Mit Top Dating startete Kim-Pia Mündelein bei den dreijährigen Reitponyhengsten. Die organisatorischen Änderungen, zum Beispiel in Bezug auf die Gebäudebeurteilung und das Pflichttraining hat sie selbst als Reiterin miterlebt.
Eins ist klar: Es wird rege diskutiert in der Reitsportwelt. Wir ziehen eine Bilanz mit Züchter Frederik Vekens und Kim-Pia Mündelein, die nicht nur schon als Fremdreiterin in Warendorf dabei war, sondern auch regelmäßig Reitponys vorstellt. Zwei Dauergäste, die sich einig sind: Die Bundeschampionate 2026 waren kein Erfolg auf ganzer Linie.
Die Reformen der Bundeschampionate 2026
Als Pilotprojekt hatte der Verband Pferdesport Deutschland für die Al Shira’aa Bundeschampionate 2026 umfassende Reformen beschlossen. Dabei sollte das Pferdewohl noch konsequenter in den Mittelpunkt rücken. Das erklärte Hauptziel war es, die Vorstellung junger Nachwuchspferde altersgerechter und schonender zu gestalten und den Prüfungsdruck im Viereck zu reduzieren.
Am letzten Tag blickten wir zum Beispiel beim Finale der vierjährigen Reitponyhengste in eher enttäuschte Gesichter. „In diesem Jahr hat mir der besondere Zauber gefehlt“, sagt eine Zuschauerin, die selbst auch züchtet. „Viele Hengste konnten ihr Potential gar nicht zeigen. Ich habe erwartet, dass sich wirklich etwas ändert, wenn doch so viel von Pferdewohl gesprochen wird. Warum werden dann Youngster am Finaltag alleine in das große Viereck geschickt?“
Die Perspektive aus dem Sattel: Praxis-Check mit Kim-Pia Mündelein
Dem sind wir auf den Grund gegangen und haben Kim-Pia Mündelein mehrere Tage auf dem Bundeschampionat begleitet. Sie hat sich für uns sowohl vorab, als auch im Nachgang mit den Neuerungen auseinandergesetzt. Da sie in diesem Jahr selbst zwei Reitponys (Drei- und Vierjährige) vorgestellt hat, war sie mitten im Geschehen und hat alle Änderungen miterlebt.
„Ich weiß nicht, wie das abläuft, wer die Ideen hat und wer das plant. Aber ich denke, es wäre schon interessant, einfach mal zehn Reiter mit in diesen Stuhlkreis zu nehmen, sie nach ihrer Meinung zu fragen und gemeinsam ein Konzept auszuarbeiten. Die Reiter stehen jedes Jahr auf dem Viereck, bekommen die Abläufe mit, sind bei ihren Pferden oder Ponys und können am besten sagen: Das geht und das geht nicht.“
– Kim-Pia Mündelein –

Als zweites Reitpony stellte Kim-Pia Mündelein den Wallach Wischhoffs Goldtaler bei den Vierährigen vor. Und verpasste nur um 0,02 Wertnotenpunkte die Finalprüfung. Die Ausbilderin ist auf dem Bundeschampionat keine Unbekannte und war auch schon Fremdreiterin. (© Mandy Hollmann)
Schwierige Kulisse: Belastungstest für Reitponyhengste
Auch auf Züchterseite gibt es klare Worte von Frederik Vekens, der die neuen Regeln deutlich hinterfragt. Gemeinsam mit seiner Frau Jill Mieleszko-Vekens betreibt er eine Reitpony-Hengststation in Paderborn. Besonders das Finale der vierjährigen Reitponyhengste am Sonntag in Warendorf sorgte für Aufregung. Auch noch im Nachgang.
- Zum einen mussten die Hengste am Finaltag in einer Dressurponyprüfung der Klasse A alleine ins Viereck.
- Und dann spielte auch das Wetter nicht mit.
Es war extrem windig, der Platz wurde zum regelrechten Hexenkessel, mit wehenden Zelten, pfeifenden Geräuschen und einer nicht gerade einladenden Atmosphäre für die Reitponyhengste. Eigentlich ist das Bundeschampionat die Visitenkarte und das weltweite Schaufenster der deutschen Pferdezucht. Doch Frederik Vekens zieht eine klare Bilanz:
„Das Pilotprojekt 2026 war leider nicht die erhoffte Zeitenwende, die uns in eine neue Epoche des Bundeschampionats katapultiert. Nein, unsere Prämienmarke Bundeschampionat der Drei- und Vierjährigen wurde bürokratisiert. Die Freude, die Begeisterung, das Feuer und die ganze Euphorie, die unsere Pferde und Ponys für Züchter, Reiter, Besitzer und Zuschauer versprühen, sind raus. Man fühlt es nicht mehr.“
Die Kommentierungen dieser besonderen Ponys und Pferde seien so gewesen, als seien solche Talente das Normalste der Welt. „Die Bahnhofsdurchsagen bei uns in Paderborn erzeugen bei mir im Vergleich dazu eine Gänsehaut“, sagte Frederik Vekens.

