Pferd im Wasser © Christiane Slawik

Was sehen wir, wenn wir in die Augen unseres Pferdes schauen? Das Pferd oder uns selbst?

Pferdetrainerin Moirin Ferlemann kennt die Gedanken gut, die in den Köpfen vieler Pferdebesitzer kreisen, wenn das eigene Pferd sein Desinteresse zeigt. Wenn es gar nicht oder nur zögerlich zu uns kommt, wenn wir es ansprechen oder wenn es vielleicht den Kopf aus dem Halfter zieht oder sich womöglich nicht einfangen lässt.

Es sind uralte Fragen, die uns schon länger begleiten, als das eigene Pferd im Stall steht. Fast wie das Kinderspiel von früher, das stille Abzählen von Zuneigung an den Blütenblättern eines Gänseblümchens: Er liebt mich, er liebt mich nicht. Nur fallen hier keine Blütenblätter.

Es geht diesmal nicht um einen zweibeinigen Love-Interest, sondern um das Pferd. Mag mein Pferd mich? Was will es mir sagen? „Rechnen“ und „Bewerten“ – das passiert in vielen Mensch-Pferd-Beziehungen. Wichtig: Das Pferd zählt dabei gar nicht mit. Moirin Ferlemann klärt auf – über das Pferd als Bühne, als Projektionsfläche, als Leinwand für Sehnsüchte.

Trainerin Moirin Ferlemann


Unter dem Namen „Peaceful Horsetraining“ begleitet Moirin Ferlemann Pferde und Menschen mit einem beziehungsorientierten, traumabewussten Ansatz, der auf echte Verbindung setzt. (© Moirin Ferlemann)

Ein Pferd und kein Spiegel

„Es kann durchaus sein, dass Pferde auf uns reagieren und dass wir durch den Kontakt mit ihnen etwas über uns selbst erfahren“, sagt Ferlemann. Der Gedanke vom Spiegel ist also nicht ganz falsch. Pferde spüren fein, was um sie herum geschieht. Aber: Spüren ist nicht Antworten. Und eine Antwort ist keine Botschaft. Irgendwo dazwischen, unbemerkt, kann es uns passieren, dass wir das Pferd verwandeln. Aus einem Tier mit eigenem Kopf, eigenen Ideen, eigenem Biorhythmus werden auf einmal Zeichen, die wir deuten. Unbemerkt projizieren wir unsere Gedanken und Gefühle in sein Verhalten hinein.

Viel wichtiger als die Frage, was mein Pferd mir mit seinem Verhalten zeigen möchte, ist die Frage: Was passiert in mir, wenn ich meinem Pferd begegne?

Der Mensch mag keine Lücken. Und er mag erst recht keine Unsicherheit. Also füllt er sie – mit dem, was er selbst gerade in sich trägt: eine alte Angst, eine Erfahrung, eine Erwartung, ein Glaubenssatz aus lange vergangenen Tagen. „Wenn sich das Pferd abwendet, denken wir vielleicht, dass unser Pferd keine Lust auf uns hat, uns nicht vertraut oder uns ablehnt“, sagt Ferlemann. „Doch manchmal hat diese Wahrnehmung viel mehr mit unseren eigenen Erfahrungen zu tun als mit dem Pferd selbst.“ Obendrauf geben wir dem Pferd ein Etikett: stur, verschlossen, ängstlich, zurückgezogen, eigensinnig.

Wenn wir unsere eigenen Bilder und Geschichten über das Pferd nicht hinterfragen, kann es passieren, dass wir das Pferd in diesem Bild festhalten.

 

Bevor ein Verhalten einen Namen bekommt und das Pferd einen Stempel, lohnt sich ein kurzer Halt:

  • Sehe ich gerade mein Pferd – oder mich selbst in ihm?
  • Wie viel Stabilität hat dieses Tier gerade, in diesem einen Moment?
  • Zeigt es dieses Verhalten auch bei anderen Menschen – oder nur bei mir?

„Die kleinen Momentaufnahmen oder ein falsch interpretiertes Verhalten werden sonst schnell zu einer Wahrheit, die das Pferd mitunter für den Rest seines Lebens mit sich herumtragen muss“, warnt Ferlemann.

Pferd und Mensch

Spiegel, Therapeut, Seelenpartner: Wir laden unseren Pferden oft unbewusst einiges auf. (© Christiane Slawik)

Der Therapeut auf vier Hufen?

