Im Interview mit HOOFORIA: Patrick Kraft ist bei den Bundeschampionaten in Warendorf der Bereichsleiter bei den Reitpferden.
Dreijährige Pferde auf großer Bühne – darüber wird im Pferdesport seit Jahren diskutiert. Wie viel Prüfung, wie viel Atmosphäre und wie viel Belastung sind für ein Pferd in diesem Alter angemessen? Insbesondere, wenn die Bundeschampionate in Warendorf veranstaltet werden, kommt diese Debatte jährlich wieder auf. Für dieses Jahr hat man deshalb an einigen entscheidenden Stellschrauben gedreht, um den gesamten Ablauf der Reitpferdeprüfungen für drei- und vierjährige Pferde und Ponys zu verbessern. „Großes Ziel war, noch bessere Bedingungen zu schaffen für die dreijährigen Pferde in erster Linie, aber auch generell für die vierjährigen Pferde und Ponys“, erklärt Patrick Kraft, Bereichsleiter am Reitpferdeplatz der Bundeschampionate im Interview mit HOOFORIA direkt am Rande des Vierecks.
Jungpferdegipfel: Top-Bedingungen als Ziel
Die Überlegungen dazu begannen bereits im Winter. Bei einem Jungpferdegipfel kamen Vertreter aus Zucht und Sport, Richter, Ausbilder, Trainer sowie Zucht- und Sportverbände zusammen. Kraft benennt dabei auch ausdrücklich den Druck von außen:
„Gerade weil die Öffentlichkeit immer wieder das Reiten dreijähriger Pferde und Ponys kritisiert, war es auch Ziel zu zeigen: Wir können Top-Bedingungen schaffen.“
Nur noch eine Prüfung für die Dreijährigen
Die wohl deutlichste Änderung betrifft die dreijährigen Reitpferde und Ponys. Bislang absolvierten sie bei den Bundeschampionaten eine Einlaufprüfung und anschließend das Finale. Damit ist in 2026 Schluss. Der Bundeschampion wird nun in nur noch einer gerittenen Prüfung ermittelt. Das soll nicht nur einen Prüfungsstart sparen, sondern vor allem die gesamte Belastung rund um den Aufenthalt in Warendorf reduzieren: weniger Tage vor Ort, weniger Nächte in fremder Umgebung und weniger Zeit auf dem Prüfungsplatz. Ganz ohne Vorbereitung auf die besondere Kulisse müssen die jungen Pferde trotzdem nicht in die Prüfung.
In Ruhe ankommen in Warendorf
Neu ist die sogenannte Pflichtgewöhnung. Am Tag vor ihrer Prüfung dürfen die Dreijährigen in Dreiergruppen für 15 Minuten auf den Platz. Keine Noten. Keine Richter. Kein Prüfungsergebnis. Die Pferde sollen schlicht Zeit bekommen, sich umzusehen. „Sie können die Atmosphäre kennenlernen, sich akklimatisieren und die Umgebung kennenlernen“, erklärt Kraft. Wie diese 15 Minuten genutzt werden, entscheiden die Reiter selbst. Ein Pferd kann bereits etwas gearbeitet werden, ein anderes ausschließlich Schritt gehen. Gerade dieser Punkt unterscheidet die Gewöhnung deutlich von einer weiteren Prüfung: „Es soll nichts gezeigt werden müssen“, erklärt der Bereichsleiter das Konzept. Stewards begleiten die Reiter zwar auf Vorbereitungs- und Prüfungsplatz, aber es werde als gemeinsames Projekt verstanden.
Auch die Gebäudebeurteilung wird entzerrt
Noch am selben Tag findet für die Dreijährigen die Gebäudebeurteilung statt – allerdings nicht mehr direkt im Anschluss an die gerittene Prüfung. Und: Sie wurde in die Springhalle verlegt. Dort gibt es einen kleinen Vorbereitungsbereich zum Schrittführen und einen separaten Bereich, in dem das Pferd der Richtergruppe vorgestellt wird. Auch das ist bewusst so gewählt, aus Tierwohlgründen, wie Kraft betont.
Damit verteilt sich das Programm der Dreijährigen nun also auf zwei Tage: Am ersten Tag stehen Pflichtgewöhnung und Gebäudebeurteilung an, am zweiten folgt die einzige gerittene Prüfung – und damit bereits das Finale. Danach können die Pferde wieder nach Hause.
