leistung und Vorbereitung. Gleichzeitig dreht sich viel um Vertrauen. Vertrauen in die Menschen um sie herum, in das eigene System. Und Vertrauen in ein Pferd, das inzwischen seit vielen Jahren Teil der Familie ist. Chagall kennt die Abläufe. Das Team kennt Chagall. Und genau deshalb wird wenige Wochen vor der Weltmeisterschaft nichts grundlegend verändert.

Philine Lindhorst und Cjell Richert mit Chagall Worldcup

Mit Konsistenz in die Vorbereitung: Die Voltigierer Philine Lindhorst und Cjell Richert arbeiten vor allem an sich selbst. (© Stefan Lafrentz)

Warum eingespielte Abläufe Gold wert sind

„Das Running System zu ändern würde eher Unsicherheit schaffen“, sagen die beiden. Während viele Außenstehende vermuten würden, dass vor einem Championat noch einmal intensiv nachgeschärft wird, setzt das Hamburger Team auf Kontinuität. Chagall absolviert weiterhin seine drei Voltigiereinheiten pro Woche, wird geritten, bewegt und verbringt viele Stunden mit seiner Herde auf der Weide. Das habe sich bewährt und sei einer der Gründe, warum der inzwischen 16-jährige Wallach so konstant leistungsbereit sei.

Auch beim Futter gibt es keine Experimente. „Wenn wir merken, dass ihm etwas fehlt, bekommt er vielleicht noch mal einen Zusatz, aber seine Ernährung ist immer sehr ausgewogen“, erklären Philine und Cjell. Lediglich vor längeren Transporten erhält Chagall inzwischen etwas Magnesium zur Muskelentspannung. Wobei die beiden lachend einräumen, dass ihr Sportpartner durchaus eigene Vorlieben hat: „Am liebsten frisst er Hafer.“ Und, ergänzt Cjell sofort: „Chagall ist absolut abhängig von Klee.“

Jetzt wird das Training intensiver

Verändert hat sich dagegen das Training der Athleten. Während Chagalls Alltag weitgehend gleich bleibt, werden für Philine und Cjell die Wochen vor Aachen noch einmal intensiver. Zusätzliche Einheiten auf dem Movie, Krafttraining, Ausdauerarbeit und die enge Abstimmung mit Bundestrainer Kai Vorberg gehören dazu. Gerade ihm schreiben beide einen wichtigen Anteil an ihrer Entwicklung zu. „Er ist so unfassbar positiv – immer“, sagen sie. „Selbst wenn man etwas verpatzt, gibt es keine Klatsche, sondern er baut uns auf.“

Trotzdem sehen sie die größte Gefahr nicht darin, zu wenig zu machen, sondern zu viel. „Wir gehen an die Grenzen, aber nicht, ohne auf den Körper zu hören“, sagt Cjell. Das gelte für die Athleten ebenso wie für das Pferd. Wer den richtigen Zeitpunkt verpasst, an dem der sprichwörtliche Luftballon optimal gefüllt ist, riskiert, dass genau dann die Luft ausgeht, wenn sie eigentlich gebraucht wird. Für Chagall bedeutet das: Weide, Training, vertraute Menschen und möglichst wenig Aufregung. Für Philine und Cjell dagegen beginnt langsam die Vorfreude. „Wir sind so happy, dass wir dabei sind“, verraten sie. „Alles, was jetzt kommt, ist on top.“

Der letzte große Auftritt

Während die beiden jungen Voltigierer Philine Lindhorst und Cjell Richert in Aachen ihr erstes Weltchampionat erleben werden, steht für eine andere deutsche Voltigiererin bereits fest, dass es ihr letztes sein wird. Kathrin Meyer hat in ihrem Sport fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Weltmeistertitel, Europameistertitel und drei Weltcup-Siege in Folge. Wenn sie im August in Aachen einläuft, wird sie dennoch nicht nur um Medaillen voltigieren. Es wird zugleich der Abschied von einer außergewöhnlichen Karriere.

An ihrer Seite steht dabei Capitain Claus OLD. Oder einfach Kappi, wie sie ihn nennt. Seit vielen Jahren begleitet der inzwischen 17-jährige Wallach die Hamburgerin auf ihrem sportlichen Weg. Nicht immer als erste Wahl. Immer wieder sprang er ein, wenn andere Pläne nicht funktionierten. Inzwischen sind beide wieder ein festes Team. „Er gibt mir bei diesem Schritt zum Abschluss ganz viel Sicherheit“, erzählt Meyer.

So wichtig ist das Training für die Reit-WM in Aachen

Dass Spitzensport nicht zwangsläufig mehr Training bedeutet, zeigt auch ihr Blick auf die letzten Wochen vor Aachen. „Wir trainieren pro Woche nur 20 Minuten gemeinsam“, berichtet Meyer. Zwar absolviere Capitain Claus mehrere Voltigiereinheiten, ein großer Teil besteht jedoch aus Aufwärmen, Schrittpausen und ergänzender Arbeit. Hinzu kommen Dressureinheiten, Ausritte und Bodenarbeit. Die eigentliche Belastung liegt vor allem bei der Athletin selbst. Techniktraining, Krafttraining, Physiotherapie, Modern Dance, Ballett und Einheiten auf dem Movie summieren sich auf rund 15 bis 20 Trainingsstunden pro Woche.

Kurz vor der WM geht es dennoch nicht darum, alles auf den Kopf zu stellen. „Wir haben bereits im vergangenen Jahr neue, komplexe Übungen eingebaut. In den letzten Wochen geht es vor allem um den Feinschliff“, sagt Kathrin Meyer. Die Vorfreude auf Aachen ist dabei übrigens größer als die Nervosität. „Am meisten freue ich mich auf das Heimpublikum und darauf, dass so viele Freunde und Familienmitglieder vor Ort dabei sein werden“, sagt Kathrin Meyer. Ein letztes Championat. Ein letztes Mal mit Kappi. Und noch einmal die Chance, gemeinsam in den Zirkel einzulaufen.

Was am Ende wirklich zählt

Bald werden also die Weltmeisterinnen und Weltmeister gekürt. Die Gespräche für diese Geschichte zeigen vor allem eines: Die Vorbereitung auf ein Championat beginnt lange vor der ersten Prüfung – und sie endet nicht mit einer Nominierung. Sie besteht aus unzähligen Entscheidungen, die oft niemand sieht. Entscheidungen für ein Pferd, das keine Medaillen gewinnen will, sondern sich auf die Menschen verlassen können muss.

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