„Das Pferd hat keine Lust, etwas mit dem Menschen zu machen.“ Diesen Satz hört die Trainerin Moirin Ferlemann oft. Und begegnet ihm mit wachsender Skepsis. Denn oft geht ein Pferd einfach – weil es gerade in dem Moment Abstand braucht. Nicht, weil es etwas über den Menschen aussagen möchte.

„Wie sehr das Pferd auf den Menschen reagiert, hängt auch davon ab, wie viel Kapazität es in dem Moment hat, in der Beziehung zu sein. Und wie viel innere Stabilität und Autonomie.“

Natürlich gibt es auch die anderen Momente: einen wütenden Menschen, ein angespanntes Pferd. Ein Mensch ohne Energie, ein Pferd ohne Schwung. Absicht aber steckt darin nie, sagt Ferlemann:

Pferde reagieren nicht auf menschliches Verhalten, um dem Menschen irgendetwas klarzumachen, ihm etwas zu zeigen und der Spiegel zu sein. Pferde sind nicht die Therapeuten des Menschen.

Was Pferde leisten, ist etwas anderes – kein gewählter Auftrag, sondern schlicht die Folge ihrer Natur. Sie tragen selten so viel unverheilte Geschichte mit sich wie wir, und deshalb fällt ihnen die Beziehung oft leichter. „Pferde aber auf die Rolle als Therapeut zu reduzieren“, sagt Ferlemann, „finde ich nicht richtig.“

Pferd entspannt

Manchmal möchte Pferd, eben einfach nur Pferd sein. (© Christiane Slawik)

Vom Kopf in den Bauch

Wir wollen die Welt ordnen – und genau darin liegt die Falle. Wer im Pferd einen Spiegel sucht und sich ständig erklärt, warum das Pferd dies oder jenes tut, und das auf sich bezieht, bleibt im Kopf. Und verpasst dabei sein Bauchgefühl. Dabei ist es hilfreicher, den Fokus auf die eigene Wahrnehmung als auf die Interpretation zu lenken.

Ferlemann hat Vorschläge:

  • Wie verändert sich mein Atem, wenn das Pferd vor mir steht?
  • Welches innere Bild nehme ich wahr?
  • Welche alten Gedanken gehen mir durch den Kopf?

„Gefühle sind dafür da, gefühlt zu werden“, sagt sie. „Wenn ich durch das Pferd meine eigenen Themen wahrnehmen möchte, sind diese Fragen ein guter Ausgangspunkt. Wenn es im Kontakt mit meinem Pferd aber ständig darum geht, zu erkennen, was das Pferd mir sagen möchte und wie ich mich am besten verhalten sollte, dann ist die Beziehung nicht mehr frei. Dann wird das Pferd in die Rolle eines Heilers geschoben.“

Trainerin Moirin Ferlemann

Moirin Ferlemann ist mit ihren beiden Pferden nach Frankreich ausgewandert, wo eine Reise zu ihr selbst begann. Durch die Somatic-Experiencing-Ausbildung konnte sie einen tieferen Zugang zu sich und ihren Pferden finden. (© Moirin Ferlemann)

Pferde: Spiegel und Projektion – Wie wir uns befreien

Wie also begegnen wir uns auf Augenhöhe, Pferd und Mensch – ohne Projektionen, aber mit einem Bewusstsein dafür, das eigene Verhalten zu hinterfragen? Ohne dass die Frage selbst so viel Raum einnimmt, dass der Kontakt nicht mehr frei ist?

Laut Ferlemann reicht manchmal ein einziger Satz, dem eigenen Pferd gegenüber, laut gesagt oder nur gedacht:

Ich weiß gerade nicht, was du mir sagen möchtest und ob du mir überhaupt etwas sagen möchtest – und das ist ok.

Die Erleichterung: Nicht jede Wahrheit muss ans Licht. „Wer wen spiegelt, wie viel Projektion und wie viel Wahrheit eine Situation offenbart, ist gar nicht so wichtig“, sagt Ferlemann. Wichtiger sind unsere Gefühle und Gedanken selbst – und das, was sie in uns auslösen, wenn wir mit unseren Pferden zusammen sind. Wer weniger einordnen will, lebt leichter. Und verbunden.

Am Ende zählt für Ferlemann vor allem eine Haltung: Verantwortung. „Ich für meine Themen, das Pferd für seine Themen“, sagt sie. Zwei Leben, ein gemeinsamer Weg – und trotzdem geht ihn jeder für sich. „Wir können das Leben teilen“, sagt Ferlemann, „und trotzdem sind wir zwei Wesen. Das Pferd ist nicht dafür da, mein Spiegel in dieser Welt zu sein.“

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