BuCha: Nur zehn Minuten im Viereck
Zusätzlich ist die gerittene Prüfung selbst kürzer geworden. Die Dreijährigen absolvieren eine verkürzte Reitpferdeprüfung ohne „Tritte verlängern“. Die eigentliche Aufgabe dauert laut Kraft rund fünf bis sechs Minuten, hinzu kommt eine kurze Phase zur Akklimatisierung. Insgesamt seien die Pferde damit ungefähr zehn Minuten in dem Viereck. Früher seien das inklusive Prüfung, Absatteln und anschließender Gebäudebeurteilung deutlich längere Abläufe gewesen. „Die Verweildauer in der aufregenden Situation ist deutlich verkürzt“, fasst Kraft den entscheidenden Vorteil zusammen. Und selbst der Zeitplan der Bundeschampionate wurde daran angepasst: Die Finals der Dreijährigen liegen früher, damit Pferde nach ihrer Prüfung nicht unnötig weitere Zeit auf dem Gelände verbringen müssen.
Neue Noten – und Harmonie wird zum Kriterium
Verändert wurde außerdem das, was Richter bewerten. Das ist zwar nach wie vor Schritt, Trab und Galopp. Hinzu kommt die altersgemäße Erfüllung der Kriterien der Ausbildungsskala – vereinfacht gesagt also die Frage, ob das Pferd seinem Alter entsprechend geritten und vorgestellt wird. Dazu kommt neben der Funktionalität des Gebäudes jetzt auch die Harmonie der Vorstellung. Damit soll nicht nur betrachtet werden, wie sich ein junges Pferd bewegt – sondern auch, wie es präsentiert wird.
Vierjährige: Der Fremdreiter ist Geschichte
Auch für die Vierjährigen gibt es eine entscheidende Änderung. Sie absolvieren zwar weiterhin zwei Prüfungen, die Gebäudebeurteilung findet jedoch ebenfalls bereits am Tag vor der Einlaufprüfung in ruhigerer Atmosphäre statt. Und der größere Schnitt erfolgt im Finale: Der Fremdreitertest entfällt. Bislang bedeutete der für die jungen Pferde nach der eigentlichen Reitpferdeprüfung einen Reiterwechsel – mit Absitzen, neuem Aufsitzen und zusätzlicher Belastung mit fremdem Reiter mitten in der Turnieratmosphäre. Hinzu kam die Dauer. Finalprüfungen hätten teilweise bis zu 40 Minuten gedauert. Anstelle des Fremdreitertests absolvieren die Vierjährigen nun im Finale eine Dressurpferdeprüfung der Klasse A. Kraft spricht offen darüber, warum man sich davon verabschiedet hat:
„So ein Reiterwechsel in dieser Atmosphäre hier in diesem Stadion war schon auch Stress für die Tiere.“
Weg vom forcierten Tempo
Dahinter steckt noch ein weiterer Gedanke, der über die reine Verkürzung der Prüfung hinausgeht. Immer wieder steht gerade bei Reitpferdeprüfungen das teilweise hohe, forcierte Grundtempo in der Kritik. Auch diesen Punkt greift Kraft auf. Die Dressurpferde-A-Aufgabe ermögliche überlegtere Linien, erste Übergänge und am Ende eine Parade zum Halten. Das Ziel: eine Vorstellung, die weniger auf spektakuläre Bewegungen und mehr auf eine altersgerechte Ausbildung ausgerichtet ist. Kraft formuliert es so:
„Die Pferde sollen einfach etwas sachlicher und etwas schonender auf ihre Aufgaben vorbereitet werden.“
Ein Pilotprojekt für die Bundeschampionate
„Wir haben ein ganz großes Paket an Veränderungen“, fasst Kraft zusammen, „mit dem ganz großen Ziel des Tierwohls und des Erhalts dieser tollen Prüfung Reitpferdeprüfung am Bundeschampionat.“ Bei den bislang schon absolvierten Prüfungen habe man genau die Bilder gesehen, die man sich von dem neuen Konzept erhofft hatte. „Auch die jungen dreijährigen Hengste waren sehr, sehr entspannt.“
Ob sich das neue Konzept dauerhaft bewährt, wird sich zeigen. Doch Warendorf macht damit zumindest einen deutlich sichtbaren Schritt: Die Kritik am Umgang mit sehr jungen Pferden wird nicht nur diskutiert – sie hat auch zu Veränderungen geführt.