„Man fühlt es nicht mehr“, bilanziert Frederik Vekens. Der Züchter beklagt eine Bürokratisierung der Prüfungen. (© privat)
Das Finale der Vierjährigen: „In die Hose gegangen“
Besonders die Umstellung des Finales der vierjährigen Reitponys auf eine einzeln gerittene Dressurpferdeprüfung der Klasse A wurde im Nachhinein zu einem Hauptkritikpunkt. Was von Verbandsseite als ruhigerer Rahmen gedacht war, habe das Ziel in der Praxis verfehlt, meint Pony-Ausbilderin Kim-Pia Mündelein. Sie bringt die Erfahrung aus dem Sattel auf den Punkt:
„Man muss der Realität ins Auge sehen: Das ist in die Hose gegangen. Diese jungen Pferde einzeln in das Viereck zu schicken, macht für mich keinen Sinn. Die Pferde sind teilweise überfordert gewesen. Sie kennen das nicht. Sie kommen von Reitpferdeprüfungen, sind in der Abteilung geritten, viel im Leichttraben und alles ein bisschen lockerer als in einer Dressurpferde A. Dort sind die Anforderungen bereits höher, von Punkt zu Punkt, im Aussitzen und dann noch alleine.“
Bilder der Bundeschampionate 2026, die wir eigentlich nicht sehen wollen
Frederik Vekens, der bei den vierjährigen Reitponyhengsten eine überragende Qualität sah, bestätigt diesen Eindruck vollkommen. Für die Hengste sei es unter diesen Bedingungen schwer gewesen, ihr volles Potenzial zu zeigen: „Bei den vierjährigen Reitponyhengsten war das Finale leider genauso, wie es viele ‚Ponyleute‘ im Vorfeld befürchtet haben: Die Einzelaufgabe war viel zu schwer. Die Ponys waren mit der Situation überfordert, und die oft zitierten ‚Bilder, die wir nicht sehen wollen‘ haben wir dadurch erst entstehen lassen“, sagt der Züchter.

Schwierige Bedingungen im Viereck: Durch das stürmische Wetter und die organisatorischen Änderungen lagen die Finalnoten weit unter dem eigentlichen Potenzial des Ponyhengstes Komet. (© Gesina Grömping / Equitaris)
Umbau mit negativen Konsequenzen auf dem Abreiteplatz
Selbst bauliche Veränderungen sorgten für Unruhe. Das Entfernen der Tribüne zwischen Abreite- und Hauptplatz sollte für mehr Transparenz sorgen, habe den jungen Pferden jedoch eine schützende Wand genommen.
„Die Tribüne hat immer ein bisschen Sicherheit gegeben. Jetzt war alles sehr offen und sehr laut auf dem Abreiteplatz. Die Distanz zum Viereck ist einfach zu groß, als dass die Sicht auf die anderen Pferde den Youngstern Sicherheit gibt. Die Tribüne sollte für mich wieder dort stehen, um ein entspannteres Abreiten zu gewährleisten.“
– Kim-Pia Mündelein –
Bundeschampionate 2026: Tierschutzpreis trotz Finalpech
Der vierjährige Westfalen-Hengst New Planet RB und seine Reiterin Jana Greune erlebten ein Wochenende mit extremen Kontrasten. Wie viel Potenzial in dem jungen Reitponyhengst steckt, zeigte sich in der Qualifikation am Freitag, die das Paar mit einem starken Platz beendete.
Im Finale am Sonntag sorgten die äußeren Umstände jedoch für eine schwierige Ausgangslage. Als letzte Starter in der Prüfung traf das Paar auf heftige Windböen. Die Kombination aus dem stürmischen Wetter und der Kulisse verunsicherte den jungen Hengst im großen Viereck zusehends, sodass die Wertnoten nicht sein eigentliches Können sowie seine Grundqualität widerspiegelten.
Wie vorbildlich Jana Greune auf diese Situation reagierte, fiel der Jury bereits auf dem Abreiteplatz ins Auge. Für ihren besonnenen, fairen und pferdegerechten Umgang mit dem New Planet RB wurde sie im Anschluss an das Finale mit dem renommierten BMLEH-Tierschutzpreis ausgezeichnet.

Ein starkes Team trotz stürmischer Zeiten: Jana Greune und New Planet RB erhalten den BMLEH-Tierschutzpreis in Warendorf. (© Gesina Grömping / Equitaris)
Das Verwirrspiel um die Gebäudebeurteilung
Auch organisatorische Detailanpassungen stießen auf Unverständnis. Der ursprüngliche Plan des Verbandes war, dass die Gebäudebeurteilung an der Hand und das Absatteln im Viereck komplett gestrichen werden.
Nach starker Kritik aus der Szene gab es im Mai 2026 einen Kompromiss: Die Beurteilung an der Hand entfiel im eigentlichen Prüfungsablauf auf dem Viereck, wurde aber auf den Vortag verlegt beziehungsweise als eigenes, vorgeschaltetes Modul ausgegliedert. Genau das ist der Punkt, den Kim-Pia Mündelein und Frederik Vekens im Interview kritisierten.
„Gebäudenote am Vortag – das macht für mich einfach überhaupt keinen Sinn. Ich habe noch kein Pferd erlebt, das nach der Prüfung an der Hand überfordert war, sich nochmal in die Mitte zu stellen. Die Pferde fühlen sich an der Hand deutlich sicherer und wohler, als wenn der Reiter da auf der Mittellinie stehen bleiben muss und dann bewertet wird. Für mich gehört die Gebäudenote zurück ins Viereck.“
– Kim-Pia Mündelein –
Außerdem wurde die bisher reine Note für den Gesamteindruck/Körperbau neu zusammengesetzt. Die fünfte Note fasste nun die Körperqualität mit der Harmonie der Vorstellung zusammen. Für Kim-Pia Mündelein ist auch das nicht nötig. Die reine Exterieurbewertung an der Hand wurde organisatorisch abgekoppelt am Vortag vergeben.
Die Reitpferde und Reitponys betraten daher immer bereits mit einer Gebäudenote im Gepäck das Viereck. Zur Bewertung mussten sie demnach mit Reiterin oder Reiter auf die Mittellinie – unter dem Sattel.
Bundeschampionate 2026: „Seid froh, dass ihr dabei sein durftet“
Frederik Vekens blickt mit Enttäuschung auf die sterile Abwicklung der dreijährigen Nachwuchspferde, bei der das Gefühl für das Lebewesen verloren gehe:
„Eine Modulreitpferdeprüfung für die Dreijährigen: Erstens eine Gewöhnungsprüfung, Zweitens Gebäudebeurteilung, Drittens Reitpferdeprüfung, Viertens: ab nach Hause – nach dem Motto: Seid froh, dass ihr dabei sein durftet.“
Fremdreitertest gestrichen: Positive Resonanz
Schon länger wurde diskutiert, ob der Fremdreitertest wirklich sinnvoll sei. Bei den Dreijährigen wurde er zuerst abgeschafft und in diesem Jahr gab es erstmal auch bei den vierjährigen Reitponys und Reitpferden keinen Fremdreiter.
In dem zentralen Punkt herrscht breiter Konsens zwischen Verband und Praxis: Das Aus für den traditionellen Fremdreitertest beim Bundeschampionat wird durchweg begrüßt. Die physische und mentale Entlastung für die Youngster auf einer so hochfrequentierten Großveranstaltung ist spürbar. Kim-Pia Mündelein bringt es aus der Sattelperspektive auf den Punkt:
„Es ist absolut richtig, den Fremdreitertest auf dieser Veranstaltung zu streichen. Auch wenn das wirklich interessant war für viele Züchter und Zuschauer, die Pferde nochmal unter einem Fremdreiter zu sehen – ich denke doch, dass diese Zeitersparnis und weniger Belastung den Ponys und Pferden guttut.“
Dennoch plädieren Ausbilder und Züchter für eine klare Trennung zwischen Turniersport und Zuchtbewertung. Während die eingesparte Belastung in Warendorf ein echter Gewinn für das Pferdewohl ist, bleibt der Test unter fremdem Sattel an anderer Stelle unverzichtbar: „Auf Stutenprüfung, Hengstprüfung, finde ich, muss der Fremdreitertest zwingend erhalten bleiben“, betont Kim-Pia Mündelein.

Kim-Pia Mündelein mit Top Casanova NRW auf dem Bundeschampionat 2024. Die beiden belegten Platz drei in der Qualifikation und wurden im Finale der 4 jährigen Stuten und Wallache mit dem vierten Platz belohnt. (© privat)
Zurück in die Zukunft?
Wie geht es weiter mit den Bundeschampionaten? Eins scheint klar zu sein: Nach der Resonanz und den Diskussionen, die auch online in den sozialen Medien geführt werden, sollte alles noch einmal gründlich überdacht und reflektiert werden.
- Wann sprechen wir von Pferdewohl und was ist dafür notwendig?
- Muss eine Veranstaltung strikt durchgezogen werden, auch wenn es bereits Komplikationen gab?
Reitponys, die nicht alleine ins Viereck wollten, aufkommender Wind, der die Gegebenheiten plötzlich für manche Youngster extrem änderte sowie ein Sturz. Müssen Jungpferde wirklich schon so viel aushalten und alles so cool meistern, als würden sie jeden Tag in einem fremden, großen Viereck und an wehenden Zelten vorbeitraben?
Das Fazit nach den Warendorfer Turniertagen fällt eindeutig aus: Gut gemeinte Reformen ersetzen keine praxisnahe Pferdelogik. Für Frederik Vekens steht fest: „Mein Fazit: Das Bundeschampionat 2025 war besser, weil pferdegerechter als 2026.“ Um das Event für Reiter, Züchter und Zuschauer wieder attraktiv zu machen, fordert er eine klare Kehrtwende:
„Keep it simple und lasst sie wieder strahlen!“